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rezensiert von Thomas Harbach
„Science Fiction aus Indien“, aus einem der BRIC- Staaten wie China, in denen sich die wirtschaftliche Revolution mit einer für den Westen fast unverständlichen Geschwindigkeit entwickelt. Der Band mit insgesamt neunzehn Geschichten stammt zwar schon aus dem Jahr 1993, wurde aber 1995 und im Jahr 2001 jeweils noch einmal aufgelegt. In seinem ausführlichen, aber zumindest zu Beginn eher naiven Vorwort - so verlegt der Herausgeber Bal Phondke das Golden Age der Science Fiction im zwanzig Jahre in die Vergangenheit – zeichnet Phondke ein ambivalentes Bild der utopischen indischen Literatur. Auf den Wurzeln Jules Verne und H.G. Wells basierend entwickelte sich im Laufe der Zeit nicht zuletzt in den unterschiedlichen Stämmen mit ihren verschiedenen Sprachen eine phantastische Literatur, die oft Volkssagen in ihre Erzählungen integrierte. Die hier gesammelten Erzählungen sind neuerem Datums und vereinigen den oft irrigen Glauben an die Unfehlbarkeit der Technik als Stellvertreter des Menschen einer aufstrebenden Atommacht mit überraschend sensibeln und nicht unkritischen sozilogischen Betrachtungen.
Jayant V. Narlikars „Die Eiszeit kommt“ ist noch eine der bodenständigeren Geschichten. Ein Wintereinbruch in Bombay kündigt eine rasante Veränderung des Klimas an, die Politik ist unentschlossen und der nächste Sommer nur eine kleine Zwischenerholung, bevor die eigentliche Katastrophe beginnt. Im Mittelpunkt steht ein Wissenschaftler, der diese Veränderungen vorhergesehen und sie später beheben wird und ein Journalist. Die Figuren sind eher eindimensional gezeichnet, die Handlung bis zum abrupten Ende vorhersehbar. Was den Reiz dieser Geschichte ausmacht, ist der ein wenig ironisch überzeichnete Auftakt mit verschneiten Städten, der Freunde über die weiße Pracht und schließlich dem Verdruss, als nicht mehr der Mensch Herr der Schneemassen ist, sondern diese sich selbst ihre Ziele suchen.
Zwei auf den ersten Blick konträre, aber in ihrer Ausrichtung sehr ähnliche Themen behandeln die Kurzgeschichten „Der Betrüger“ – vom Herausgeber Bal Phondke – und „Einstein, der Zweite“ von Laxman Lodhe. In der ersten Geschichte geht es darum, Wissen zu extrahieren - aus einem gerade Verstorbenen, das Militär möchte mittels einer Herztransplantation den Toten für einige Stunden wieder beleben, ein Neuropsychologe schlägt eine Extraktion des Bewusstseins mittels der DNA vor und in eine Injektion in einen Freiwilligen – bzw. Wissen zu erhalten – in der zweiten Geschichte leidet ein indischer Wissenschaftler an Krebs im Endstadion und wird seine Forschungen nicht mehr beenden können, also isoliert ein Arzt dessen Gehirn und lässt es in einer Art Thinktank mit den Menschen über eine Kommunikationseinheit verbunden weiterleben. Auch wenn die zugrunde liegenden Ideen auf den ersten Blick nicht unbedingt innovativ wirken, ist es die Kombination aus der gesellschaftlichen Struktur – nach den Kasten haben die Militärs eine Art Allmacht – und einer deutlichen Kritik am scheinbar grenzenlosen, inhumanen Fortschritt. Dabei wirkt Lodhes Text deutlich nihilistischer, auch wenn die anhängte Botschaft fast schon pathetisch erscheint. Arvind Mishras „Der Adoptivsohn“ nimmt ebenfalls die Idee des Gedankentransfers auf und erzählt die Geschichte aus der persönlichen, tragischen Perspektive einer Familie mit nur einem sehr talentierten und zu früh verstorbenen Sohn.
Auch wenn die grundlegenden Ideen der beiden nächsten Geschichten „Eine Reise in die Dunkelheit“ von Subodh Jawadekar – ein Mädchen schreibt einem Freund Briefe und es kristallisiert sich heraus, dass ihre Familie und sie notdürftigen Schutz im Keller ihres Hauses gefunden haben, während sich Russland und die USA einen atomaren Schlagabtausch geliefert haben und sie wie alle anderen langsam stirbt – und „Der Mann“ von Niranjan S. Ghate – ein Computerspezialist interessiert sich für seine schöne Nachbarin, die anscheinend nicht viel von Treu ihrem „Mann“ gegenüber hält – eher an die klassische amerikanische Science Fiction der sechziger und siebziger Jahre erinnern, lassen sie sich leicht oder nachdenklich lesen. In der ersten Geschichte besticht die nihilistische Atmosphäre, die Verzweifelung eines Menschen im Angesicht des eigenen Todes und die Hoffnung auf das nächste Leben, die zweite Story ist ein unterhaltsames Spiel mit den in Indien wahrscheinlich noch stärker ausgeprägten Geschlechterklischees und der originelle Versuch einer schönen und intelligenten Frau, die Forschung zu nutzen, um ihre Ruhe vor den ungestümen und aufdringlichen Verehrern zu haben. Arun Mandes „Ruby“ kümmert sich um das Gefühlsleben von Mann und Roboterfrau auf eine sehr sympathische Art mit den indischen Sitten und Gebräuchen verbunden. Die Geschichte liest sich sehr kurzweilig, die Charaktere sind sehr sympathisch und überzeugend gezeichnet, auch wenn die Pointe vorhersehbar in ihrer robotlogischen Tragik ist. Deutlich systemkritischer ist die Anti- Utopie „Geburtsrecht“ von Shubhada Gogate. In einer ferner Zukunft bestimmen die staatlich geförderten Centren nicht nur die Geschlechter der Föten, um eine bevölkerungsspezifische Vorauswahl zu treffen – alle Föten falschen Geschlechts werden abgetrieben und den schockierten Müttern eine entsprechende Lüge aufgetischt – sondern man beginnt mit Hilfe von verschiedenen Botschaften des großen Diktators, die Ungeborenen während der Schwangerschaft schon auf die richtige und einzige politische Linie zu trimmen. Dabei beschreibt Gogate die Vorgänge aus der eingeschränkten Perspektive eines nicht dummen, bürgerlichen Ehepaars, die in ihrer Verzweifelung nur einen Ausweg kennen, die Rückkehr zu den alten Werten und die Flucht auf das Land. Ganz bewusst verzichtet der Autor auf eine kritische Haltung, stellt die einzelnen Komponenten erschreckend sachlich, fast emotionslos dar. Erst im Auge der Protagonisten und damit des Betrachters fügen sich die einzelnen Puzzlestücke zu einer dunklen, unbedingt lesenswerten Geschichte zusammen. Eine lockere Trilogie von Robotergeschichte wird durch Sinbas „Die Erhöhung“ abgeschlossen, in der die Forderungen der Roboter nach mehr Roboterrechten zumindest kurzfristig einen Dämpfer erhalten, als sie nicht beweisen können, auf einer höheren Entwicklungsebene als die Menschen zu stehen. Auch wenn das perfide Ende ein wenig vorhersehbar ist, bemüht sich der Autor, auf eine intelligente Art und Weise die Unterschiede zwischen Mensch und Maschine herauszuarbeiten und in seiner eher dunklen Zukunftsvision sind diese Differenzen marginal. Der nächste logische Schritt ist der Flug ins All, die Symbiose zwischen Mensch und Maschine scheint zumindest vordergründig zu funktionieren, auch wenn – wie in Sujathas „Dilemma“ – immer noch ein gewisses Misstrauen besteht. Insbesondere seine Geschichte liest sich zu Beginn äußerst schwerfällig, die Protagonisten fallen nicht unbedingt charakterlich oder in ihren Handlungen auf und die selbst für eine Kurzgeschichte zu langen Diskussionen halten den kaum vorhandenen Plot zu sehr auf. Trotzdem ist es die erste Geschichte dieser Sammlung, die jenseits unserer Erde spielt.
Nach den zum Teil sehr grimmigen Visionen ist Anish Debs kurzweilige Geschichte „Katastrophe in Blau“ eine amüsante Variante. Alles erscheint über Nacht in verschiedenen Blautönen und die fast stoische Bevölkerung versucht sich auf blauen Reis einzustellen und auf viele Annehmlichkeiten des Lebens zu verzichten. Der Autor liefert keine tiefer gehenden Erklärungen für seine amüsante Fiktion, es sind die alltäglichen Begegnungen, die dank des Blaustiches sich verändern, welche den Reiz der Geschichte ausmachen.
Mukhopadhyaya „Zeit“ ist eine von den Geschichte, in deren Kern die indische Seele wohnt, deren äußere Form aber eher westliche Züge trägt. Aus der Zukunft wird in die Vergangenheit eingegriffen, um die katastrophalen Folgen eines Schwindens der natürlichen Energien und eine aufkommende Eiszeit zu verhindern. Die Geschichte steckt voller kleiner bizarrer Ideen – insbesondere der Pferdekutsche ist eine Figur, die dem Leser sehr lange in Erinnerung bleiben wird – und liest sich sehr unterhaltsam, wenn auch das Ende wie viele Zeitgeschichten zurechtgebogen und nicht entwickelt wird. Sanjay Havanurs „Der Lift“ ist – auch wenn es auf den ersten Blick nicht so erscheint – eine Zeitreisegeschichte, eine zu Beginn humorvolle, intelligente Geschichte, die sich im Verlauf mehr mit den möglichen Paradoxen und der menschlichen Gier als der wissenschaftlichen Neugierde beschäftigt. Auch wenn die Ausführung insbesondere gegen Ende des Textes zu gedrängt und zu wenig homogen erscheint, ist die Idee einer unfreiwilligen Zeitmaschine in Form eines Liftes interessant und liest sich gut. Mukul Sharmas „Es war zweimal“ ist die kürzeste und beste Zeitreisegeschichte dieser Sammlung, voller Ironie mit ausreichende Wärme beschreibt er die Beichte eines zukünftigen One-Night-Stands durch die Ehefrau und gleichzeitig Zeitreisende.
„Die Venus sieht zu“ aus der Feder Bhoosnurmaths ist eine schwierig zu besprechende Geschichte, im Kern ist es eine Parabel, eine Warnung an die irdischen Wissenschaftler, die Grenzen zwischen Anstand und Moral nicht zu sehr zu erweitern, auf der anderen Seite ist es eine zumindest von der Idee her unbefriedigende Geschichte mit einem sehr offenen Ende. Aus dem Konzept der beiden verhängnisvoll miteinander verbundenen Zwillingswelten hätte ein erfahrener Kurzgeschichtenautor sehr viel mehr machen können, die wenigen Spannungsbögen leiden in erster Linie unter dem distanzierten und im Kern nicht eines Prosatextes angepassten Schreibstils.
Auch wenn die nächste Story – „Eine Begegnung mit Gott“ von Debabrata Dash – wie ein Märchen beginnt und diese Struktur bis zum augenfälligen Höhepunkt beizubehalten versucht, funktioniert diese Vorgehensweise nur oberflächlich. Das schwierige Verhalten der einzelnen Charaktere läßt sich mit der eher unwissenschaftlichen und mehr phantastischen Vorgehensweise erklären und die philosophischen Warnungen und Mahnungen vor zuviel Forschung und zu wenig Herz wirken ehrlich, aber in seinem Gesamtkontext bietet Dash zu wenig wirklich neue Ideen oder gar eine unterhaltsame Handlung. Zu geradlinig, zu distanziert und zu schwerfällig schleppt sich die Geschichte dahin und die im Titel erwähnte Begegnung mit Gott findet auch nicht statt. Es werden nur den Menschen ihre Grenzen aufgezeigt und diese sind hinlänglich bekannt.
R.N. Sharmas „Wiedergeburt“ ist eine schwierig zu besprechende Geschichte. Die Rache eines in Auschwitz bestialisch umgebrachten Juden viele Jahre später in Form eines indischen Forschers, der auf einem Kongress in Deutschland weilt. Formaltechnisch ist die Geschichte nicht zuletzt aufgrund der holzhammerartigen Struktur unbefriedigend, Sharma macht sich keine weitergehenden Gedanken über die unterschiedlichen Religionen, den einen einzigen
Augenblick der Wiedergeburt im einzig passenden Moment und das Verschwinden der dann befreiten Seele. Ähnliche Probleme allerdings mit einer gänzlich Extrapolation zeigt Kenneth Doyles „Regen“, dessen tragische Komponente durch eine eher durchwachsene und zu kurz geratene Handlungsstruktur negiert wird.
Devendra Mewaris „Leben sie wohl , Mister Khanna“ ist eine der Geschichten, die der Anthologie eine nicht zu leugnende unterhaltsame, fast farbenfrohe Seite geben. Wieder beschäftigt sich jemand mit der modernen Arbeitswelt, in diesem Fall unterliegt ein Manager einem fast perfide zu nennenden Test. Wie weit reicht die Anziehungskraft einer schönen Kollegin und wann beginnt die Leistung unter ihr zu leiden. Sehr originelles, satirisches Portrait der männlichen Schwerarbeiter.
Die insgesamt neunzehn Kurzgeschichten geben einen guten Eindruck in die Welt indischer phantastischer Kurzgeschichten. Wer jetzt allerdings unendlich viele Götter oder eher an Fantasy angelehnte Helden – siehe Basus bei Piper erschienener Roman „Der letzte Held“ – oder gar imposante Epen erwartet, der wird überrascht. Zwei rote Fäden ziehen sich durch die sehr unterschiedlichen Texte. Der Angst vor der atomaren Vernichtung und dem qualvollen Leben danach - immerhin ist Indien, auch wenn es paradox erscheint angesichts der Armut eine Atommacht und hat die Bombe – und die Ausgestaltung einer zukünftigen Arbeitswelt, in der nicht unbedingt mehr die einzelnen Kasten das Sagen haben, sondern der Mensch und die Maschine in einem stetigen Wettstreit stehen. Jede der Geschichten ist von Rubir Soy mit einer Illustration versehen worden, wobei sich Soy mehr auf Menschen als zukünftige Technologie oder futuristische Städte konzentriert. Einige der Texte sind ungewöhnlich warm und voller ironischem Humor, andere bestechen durch ihre originellen neuen Ideen. Natürlich hat die Sammlung auch einige schwächere Kurzgeschichten, aber im Großen und Ganzen wird der interessierte Leser sehr gut unterhalten. Unabhängig von der anderen Religion und einer anderen Kultur ist es allerdings erstaunlich, wie grenzüberschreitend die Science Fiction in den letzten Jahren geworden ist und die großen Themen sich auf jedem Kontinent ausgebreitet haben. Alleine aus diesem Grund lohnt sich ein in das indische Morgen.
Bal Phondke: "Es geschah morgen"
Anthologie, Softcover, 325 Seiten
Projekte Verlag 2006
ISBN 3-8663-4113-X
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