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Science Fiction (diverse)



Albert Daiber

Anno 2222

rezensiert von Thomas Harbach

Nach "Die Weltensegler" (1910) und der Fortsetzung "Vom Mars zur Erde" (1914) legt der Kleinverlag Dieter von Reeken mit "Anno 2222:Ein Zukunftstraum" den ersten utopisch angehauchten Textes des Schwaben Dr.Albert Daiber vor. Weniger der Drang, eine phantastische Geschichte zu erzĂ€hlen als die Suche nach einem Ventil, um seine Unzufriedenheit mit den politischen UmstĂ€nden auszudrĂŒcken, prĂ€gt diesen ĂŒber weite Strecken auf die klassischen Reisestoffe zurĂŒckgreifenden kurzen Text. Neben einer sachlichen, umfangreichen Einleitung finden sich in diesem sehr sauber gestalteten Paperback einige Reproduktionen der Originalausgabe.





In seinen Zukunftstraum des Jahres 2222 baut der Autor zwei parallel laufende elementare Grundhandlungen ein. Einmal die politischen Schwierigkeiten zwischen der der Großmannsucht erlegenen USA mit ihren proletarischen Wurzeln und den Vereinigten Staaten von Europa, einem Nachfolger der verschiedenen adligen Staaten und einem Naturereignis. Der Mond verlĂ€sst seine Umlaufbahn und droht auf die Erde zu stĂŒrzen.



Im ersten Kapitel setzt sich der Autor mit den politischen Strategiespielen auseinander. In den Mittelpunkt stellt der Autor geschickt das Sprachrohr der Welt, den Inhaber der Weltposaune, einer der mĂ€chtigsten Zeitungen Europas, deren Herz in Berlin schlĂ€gt. Der Inhaber blĂ€ttert am 01.April 2222 - dem Beginn dieses Traumes, kein anderes Datum stellt die Narretei besser dar als dieser Tag - in einem Almanach des Jahres 1905. Vorsichtig sieht er die heutigen Wurzeln des politischen Übels im Fehlverhalten der politischen FĂŒhrer dieser Zeit. Es folgt ein kurzes Hohe Lied auf Bismarck, dann allerdings offene Kritik am politischen Gebaren der englischen VerrĂ€ter, die intensive Kontakte zu Japan suchen. Wenige Jahre spĂ€ter wird ausgerechnet Nazideutschland den Bogen in den Fernen Osten schlagen. Eine Depesche aus den Vereinigten Staaten trifft ein, der PrĂ€sident verlangt, dass die Vereinigten Staaten von Europa innerhalb der nĂ€chsten 22 (!) Tage ihren Namen Ă€ndern und ihre Unterlegenheit durch verschiedene peinliche Gestern anerkennen. Das trifft die Ehre des Redakteurs und er beschließt, eine Pressekampagne gegen die USA zu inszenieren.



Die Problematik mit dem abstĂŒrzenden Himmelskörper - da der magnetische Pol im Bereich der Vereinigten Staaten liegt, besteht Hoffnung, dass die Natur den politischen Feind eliminiert - ist eng mit dem weltfremden, hochintelligenten und stotternden Professor GemĂŒtlich verknĂŒpft, der den Auftrag erhĂ€lt, einen gerade durch den Aufschlag auftauchenden Kontinent auf der sĂŒdlichen Halbkugel zu erforschen. Hier ist interessant, wie Daiber abenteuerliche Stoffe des Trivialromans mit seinen eigenen Reiseerfahrungen verknĂŒpft.



Der Roman stammt aus dem Jahre 1905, also knappe fĂŒnf Jahre vor seinem nĂ€chsten utopischen Stoff - Die Weltensegler. Daiber verfasste die boshaft ironische Karikatur der gesellschaftlichen und politischen Gegenwart zu einer Zeit, als er sich selbst enttĂ€uscht von den Freimaurern abgewandt hatte und nach einer Reihe von Geschichten fĂŒr die Jugend. Diese "Geschichten" stellten in erster Linie klassische Reiseliteratur dar, in der er seine AustralieneindrĂŒcke schriftstellerisch verarbeitete. Darum ist es nicht verwunderlich, dass dieser Text ĂŒberwiegend ein Reiseroman mit phantastischen AnklĂ€ngen ist. Ein bisschen provozierend und mit Seitenhieben auf die arroganten Amerikaner beschreibt er die Reise durch den gerade entstandenen Panamakanal genauso wie das Eintreffen auf dem fremden Kontinent - der ausgerechnet Lemuravida genannt wird . Dabei gelingen ihm einige exotische Szenen, doch das erzĂ€hlerische Talent eines Jules Verne ist ihm weder in diesem Buch noch in den folgenden Stoffen in die Wiege gelegt worden. Auch sind seine Protagonisten ĂŒberwiegend Intellektuelle, Geisteswissenschafter, die sich an den eigenen Leistungen und Forschungen direkt oder indirekt ergötzen. Wie in seinen beiden Marsromanen fehlt der Bezug zum einfachen Volk, eine Tatsache, die Jules Verne in vielen seiner utopischen Abenteuerromane klug einzusetzen nutzte. So konnte der normale Leser durch die Augen eines Gleichgesinnten die Wunder der Technik bestaunen und fĂŒhlte sich nicht gĂ€nzlich von den ĂŒberlegenen, theoretischen Geistern in die Ecke gedrĂ€ngt.



Die SchwÀche dieser Groteske liegt weniger in den vielschichtigen Ideen -auf die noch Bezug genommen wird, als im eigentlichen Handlungsaufbau.

Seine politische Unzufriedenheit drĂŒckt Daiber in der offenen Kritik an Amerika aus. Wie fĂŒr die jetzige Bushregierung gibt es nur eine Alternative, sie im wahrsten Sinne des Wortes auf den Mond schießen. Dabei spielt weniger der wissenschaftliche Unsinn eine Rolle, das ein Absturz des Mondes kaum Folgen fĂŒr die Gebiete außerhalb seines Einschlages haben kann, als die boshafte Genugtuung, den Erzfeind in damals unerreichte Gefilde zu schießen. In vielen utopischen Texten -von Jules Vernes "Reise durch die Sonnenwelt" und seinem posthum veröffentlichten Werk "Die Jagd nach dem Meteor" bis zu Eichhackers "Panik und Fahrt ins Nichts" - werden die Auswirkungen solcher Naturkatastrophen vielleicht noch in Unkenntnis ökologischer Wechselwirkungen heruntergespielt, hier dient es dem Autoren eindeutig als nĂŒtzliches Element der Übertreibung.



AuffĂ€llig ist die Zweiteilung des Textes in politische Agitation aus ferner Zukunft heraus -wehret den AnfĂ€ngen - und Abenteuerroman. Wurde der zweite Teil des Textes schon betrachtet, so finden sich zum ersten Abschnitt reichlich -auch heute noch - interessante Passagen: Obwohl Daiber zwischen den Zeilen Deutsch denkt und den im Jahre 1905 schwankenden Kurs der unsicheren eigenen Regierung missbilligt und in ihm tief greifende Folgen fĂŒr die Moral und Sitte sieht -es sind TanzmĂ€dchen an Bord des Forschungsschiffes - fĂŒhlt er sich in einem europĂ€ischen Staatenverbund gewachsener Herrschaftssysteme sichtlich wohler. Er verdammt die Kleinstaatlerrei an Beispiel der Schwierigkeiten, fĂŒr das Vereinigte Europa eine gemeinsame Fahnenfarbe zu finden. Stolz beschreibt er Berlin als jetzt europĂ€ische Großstadt und Hamburg als das wirtschaftliche Herz Europas. An seiner Seite stehen ein englischer und ein französischer Wissenschaftler. Das ausgerechnet der EnglĂ€nder am Ende des Buches in die PrimitivitĂ€t zurĂŒckfĂ€llt, ist ein weiterer Seitenhieb auf Englands freundschaftliche Beziehungen zu den wilden Asiaten. Von Roosevelt mit seiner chauvinistischen, aber nationalen Politik hĂ€lt er gar nichts, fĂŒr ihn stellen die Amerikaner ungezogene und frĂŒhreife Politikganoven dar. Stellvertretend fĂŒr sein Volk wird der HafenkapitĂ€n Monkey - der sich wie ein Affe benimmt - bestraft. Zum Erzfeind Frankreich baut Daiber in der Person des lebenslustigen Forschers Professor Chauvins eine BrĂŒcke der gegenseitigen Achtung und Toleranz. Unterstrichen durch die NĂ€he des Schwabenlandes zu Frankreich ? Diese beiden Nationen bilden das Herz - Frankreich - und den Verstand - Deutschland bzw. besser gesagt, das preußische Deutschland, fĂŒr das Professor GrĂŒndlich auch mit seinem Namen steht. England ist ein strauchelnder, mehr ertragener als genehmer Partner. Darum gibt Daiber seinem englischen Partner im Rahmen der verschiedenen Diskussionen auch wenig zu tun.



Durch den Einschlag des Mondes löst der Autor das amerikanische Problem auf der einen Seite endgĂŒltig, auf der anderen Seite stellt er sich dieser Diskussion erst gar nicht. Aus heutiger Sicht wĂ€re es interessanter gewesen, die Folgen des amerikanischen Ultimatums zu beschreiben. Die NeutralitĂ€t findet sich -in Anspielung auf Wilhelms Bartpracht- auch bei der Beschreibung verschiedener BĂ€rte wieder.



Daiber selbst hat seine kleine Geschichte mit "Ein Zukunftstraum" untertitelt und so prĂ€sentiert sich auch der Text. Oft unlogisch und aus VersatzstĂŒcken zusammengesetzt finden sich interessante Passagen - die Auftaktsequenz im BĂŒro der Weltposaune mit vielen technologischen Spielereien - neben GeschwĂ€tz. Die Unsicherheit spĂŒrt der Leser in der Konstruktion der eigentlich hochdramatischen Szenen, die Einschlag des Mondes und die Schaffung eines neuen Kontinents beschreiben. Trocken, mit boshaften Humor aber ohne das GefĂŒhl fĂŒr Spannung plĂ€tschert die Handlung dahin.



Herausgeber Dieter von Reeken gibt selbst zu, dass der Text etliche SchwĂ€chen beinhaltet und er wirkt auch weniger wie eine Satire, sondern eher wie eine ironische EntblĂ€tterung sich selbst ernĂ€hrender politischer Randgruppen, die eher ins Jahr 1905 denn 2222 passen. Allerdings lĂ€sst sich an der hier vorliegenden Novelle gut verfolgen, wie sich in den kommenden Jahren seine schriftstellerischen FĂ€higkeiten entwickelt haben. Im Gegensatz zu meist utopisch-technologischen Zukunftsromanen stellt dieses Hohelied auf den wissenschaftlich geschulten, höchsten moralischen und intellektuellen genĂŒgenden Geist einer Elite eine lesenswerte Alternative dar. Es ist weniger eine Vision als eine Abrechnung mit den politischen Fehlentwicklungen der ersten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, ein bisschen naiv, doch im Herzen gutmĂŒtig und noch mit der Unschuld der Generation vor dem Ersten Weltkrieg gesegnet.


Oder direkt beim Verlag bestellen

Albert Daiber: "Anno 2222"
Roman, Softcover
DvR Verlag 2005

ISBN 3-8334-2543-1

Weitere Bücher von Albert Daiber:
 - Die Weltensegler
 - Vom Mars zur Erde

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