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Science Fiction (diverse)



Nancy Kress

Sternspringer

rezensiert von Thomas Harbach

Mit dem Auftakt „Probability Moon“ ihrer neusten abgeschlossenen Science Fiction Trilogie beginnt der FESTA Verlag seine dritte Miniserie. Robert J. Sawyers „Neanderthal“ Serie steht eher für intellektuelle Inner Space Science Fiction, Orson Scott Cards neue „Ender“ Serie ist trotz aller Beteuerungen eher unterhaltsames Popcornfutter und Nancy Kress liegt mit ihrer kurzweiligen, aber vielschichtigen Serie genau in der Mitte. Spannende Weltraumunterhaltung mit kritischen, humanistischen Untertönen. Außerdem sind ihre Handlungsbögen sehr kompakt, der Leser hat unwillkürlich den Eindruck, keine Zeile wird verschwendet.

Die Menschheit in einer fernen Zukunft. Ein Teil des Universums konnte erforscht werden. Dabei stieß man auf eine Reihe von humanoiden Rassen und eine vollkommene fremdartige Art. Mit dieser konnte kein Kontakt aufgenommen werden. Stattdessen führt die Menschheit einen immer verlustreicheren und wahrscheinlich in absehbarer Zeit verlorenen Krieg gegen die Fremden. Neben den lebenden Arten haben sich noch Überreste einer scheinbar ausgestorbenen, fremdartigen Rasse angefunden. Transmitterstraßen, die auf den ersten Blick zusammenhanglos einzelne Sternensysteme miteinander verbinden. Als in einem der Sonnensysteme ein künstlicher Mond, ein Artefakt dieser Rasse, gefunden wird, beginnt ein Wettlauf zwischen den Menschen und den Feinden um eine neue mögliche ultimative Waffe. Im gleichen Sonnensystem stoßen die Menschen auf einem der Planeten wiederum auf menschenähnliches Leben. Diese leben in kleinen Dorfgemeinschaften in einer fast vorindustriellen Gesellschaft zusammen. Es verbindet sie aber ein gemeinsames Bewusstsein. Wenn die Mehrheit von ihnen etwas als wahr aufnimmt, schließt sich der Rest widerspruchs- und kommentarlos an. Für die landenden Menschen ein unbegreiflicher Prozess, da sich die Mehrheit entschlossen hat, die fremden Eindringlinge als Nichtwesen zu betrachten. Im Orbit versuchen die Militärs inzwischen, das Artefakt aus dem bislang neutralen Sonnensystem in die eigene Hemisphäre zu schleppen. Ohne zu wissen, ob es sich um die lang ersehnte ultimative Waffe handelt oder nur eine Zeitbombe, die jederzeit mit fatalen Folgen explodieren kann.

Nancy Kress Stärke ist es, verschiedene Handlungsebenen gleichrangig zu behandeln und fast unmerklich diese im Laufe ihres Spannungsbogens zusammenzuführen. Dabei wird der Leser oft von den Entwicklungen überrascht. Im ersten Band ihrer neuen Trilogie bilden diese beiden Ebenen einen starken Kontrast.

Auf der einen Seite eine typische Space Opera Handlung: ein fremdartiges Objekt wird gefunden, unter Opfern untersucht und katalogisiert. Dabei sind sich die Militärs über deren Herkunft und Verwendung nicht einig. Doch die Zeit drängt. Der Orbit könnte den Artefakten gefährden und gleichzeitig möchte die den Krieg verlierende Menschheit ihrem Feind keine Waffe überlassen. Die Konflikte entwickelt Nancy Kress nicht nur an Hand klassischer militärischer Diskussionen, sondern die Wissenschaftler versuchen mit kaum vorhandenen Daten mögliche Szenarien zu entwickeln. Kaum sind diese Theorien formuliert, durchkreuzt die Autorin mit sichtlichem Vergnügen diese Pläne. Die Stärke dieser Szenen liegt nur in den vielschichtigen und überzeugenden Charakteren, sondern auch in den selbst in der deutschen Übersetzung geschliffenen Dialogen. Mit viel Gespür für intensive Szenen baut die Autorin nach und nach ihre Figuren dreidimensional aus, ohne verschiedene Spannungselemente aus den Augen zu verlieren. Da ist zum einen die unbekannte Technik, über die dem Leser so wenig wie möglich verraten wird. Die Idee, das Artefakt langsam aus dem Sonnensystem und dem Zugriff der Feinde zu schleppen, wird bis zum Äußersten ausgereizt. Da es schwierig ist, einen künstlichen Mond schnell und sicher zu bewegen, nutzt Kress die zeitliche Komponente bis zum Letzten aus. Natürlich erscheinen gerade rechtzeitig die außerirdischen Feinde und es besteht die Gefahr, dass sie die verwundbaren menschlichen Schlepper rechtzeitig vor dem Eintrittspunkt in den Transmitter abschießen können. Ihre Raumschiffe fliegen zwar mit Geschwindigkeiten nahe des Lichts, doch sie schafft es – wie in einem gelungenen Seeabenteuer – die Komponente Zeit als quälend langsam vergehend darzustellen und die Entfernungen zwischen dem Planeten und dem Transmitter unendlich lang erscheinen zu lassen.

Eine weitere Stärke Nancy Kress ist die Konzeption von fremdartigen Völkern. Schon in ihren ersten Science Fiction Romanen wie „An Alien Light“ konnte sie überzeugend das Fremde darstellen. In dieser Trilogie geht sie einen anderen Weg. Ihre „Fremden“ – in diesem Fall in erster Linie die Bewohner des Planeten, um den das Artefakt bislang gekreist ist – sind humanoid und scheinen von den Menschen abzustammen. Der große Unterschied ist deren gemeinsame Realitätsvorstellung. Ganz vorsichtig und feinfühlig entwickelt sie deren Zivilisation nicht nur aus der Sicht der vier Wissenschaftler, die zur Unterstützung der Militärs mit in deren Sonnensystem geflogen sind, sondern auch aus der ureigenen Perspektive der Fremden. Vor dem Leser entfaltet sich so ein zweischichtiges Panorama. Insbesondere die irdischen Wissenschaftler müssen gegen ihre eigene „Unmöglichkeit“ ankämpfen. In der Gestalt des jungen, ehrgeizigen, aber nicht arroganten Forschers David Allen konzentriert die Autorin dieses Konfliktmaterial. Frisch aus der Schule, beseelt von der ersten richtigen Aufgabe zeigt er schnell seine Steherqualitäten. Er sucht den Kompromiss zwischen den Fremden und den Menschen unter dem immer bedrohlichen werdenden Artefakt und der Tatsache, dass inzwischen Teile der Bevölkerung die Menschen als unreal ablehnen. Seine verschiedenen Beispiele, die unterschiedlichen Kulturen einem Fremden zu erläutern, gehören zu den besten „First Contact“ Versuchen seit langer Zeit. Fast unmerklich verschiebt sich der Fokus von den Militärs im Orbit zu den Fremden und irdischen Wissenschaftlern. Unterstützung erhält die packende Handlung durch die fast kargen Beschreibungen Kress. Sie lässt der Phantasie ihrer Leser freien Raum und deutet oft mehr an als das sie beschreibt.

Als dann auch noch die eigentlichen Feinde – wahrscheinlich eher zufällig – im Sonnensystem auftauchen, kommt eine dritte Komponente zu der schon packenden Handlung hinzu. Während die ersten beiden Handlungsebenen sich intelligent aufeinander zu bewegen, dient das Auftauchen der Fremden als zeitliches Druckmittel. Wiederum überrascht Nancy Kress mit dem Verzicht auf sofortige bewaffnete Auseinandersetzung und es entwickelt sich ein psychologisches Katze- Maus Spiel zwischen den Parteien. Das die eine Seite fremd und stumm bleibt, erhöht den Druck auf der menschlichen Seite. Dabei gesteht die Autorin ihren Protagonisten das Recht, sogar die Pflicht zu, auch Fehler zu machen. Die Auswirkungen sind unterschiedlich. Einige kleine Missgeschicke können schnell bereinigt werden, ein größerer Fehler wird schließlich zu einer kulturellen Katastrophe. Ihre Charaktere müssen aber lernen, mit den getroffenen Entscheidungen zu leben. Dieser Entwicklungsprozess – stellvertretend an der Figur des Neulings David Allen fast textbuchmäßig abzulesen – erhöht die Tiefe ihrer Figuren ungemein und gibt dem Buch eine sehr interessante intellektuelle, fast philosophische Grundlage.

Es ist lange her, seitdem eine so überzeugende und interessante Space Opera veröffentlicht worden ist. Dem Outer Space stellt die Autorin einen komplexen Inner- Space gegenüber. Die humanoiden Fremden haben kein Interesse daran, dass Weltraum zu erforschen und verstehen auch nicht die Notwendigkeit und Neugierde der Menschheit, ihre ureigenen Grenzen immer weiter nach draußen zu schieben. Unwillkürlich fällt dem Betrachter die historische Begegnung der amerikanischen Indianer mit den weißen Eindringlingen aus dem Westen ein. Während sich die Militärs eher wie die alten Westmänner verhalten, suchen die Wissenschaftler die Kommunikation und Verständigung mit den Fremden. Im Laufe ihrer Forschungen akzeptieren sie schließlich auch den anderen Lebensweg. Darum endet diese Begegnung auch auf einer optimistischen Note. Beide Seiten können voneinander lernen. Der Mensch nimmt eine vollkommen neue Betrachtungsweise mit nach Hause, entführt das hoffentlich überlebenswichtige Artefakt und hinterlässt den Fremden einen Blick über die Grenze hinaus in ein anderes, für sie ohne technologische Hilfe unerreichbares und vielleicht auch unerwünschtes Universum.

Einzig der deutsche Titel „Sternspringer“ wirkt ein wenig unbeholfen und deplaziert. Zusammen mit dem schönen, aber unpassenden Titelbild erweckt der Festa Verlag den unscheinbaren Eindruck einer Allerweltsweltraumschichtige und weist nicht auf einen der spannendsten und intelligent konzipierten Romane der letzten Jahre aus den Vereinigten Staaten hin.

Nancy Kress: "Sternspringer"
Roman, Softcover
Festa 2005

ISBN 3-8655-2008-1

Weitere Bücher von Nancy Kress:
 - Feuerprobe
 - Kontakt

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