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rezensiert von Thomas Harbach
Der einzige hauptberufliche und gebürtige Science Fiction Autor Kanadas, Robert J. Sawyer, gehört mit mehr als zwei Handvoll originellen und mehrfach ausgezeichneten Romanen zu den Geheimtipps der Literaturszene. In Deutschland konnte er sich bislang mit einer einzigen Veröffentlichung - "Die dritte Simulation" in der damals fast ausgestorbenen Goldmann SF Reihe - nicht durchsetzen, in England finden seine unberechtigt als theoretisch charakterisierten Werke keinen Verlag, nur in den Staaten und eben seiner Heimat Kanada gehört er zu den Autoren, die mit stetiger Regelmäßigkeit publiziert werden. Dabei zeichnet sich sein bisheriges Universum durch eine ungeplante Trilogie - die "Quintaglio" Bände - und ansonsten einzelne unabhängige Romane unterschiedlichster Thematiken aus.
Interessant ist wie z.B. in seinem Buch "Illegal Alien" die Kombination aktueller Themen - das amerikanische Justizsystem in der Nach O.J.Simpson Zeit - mit einem fragwürdigen First Contact zu einem spannenden Gerichtsthriller verbunden wird. Eine weitere Brücke lässt sich zu dem hier vorzustellenden Roman schlagen. Robert J. Sawyer hat Schwierigkeiten, seine oft sehr außergewöhnlichen Expositionen zu einem befriedigen und in sich logischen Ende zu bringen. Hätte man sich in "Illegal Alien" eine zumindest symbolische Verurteilung als Beweis des noch funktionierenden Rechtsstaates gewünscht, so wirkt hier der Schluss ansatzweise ein bisschen rührselig und kitschig in seiner Gestaltung. Trotz dieser Schwächen gehört Sawyer zu den intellektuellen Geschichtenerzählern.
Mit "Die Neanderthal-Paralaxe" wird in der noch jungen Science Fiction Taschenbuchreihe des Festa Verlages der Auftaktband seines ersten - auch im Entstehen als Trilogie konzipierten - Mehrteilers veröffentlicht. 2003 erhielt er für diesen Roman den HUGO Award.
Die grundlegende Handlung ist einfach, fast schon simpel zu nennen. Durch einen Unglücksfall in einem Quantenreaktor wird Peter Boddit aus seiner Welt in eine Parallelwelt - in unsere - gerissen. Peter Boddit ist ein intelligenter Neanderthaler, ein Homo Neanderthalensis. In Boddits Welt sind die Homo Sapiens ausgestorben und von den Neanderthalern ersetzt worden. Dieser erste Roman folgt in einer gelungenen Parallelmontage Boddits Erlebnissen in unserer Welt und gleichzeitig dem Schicksal seines Partners Adikor Huld in der Neanderthalwelt. Dieser muss sich wegen des plötzlichen und unerklärlichen Verschwindens seines Partners mit einer Mordanklage auseinandersetzen.
Die Faszination dieses Romans liegt in den Details, mit denen Sawyer die fremde Kultur entwickelt und genauestens beschreibt. Wie in seinen anderen Werken erschafft er eine dreidimensionale fremdartige Welt, die sich in einigen Bereichen unwillkürlich und zufällig mit unserer kulturell überlappt, in den wichtigen, anderen Punkten oft kontraproduktiv entgegengesetzt ausgerichtet ist. Obwohl die Neanderthaler auch zweigeschlechtlich sind, beschreibt der Autor basierend auf einer Extrapolation der klassischen Strukturen in Rudeln eine andere Art von sippenartiger Gesellschaft. Im Mittelpunkt steht nicht das Vergnügen des Einzelnen, sondern das Fortpflanzen des Stammes als Ganzes. Darum spielen sich einige interessante Szenen ab, als Boddit nach und nach die Unterschiede zwischen diesen beiden Welten kennen lernt. Hier gelingt es Sawyer auch, immer wieder ungewöhnlich scharfe soziale Kritik in die Handlung einfließen zu lassen. Mit dem Alien Boddit hat er ein Instrument gefunden, um den Menschen den Spiegel vors Gesicht zu halten. Im Gegensatz allerdings zu jüngeren Autoren überspannt er den Bogen nicht. In den kitschigen und nicht überzeugenden Schlussszenen des ersten Romans kann der Fremde erkennen, dass die Menschen auch gut und uneigennützig handeln können. Er lernt ein Zusammengehörigkeitsgefühl kennen, das seine eigene Gesellschaft nie entwickelt hat. Die Parallelwelt hat unseren technologischen Entwicklungsstand erreicht. Das macht die Beschreibung einzelner Vorgänge zugänglicher, es muss keine historische Barriere überwunden werden. Gleichzeitig gelingt es dem wissenschaftlich ausgebildeten Sawyer, eine Zivilisation zu entwickeln, deren wirtschaftliche Entwicklung auf ganz anderen Wurzeln basiert.
Diese andere Welt beschreibt er sachlich als nüchternen Überwachungsstaat zum allgemeinen Wohlergehen. Die Kultur hat sich nicht weiterentwickelt, die aufbrausenden Elemente der frühen Neanderthaler wurden durch drakonische Strafen eingeschüchtert und im Rahmen der Sippenhaft vorsorglich eliminiert.
Die privaten und persönlichen Folgen spricht der Autor allerdings nur in einer emotional aufgeladenen Szene an. In anderen Abschnitten wartet der Betrachter auf Gefühlsexplosionen, die dem hier vorliegenden Text eine gewisse Tiefe gegeben hätten. Oft zu sachlich und wissenschaftlich unterkühlt fährt Sawyer dann mit der Beschreibung seiner Welt und deren Gesellschaft fort. Politisch bleibt er auch unverständlicherweise an der Oberfläche.
Dabei schwankt die hier vorliegende Beschreibung zwischen einem faschistischen Staat und einem primitiven, allerdings auf eine technologische Ebene gehobenen Stamm. Es herrscht die Meinung vor, solange mich das alles selbst nicht betrifft, ist es in Ordnung. Gerade diese kritischen Passagen hätte Sawyer komplexer entwickeln können. Oft kann der Autor sich nicht entscheiden, ob er die schleichende Opposition in den Mittelpunkt zukünftiger Ereignisse stellt oder auf die persönliche Ebene - eben das tragische Schicksal des sympathischen Adikor Huld - zurückführt. Es ist eine interessante Feststellung, dass eigentlich eine Nebenfigur die meiste Last auf ihren Schultern trägt. Im Vergleich zu dem zu glatten und oft ein bisschen zu weinerlich schwachen Reisenden Boddit wirkt Huld durch seine Vergangenheit und durch die Entbehrungen, denen er ausgesetzt wird, reifer und komplexer.
Boddit charakterisiert der Autor meistens aus der Perspektive einer dritten Person. Dabei ist der Kontrast zwischen der Wissenschaftlerin Mary Vaughan von der Erde und dem Neanderthaler Adikor ein interessantes Wechselspiel. Warum der Autor allerdings Mary Vaughan am Anfang des Romans vergewaltigen lässt, wird sein Geheimnis bleiben. Damit schafft er zwar eine Distanz zwischen Huld und ihr, doch er arbeitet nicht richtig daran, diese Barriere zu überwinden. Gesundes wissenschaftlich begründetes Misstrauen hätte mehr als gereicht.
Viele Passagen lassen sich mit Brücken zu den beiden folgenden Romanen vergleichen. Der Leser erwartet mehr Informationen, mehr Hintergrund, während sich Sawyer auf das offensichtliche und konzeptuell schwache Krimielement konzentriert. In dem ansprechenden Roman "Das Herz eines Helden" gelang Michael Bishop eine emotionell zufrieden stellende, kleine Geschichte. Obwohl über zweihundert Seiten länger mit weniger Handlung wirkten die Figuren abgerundeter und sympathischer. Sawyer macht schließlich den Fehler, zu viel in diesem Buch zu Ende bringen zu wollen und die Grenze zwischen den beiden Welten zu schließen - warum eigentlich?
"Die Neanderthal-Paralaxe" ist trotz der einfachen Handlung, trotz der Fehler in der Charakterisierung die Reise in eine auch vom recherchierten Hintergrund sehr gut entwickelte fremdartige Welt, eine geschickte Spekulation, bis in die kleinsten Details durchgeplant und ausformuliert. Das Gleichgewicht zwischen dem Hintergrund einer neu erschaffenen Welt und einer spannenden Geschichte neigt sich mehr dem Ersteren zu.
Als die Ambitionen, etwas Neues zu entwickeln, steht deutlich über vielen anderen Romanen der gegenwärtigen Science Fiction Literatur. Außerdem lässt sich noch nicht absehen, welche Basis Sawyer für die nächsten beiden Bücher mit seinen umfangreichen Beschreibungen gelegt hat. Der Autor hat die Chance sich verdient, in den folgenden Romanen diese Schwächen auszugleichen und uns nach der Studie anderer intelligenter Wesen beim nächsten Mal eine gute Geschichte zu erzählen.
Robert J. Sawyer: "Die Neanderthal-Paralaxe"
Roman, Softcover
Festa 2005
ISBN 3-8655-2006-5
Weitere Bücher von Robert J. Sawyer:
- Flash
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