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rezensiert von Thomas Harbach
Mit „Der Moloch“ legt der Herausgeber Helmut W. Mommers seine insgesamt vierte „Visionen“ vor. Im Vorwort versucht er, die Einstellung der Reihe zu erläutern. Der Schritt von der immerhin sechshundert verkaufte Exemplare umfassenden Erstauflage in die nächste Dimension aus dem Kleinverlag heraus sei nicht geglückt. Andere Magazine wie „Space View“ hat seine Kurzgeschichtenseiten wieder eingestellt, die einzigen Alternative wären die einwandfrei in einem fannischen Gewand erscheinende EDFC Edition betreut von dem ebenfalls hier vertretenen Frank W. Haubold und das Magazin „Nova“, das sich aber wahrscheinlich auch keiner größeren Auflage erfreut. Dazu kommen noch insgesamt acht Kurzgeschichten jährlich im „Phantastisch“ Magazin und vereinzelte Veröffentlichungen in Anthologien. Es gibt dann aber noch eine Reihe von Kleinverlagen, die Helmut W. Mommers nicht erwähnt. Diese konzentrierten sich in erster Linie und vorbildlich auf Amateurschriftsteller und auf den Nachwuchs. Und die fünfhundert verkauften Exemplare sind dem ehrgeizigen Herausgeber für sein mit Schweiß und Geld betriebenes Projekt zu wenig. Eine überzeugende Begründung liefert Mommers wirklich nicht. Er ist wahrscheinlich viel zu optimistisch an sein Projekt herangetreten. So vergleicht er seine Anthologien aus den sechziger Jahren, in denen er internationale „Rosinen“ picken konnte mit dem Konzept der Visionen. Das passt in zweifacher Hinsicht nicht: erstens sind viele der hier versammelten Arbeiten Auftragsarbeiten nach Einladung durch den Herausgeber und zweitens bis auf zwei Geschichten, welche den Willy Voltz Award bzw. den „What If“ Kurzgeschichtenwettbewerb gewonnen haben, geht es ihm um aktuelle, also in dem entsprechenden Vorjahr entstandene Kurzgeschichten. Es gibt sicherlich sehr viele herausragende deutsche Kurzgeschichten, die einer Wiederentdeckung harren. Im Anhang finden sich die aus seiner persönlichen Sicht besten Kurzgeschichten des Jahres und wenn man die insgesamt zwölf Geschichten (!) der dritten Mommers Anthologie abzieht, bleiben nur noch wenige Texte übrig, die man in einer Art „Jahresrückblick“ auch hätte nachdrucken können. So konnte er schon von seinem Konzept her niemals „Rosinen“ picken. Und in wie weit Helmuth W. Mommers wirklich bei
Profis wie Franke oder Erler, bei seit Jahren guten Autoren wie Hammerschmitt oder Iwoleit wirklich mit Rat und Tat zur Seite gestanden hat, soll hier als Frage in den Raum gestellt werden. Helmuth Mommers spricht davon, dass die von ihm versammelten namhaften deutschen SF Autoren ein größeres Publikum verdient haben, unbestritten, da es aber keine Alternativen gibt, nimmt er den Autoren auch noch ihre bescheidende Bühne. Erinnert ein wenig an den Theaterdirektor, der Kunst sich nur in einem ausverkauften Haus vorstellen kann. Im Grunde stößt der Herausgeber auch noch die treuen Fans vor den Kopf, die auch die Käuferbasis für viele der längeren Arbeiten der hier vertretenen Autoren sind. Man sollte sich die Verkaufszahlen eines Marcus Hammerschmidt oder eines Michael Iwoleits mal ansehen, dann wird der aufmerksame Betrachter feststellen, dass zwischen den verkauften Zahlen der Anthologien und den in kleineren Verlagen erschienenen Romanen kein großer Unterschied herrscht. Das Fazit seines Vorworts ist relativ einfach, der Markt ist an der Einstellung der „Visionen“ schuld, es konnten nicht ausreichend Leser mobilisiert werden. Oder fehlten dem Herausgeber und vielleicht seinem Verlag, der insbesondere bei der dritten Anthologie fast gar nicht mehr die Werbetrommel gerührt hat, einfach die Vision und das Durchhaltevermögen? Vielleicht hatte Helmut W. Mommers auch die Nase voll, sein hart erarbeitetes Geld für eine Vision aus dem Fenster zu werfen? Das kann man ihm nicht verdenken, das kann der Leser auch verstehen, es sollte aber nur offen ausgesprochen werden. In den USA erschienen im Jahre 2006 mehr Anthologien als jemals zuvor, die Kurve geht wieder nach oben. Aber der Prozess hat mehr als zehn Jahre gedauert, bis sich für die Kurzgeschichte wieder ein Markt gefunden hat. Darum ist die Einstellung der „Visionen“ nach vier Bänden ein wenig zu schnell und Helmuth W. Mommers sollte es sich noch einmal überlegen, nicht doch im bewährten Format weitere Bände zu veröffentlichen. Um es noch einmal deutlich zu sagen, viele der hier versammelten Autoren haben keine Alternativen, um ihre Geschichte zu veröffentlichen. Solche Texte werden dann wahrscheinlich auch nicht mehr geschrieben und von einer kleinen, aber hartnäckigen Fangemeinde gelesen.
Thorsten Küper „Modus Die“ ist eine von vier längeren Geschichten, die aufgrund ihrer Struktur und Handlungsführung zur Novelle gezählt werden sollten. Sie ist stilistisch ausdruckstechnisch flapsig modern, provokativ, für den Cyberpunk typisch geschrieben worden. Das heißt die richtigen futuristischen Begriffe an den richtigen Stellen eingesetzt. Ihre Intention ist allerdings einwandfrei eine der unzähligen Dick- Variationen wie bei Thorsten Küper fast ausschließlich im Cyberpunkmantel.
. Dieses Mal auf einer Spielebene, aber weder durch die unsympathischen Figuren noch durch die geradlinige Handlung kann Küper wirklich den Leser fesseln. Zu oft bleibt bei ihm das Gefühl, alles schon einmal gelesen zu haben. Von einem Plagiat zu sprechen, treffe den Tenor der Kritik nicht, aber die Geschichte wirkt nicht sonderlich innovativ oder originell. Sie scheint aus den verschiedensten Versatzstücken zu bestehen, die zumindest eine flott zu lesende Handlung ergeben. Dabei lässt sich nicht der Finger auf die Originale legen. Das spricht zumindest für den Text. In eine ähnliche Kategorie lässt sich auch Desiree und Frank Hoeses „Hyperbreed“ einordnen. Die zwei eng miteinander verbundenen Handlungsebenen lassen sich sehr stringent lesen, ihr Zusammenhang über den handelnden Protagonisten hinaus – auf der einen Ebene scheinbar in einer experimentellen Extremsituation gefangen - lässt sich nicht sofort ablesen. Ist allerdings die Pointe ersichtlich, verliert die Geschichte schnell ihren Reiz und lädt vor allem nicht zu einer zweiten Lektüre ein. Wie alle Arbeiten der Sammlung eine handwerklich solide Arbeit, in welche die beiden Autoren eine interessante Ausgangsposition impliziert haben, deren Auflösung vorhersehbar ist. Wer sich bei Science Fiction Fernsehserien auskennt, wird die Prämisse dank CGI Tricktechnik schon mehrmals in anderen Variationen vor Augen gehabt haben.
Eine weitere Story dieses Subgenres ist Sascha Dickels „Bio- Nostalgie“. Der Text liest sich relativ gut, inhaltlich durchzieht ihn wie einige andere Geschichten die Vision einer evolutionär sehr stark verändern Menschheit, deren Zukunft im Internet und den Speicherchips ist, die sich wieder auf ihre Wurzeln besinnt. So faszinierend diese Vision auch ist, lässt sie den Autoren aber auch wenig Spielraum, neben einem neuartigen, innovativen Hintergrund auch überraschende Plots zu entwickeln. Durch den distanzierten formalen Aufbau fehlt der Geschichte in ihrem Kern das Herz, das für eine klassische Liebesgeschichte notwendig ist.
Mit „Infogeddon“ hat Christian von Aster den „What if“ Kurzgeschichtenwettbewerb des Bayerischen Rundfunks und dem Magazin für Computertechnik gewonnen. Er zeigt die Manipulationskraft der Medien, die schließlich zu einer Deus Ex Machina wird, die ihre Nachrichten und Schlagzeilen selbst erschafft anstatt sie nur noch zu berichten. Die Geschichte ist kraftvoll geschrieben, die Konfrontation zwischen einer perfekten Mediengesellschaft und den Außenseitern bricht zumindest für einen Augenblick an ihrem schwächsten Glied- dem Menschen. Dieses Schlüsselmoment wirkt im Gesamtkontext ein wenig zu kitschig, zu unglaubwürdig, aber insbesondere in Bezug auf den einfallsreichen Plot und Christian von Asters ironisch- satirischen Stil, der den Charakteren aber noch genügend Luft zum Atem lässt, eine sehr gute Story.
Marcus Hammerschmitt ist inzwischen zum festen Bestandteil der „Visionen“- Anthologien geworden. Mit qualitativ sehr schwankenden Storys. Mit „Die Lokomotive“ legt der Autor seine erste Novelle „Die Lokomotive“ in dieser Reihe vor. Sie spielt in einer bizarren Parallelwelt, in der sich der gelebte Sozialismus bis in den Süden Chiles fortgepflanzt hat. Der Ich- Erzähler lebt seinen Traum. Er hat sich mit falschen Papieren auf eine Ingenieurposition versetzen lassen, für die er nicht die Qualifizierung hat. Kurze Zeit geht das Spiel gut, bis ihm der Regierungsrat den Auftrag gibt, eine kraftvolle neue Lokomotivenart zu konstruieren. Und das in einem halben Jahr. „Die Lokomotive“ ist handlungstechnisch ein interessanter Anachronismus. Die von Fünfjahresplänen und dem gemeinsamen Besitz der Produktionsgüter mit den Nebenausgängen eigne Taschen geformten Regierungen der DDR und Sowjetunion sind untergegangen, zumindest für den Augenblick hat der Kapitalismus gewonnen. Jetzt veröffentlicht Marcus Hammerschmitt eine Geschichte, in der einem Schildbürgerstreich gleich nicht nur die Verwaltung dieser künstlichen Systeme parodiert wird, sondern deren gesamte Struktur. Das Individuum kann schließlich die Barrieren dieser vom Scheuklappendenken beherrschten Strukturen überwinden, seinen im Grunde unmöglichen Auftrag positiv abschließen und im Augenblick des Triumphs unendlich tief fallen. Alles wird von Marcus Hammerschmitt sehr lebhaft beschrieben. Das Problem dieser Novelle liegt in ihrer Thematik. Der Leser verfolgt das Geschehen mit Befremden und einer zu großen Distanz. Es gibt in der Dynamik des Autoren zu wenige wirklich überraschende Szenen, sehr geplant fließt der einfache Handlungsstrom dahin, das Bauen der Lokomotive von den entliehenen Fachbüchern bis zum Unfall auf der Jungfernfahrt ist spannend geschrieben, aber es fehlt der Funke, welcher dem Text das Leben einhaucht. Das der Ich- Erzähler schließlich sowohl als Held und Sündenbock erscheint, ist folgerichtig. Leider ist Marcus Hammerschmitts Figur nicht sonderlich sympathisch und seine Motivation an einigen Stellen eher zufällig. Trotz der angesprochenen Schwächen und der anachronistischen Thematik gelingt es dem Autor trotzdem, die Aufmerksam seiner Leser bei sich zu behalten.
Uwe Posts „edead.com“ hat den William Voltz Award gewonnen. Es ist eine launische Extrapolation einer neo computerisierten Gesellschaft über den Tod hinaus. Der Tonfall der Story ist unterhaltsam ironisch mit einer angenehmen Tendenz zur Satire. Gegen Ende des kurzen Textes geht die Schere auseinander. Uwe Posts Ausgang ist vorhersehbar. Wie in einigen Willy Voltz Geschichten beherrscht Uwe Post in der vorliegenden Story die Fähigkeit, aus einer simplen, alltäglichen Prämisse eine übergedrehte Situationskomödie mit einer durchaus kritisch- bitterbösen Basis zu erschaffen. An moderne Zombie- Filme wie „28 Days“ erinnert Thor Kunkels „Aphromorte“. Aus den Militärarchiven des kalten Krieges ist in der nahen Zukunft ein Virus auf die Menschheit freigelassen worden, dessen Opfer sich in einem emotionalen Wahnsinn sprichwörtlich zu Tode lieben. Der Autor zeigt die Ergebnisse dieser neuen Pest aus den Augen von zwei Männern, die quer durch Europa reisen, um zu einem bestimmten Zeitpunkt in Rotterdam ein Schiff zu erreichen. Durch die Variation des altbekannten Themas wirkt die Geschichte ein wenig origineller und moderner als die unzähligen Zombie- Geschichten. Sie ist geradlinig geschrieben, der Stil angenehm unauffällig. Das der Raum nicht reicht, um den einzelnen Protagonisten individuelle Züge zu geben, steht außer Frage, aber ein wenig mehr Tiefe bei der Charakteren hätte der Geschichte gut getan.
Niklas Peinecks „Imago“ ist dagegen eine von der Idee her höchst originelle Geschichte – die Menschen tarnen sich von einem Tag zum anderen hinter Masken, sie verlieren buchstäblich ihre Gesichter -. Sehr konzentriert auf „Einzelschicksale“ beschreibt er alltägliche Begegnungen, die plötzlich eine gänzlich andere Bedeutung haben. Hinter dieser Veränderung steht aber immer noch der Mensch mit seinen Vorurteilen und seiner Angst vor einer erneuten Veränderung, auch wenn es nur einen Schritt rückwärts darstellen könnte.
Das für Michael Iwoleit die Novelle als literarische Ausdrucksform hätte erschaffen werden müssen, hat der Düsseldorfer durch seine fehlgeschlagene Erweiterung der ausgezeichneten Geschichte „Psyhack“ bewiesen. Mit „Der Moloch“ liegt eine weitere Novelle aus seiner Feder vor. Ursprünglich wahrscheinlich für die Städte der Zukunft Sonderausgabe von „Nova“ vorgesehen gelingt es Iwoleit, über seine Film Noir Cyberpunkintention hinaus eine interessante Prämisse zu entwickeln. Die Slums der Großstädte werden mehr und mehr dank des Franchise und vor allem rücksichtsloser Wissenschaftler zum genetisch- soziologischen Forschungsfeld der Zukunft. Eine solche sittenlose und sich stark zu einer Art degenerierten Lemmingkultur mit sexueller Dauerstimulation entwickelnde Slumsiedlung beschreibt der Autor auf zwei Handlungsebenen – profan geschrieben von innen und außen. Im Vergleich zu „Psyhack“ gelingt es Iwoleit aber so gut wie gar nicht, eine Sympathieebene zwischen den teilweise grotesk und klischeehaft überzeichneten Charakteren und dem Leser herzustellen. Die Ausgangsidee ist fasziniert, auch die Art, wie der Autor seine Leser im wahrsten Sinne des Wortes in die Handlung einführt, gehört zu seinen reifsten und konsequentesten Arbeiten. Gegen Ende der Novelle fehlt Iwoleit allerdings der zündende Funke, um die dämonische Geschichte zur Zufriedenheit oder besser kritischen Unzufriedenheit aller aufzulösen. Eine Novelle, in die man sich allerdings auch nach seinem eher statischen Auftakt hineinarbeiten muss und die es einem nicht einfach macht, sie wirklich zu loben. An einigen Stellen ist sich der Autor anscheinend selbst nicht sicher, ob er insbesondere die Politiker mittels der Satire entlarven möchte oder die Faszination des Grotesken gleichbedeutend der menschlichen Neugierde als Schwäche akzeptiert. Lebt „Psychack“ mehr von dem gut gezeichneten Hauptprotagonisten, konzentriert sich Iwoleit in „Der Moloch“ auf die futuristische Slumstadt, die mehr und mehr einen eigenständigen Charakter gewinnt und abstoßend exotisch beschrieben wird.
Frank W. Haubolds Geschichte „Die Tänzerin“ ist eine klassische Hauboldgeschichte. Stilistisch sehr schön, sehr solide geschrieben, mit der richtigen Mischung aus wehmütiger Melancholie und grenzenlosem Optimismus leidet sie weniger unter den zumindest gut gezeichneten Charakteren als dem nach dem Anschlag vorhersehbaren Plot. Das liegt sicherlich auch an ihrer in Bezug auf die grundsätzliche Idee Ähnlichkeit zu der „Sternentänzer“ Trilogie des Ehepaars Robinson. Dabei soll nicht ausdrücklich impliziert werden, dass Haubold deren Idee adaptiert hat, er nimmt sich sehr viel, im Vergleich zur Länge der Geschichte im Grunde zu viel Zeit, um seine Hauptcharaktere ausführlich vorzustellen und den Leser mit ihnen vertraut werden zu lassen. Das Problem liegt dann allerdings im zweiten Teil der Story, in dem er aus seiner sehr guten Exposition zu wenig Nutzen zieht und der Idee des Tanzes bei geringer Schwerkraft zu wenig Ausdruck verleiht. Das eigentliche Ende des Plots hechelt der Autor auf zu wenigen Seiten durch, auch wenn er im Grunde nur bei der Vorgeschichte und dem Hintergrund eines kapitalistischen Russlands sich wirklich freischwimmt. Den fast kitschig zu nennenden Pathos der Robinson- Trilogie erreicht der Autor mit seiner allerdings gut zu lesenden längeren Geschichte nicht.
Bernhard Schneiders „Methusalem“ ist eine klassische Ideenkurzgeschichte. Ein Mann wird durch ein Experiment fast unsterblich. Es sind weniger die eine Millionen Dollar als Belohnung, sondern die Verlockung, sich aus der Masse herauszuheben. Daran geht natürlich seine Ehe zugrunde und als sein Sohn schließlich bei einem Unglück ums Leben kommt, erhält der Leser eine eindimensionale Kopie von Robert A. Heinleins berühmten „Lazarus Long“. Die Kurzgeschichte ist eine der schwächsten der Sammlung. Die grundlegende Idee ist schon von besseren Autoren durchgespielt worden und stellenweise wird der Text durch die extreme Komprimiertheit der Handlung eher wie ein Expose als die eigentliche Kurzgeschichte. Dem Leser sind als letztes die Protagonisten im Grunde egal, selbst der Autor macht sich nicht die Mühe, ihnen identifizierbare Charaktereigenschaften zu geben und der sich zum – in seinen Augen – Gott entwickelnde Protagonist kann sich nicht vom Leser entfremden, dieser hatte niemals einen Zugang zu dieser Figur.
„Regenbogengrün“ von Heidrun Jänchen ist eine weitere Kurzgeschichte, die von ihrer Ausgangsidee – das Zusammenschließen der leistungsfähigen neuronalen Netze, natürlich menschliche Gehirn zu Gunsten der kommerziellen Nutzung durch einen Konzern, der wenige Jahre vorher im Grunde pleite gewesen ist – an den Leser vor allem durch ihren angenehm zu lesenden Stil und ihre interessante Plotentwicklung fesseln. Wie bei einigen anderen Texten ist das Ende vorhersehbar, aber der Weg dahin gut beschrieben.
Die Reaktivierung Karl Michael Armers ist ein unbestrittenes Verdienst des Herausgeber Helmuth W. Mommers. In seinen bisherigen Texten hat Armer unterstrichen, dass es weder seinen satirischen Humor noch seine politische Ironie verloren hat. Es ist immer wieder erstaunlich gewesen, wie er quasi aus dem Nichts wie ein Schausteller plötzlich begonnen hat, seine Leser nicht nur zu unterhalten, sondern zum Nachdenken zu bewegen. Seine hier vorliegende Kurzgeschichte „Prokops Dämon“ ist allerdings eine seiner schwächeren Arbeiten. Immer noch sehr gut geschrieben, wirken die wehmütigen Selbstgespräche bzw. Dialoge mit seinen Freunden und Verwandten eines nach dem Tod des Körpers in einem speziellen Programm aufbewahrten Geist eher altbacken. Das Erstaunlich ist, dass Armer in seiner Pointe nicht die Energie hat, eine seiner ansonsten so charakteristischen Last Minute Ideen aus dem Hut zu zaubern, sondern auf das offensichtlichste Ende zurückgreift, das man/ Autor sich vorstellen kann. Es ist der selbstironische Stil, welcher die Story als typischen Armer identifiziert, leider nicht der fade Inhalt.
Michael Hutter hat das interessante Titelbild zu den vierten „Visionen“ beigesteuert und wird am Ende des Buches kurz vorgestellt. Zwei weitere seiner Arbeiten sind sehr klein abgedruckt worden. Zieht von von Helmuth Mommers die unter seine Ägide in den „Visionen“ und der Space View bzw. Computerzeitschrift „C´t“ erschienenen Geschichten ab, bleibt fast nur noch Leere. „Der Moloch“ präsentiert wie die ersten Bände ein breites Spektrum deutscher Science Fiction. Durch die Integration von vier novellenlangen Texten geht der Herausgeber mehr auf die Stäken einzelner Autoren ein. Iwoleit und Hammerschmitt können in diesem Medium besser überzeugen und Frank W. Haubold hätte für seine Geschichte sogar noch mehr Platz benötigt. Das Niveau der Geschichten ist zusammengefasst wieder ansprechend, allerdings sind nur sehr wenige wirkliche Höhepunkte – van Aster, Post und Iwoleit – vorhanden. Viele grundlegende Ideen der hier abgedruckten Storys wirken vertraut und bekannt, es sind die Variationen, welche der Reiz der Texte ausmacht. Insgesamt eine weitere solide Zusammenstellung von Geschichten. Das Mommers die Gewinner zweier Wettbewerbe mit abgedruckt hat, erweitert das angebotene Spektrum ungemein. Sollte sich der Herausgeber doch noch entscheiden, die Reihe fortzusetzen, wäre eine „Best off“ Sparte in den „Visionen“ sehr zu empfehlen. So könnten die interessierten Leser auf schon in Magazinen veröffentlichte Texte hingewiesen werden, auf der anderen Seite erweitern die auf Einladung von Helmuth Mommers geschriebenen Arbeiten die Bandbreite der Sammlung um bekannte und routinierte Namen. Helmuth W. Mommers sollte sich ernsthaft fragen, ob vielleicht auch fünfhundert oder sechshundert regelmäßig verkaufte Exemplare seine Mühen Wert sind. Ansonsten bliebe nur noch Frank W. Haubolds „EDFC Jahresanthologie und übrig. Das wäre eindeutig zu wenig.
Helmuth W. Mommers: "Der Moloch und andere Visionen"
Roman, Hardcover, 352 Seiten
Shayol- Verlag 2007
ISBN 3-9261-2674-4
Leserrezensionen
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30.10.07, 07:46 Uhr
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Müder Gast
unregistriert
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Die lebhafte Diskussion in diesem Ordner verdeutlicht m. E. auf das Anschaulichste, weshalb die Visionen eingestellt werden mußten.
Es ist einfach nicht genügend Interesse da. Warum sollten sich Herausgeber und Autoren weiter den Streß machen, Geschichten zu schreiben, zu überarbeiten und zu publizieren, wenn 98% des Fandoms lieber Perry Rhodan lesen, Babylon 5 konsumieren oder Weltraumballerspiele diskutieren?
Mir jedenfalls fällt keiner ein.
Gruß
MG
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