Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Science Fiction (diverse)



Albert Daiber

Anno 2222

rezensiert von Thomas Harbach

Nach "Die Weltensegler" (1910) und der Fortsetzung "Vom Mars zur Erde" (1914) legt der Kleinverlag Dieter von Reeken mit "Anno 2222:Ein Zukunftstraum" den ersten utopisch angehauchten Textes des Schwaben Dr.Albert Daiber vor. Weniger der Drang, eine phantastische Geschichte zu erzählen als die Suche nach einem Ventil, um seine Unzufriedenheit mit den politischen Umständen auszudrücken, prägt diesen über weite Strecken auf die klassischen Reisestoffe zurückgreifenden kurzen Text. Neben einer sachlichen, umfangreichen Einleitung finden sich in diesem sehr sauber gestalteten Paperback einige Reproduktionen der Originalausgabe.





In seinen Zukunftstraum des Jahres 2222 baut der Autor zwei parallel laufende elementare Grundhandlungen ein. Einmal die politischen Schwierigkeiten zwischen der der Großmannsucht erlegenen USA mit ihren proletarischen Wurzeln und den Vereinigten Staaten von Europa, einem Nachfolger der verschiedenen adligen Staaten und einem Naturereignis. Der Mond verlässt seine Umlaufbahn und droht auf die Erde zu stürzen.



Im ersten Kapitel setzt sich der Autor mit den politischen Strategiespielen auseinander. In den Mittelpunkt stellt der Autor geschickt das Sprachrohr der Welt, den Inhaber der Weltposaune, einer der mächtigsten Zeitungen Europas, deren Herz in Berlin schlägt. Der Inhaber blättert am 01.April 2222 - dem Beginn dieses Traumes, kein anderes Datum stellt die Narretei besser dar als dieser Tag - in einem Almanach des Jahres 1905. Vorsichtig sieht er die heutigen Wurzeln des politischen Übels im Fehlverhalten der politischen Führer dieser Zeit. Es folgt ein kurzes Hohe Lied auf Bismarck, dann allerdings offene Kritik am politischen Gebaren der englischen Verräter, die intensive Kontakte zu Japan suchen. Wenige Jahre später wird ausgerechnet Nazideutschland den Bogen in den Fernen Osten schlagen. Eine Depesche aus den Vereinigten Staaten trifft ein, der Präsident verlangt, dass die Vereinigten Staaten von Europa innerhalb der nächsten 22 (!) Tage ihren Namen ändern und ihre Unterlegenheit durch verschiedene peinliche Gestern anerkennen. Das trifft die Ehre des Redakteurs und er beschließt, eine Pressekampagne gegen die USA zu inszenieren.



Die Problematik mit dem abstürzenden Himmelskörper - da der magnetische Pol im Bereich der Vereinigten Staaten liegt, besteht Hoffnung, dass die Natur den politischen Feind eliminiert - ist eng mit dem weltfremden, hochintelligenten und stotternden Professor Gemütlich verknüpft, der den Auftrag erhält, einen gerade durch den Aufschlag auftauchenden Kontinent auf der südlichen Halbkugel zu erforschen. Hier ist interessant, wie Daiber abenteuerliche Stoffe des Trivialromans mit seinen eigenen Reiseerfahrungen verknüpft.



Der Roman stammt aus dem Jahre 1905, also knappe fünf Jahre vor seinem nächsten utopischen Stoff - Die Weltensegler. Daiber verfasste die boshaft ironische Karikatur der gesellschaftlichen und politischen Gegenwart zu einer Zeit, als er sich selbst enttäuscht von den Freimaurern abgewandt hatte und nach einer Reihe von Geschichten für die Jugend. Diese "Geschichten" stellten in erster Linie klassische Reiseliteratur dar, in der er seine Australieneindrücke schriftstellerisch verarbeitete. Darum ist es nicht verwunderlich, dass dieser Text überwiegend ein Reiseroman mit phantastischen Anklängen ist. Ein bisschen provozierend und mit Seitenhieben auf die arroganten Amerikaner beschreibt er die Reise durch den gerade entstandenen Panamakanal genauso wie das Eintreffen auf dem fremden Kontinent - der ausgerechnet Lemuravida genannt wird . Dabei gelingen ihm einige exotische Szenen, doch das erzählerische Talent eines Jules Verne ist ihm weder in diesem Buch noch in den folgenden Stoffen in die Wiege gelegt worden. Auch sind seine Protagonisten überwiegend Intellektuelle, Geisteswissenschafter, die sich an den eigenen Leistungen und Forschungen direkt oder indirekt ergötzen. Wie in seinen beiden Marsromanen fehlt der Bezug zum einfachen Volk, eine Tatsache, die Jules Verne in vielen seiner utopischen Abenteuerromane klug einzusetzen nutzte. So konnte der normale Leser durch die Augen eines Gleichgesinnten die Wunder der Technik bestaunen und fühlte sich nicht gänzlich von den überlegenen, theoretischen Geistern in die Ecke gedrängt.



Die Schwäche dieser Groteske liegt weniger in den vielschichtigen Ideen -auf die noch Bezug genommen wird, als im eigentlichen Handlungsaufbau.

Seine politische Unzufriedenheit drückt Daiber in der offenen Kritik an Amerika aus. Wie für die jetzige Bushregierung gibt es nur eine Alternative, sie im wahrsten Sinne des Wortes auf den Mond schießen. Dabei spielt weniger der wissenschaftliche Unsinn eine Rolle, das ein Absturz des Mondes kaum Folgen für die Gebiete außerhalb seines Einschlages haben kann, als die boshafte Genugtuung, den Erzfeind in damals unerreichte Gefilde zu schießen. In vielen utopischen Texten -von Jules Vernes "Reise durch die Sonnenwelt" und seinem posthum veröffentlichten Werk "Die Jagd nach dem Meteor" bis zu Eichhackers "Panik und Fahrt ins Nichts" - werden die Auswirkungen solcher Naturkatastrophen vielleicht noch in Unkenntnis ökologischer Wechselwirkungen heruntergespielt, hier dient es dem Autoren eindeutig als nützliches Element der Übertreibung.



Auffällig ist die Zweiteilung des Textes in politische Agitation aus ferner Zukunft heraus -wehret den Anfängen - und Abenteuerroman. Wurde der zweite Teil des Textes schon betrachtet, so finden sich zum ersten Abschnitt reichlich -auch heute noch - interessante Passagen: Obwohl Daiber zwischen den Zeilen Deutsch denkt und den im Jahre 1905 schwankenden Kurs der unsicheren eigenen Regierung missbilligt und in ihm tief greifende Folgen für die Moral und Sitte sieht -es sind Tanzmädchen an Bord des Forschungsschiffes - fühlt er sich in einem europäischen Staatenverbund gewachsener Herrschaftssysteme sichtlich wohler. Er verdammt die Kleinstaatlerrei an Beispiel der Schwierigkeiten, für das Vereinigte Europa eine gemeinsame Fahnenfarbe zu finden. Stolz beschreibt er Berlin als jetzt europäische Großstadt und Hamburg als das wirtschaftliche Herz Europas. An seiner Seite stehen ein englischer und ein französischer Wissenschaftler. Das ausgerechnet der Engländer am Ende des Buches in die Primitivität zurückfällt, ist ein weiterer Seitenhieb auf Englands freundschaftliche Beziehungen zu den wilden Asiaten. Von Roosevelt mit seiner chauvinistischen, aber nationalen Politik hält er gar nichts, für ihn stellen die Amerikaner ungezogene und frühreife Politikganoven dar. Stellvertretend für sein Volk wird der Hafenkapitän Monkey - der sich wie ein Affe benimmt - bestraft. Zum Erzfeind Frankreich baut Daiber in der Person des lebenslustigen Forschers Professor Chauvins eine Brücke der gegenseitigen Achtung und Toleranz. Unterstrichen durch die Nähe des Schwabenlandes zu Frankreich ? Diese beiden Nationen bilden das Herz - Frankreich - und den Verstand - Deutschland bzw. besser gesagt, das preußische Deutschland, für das Professor Gründlich auch mit seinem Namen steht. England ist ein strauchelnder, mehr ertragener als genehmer Partner. Darum gibt Daiber seinem englischen Partner im Rahmen der verschiedenen Diskussionen auch wenig zu tun.



Durch den Einschlag des Mondes löst der Autor das amerikanische Problem auf der einen Seite endgültig, auf der anderen Seite stellt er sich dieser Diskussion erst gar nicht. Aus heutiger Sicht wäre es interessanter gewesen, die Folgen des amerikanischen Ultimatums zu beschreiben. Die Neutralität findet sich -in Anspielung auf Wilhelms Bartpracht- auch bei der Beschreibung verschiedener Bärte wieder.



Daiber selbst hat seine kleine Geschichte mit "Ein Zukunftstraum" untertitelt und so präsentiert sich auch der Text. Oft unlogisch und aus Versatzstücken zusammengesetzt finden sich interessante Passagen - die Auftaktsequenz im Büro der Weltposaune mit vielen technologischen Spielereien - neben Geschwätz. Die Unsicherheit spürt der Leser in der Konstruktion der eigentlich hochdramatischen Szenen, die Einschlag des Mondes und die Schaffung eines neuen Kontinents beschreiben. Trocken, mit boshaften Humor aber ohne das Gefühl für Spannung plätschert die Handlung dahin.



Herausgeber Dieter von Reeken gibt selbst zu, dass der Text etliche Schwächen beinhaltet und er wirkt auch weniger wie eine Satire, sondern eher wie eine ironische Entblätterung sich selbst ernährender politischer Randgruppen, die eher ins Jahr 1905 denn 2222 passen. Allerdings lässt sich an der hier vorliegenden Novelle gut verfolgen, wie sich in den kommenden Jahren seine schriftstellerischen Fähigkeiten entwickelt haben. Im Gegensatz zu meist utopisch-technologischen Zukunftsromanen stellt dieses Hohelied auf den wissenschaftlich geschulten, höchsten moralischen und intellektuellen genügenden Geist einer Elite eine lesenswerte Alternative dar. Es ist weniger eine Vision als eine Abrechnung mit den politischen Fehlentwicklungen der ersten Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts, ein bisschen naiv, doch im Herzen gutmütig und noch mit der Unschuld der Generation vor dem Ersten Weltkrieg gesegnet.


Oder direkt beim Verlag bestellen

Albert Daiber: "Anno 2222"
Roman, Softcover
DvR Verlag 2005

ISBN 3-8334-2543-1

Weitere Bücher von Albert Daiber:
 - Die Weltensegler
 - Vom Mars zur Erde

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::