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Science Fiction (diverse)



John Barnes

Der Himmel so weit und schwarz

rezensiert von Thomas Harbach

Zwischen den mehrfach mit HUGOs, NEBULAs oder LUCUS Awards ausgezeichneten Autoren Dan Simmons, Orson Scott Card, Robert Sawyer und Nancy Kress wirkt John Barnes Roman „The Sky so big and black” im Rahmen der FESTA SF Reihe fast wie ein Fremdkörper. Obwohl der 1957 in den Staaten geborene John Barnes 1985 seine erste Science Fiction Erzählung verkaufen konnte und mehr als zwanzig Romane veröffentlicht hat, gilt er als solider Handwerker, Charles Sheffield vergleichbar. Oft stehen sein sachliche Schreibstil und seine nüchterne Erzählstruktur seinen ambitionierten Ideen im Wege. Insbesondere die zwei Kooperationen mit dem zweiten Mann im Mond – Buzz Aldrin – zeigten seine Schwächen deutlich auf. Trotzdem erfreut er sich seit vielen Jahren einem stetigen Lesepublikum und veröffentlichte Romane im Rahmen der Heyne SF Reihe als auch bei BASTEI Lübbe. Mit dem im Jahr 2002 als Hardcover veröffentlichten und jetzt auf Deutsch vorliegenden Roman verknüpft Barnes seine oft Generationenspannenden Ideen mit einer fast intimen Geschichte des Erwachsenenwerdens. Unbewusst trägt sein Werk vollkommen zurecht Züge einer Reihe klassischer Jugendromane von Robert A. Heinlein. Auf den ersten Blick böten sich Vergleiche zu dessen Roman „Der rote Planet“ an, doch die weibliche, jugendliche Protagonisten entspricht einer modernen Version vieler Charaktere Heinleins.

John Barnes Roman ist zwar auf zwei verschiedenen Ebenen angesiedelt, funktioniert aber nur auf der elementarste: die junge Methanschürferin Tepsichore Melpomene Murray erzählt von den letzten Tagen vor ihrer Erwachsenenprüfung und des Expeditionen die sie mit ihrem Vater auf einem sich im Terraforming befindlichen Mars unternimmt. Dazwischen und darüber hat Barnes einen Rahmen gelegt, in welchem die Protagonistin diese Erlebnisse einem geschulten Psychologen erzählt, der sich die Bänder im Verlaufe des Romans wieder und wieder anhört. Dabei erhöht der offensichtlich melancholische Alkoholiker mit einigen Bemerkungen bewusst die Spannungskurve. Er deutet an, dass neben der grundsoliden Geschichte andere Ereignisse von elementarer Bedeutung diese Aufzeichnungen bedingt haben.
Der letzten Teil ihrer Aufzeichnungen und damit den Bogen zu der zweiten Handlungsebene beinhaltet eine gewaltige Sonneneruption, die jede Technik lahm legt. Anscheinend ist diese Phänomen nicht natürlichen Ursprungs, sondern eine moderne Waffe einer künstlichen Intelligenz, die schon vor Jahrzehnten die Erde nach einem blutigen und verlustreichen krieg unterjocht hat. Jetzt sucht sie ihren Einfluss auf die anderen menschlichen Kolonien im All zu erweitern und das erste Ziel ist der Mars. Das einzige Heilmittel scheint die komplette Aufzeichnung der eigenen Erinnerungen zu sein und dann sein Gedächtnis löschen zu lassen. Nur so kann eine dauerhafte Übernahme verhindert werden.

Gerade Heinleins herausragende Jugendromane zeichneten sich durch die Beschreibung des Übergangs von der oft unbeschwerten Jugend ins Erwachsenwerden und dann Erwachsenensein aus. Diese Passagen ragen auch in diesem Roman heraus. Ignoriert der Leser die eigentliche Intention des Rahmens beginnt die Geschichte mit einer stetigen Diskussion zwischen dem allein erziehenden Vater und seiner fast erwachsenen Tochter. Dabei geht es um grundsätzliche Regeln, gegen die die Jugendliche opponiert, die Frage, ob es reicht, einfach als Methanschürfer weiter auf dem Mars zu arbeiten oder zur Schule zu gehen. Hier überträgt Barnes die für den Wilden Westen so typische und vielleicht einzigartige Frontiermentalität auf den roten Planeten. Mit wilder Entschlossenheit und einem nicht zu brechenden Pionierwillen sich diese Individualisten nach einer modernen Form des Goldes: Methan, das den Terraformingprozess beschleunigen kann. Die meisten dieser Abenteurer folgen den ausgetretenen Pfaden und scheitern. Die beiden Murrays haben schon einmal Glück gehabt und konnten sich eine wirtschaftliche Grundlage sichern. Selbst der überraschende Unfalltod von Terpsichores Mutter in der Einsamkeit dort draußen, kann ihren Willen nicht brechen, ihren etwas dummen, aber arbeitsamen Freund gleich nach der Prüfung zum Erwachsenen zu heiraten, die Schule abzubrechen und ihr gemeinsames Glück dort draußen zu versuchen. Ihr Vater möchte lieber, dass sie weiterhin zur Schule geht und studiert, um dann eine solidere Basis zu haben. Als sie auf eine selten große Methanmine stoßen, ändert sich zwar ihre wirtschaftliche Grundlage, die Probleme bleiben.

Mit vielen Emotionen und für einen Science Fiction Roman ungewohnter Intimität beschreibt Barnes realistisch und nachvollziehbar eine innige Tochter-Vater Beziehung. Wenn sie sich Streiten, geht es weniger um die Verteidigung des eigenen Reviers als um Bockigkeit, wenn sie gemeinsam an einem Ziel arbeiten, sind sie unzertrennlich. Dabei gelingt es dem Autoren, den beiden die Handlung über weite Strecken tragenden Protagonisten eine dreidimensionale Persönlichkeit zu geben. Der Großteil der Probleme – Liebeskummer, Zukunftsängste, Tragik und Erfolg – wirken alltäglich, nur die feindselige Umgebung des Mars verstärkt den Druck auf die beiden Charaktere.
Vergleichbar Ben Bovas „Mars“ und Geoffry Landis „First Landing“ zeichnet Barnes hier eine wissenschaftlich korrekte Fiktion der Extrapolation des Planeten Mars. Nicht große Konzerne mit Milliarden von Dollars sind die treibenden Elemente, sondern der Überlebenswille und die Neugierde einfacher, aber aufrechter Männer und Frauen. Der Autor gibt ihnen eine eigene Sprache, die zum Realismus dieser Fiktion beiträgt. Auch der Ausfall der Technik nach der Sonneneruption und die tragischen menschlichen Verluste wirken wie der Kumulationspunkt eines sehr gut recherchierten Kolonisationsprozesses. Hier zeichnen sich in erster Linie die gerade jungen Leute mit ihrer Einsatzbereitschaft und ihrem Einfallsreichtum aus. Mit unglaublich hartem körperlichem Einsatz retten sie Leben. Dabei treffen sie auch falsche Entscheidungen, aber die wichtige Botschaft, die Barnes dem Leser vermitteln möchte, ist, dass ein Wille immer noch Marsberge versetzen kann.

Alle in dieser Handlungsebene stecken so viele guten Ideen, das es für einen unterhaltsamen und spannenden Roman ausreicht. Durch die Rahmenhandlung wird die sehr persönliche Erzählung unterbrochen. Außerdem kann Barnes durch eine indirekte Ich-Erzählung den grundsätzlichen Spannungsbogen aufrechterhalten. Der Leser kann nicht erkennen, was aus Terpsichore nach Abschluss des Berichtes geworden ist. Wurde sie bei den Ereignissen schwer verletzt? Sucht sie sich für Entscheidungen zu rechtfertigen? In welchem Verhältnis steht sie zu dem Psychologen? Der kurze Klappentext nimmt einen Teil dieser Spannung durch seine sehr unglückliche Handlungszusammenfassung.

Im Kern ist John Barnes Buch vom Titel - „Der Himmel so weit und schwarz“ als Hommage an Titel wie „Weites Land“ – bis zur unbezähmbaren Natur ein moderner Westen. Was wäre es für ein Fanal, wenn die Sonneruption alles Mühen der Menschen ad absurdum geführt und die Technik in einem einzigen Augenblick stillgelegt hätte? Leider fehlt Barnes der Mut, eine klassische Geschichte in einer futuristischen, modernen Umgebung neu zu erzählen. Wenn Barnes im Nachwort seinem Team dankt und schreibt, dass ihm dieser Roman besonders schwer gefallen ist, so wirken diese Worte ehrlich und lassen sich in viele Richtungen interpretieren. Der einzige Weg ist es, einen Blick über die Täler und Einöden des roten Planeten hinaus zu werfen.

Auf einer anderen Ebene beschreibt Barnes zum einen die historische Evolution einer künstlichen Intelligenz aus den verschiedenen Kriegen auf der Erde und ihre bösartige Expansionspolitik. Da Barnes die beiden Ebenen erst gegen Ende des Buches – auf den letzten vierzig Seiten – wirklich zusammenfließen lässt, entsteht unwillkürlich der Eindruck einer gewollten und fast erzwungenen Konstruktion. Die Löschung des Gedächtnises ist notwendig, um dem Einfluss der künstlichen Intelligenz zu entgehen. Dabei stellt sich unwillkürlich die Frage, ob man vorher alles aufzeichnen sollte oder müsste, wie viele eigene Erfahrungen – egal ob gut oder schlecht – in Kombination mit dem angeeigneten Wissen den Charakter eines Menschen ausmachen und ob es sinnvoll ist, für den Neubeginn vielleicht die schlechten Erinnerungen zu lösen? Diese elementaren Fragen streift die Geschichte oberflächlich – der Raum reicht nicht aus, um sie eingehender zu behandeln. Dabei könnten sie einen deutlichen Kontrast zu den intensiven und einprägsamen Erlebnissen der beiden Murrays in der Einsamkeit des Mars darstellen. Da dem Leser nur die eingeschränkten einleitenden Worte als Grundlage zur Verfügung stehen, die den Aufzeichnungen vorangestellt sind, ist diese persönliche Ebene für die Komplexität der möglichen Themen zu wenig. Sie wirkt wie ein Katalysator eines größeren Buches, das die künstliche Intelligenz zu Beginn der Lektüre einfach gelöscht hat.

Auf dieser zweiten Ebene fehlt Barnes die Genauigkeit. Zu viele Dinge deutet er an, interpretiert er und nutzt diese Hypothesen, um fast entschuldigend wieder auf die grundlegende Pioniergeschichte zurückzukommen. Wenn der Psychologe schließlich dem Alkohol entsagt, seinen Körper gereinigt hat und das wahre Leben wieder in sich und dort draußen spürt, wirkt diese Kehrtwendung unlogisch und nicht überzeugend. Er nimmt der Sonneneruption durch die Reduzierung auf eine Waffe ihre Schärfe.
Warum die kaum vorhandene menschliche Technik behindern, wenn sie die Invasion von fast unsichtbaren Teilen der künstlichen Intelligenz erleichtert hätte? Welches Ziel hätte die Vernichtung der Kolonien auf dem roten Planeten, von denen keine Gefahr für die entvölkerte und fast unbewohnbare Erde ausgeht? Warum eine gesteuerte, aber unzuverlässige Sonneneruption, die nur die jeweilige Sonnenseite in Mitleidenschaft gezogen hat? Alles Fragen, auf die Barnes keine Antwort geben kann oder will.
Zu oft ist der Konflikt Mensch-Maschine in der Science Fiction ausgewalzt worden und zu wenig macht der Autor aus den entsprechenden Folgen. Da auch in Bezug auf die Charakterisierung und Handlungsführung gewaltige Unterschiede zwischen den beiden Ebenen bestehen, wirkt dieser Spannungsbogen aufgesetzt und nachträglich in ein stehendes Konzept eingefügt, aber nicht integriert. Es fehlen auch Protagonisten, mit denen sich der Leser identifizieren kann. Außerdem fehlen die Details, mit denen der Autor die Expedition der Murrays so reichhaltig versieht. Die Liebe steckt eindeutig in den Passagen, die ihre Entbehrungen, aber auch Triumphe beschreiben.

„Der Himmel so weit und schwarz“ ist ein zwiespältiges Buch, eine versteckte Hommage an Robert A.Heinlein und an die Tugenden, die Amerika groß gemacht haben. Barnes versucht diese mit Elementen moderner SF – künstliche Intelligenzen, zwielichtige Geheimdienste, Identitätskrisen – zu verbinden. Die Transformation seiner so überraschend einfühlsamen und doch simplen Geschichte in eine emotionslose Transkription misslingt ihm gründlich. Wer eine rasante Space Opera mit Zügen des Cyberpunks erwartet, wird enttäuscht. Der Stoff benötigt einige Zeit, um sich vollends zu entfalten. Barnes gibt seinen Charakteren und seinen Lesern die Möglichkeit, sich gegenseitig kennen zu lernen und sich weiter zu entwickeln. Die Szenen gehören zu den besten Kapiteln, die John Barnes in seiner bisherigen Laufbahn geschrieben hat. Ohne kitschig zu werden, erzählt er fast schnörkellos eine phantastische Geschichte. An vielen kleinen Details kann der Leser erkennen, wie viel Freude ihm dieser Stoff gemacht hat. Nach Fertigstellung der grundlegenden Geschichte verließ ihn der Mut und durch die Integration verschiedener moderner Ideen suchte er die Anbindung an ein jüngeres, vielleicht oberflächlicheres Publikum. Damit hat er seiner Geschichte beinahe ihr Herz genommen. Trotzdem ist seine Erzählung großherzig genug, um den Geist einer längst vergangenen Generation in einem inzwischen nicht mehr wieder zuerkennenden Land zu beschwören. Es ist immer noch der menschliche Wille, der dort draußen etwas bewegt und keine Maschine.

John Barnes: "Der Himmel so weit und schwarz"
Roman, Softcover
Festa Verlag 2005

ISBN 3-8655-2007-3

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