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Science Fiction (diverse)



Helmuth W.Mommers

Die Legende von Eden

rezensiert von Thomas Harbach

„Die Legende von Eden“ ist die zweite von Helmuth Mommers herausgegebene Anthologie deutscher Science Fiction. Das umlaufende Titelbild aus der Feder Thomas Thiemeyers – der auch als Autor vertreten ist – ist eine Augenweide. Am Ende des Buches wird der Künstler kurz portraitiert und wie von ihm beabsichtigt und beschrieben, wird der Blick des Betrachters bei seinen Bildern in die Tiefe gezogen und seine Arbeiten erhalten eine ungewöhnliche Plastizität.

Wie auch im ersten Band versucht Mommers interessante Newcomer und alte Hasen wie Vlcek, Erler oder auch Hammerschmidt zu kombinieren. Alle Arbeiten sind neue Geschichten, die Autoren wurden vom Herausgeber eingeladen, Geschichten für diesen Band zu schreiben.

Sowohl im Vorwort als auch in seiner Nachbetrachtung interessanter deutscher Kurzfiktion skizziert Mommers die Lage und die Qualität der Kurzgeschichten und ihrer Schöpfer realistischer als im ersten Band. Quantität ist nicht gleich Qualität. Am Ende des Bandes stellt er die aus seiner Sicht lesenswerten Geschichten zusammen und gibt so Anreize, weitere Publikationen zu erwerben. Die Realität ist allerdings eine andere: wer sich „Visionen“ kauft, wird wahrscheinlich auch „Nova“ oder „Alien Contact“ lesen. Der Kreis aktiver Kurzgeschichtenleser – damit sind nicht die Käufer von Magazinen gemeint, in denen sich zwischen Hochglanzphotos zweitklassiger Filme eine Geschichte versteckt – ist klein und muss gepflegt werden. Darum ist dieses Projekt unabhängig von seiner Qualität schon unterstützenswert. Angenehm ist weiterhin zu sehen, dass sich der Herausgeber in den Gesamtkontext einbringt und nicht mehr – wie im ersten Band – in den Vordergrund stellt. Dadurch wirkt das gesamte Bild harmonischer und kompakter.


Rainer Erlers Satire „Ein e-star is born“ beschäftigt sich natürlich mit der Filmindustrie. Fast mit einem lakonisch ironischen Unterton fasst er das Verhältnis Star- Regisseur – Produzent in einigen wenigen gelungenen Dialogen zusammen. Hier bemüht er sich, eine Balance zwischen seinem Fachwissen und Hintergrund auf der einen Seite und guter Unterhaltung auf der anderen Seite zu schaffen. Viele kleine Bemerkungen runden das ansonsten eher farblose Portrait des inzwischen aus dem Zenit Hollywoods gefallenen Regisseurs ab. Seine Idee, zickige Stars durch Computeranimation zu ersetzen, ist nicht neu, doch Erlers Intention ist weniger die Wiedererzählung eines bekannten Handlungsstranges als eine boshafte Anspielung auf die Ersetzbarkeit eines jeden Individuums und die gnadenlose, hier überdreht, aber wahrscheinlich in naher Zukunft realistische Ausbeutung jeder Einnahmequelle. Viele von Erlers Geschichten zeichnet eine gewisse Kühle aus. In diesem Fall wirkt diese Distanz zwischen Erzähler und Leser positiv, denn dadurch macht der Autor nicht den Fehler, die Schraube zu sehr anzuziehen. In erster Linie die kleinen Seitenhiebe – wahrscheinlich auch auf die Studios, die Rainer Erler zu gängigeren Stoffen überreden wollten – machen die Geschichte zu einem Lesevergnügen. Geschickt verbindet der Autor die Ära des goldenen Hollywoods mit der Computerzukunft und kommt zu optimistischen Schluss, alles ist möglich.

Thorsten Küpers „Spiegelbild des Teufels“ ist eine mehrschichtige Antwort auf die Frage und Bedeutung der eigenen Existenz. Auf einer weiteren Ebene setzt er sich mit der Übernahme von Verantwortung und Schuld auseinander. Obwohl seine Charaktere sehr gewöhnungsbedürftig sind und es dem Autoren nicht gelingt oder er es nicht beabsichtigt, eine emotionale Ebene zwischen Leser und Protagonist aufzubauen, wird er nicht unbedingt durch die masochistische Haltung Lasars oder seines Klons angeregt, aber neugierig gemacht. Durch fiktive Rückblenden entwickelt sich ein Katz- und Mausspiel um die wahre Identität. Als Hintergrund dient die politisch unsichere Atmosphäre eines Entwicklungslandes. Er gibt seinem Protagonisten Züge, die an Mengele und seine schaurigen Experimente erinnern. Sehr überzeugend kann Küper dem Original und Klon jeweils eigene und einzigartige Züge verleihen. Neben der sehr kompakten Handlung ist dies das hervorstechende Merkmal der Geschichte. Obwohl er sich als Märtyrer gibt, muss der Lasar Klon erkennen, dass es ohne die Erbschaft seines Schöpfers keine Zukunft für die beiden Menschen geben kann, die ihm immer loyal, fast liebevoll zur Seite standen. Mit dieser ironischen Bemerkung beschließt der Autor die Lebensgeschichte eines faszinierenden, abstoßenden und skrupellos genialen Geistes, der sich in seinen Plänen unentrinnbar verstrickt hat.

Ernst Vlceks „Neulich im Garten Eden“ ist eine extrem kurze, sehr konzentrierte Zusammenfassung der Zeit vor, während und nach dem biblischen Schöpfungsprozess aus der Sicht eines der „Arbeiter“ im Garten Eden. Mit boshaftem Unterton entzieht der Wiener Gottes größter Schöpfung ihren Boden, kommentiert die Handlungen des Alten Mannes und kommt zum Schluss, die Zeit für einen Neubeginn ist nahe.

„Die fehlende Stunde“ von Tobias Bachmann kombiniert die virtuelle Realität mit Kafkas Angstträumen. Als der Programmierer Pfeiffer feststellt, dass ihm eine Stunde gestohlen worden ist, gerät seine Welt komplett aus den Fugen. Schnell können weder er noch die Leser zwischen Realität, Fiktion und drogeninduzierter Kunstwelt unterscheiden. Tobias Bachmann agiert wie ein geschickter Zauberkünstler, der immer wieder ein neues Taschentuch aus dem leeren Hut zaubert. Auf den ersten Blick lässt sich die Geschichte sehr gut lesen. Dringt der Leser in die Materie ein, so wirken manche Ideen nicht gänzlich ausgearbeitet. Interessanter wäre es, insbesondere zwischen den beiden weiblichen Nebenfiguren Janette und Tina eine direkte Beziehung herzustellen und so die Verwirrung Pfeiffers zu komplettieren. Im Gegensatz zu Kafka, in dessen Büchern etwas in unsere Realität eindringt und seinen oft unscheinbaren Protagonisten den Verstand raubt, verbindet Bachmann wahrscheinlich zwei, wenn nicht sogar drei Welten im Kopf (?) Pfeiffers und wechselt am Ende zwischen den Ebenen. Wie in den klassischen Werken Galoyes entpuppt sich die bisherige Realität als Fiktion, auch wenn die scheinbar fehlende Stunde erst als Katalysator wirkt. Gegen Ende des Textes wirkt Bachmann gehetzt und versucht, die Geschichte in einem klassischen Showdown abzurunden. Da er allerdings zu wenige Beziehungen zwischen seinen einzelnen Welten hergestellt hat, ist das Ende konterproduktiv und wirkt eher aufgesetzt. Was faszinierend und ungewöhnlich beginnt endet in einer unnötigen Explosion der Gewalt. Der Geschichte hätte wahrscheinlich eine stille, deprimierende Note – ein geistiges Gefängnis aus sich immer mehr überlappenden Welten – besser zu Gesicht gestanden. Dann hätte Bachmann auch eher die Titel gebende fehlende Stunde in einen komplexeren Rahmen nutzen können. Trotz dieser Schwächen ein sehr interessanter Ansatz, Kafkas Paranoia mit utopischer Literatur zu verbinden.

Oliver Henkels Geschichte „Hitler auf Wahlkampf in Amerika“ zeichnet wieder ein perfekt recherchierter Hintergrund aus. Wie in seinen beiden Parallelweltromanen und der Handvoll von Kurzgeschichten geht es Oliver Henkel in erster Linie auf eine möglichst realistische Fortführung einer potentiellen Abzweigzeitlinie. Die deutsche Oase in den Vereinigten Staaten – eine Weiterführung einer Idee aus einer seiner Kurzgeschichten – belebt er so urdeutsch, dass der Leser den Schweinebraten und das Bier förmlich riechen kann. Handlungstechnisch funktioniert der Text in Folge seiner Kürze nicht gänzlich. Die Idee der falschen Übersetzung ist nicht neu und zu früh zeichnet sich diese Plotauflösung im Ansatz an. Auch nimmt sich Oliver Henkel zu wenig Zeit, um seine Protagonisten zu charakterisieren. Dies ist allerdings für den Handlungsstrang unbedingt notwendig. Aufgrund der wenigen emotionalen Begebenheiten wirkt die Motivation der Figuren bemüht, nicht unbedingt überzeugend. Es ist auf jeden Fall sinnvoller, die grundlegende Idee in einem späteren Text noch einmal aufzunehmen und eine abgerundete Novelle daraus zu schaffen. Wie Oliver Henkel seine Stärken in längeren Texten besser zeigen kann, zeigt auch die Auflistung seiner sehr gelungenen Arbeit „Mr. Lincoln geht nach Washington“ im Anhang. Einen Teil der Schwächen kann der detailliert recherchierte Hintergrund gut ausgleichen, so dass hier wieder eine fesselnde historische Spekulation vorliegt.

Frank Borschs „Ausgleichende Gerechtigkeit“ überträgt das biblische „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ Prinzip in eine gegenwärtige Zukunft – ganz bewusst verzichtet der Autor auf weitere Zeitangaben. Das interessante an diesem Text ist die Umkehr aller bisher bekannten Prinzipien. So ist ausgerechnet Harvey, das unsichtbare Kaninchen aus dem bekannten Klassiker, die treibende Kraft. Unterstützt wird er von in Kostümen der Gerechtigkeitsliga steckenden Vigilanten. Diese Anspielungen auf „unsere“ Literatur machen den kurzen Text zu einer unterhaltsamen Lektüre, deren Mahnung erst gegen Ende des Textes das bisherige skurrile Geschehen überstrahlt. Frank Borschs Stil ist in dieser Geschichte wahrscheinlich bewusst cineastisch angelegt, oft finden sich im Verlauf der sehr geradlinig verlaufenden Handlung kurze, einprägsame Bilder. So bleibt als Eindruck eine bitterböse, aber zum Schreien kosmische Glosse, geprägt von der Trivialliteratur.

Thomas Thiemeyers literarischer Beitrag „Materia Prima“ setzt sich mit der beginnenden Veränderung unserer Ökosphäre auseinander. Ein Mann sucht Erlösung von seiner jetzigen Situation bei einem Psychologen, der nach und nach erst eine anscheinend unglaubwürdige Entführung durch Außerirdische offen legt und dann schließlich erkennt, dass dahinter mehr als nur Wahnvorstellungen und krankhafte Angstzustände stehen. Wie in seinen Romanen überzeugt Thomas Thiemeyer mit einem sehr angenehmen, fast fließenden Stil. Inhaltlich stellt die Geschichte eine Hommage an die vielen Identitätsgeschichten Dicks mit einer Kombination aus den klassischen UFO/Alien Entführungsgeschichten dar. Kaum versucht Thiemeyer allerdings gegen Ende des Textes, den Horizont entsprechend zu erweitern, ist der Handlungsbogen zu Ende. Die grundlegenden Ideen werden nicht ausgereizt, sondern eher nur angeritzt. Vergleicht man diese Geschichte mit seinen Romanen, so fällt Thiemeyers unglaublich überzeugende Kraft auf, aus bekannten Ausgangsszenarien interessante neue Geschichten zu formulieren. Darum sollte „Materia Prima“ eher als Expose einer längeren Story gesehen werden als eigenständigen Text. Im Kern steckt eine interessante Variation des klassischen Rainer Erler Stoff „Die Delegation“ mit aktuellen Bezügen zu Klimakatastrophen und Umweltverschmutzung.

Eines der schwierigsten Sujets ist komische Science Fiction zu schreiben. Andreas Winterers Versuch „Cosmo Pollite oder der Zwischenfall im InterStellar Express“ ist ein solcher. Eine überdrehte Handlung, schräge Charaktere und im Grunde die Erkenntnis, dass es wichtiger ist, einen guten Plot zu haben und diesen mit lustigen, skurrilen oder sinnigen Einfällen zu garnieren. Der Roboterüberfall ist ein Versuch, bekannte Ideen – eine Mischung aus Douglas Adams und Futurama – aufzuwärmen und mit lakonischen Dialogen Mikrowellen gerecht erwärmt zu garnieren. Es kommt dabei weder Spannung noch echte, wirkliche Unterhaltung . auf. Der Geschichte fällt der Flair, der die ausgezeichneten Parodien auszeichnet. Vieles wirkt zu sehr erzwungen und unnatürlich überzogen. Wahrscheinlich könnte der Text als Expose für einen Comic mit entsprechend farbenprächtigen Bildern besser funktionieren. Hier wirkt er nicht cool und der Eiswürfel, über den sich der Protagonist am Ende der Geschichte mokiert, hätte dem Text sehr gut getan.

Michael Iwoleits Stärke zeigt sich in seiner Geschichte „Planck- Zeit“. Scheinbar belanglose Indizien fügen sich zu einem überraschenden und komplexen Gesamtbild zusammen. Kaum hat der Leser dessen Bedeutung erfasst, dreht der Autor seine Intention um einhundertachtzig Grad und kommt zu einer verblüffend einfachen, aber überzeugenden Auflösung seiner Geschichte. Dabei zeichnen sich seine Charaktere durch eine ungewöhnliche Natürlichkeit aus. Auch in dieser sehr kurzweiligen und unterhaltsamen Geschichte verfolgt der Leser das Treiben des Wirtschaftsjournalisten Konrad. Unmotiviert und unentschlossen vertreibt er sich mehr die Zeit als das er ernsthafte Arbeiten abliefert. Erst die Begegnung mit einem Wissenschaftler und dessen verblüffende Erkenntnisse wecken seine Neugierde und seinen Forscherdrang. Allgemein verständlich entwickelt Iwoleit hier eine fesselnde Theorie. Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren bemüht er sich, komplexe Themen ansprechend einfach seinen Lesern zu vermitteln. Kaum hat sich dieser mit der These angefreundet, kommen seine Figuren zu ihren eigenen Lösungen. Nimmt man den wissenschaftlichen Kontext aus dem Text heraus, bleibt die einfache Erkenntnis, dass das Leben lebenswert ist und niemand seinen letzten Tag kennt. Es spielt keine Rolle, woher wir kommen und wohin wir gehen, solange wir jedes Stück des Weges respektvoll und mit Freude angehen. Was kann man mehr von einer kurzweiligen Kurzgeschichte erwarten.

Marcus Hammerschmitts „2 hoch 64“ ist der intellektuelle Versuch, eine Horrorgeschichte zu erzählen. Insbesondere gegen Ende seiner bis dahin oberflächlich interessanten Geschichte verfällt er unbewusst in die obligatorischen Horrorklischees. Die Bösewichte – die Kombination von Gottesanbeterin und menschlichem Diener ist das stärkste Bild der Geschichte, auch wenn es im Grunde nicht weiterentwickelt wird – müssen dem ungläubigen Protagonisten den Hintergrund erläutern. Das Beispiel mit dem Schachspiel dient hier zwar als Aufhänger, der Text wirkt aber um dieses Problem herum konstruiert. Auch die Auflösung des Plots ist dermaßen klischeehaft, das es schon an Hilflosigkeit des Autorens grenzt, eine kurze Geschichte zu verfassen. Das Hammerschmitt ein begabter Erzähler ist, lassen die atmosphärisch dichten Passagen in der Tiefgarage erahnen. Die Problematik des Plots liegt eher in seiner Kürze und des daraus folgenden schwachen Ende. Wie bei einigen anderen Geschichten könnte mehr Raum, um Handlung, Idee und Charaktere zu entwickeln, der Geschichte gut tun.

Wenn Andreas Grubers Geschichte im Robert Sheckley Palast spielt, dann ist das natürlich eine Verbeugung vor dem großen Satiriker, der sich in seinen Texten immer wieder mit der Sensationslust der Medien auseinandergesetzt hat. „Weiter oder raus“ ist eine weitere Variante dieser Geschichte. Im Gegensatz zu vielen Arbeiten, die sensationelle Menschenjagden beschrieben und in Richard Bachmanns/Stephen Kings „Running Man“ gipfelten, spielt Grubers Text ausschließlich im Studio. Die drei Kandidaten lassen sich verstümmeln, um einen Millionenpreis zu gewinnen. Die gruseligen Szenen werden von schreiender Reklame begleitet. Mit dieser Geschichte treibt Andreas Gruber die schon vorhandenen Fernsehexzesse auf die Spitze. Mit seinen Übertreibungen (?) schockiert er seine Leser im gleichen Masse wie er sie auch an diese morbide Show fesselt. Er setzt sich originell von den vielen kopierenden Epigonen der Sheckley Geschichte ab. Der Autor verfällt auch nicht der Versuchung der glitzernden Medienwelt, der Leser erkennt schon die warnende Tendenz des Textes. Wenn Rainer Erler sich in seiner Story mit den im Rampenlicht stehenden Personen auseinandersetzt, greift Andreas Gruber die fragwürdigen Inhalte des Pantoffelkinos an. Beide zeigen in ihren sarkastischen Texten auf, dass im Grunde die Medien nur Fassade niederer Instinkte sind. Und diese müssen in den Zuschauern nicht geweckt, sondern nur am Leben erhalten werden. Dann wird alles gut.

„Die Schätze der Zukunft“ aus der Feder des Autorenpaares Desiree und Frank Hoese ist eine dieser auf den ersten Blick scheinbar komplizierten Zeitreisegeschichten. Dabei haben die beiden Autoren die Idee, Kunstgegenstände kurz vor ihrer historischen Vernichtung in die Gegenwart zu retten, einfach extrapoliert. Das diese Idee nicht sonderlich neu ist – siehe Connie Willis herausragenden Roman „Die Farben der Zeit“ – wird durch die zukünftige Ebene – eine Hommage an John Varleys Kurzgeschichte „Millenium“? – negiert. Trotzdem fehlen dem Handlungsbogen echte Spannungselemente und das Ende des Plots wird schwerfällig erklärt als logisch herausgearbeitet. Das ist das Manko einer Reihe von Geschichten dieser Sammlung – siehe auch Marcus Hammerschmitts Text. Den Erzählern fehlen die handwerklichen Fähigkeiten, ihre Plots natürlich zu Ende zu bringen und suchen Hilfe und Schutz bei einem übergeordneten Erzähler, der Protagonist und Leser die grundlegende Idee detailliert und storytechnisch tödlich erläutert. Trotz dieser Schwächen ist die sehr kurze Geschichte unterhaltsam geschrieben und kurzweilig genug, um vor dem Fernseher oder auf dem Weg zur Arbeit gelesen zu werden, hinterlässt der Text allerdings keinen bleibenden Eindruck.

Frank W. Haubolds Titel gebende Geschichte „Die Legende von Eden“ ist dagegen wieder ein Expose, das sich als Kurzgeschichte tarnt. Wie kaum ein anderes Genre – vielleicht noch der Western – kann die Science Fiction durch ihre Themenvielfalt klassische Stoffe in ein neues Gewand kleiden – siehe Dan Simmons „Illium“ – und Geschichten zu Legenden erweitern. Das gleiche versucht Haubold auf den letzten zwei Seiten seines Textes, in welchem er unendlich viele Ideen zusammenrafft und seinen Lesern im wahrsten Sinne des Wortes um die Ohren schlägt. Hier kommen auch die Motive der Legende zum Tragen. Vorher schleppt sich die Geschichte über weite Strecken dahin. Kurz vor dem Ende des Textes kommen Leser, Protagonist und Autor die Erkenntnis, aus dem schuldbewussten „Protagonisten“ einen Helden zu machen. In Jack McDevitts „Die Legende von Christopher Sims“ wird das Heldenbild systematisch demontiert und die Wahrheit ans Licht gebracht, ohne abschließend dem Mythos Schaden zu können. Hier wird die Realität gründlich untersucht und eine böse Verschwörung ans Tageslicht gebracht. Die Folgen bleiben im Grunde im Dunkeln, da Haubold sich nicht mehr den Raum gibt, diese Erkenntnisse gründlich zu analysieren und als dramatische Erzählung zu präsentieren.
Trotz wirklich guter Ideen und einer schwächeren, aber gegen Ende der Geschichte deutlich besser werdenden Charakterisierung der einzelnen Figuren wirkt der Text zusammenhanglos und eher als Zusammenfassung und Textprobe für einen Agenten oder Verlag überzeugend. Vielleicht wäre es für Haubold sinnvoller gewesen, aus den am Ende der Geschichte zusammengefassten Ideen eine Episode zu einem vollständigen und eigenständigen Kapitel auszubauen und es seinen Lesern als Vorabdruck zu präsentieren.

Auch der zweite Band von „Visionen“ ist eine wichtige Publikationsmöglichkeit für Profis und angehende Autoren. Mommers selbst ist von seinen Zielen, Visionen als etwas Elitäres für etablierte Autoren zu etablieren, abgewichen und präsentiert zumindest eine unterhaltsame Anthologie. Die meisten der Kurzgeschichten lassen sich gut lesen. Ab und an wirken die Texte holprig und eher wie die Keimzelle von einem Roman als eine eigenständige Geschichte. Das Spektrum ist trotz der Konzentration auf aktuelle und zeitnahe Themen erstaunlich breit. Von der Parallelwelt über Zeitreise bis zum Versuch einer Space Opera – in diesem Fall sind die Texte von Winterer grundlegende und Haubold phasenweise die uneinheitlichsten Geschichten – ist alles vorhanden. Die Geschichte von Erler, Gruber und Borsch überzeugen durch ihre direkte Kritik an gängigen Entwicklungen, ohne in Depression und grundlosen Sarkasmus zu verfallen. Es geht vielen Autoren wieder darum, in erster Linie eine Geschichte zu erzählen und in diesen Rahmen ihre aktuellen Themen zu verpacken. Michael Iwoleit und Thorsten Küper ragen mit ihren Texten aus dem Angebot der anderen Autoren deutlich heraus. Sehr erfreulich ist die Tendenz, Newcomer gleichermaßen wie etablierte Hasen zu präsentieren. Qualitätsunterschiede lassen sich im Durchschnitt nicht feststellen. „Die Legende von Eden“ ist wie sein Vorgänger ein Spiegelbild der deutschen SF Kurzgeschichte. Im Vergleich zu vor einigen Jahren ist die Qualität deutlich besser geworden und schon aus diesem Grund – unabhängig von der Tatsache, dass solche Projekte in unserem kleinen Markt immer unterstützenswert sind – empfiehlt sich nicht nur die Anschaffung, sondern auch die Lektüre.

Helmuth W.Mommers: "Die Legende von Eden"
Anthologie, Softcover
Shayol 2005

ISBN 3-9261-2652-3

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