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Science Fiction (diverse)



Carl Grunert

Der Marsspion

rezensiert von Thomas Harbach

Nach drei Romanen des Schwaben Daiber, zwei farbenprächtigen sekundärliterarischen Schriften aus dem vorletzten Jahrhundert, einer theoretischen Abhandlung über die beiden deutschen SF-Magazine in den fünfziger Jahren und dem ersten Sammelband mit Romanen um den „Luftpiraten und sein lenkbares Raumschiff“ veröffentlicht der Kleinverlag Dieter von Reeken als ersten Band die letzten Novellensammlung des deutschen Autoren Carl Grunert. Zum ersten Mal präsentiert sich einer der liebevoll zusammengestellten Paperbacks auch mit einem exklusiven Titelbild- aus der spitzen Graphikfeder von Thomas Hofmann nach Motiven der Titelnovelle. In Zusammenarbeit mit dem Erfurter Herausgeber Gerd-Michael Rose wird Dieter von Reeken in den nächsten Monaten weitere Sammlung aus Grunerts Feder veröffentlichen. In der ursprünglichen Frakturschrift – im Gegensatz zu den hier im Neusatz präsentierten Bänden – erschienen die Werke Grunerts schon bei Roses TES-Reprint.

„Der Marsspion“ ist die vierte und letzte Sammlung der kürzen Werke Grunerts und erschien 1908 zum ersten Mal wahrscheinlich im Buchverlag fürs Deutsche Haus. Carl Grunert – ein lebenslanger Fan Jules Vernes – wurde 1865 geboren und starb schließlich 1918 drogensüchtig in einem Krankenhaus. Das wie immer sehr lesenswerte Vorwort des Herausgebers fasst die wenigen bekannten Fakten über diesen frühen Vertreter deutscher utopischer Literatur zusammen. Kurd Laßwitz und dessen Werk inspirierte ihn zu eigenen Arbeiten. Daneben offenbaren einige Gedichtzitate Grunerts sensiblen Charakter. Dieter von Reeken veröffentlicht neben Beispielen der Originalausgabe in Frakturschrift alle Zeichnungen der Erstveröffentlichungen. Einige Zeichnungen missfielen dem Autoren schon zu Lebzeiten. Sie wirken stilisiert und übertrieben. Trotzdem entschloss sich Dieter von Reeken, die Abbildungen auch in der Neuauflage nachzudrucken.

Anschließend folgen insgesamt zehn Novellen und das Geleitwort der Originalausgabe. Die meisten haben allerdings die Länge von Kurzgeschichten, nur zwei der Texte verdienen eine Charakterisierung als Novelle.


Das Wort zur eigentlichen Sammlung stammt aus der Feder des Herausgeber Karlernst Knatz, dem Herausgeber der Zeitschrift ARENA. Er schlägt den Bogen von den Märchen zur utopischen Literatur und schließlich zu Grunerts Werk. Dabei erwähnt er die wichtigsten phantastischen Autoren, die Einfluss auf Grunert genommen haben – Jules Verne als Jugendlektüre und Kurd Lasswitz, dessen Werk Grunert in seiner Novellensammlung „im irdischen Jenseits“ Ehre erweist. Erstaunlicherweise findet sich kein Hinweis auf H.G. Wells und die Interpretation dessen Werk in einigen Geschichten dieser Sammlung. Ob es mit dem immer deutlich werdenden Konflikt zwischen Preußen und England in Zusammenhang steht, kann hier nicht mehr eruiert werden.

Die ersten drei Geschichten dieser Sammlung – „Der Marsspion“, “Pierre Maurignacs Abenteuer“ und „Das Ei des Urvogels“ – sind literarische Umsetzungen und Interpretationen klassischer Werke H.G.Wells. So fabuliert „Der Marsspion“ im Grunde die Vorgeschichte zu
„Kampf der Welten.“ Neben der realen Sternwarte Flagstaff in Arizona treten zwei reale Wissenschaftler –Forscher und Assistent – auf. Wie Wells selbst deutet Grunert sein Wesen vom roten Planeten nur an. Interessant ist der wissenschaftlich-technische Kern der Geschichte, in welchem sich die beiden Forscher ob der Quantensprünge in der Fotographie und Teleskoptechnik gegenseitig loben, um dann die Kehrseite dieser Goldmünze zu erkennen. Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren seine Seite legt Grunert Wert, seine Geschichten auch durch Dialoge und nicht nur Beschreibungen fortzuentwickeln. Auch heute noch liest sich der Text als Mischung zwischen Gruselgeschichte und Urform der Invasionsgeschichten unterhaltsam kurzweilig und könnte eine interessante Abendlektüre zusammen mit H.G.Wells Roman in werktreuer Neuübersetzung oder im Original bilden.

Stellte „Der Marsspion“ noch eine Vorgeschichte zum „Kampf der Welten“ dar, ist die humoristisch angehauchte und in einer Parodie auf das elisabethanische Englisch geschriebene Novelle „Pierre Maurignacs Abenteuer“ eine Fortsetzung der „Zeitmaschine“. H.G. Wells taucht zumindest telegraphisch in seiner Funktion als Autor des Romans „Die Zeitmaschine“ ebenfalls auf. Der junge Tüftler Pierre Maurignac erhält von seinem Schwager in spe eine Maschine geschickt, die dieser in der nähe eines Wracks auf dem Grund des Kanals gefunden hat. Mit viel Elan reinigt er diese seltsame Maschine, kann sich aber die Funktion nicht erklären. Von seiner Verlobten herausgefordert spielt er an den Hebeln herum und landet in der fernen Vergangenheit bei den Höhlenmenschen und wird von einem wilden riesigen Braunbären bedroht.
Konsequent setzt Grunert in dieser vergnüglichen, wenn auch hektischen Geschichte H.G. Wells Zukunftsvisionen Spiegel verkehrt um. Eines der bekanntesten Werke Kurd Laßwitzs ist „Homchen- das Märchen aus der Kreidezeit“ und vielleicht ist es deswegen so faszinierend, wie Grunert sein literarisches Vorbild – Kurd Lasswitz- mit seinem stetigen Quell literarischer Variationen –H.G.Wells- zu einer gekonnten Hommage verbindet. Die Zeitreise an sich ist von Grunert ebenso erhaben und fremdartig beschrieben worden wie in der Originalfassung, die Situationen ähneln sich fast. In beiden Fällen dient eine Höhle als Gefängnis – im Originalroman wird der unbekannte Reisende nach dem letzten Krieg eingeschlossen – und hier steht die Höhle für die unvergängliche Ewigkeit. Der Zeitreisende in der Originalfassung findet in ferner Zukunft eine neue Liebe, Grunerts Held wider Willen kehrt zu seiner Verlobten zurück. Beiden glaubt man ihre Reisen nur widerwillig und während H.G.Wells Charakter keinen Beweis vorlegen kann, zeugen eine Tätowierung – eine schwache literarische Erklärung- und Höhlenmalereien, die Ähnlichkeit mit dem Fremden haben, von der Wahrheit.
Auch die Idee, H.G. Wells als literarische Stimme in diese fiktive Geschichte einzubauen, muss zu Beginn des letzten Jahrhunderts auf enorme Resonanz gestoßen sein. Nach einer Reihe ähnlicher Ideen und Filme wirkt dieser Einschub inzwischen abgenutzt, aber der Leser sollte sich gedanklich mit auf die Zeitreise begeben und sich vorstellen, wie diese Geschichte in der utopischen Literaturwüste des Jahres 1908 gewirkt hat.
Stilistisch lehnt sich Grunert hier deutlich an den epochalen, erhabenen Stil des Originalromans mit seiner unglaublich weitreichenden Dimension an. Auch die Idee, die Vergangenheit zu untersuchen und dabei auf primitive, hilfsbereite Vorfahren des Menschen in ihrem täglichen Überlebenskampf zu treffen, ist eine auch heute noch lesenswerte, wenn auch nicht mehr intellektuell fordernde Weiterentwicklung des ursprünglichen Konzeptes. Während „Der Marsspion“ eine stimmungsvolle Einführung in das ursprüngliche Werk Wells darstellt, wird diese kleine Geschichte durch andere Fortsetzungen der Zeitmaschine – siehe Stephen Baxters „Die Zeitschiffe“ – unverdient an den Rand gedrückt.

Die letzte offensichtliche Verbeugung vor H.G. Wells ist die Kurzgeschichte „Das Ei des Urvogels“ mit Bezügen zu der Kurzgeschichte „Das Kristall-Ei“. Ein weltfremder Professor erhält eine Felsplatte, in der sich das Ei eines Archäopteryx befindet. Mit Mühe entringt er dem Stein unversehrt das Ei und entschließt sich, es in den Brutofen zu stecken, um die urzeitliche Kreatur wieder zum Leben zu erwecken und das Tier aus zu brühten. Dabei versteift er sich in dieser Aufgabe und entfremdet sich mehr und mehr von seiner Umwelt. Die verzweifelte Haushälterin sucht einen befreundeten Arzt auf. Gemeinsam fällt ihnen durch einen Zufall die Lösung in den Schoß.
Die Geschichte lebt in erster Linie vom Protagonisten Professor Diluvius, einem typischen Vertreter der weißbärtigen Lehrerkaste, die jeglichen Bezug zur Realität verloren haben und nur noch in den theoretischen Welten ihrer Forschungen leben. Mit einem vergnügten Augenzwinkern karikiert er diese absonderliche Gattung Mensch in dieser leichten Geschichte.
Wie die beiden folgenden Geschichten gehört diese Erzählung in den Bereich der „Scienes Romances“, deren wissenschaftlicher Inhalt oft nur Katalysator oder Endpunkt für zwischenmenschliche romantische Beziehungen ist. „Das Ei des Urvogels“ sind die dann die kennzeichnenden Dreierbeziehungen noch platonisch und mit guter Absicht, einen Menschen von seinem scheinbaren Irrglauben zu befreien. In den beiden nächsten Geschichten beschreibt Carl Grunert die Schwierigkeit von Frauen und Männern, den „richtigen“ Partner zu finden, zu halten oder davon zu überzeugen, sich zu seinen/ihren Gefühlen zu bekennen.

So ist „Katalysator“ eine erfrischend originelle Betrachtung weiblicher Verschlagenheit und Unentschlossenheit in einer Person- die junge Engländerin Mabel will vom jungen Forscher Dr. Schlichtmann und seinem stetigen, beharrlichen Werben nichts wissen. Erst als ihre beste Freundin Gertrude dem Doktor bei einem Experiment hilft und holde Gefühle für ihn entwickelt, muss sich Mabel einer gänzlich ungewohnten Situation stellen.
Ungewöhnlich für diese Zeit ist die Erzählperspektive und die Offenheit, in der ein Mann das Gefühlsleben von zwei jungen Frauen in Worte zu fassen sucht. Er beschreibt die inzwischen klischeehaften Schwülstigkeiten und die Notwendigkeit, in kritischen Situationen in Ohnmacht zu fallen. Daneben sind seine Figuren aber sehr emotional und vielschichtig charakterisiert und überzeugen deutlich mehr als das Objekt der Begierde- der intelligente, aber im Grunde blasse und unauffällige Dr. Schlichtmann. Die Forschungen, die er betreibt, sind in dieser Geschichte ohne Belang und werden auch nicht näher erläutert, sie dienen wirklich nur als der sprichwörtliche und Titel gebende Katalysator, die richtigen Menschen zusammenzubringen. Das braucht es allerdings eines Schlüsselelements, das den Reiz dieser leichten Geschichte darstellt.

In die gleiche Kerbe schlägt auf den ersten Blick „Der verirrte Telefondraht“. Ein junger Ingenieur, der aus Liebeskummer nach Afrika geflohen ist, kehrt nach fünf Jahren zurück und kehrt bei seinem Freund, einem Amtsrichter ein. Dort sprechen die beiden über Gott und die restliche Welt, das die Europäer Afrika die Zivilisation bringen, um im Notfall und bei einer ökologischen Katastrophe, die Europa unbewohnbar machen könnte, neuen Lebensraum zu haben. Durch einen Zufall erfährt der Ingenieur vom Schicksal seiner ehemaligen großen Liebe und ihrem Entschluss, einem Orden beizutreten. In letzter Sekunde greift er aktiv zum letzten Strohhalm, seine Liebe zu gewinnen und das Glück zu finden. Schon die wissenschaftliche Prämisse wirkt hanebüchen und erinnert mehr an die kitschigen Heimatromane als an eine wissenschaftliche Geschichte. Im Gegensatz zu „Katalysator“ wirken die Figuren ungemein steif und die verschiedenen Gespräche hochgestochen und abgehoben. Da es dem Leser nicht möglich ist, eine Sympathieebene zu diesen Charakteren aufzubauen, bleibt ein schaler Geschmack zurück. Interessant sind die vielen Anspielungen zu Beginn des Romans, die Ausgangspunkt für eine Reihe von spannenden utopischen Romanen in der Tradition Hans Dominiks sein könnten. Der Bau einer Transkontinentalen Eisenbahn von Mittelmeer bis zum Kap der Guten Hoffnung. Es fällt die Bemerkung, dass man jetzt endlich die wenigen deutschen Kolonien nutzen könnte –wozu bleibt im Unklaren- und einige schwache Seitenhiebe auf die preußische Außenpolitik und das Sendungsbewusstsein deutscher Forscher und Politiker kann sich Grunert sich verkneifen. Interessanter ist die Bemerkung, dass man im Falle einer ökologischen Katastrophe zumindest einen Teil der europäischen Bevölkerung in die menschenleeren Gebiete Afrikas umsiedeln könnte, Grunert äußert sich aber nicht zu Auslösern oder Folgen eines solchen Naturereignisses.

Die in Amerika spielende Story „Mr.Vivacius Style“ ist eine Hommage an Edgar Allan Poe mit interessanten Ansätzen, aber wie in einigen anderen der hier präsentieren Geschichten negiert Grunert seine Thesen durch die platte Pointe am Ende des Textes. Nach einem Zugunglück rettet ein Arzt des Kopf des brillianten Kolumnisten Style und weckt ihn mit seiner Erfindung – einem Kunstblut – auf einem mechanischen zumindest wieder zu literarischem Leben. In einer Reihe von Artikeln verhindert Style die Entrechtung der farbigen Bevölkerung und siegt aus der Anonymität heraus mit einer Reihe Aufsehenserregender Artikel gegen seinen Gegenspieler Retrorsy . Nach einigen Irrungen kommt es zur direkten Konfrontation der beiden opponierenden Kolumnisten. Retrorsy wirft Styles vor, als Maschine nicht mehr das Schicksal anderer Menschen beeinflussen zu dürfen und Styles wirft die Frage auf, was einen Menschen auszeichnet. Der Körper oder die Seele. Diese Ideen führt Grunert nicht weiter aus und beendet die Geschichte in einem Patt. Fast schon mag der aufmerksame Leser den Satz „kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort“ in den Mund nehmen, als der Text einen weiteren Rahmen erhält, der alle ernsthaften Bestrebungen Grunerts widerspricht. Gleichberechtigung der Rassen, das menschliche Element und schließlich die Macht der Zeitungen in ihrer damals absoluten Stellung sind Themen, aus denen Grunert in Kombination mit seiner wissenschaftlichen Exposition – künstliches Blut und ein Konstrukt, das es Styles ermöglicht, seine Texte direkt in ein Schreibgerät zu diktieren – einen Klassiker hätte schaffen können. Interessante autobiographische Bezüge – Grunert war Zeit seines Lebens schwächlich – können aus diesem Gerüst einer Geschichte nicht abgelesen werden.

Die längste Story dieser Sammlung – „Ballon und Eiland“ – ist eine direkte Würdigung von Jules Vernes Geschichten. Die beiden Inspirationen – „Die geheimnisvolle Insel“ und „Die Abenteuer des Kapitän Harretas“ – werden von einem der weiblichen Gestrandeten erwähnt. Vorher beschreibt Grunert das Schicksal von insgesamt neun Menschen, die auf einer Weltausstellung abends in einen der Heißluftballone steigen und von einem aufkommenden Hurrikan auf das Meer abgetrieben werden. Auf einem abgeschiedenen Eiland landen sie Not und müssen fortan ihr Wissen und ihr natürliches Gespür vereinen, um zu überleben.

Besonders die erste Hälfte der Geschichte besticht durch eine Reihe von interessanten Ideen. Während in Jules Verne Vorlage die Flüchtlinge aus einem Gefängnis fliehen, besteigen hier die zukünftigen Nachfolger Robinsons in einer Weinlaune trotz des aufkommenden Unwetters den Ballon. Die Weltausstellung – Synonym für den Pioniergeist des Menschen und seine Erfindungsgabe – muss sich den Naturgewalten beugen.
Als sie schon mehrere Tage über das Meer getrieben worden sind und die opulenten Vorräte zu Ende gehen, möchten sie zwei Menschen opfern, den Ballon verlassen und an Stricken verbunden unter dem Gefährt dahin schwimmen, um dessen Ballast zu vermindern. Die erste Freiwillige ist eine Frau! Kurz bevor ihre Kräfte endgültig schwinden, entdeckt die Gruppe Land und kann auf der Insel notlanden. Hier schaffen sie es aufgrund Ihrer Fähigkeiten und der routinierten Anleitung der Frauen lange Zeit zumindest ein Auskommen zu haben. Erst gegen Ende der Geschichte entreißt ihnen eine Springflut ihr Hab und Gut.
Wie bei einigen anderen Texten dieser Sammlung hat der Leser den Eindruck, dass Grunert mit mehr Geduld und der Ambition, einen Roman zu schreiben, aus den Ideen viel mehr herausgearbeitet hätte. Kaum ist die Gruppe in lebensbedrohlichen Schwierigkeiten, rettet sie ein deutsches Forschungsschiff. Wahrscheinlich weniger eine Anspielung auf den vorherrschenden Patriotismus – dann hätte eine der Frauen nicht „home, sweet, home“ gesungen, sondern ein deutsches Volkslied – als Ausdruck des Stolzes auf die Errungenschaften der deutschen kleinen Flotte, die mutig in ferne Regionen vordringt. Im Gegensatz zu dem utopisch gefärbten Jules Verne Roman wirft Carl Grunert in dieser abenteuerlichen, aber nicht phantastischen Geschichte mit Erklärungen um sich. Jules Verne hatte die fast einmalige Fähigkeit, sein Wissen unterhaltsam unter seinen Lesern zu verbreiten, Carl Grunert schweift zu sehr ab und belehrt sein Publikum. Auch wirken die einzelnen Figuren pomadig und eingebildet, es kommt selten das Gefühl einer echten Bedrohung auf. Trotzdem übernehmen in erster Linie die Frauen das Kommando und ordnen die Situation, während die in der Minderzahl vorhandenen Männer sich um Zigaretten und schließlich die letzte Flasche Wein kümmern. Das steht in krassen Gegensatz zu Jules Vernes Werken, dessen Schwächen es gewesen ist, wirklich überzeugende weibliche Charaktere zu erschaffen.
Die zum Teil weitschweifigen Erklärungen ermüden in einer rudimentär vorhandenen Handlung und der Autor reiht nur eine Szene an die Andere. Viele dieser Episoden sind unterhaltsam, aber im Vergleich zum ursprünglichen Roman von Dafoe wirken sie statisch.
Ein boshafter Leser wartet auf den übermächtigen Regisseur, der die ganze Inselexpedition zur Unterhaltung der Gruppe inszeniert und alle Schritte überwacht hat.

Obwohl „Mysis“ in seiner Konzeption – der Protagonist begegnet nachts einem leuchtenden Irrlicht – zunächst an Kurd Lasswitz erinnert, etabliert sich Grunert hier als eigenständiger Autor, der die Idee der Invasion aus dem All – anders als in „Der Marsspion“ mit ihrer Hommage an H.G. Wells - in einem sehr fließenden Stil mehr angedeutet als realisiert erzählt. Die Irrlichter stellen sich als Außerirdische heraus, die mit Hilfe einer chemischen Formel in ihrer Verkleidung sich der jeweiligen Umgebung anpassen können. In dieser Konzeption mit der Verschmelzung von Traum und Realität wirkt die Geschichte über weite Strecken wie ein modernes Märchen, bevor Carl Grunert in einem klassischen Showdown die Fremden zwar entlarvt und tötet, sich aus die Situation für die Erde allerdings mehr Fragen als Antworten ergeben. Am Ende verbindet er das Phänomen des Unsichtbarseins dann mit der seltenen Tarnfähigkeit einer Krebsart, stört eher als das es dem Leser hilft. Diese Verbindung kommt zu spät und wirkt wieder seltsam belehrend. Es wäre besser gewesen, die wissenschaftliche Anmerkung in Form einer indirekten Note – Artikel oder Schulbuch – an anderer Stelle zu bringen.

„Das Ende der Erde?“ ist klassischer Stoff, auch wenn der Leser zu erst an eine Fortsetzung von „Mysis“ mit dem unsichtbaren Himmelskörper denkt. Diese Geschichte hätte eine Fortsetzung verdient. Nachdem die Nachrichten durchgesickert sind, beschreibt Grunert in kompakten Bildern die weltweite Panik, die Hilflosigkeit der Politiker und Wissenschaftler und das Zusammenbrechen aller etablierten Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme. Ein Wissenschaftler findet in dieser hektischen Situation Zeit, sich um seine Frau zu kümmern und allen zu zeigen, dass man selbst in dieser Situation Mensch bleiben muss. Das obligatorische Ende wird von der Mutter Erde abgewandet. Diese hier in Form eines Artikels präsentierte Erklärung wirkt konstruiert und zeigt, dass Grunert manchmal jegliche Wissenschaft zugunsten eines interessanten Plots über Bord werfen konnte. Die Bezüge zu Darwin und das die Mutter Erde sich selbst und damit den Menschen retten kann, unterstreichen das damalige Weltbild vom Mensch als Krone der Schöpfung. Wahrscheinlich wäre es für Grunert unbegreiflich, dass die Erde sich auch vom Menschen säubern kann und die darwin´sche Lehre weiter bestehen würde. Die Geschichte wird durch die Kombination verschiedener Erzählebenen – Dialoge, indirekte Erzählung und schließlich Artikel, Telegramme und Überschriften – aus technischer, schriftstellerischer Sicht sehr interessant gestaltet und überzeugt trotz der Komplexität seines Handlungsrahmens bis auf das unbefriedigende Ende.

Die abschließende Geschichte „Heimkehr“ ist einer der stärksten Arbeiten dieser Sammlung. Bei einer zufälligen Begegnung in einer Zugkabine greift der Erzähler nach der Schutzbrille des ihm gegenüber schlafenden Mannes, um diese vor dem Fall auf den Boden zu retten. Dabei schaut er durch und kann ins Innere, in die Seele, eines Menschen schauen. Ein weiterer Passagier plant für den nächsten Tag einen Überfall, der bebrillte Zuschauer nimmt fast an der zukünftigen Tag teil. Ein Blick auf die Zugbewandung führt ihn in die innere mechanische Struktur des Zuges, eine Betrachtung des grauen Himmels lässt in weitere zu den Sternen reisen. Kaum wacht sein Gegenüber auf, schwankt der Erzähler, aber die Geschichte nur ein Traum bist, bis sie sich durch eine Kleinigkeit bestätigen lässt. Stilistisch sehr gut bis zum ausklingenden, optimistischen Gedicht hält Carl Grunert seine Leser hier im Niemandsland zwischen Traum und wahrer Begebenheit gefangen. Mit seinen Beobachtungen baut sich der zu Beginn traurige Erzähler wieder auf und gleich dem kleiner werdenden Mann aus Jack Arnolds Film „Die unglaubliche Geschichte des Mr.C“ (allerdings nicht der zugrunde liegenden Geschichte von Richard Matheson) erkennt er seinen Platz im Universum und fängt einen neuen Lebensabschnitt an.


Wie schon im Vorwort angedeutet, überzeugen in erster Linie durch eine gewisse Zeitlosigkeit die Geschichten, die in einem direkten Zusammenhang mit den Arbeiten H.G.Wells oder Kurd Laßwitzs stehen. Die Anspielungen auf Jules Verne wirken weniger gut gelungen. Obwohl Carl Grunert schon als Junge von dessen Büchern gefangen genommen worden ist, gelingt es ihm in dieser Sammlung nicht, dessen farbenprächtigen und opulenten Stil und seine fließende Erzählungsform auf seine eigenen, oft interessanten, aber nicht immer ausformulierten Ideen zu übertragen. Dabei steckt in einigen der hier präsentierten Geschichten durchaus konträres Material. Die offene Kritik vor Rassendiskriminierung, die Warnung vor einer ökologischen Katastrophe und schließlich die Frage nach der Definition eines Menschen finden sich in einigen Texten. Dazu kommen seine interessanten Einfälle, seine liebenswerten, skurrilen und mit pointierten Namen ausgestatten Figuren. Dabei finden sich in den meisten der Texte klassische utopische Ausgangssituationen – der drohende Kometeneinschlag, die Gefahr von Invasionen und nicht erklärliche Erfindungen wie die dunkle Schutzbrille – aus denen Grunert eigenständige Variationen schafft.

Schon von der ersten Geschichte an „Der Marsspion“ lassen sich alle Geschichten ohne den oft zu findenden Hurrapatriotismus eines kaiserlichen Deutschlands und dem Sendungsbewußtsein vieler Preußen lesen. Seine Texte spielen in Amerika, handeln von Engländerin und scheuen sich nicht, eine internationale multikulturelle Gesellschaft zu beschreiben. In zwei dieser Storys treten Figuren aus seinen vorhergehenden Sammlungen auf. Es wäre besser gewesen, diese insgesamt vier Sammlungen in der Reihenfolge ihres Erscheinen mit der Möglichkeit, die verstreuten fehlenden Kurzgeschichten in einer Originalanthologie, zu bringen. Dadurch hätte ein interessierter Leser den schriftstellerischen Reifeprozess besser verfolgen können. So offenbart Dieter von Reeken die letzte Sammlung zuerst.

Einige der Geschichten hätten komplexer und breiter ausgerichtet werden können, es ist frustrierend zu sehen, dass Carl Grunert keine Romane geschrieben hat. Viele Ansätze hechelt er nur durch, anstatt sie für weitere Handlungsebenen zu nutzen. Trotzdem lassen sich die kurzen Novellen fast einhundert Jahre nach ihrer Entstehung immer noch gut lesen und unterhalten kurzweilig. Mit Carl Grunert holt der Kleinverlag Dieter von Reeken nach Daiber einen weiteren Großvater der deutschen utopischen Literatur aus dem Schatten der Vergangenheit hervor und stellt ihn einem kleinen Kreis interessierter Leser vor. Die Begegnung ist keine verlorene Zeit. Carl Grunert scheint sich seine eigene Nische erschrieben zu haben. Im Vergleich zu dem trotzig optimistischen Daiber und den später verstärkt utopischen Abenteuerstoffen Robert Krafts wirken seine konzentrierten Geschichten wie Exposes eines literarischen Kenners seiner Zeit, der geschickt die Impulse aufnimmt und aus seinem eigenen Fokus variiert.


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Carl Grunert: "Der Marsspion"
Anthologie, Softcover
BoD 2005

ISBN 3-8334-2993-3

Weitere Bücher von Carl Grunert:
 - Im irdischen Jenseits
 - Im Königreich Nirgendwo
 - Zukunftsnovellen

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