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Science Fiction (diverse)



Herausgeber Dieter von Reeken und Heinz J. Galle

Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff

rezensiert von Thomas Harbach

Mit seiner siebten Veröffentlichung legt der Kleinverleger Dieter von Reeken in enger Zusammenarbeit mit dem anerkannten Lexikographen und literarischen Nachlaßverwalters Freder van Holks einen Sammelband mit insgesamt sechs Romanen der utopisch-technischen Romanserie „Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff“ vor. Insgesamt 165 Hefte erschienen in den Jahren 1908 bis 1911/12. Obwohl Heinz J.Galle in seinem ausführlichen Vorwort über den unbekannten Autor spekuliert, ist die Urheberschaft eines der Rätsel um die vor dem Ersten Weltkrieg ungeheuer populäre Serie.
In einer gediegenen Ausstattung mit 19 farbigen Abbildungen –obwohl sich Dieter von Reeken in Bezug auf die Wiedergabequalität aufgrund schlechter Vorlagen unzufrieden äußert, erwecken die Drucke ein inzwischen vergessenes Epos wieder zu neuem Leben – und 9 schwarzweißen Abbildungen überrascht die Sammlung der Romane 1,40,42,45,63 und 66 mit einer gewohnt soliden, aber unfreiwillig auch emotionalen Einleitung. Insbesondere ein kurzer Schwank aus der Feder des überraschen früh verstorbenen Sammlers Ehrig aus Berlin, in dem er erzählt, wie er mit Ausdauer einen Sammler überzeugen suchte, sich von einigen Originalen dieser Serie zu trennen, erscheint jetzt nach Ehrigs frühen und immer noch scher fassbaren Tode in einem anderen Licht. Daneben finden sich aus Galles Feder Informationen zur Serie selbst, zu den Nachfolgeserien – hier der dreiste Diebstahl der Originalromane in Form eines anderen Titelbildes und einer neuen Reihenbezeichnung nach der Einstellung des Luftpiraten – und schließlich seinen Charakteren. Dabei stellen der Herausgeber von Reeken und Heinz J. Galle den Titel Luftpirat in seinen richtigen Kontext – Kapitän Mors geht nur gegen die Bösewichte dieser Welt vor und beschützt, wenn auch nicht in den vorliegenden Texten unterstützt die armen und unschuldigen. Dabei wirkt die Figur wie eine Mischung aus Jules Vernes Kapitän Nemo und einem Robur, dem Eroberer. Was die Nautilus für Nemo ist, ist das lenkbare Luftschiff in den ersten Büchern für Kapitän Mors. Dann kommt noch ein Weltenschiff namens METEOR hinzu, mit dem er im Sonnensystem herumreisen kann. Sowohl Nemo als auch Mors haben ihre Familien verloren. Während Vernes fatalistische Figur sich an der ganzen Welt rächen möchte, bestraft Mors die Schuldigen im ersten Heft und zieht sich dann in sein Exil zurück. Beide besitzen geheimnisvolle Inseln und haben treue Helfer. Besonders im ersten vorliegenden Band erscheint Mors als Geißel der Bösewichte mit seiner eindrucksvollen, großen Erscheinung in einer blauen Uniform mit samtener Gesichtsmaske und flammenden Augen. An Vernes klassischen „Robur, der Eroberer“ erinnert natürlich das lenkbare Luftschiff, auch wenn Mors weder die diktatorischen brutalen Züge des wahnsinnigen Roburs in sich trägt noch die Welt mit seinem Luftschiff beherrschen möchte. Diese Unterschiede arbeitet der Autor insbesondere in der zweiten Hälfte des ersten Romans unzweideutig heraus.


„Der Beherrscher der Lüfte“ ist eine geradlinige, simple Rachegeschichte. Blitzlichtartig beleuchtet der Autor hastig einzelne Facetten und fügt einige unwahrscheinliche Elemente zu einer dramatischen Handlung zusammen.
Nach einer atmosphärisch ungewöhnlich stimmigen Exposition – zwei optimistische Luftpioniere in ihrem Ballon planen einen Wettbewerb um den weitesten Flug zu gewinnen, ein typisches Element aus Jules Verne frühen Romanen – dreht sich die Handlung. Sie begegnen dem geheimnisvollen beweglichen Luftschiff mit dem unheimlichen Kapitän Mors – das Synonym für Tod - , der sie eindringlich vor einem weiteren Vorstoß in sein Revier – die Gefilde der Luft – warnt.
Dann der obligatorische Rückblick Gierige Menschen haben den intelligenten, unbescholtenen Ingenieur ins Unglück gestürzt. Sie haben sein Haus niedergebrannt und seine Frau und beiden Kinder getötet. Er sinnt nur noch auf Rache. Im Gegensatz zu Vernes Kreaturen wie Kapitän Nemo hat er aber nicht mit der gesamten Menschheit gebrochen, sondern nur mit seinen Feinden. Er möchte als Ordnungskraft dank seines unbesiegbaren Luftschiffes den guten Menschen zur Seite stehen.
In Odessa trifft er durch einen unwahrscheinlichen Zufall wieder auf die Gruppe. Die Begegnung mit ihnen auf dem flachen Dach eines Hauses erinnert an eine frühe Version der Batman Comics. Das Luftschiff ersetzt das Batflugzeug, der Rächer tritt aus der Dunkelheit der Nacht ans Licht. Die Verschwörer wollen mit Hilfe einiger weniger Schiffe der Schwarzmeerflotte die Stadt Odessa um Millionen erpressen. Das Geld brauchen sie für die weitere Umsetzung ihrer Pläne. Keine zehn Jahre später wird die Schwarzmeerflotte auch im Verlaufe der russischen Revolution eine entscheidende Rolle spielen.
Kapitän Mors mit seinem Luftschiff verhindert die Pläne der Verschwörer. Erst gibt er den verängstigten Bürger Odessas in der Stunde der Stunde der Not Kraft und Mut, dann greift er die Schiffe der Bösewichter an. Interessant ist die Nutzung des Rammsporns beim Angriff auf den ungepanzerten Truppentransporter. Ähnlich ging Kapitän Nemo mit seiner Nautilus gegen Schiffe vor. Dieser versenkte allerdings unabhängig von der Nationalität alle Schiffe. Beim Panzerschiff greift Kapitän Mors die verwundbaren Stellen an. Mit Hilfe von Sprengkörpern über dem Schiff abgeworfenen beschädigt er die Oberdecks, die Schwachstellen dieser schwimmenden Festungen. In diesen Szenen erkennt der Leser, dass sich der bis heute nicht eindeutig zu identifizierende Autor mit der zur Verfügung stehenden Technik auseinandergesetzt hat.
Unschuldige Leben werden –so weit es in einem bewaffneten Konflikt geht – verschont, die Feinde und feigen Mörder seiner Familie gnadenlos am Luftschiff aufgehängt.
Doch der erste Roman endet auf einer versöhnlichen Note: Kapitän Mors möchte mit seinem Schiff auch zu den Sternen, dem Weltenraum, aufbrechen. Das wird erst in späteren Romanen tatsächlich der Fall sein. Das der Autor auf diese Möglichkeiten hinweist, spricht für ein längerfristiges Konzept der Serie. Mors geht es um intellektuelle Herausforderungen zum Wohle aller und nicht um Macht. Daher ist ein Vergleich mit „Robin Hood“ als Vorbild und den Superhelden wie „Batman“ als Urvater nicht von der Hand zu weisen. Außerdem trägt er eine Maske. Wie das Phantom legt er diese auch in der Gegenwart seiner treuen Diener zumindest im Verlaufe dieser Romane nicht ab.
Die Beschreibung der Technik ist bewusst vage gehalten. Erst in späteren Romanen finden sich detaillierte Risszeichnungen des lenkbaren Luftschiffes. Auch verzichtet man auf die nähere Erläuterung der Erfindung, die die vorherige Inkarnation Kapitän Mors für die Verschwörer entwickeln sollte. Das Luftschiff kann es kaum sein, sonst hätten diese nicht so überrascht geschaut. In dem Weltenschiff wird später Magnetismus eine wichtige Rolle spielen. In zwei Romanen sind Erfindungen Mors allerdings selbst bei sachgerechter Bedienung tödlich und nur im absoluten Notfall zu verwenden.

Bei der Charakterisierung aller Figuren bleibt es bei klischeehaften schwarzweiß Schnitten. Die überwiegend indischen Helfer sind edel und treu, der „Held“ mit blauer Uniform, einer samtenen Gesichtsmaske und flammenden Augen und wahrscheinlich deutscher Abstammung das Ebenbild späterer Superhelden. In wie weit Autoren wie Freder van Holk diese sehr erfolgreiche Vorkriegsserie und ihre wenigen Epigonen kannte, sei dahin gestellt. Der Autor hat diesen ersten Band zumindest multikulturell aufgebaut. Zu Beginn Franzosen, dann die indischen Helfer und vermutlich russische Verschwörer geben sich ein Stelldichein. Erfreulicherweise finden sich keine rassistischen Vorurteile. Kapitän Mors ist auf Rache an den Mördern seiner Familie – die Begegnung mit den Gräbern wirkt übermäßig theatralisch – aus und keinen Völkermord.
Der erste Band ist eine zu schnell ablaufende, aber für die damalige Zeit unglaublich farbenprächtige und düster stimmungsvolle Abenteuergeschichte. Sie wirkt wie eine konsequente Umsetzung der klassischen Einzelgängerromane Vernes um Kapitän Nemo oder den wahnsinnigen Robur zu Beginn eines neuen Jahrhunderts in den aufkommenden politischen Wirren vor dem Ersten Weltkrieg. Wie bei Verne fehlen in diesem Roman alle rassistischen Bemerkungen. Dem Autoren geht es darum, den moralischen Verfall der Gesellschaften an Hand eines wachsenden Einflusses krimineller Elemente darzustellen, denen gutmütige, fortschrittsgläubige Menschen hilflos zum Opfer fallen. Der Konflikt Mann gegen Mann ist dank des immer schneller werdenden technologischen Fortschritts gegenüber brutalster Unterdrückung und unmoralischer Ermordung unschuldiger Frauen und Kinder in den Hintergrund getreten.

„Die Empörung im Weltenfahrzeug“, die Nummer 40 der Reihe und der zweite Band dieser Sammlung, nimmt die Idee einer geheimnisvollen Basis abgeschieden von den Schifffahrtsrouten aus Jules Vernes Roman „Die geheimnisvolle Insel“ auf. Dort hat Mors sowohl sein lenkbares Luftschiff als auch sein Weltenfahrzeug gebaut, mit dem er in das All aufbrechen kann. Ein Orkan treibt ein U-Boot an die felsigen Gestade. Mit dem Mut der Verzweifelung werden insgesamt zehn einfache Seeleute –vier Iren und sechs Franzosen – gerettet. Aus ihren Aussagen erkennt Mors, dass inzwischen auch die europäischen Nationen nach ihm suchen.
Da seine indischen Helfer nach den Reisen ins All erkranken, schwört er die zehn Überlebenden ein, in seine Dienste zu treten. Bei einem Flug ins All meutern die angeheuerten Söldner und das Raumschiff droht im toten Punkt im All zwischen zwei Anziehungsfeldern auf immer gefangen zu sein.

Obwohl der Autor im folgenden 42.Band noch die rassistische Kurve mit wohlwollenden und fürsorglichen Bemerkungen Mors über seine indischen Diener abzubiegen versucht, stellt er in diesem Abenteuer die robusteren Europäer als die entschlossene und überlebensfähigere Rasse dar. Um seine heiklen Missionen zu erfüllen, heuert er fast aus der Not die zehn Europäer an. Da sie an Bord eines U-Bootes Dienst getan haben, handelt es sich Techniker und Ingenieure. Als Sicherheit lässt Mors auf seiner ersten Mission zwei der Iren als Geiseln auf seiner Insel zurück. Die anderen Besatzungsmitglieder erfahren erst in letzter Sekunde vom Sternenflug.
Während des Fluges versuchen die beiden Iren Mors zu überreden, mit ihrer Hilfe und seinen technologischen Erfindungen sich irgendwo ein Königreich zu erobern und als Diktatoren in Saus und Braus zu leben. Das lehnt Mors entschieden ab. Er möchte seine Erfindungen dazu einsetzen, den Herrschenden ihren zusammen gestohlenen Reichtum wieder wegzunehmen. Diese Gelder setzt er zum Bau seiner Erfindungen ein, den Rest gibt er den Armen.

Darauf entschließen sich die acht Besatzungsmitglieder zur Meuterei. Nur der treue indische Diener mit dem bezeichnenden Namen Terror steht ihm im ungleichen Kampf bei.
Aus einem politischen Gesichtspunkt ist die Zusammensetzung der Meuterei interessant. Die Iren wahrscheinlich stellvertretend für die Briten, die großen Feinde der Deutschen im Kampf um die Vorherrschaft auf den Meeren, sind verschlagen, unredlich und brutal. Die Franzosen werden als ihre Helfer gedungen. Sie sind feige, in ihrer Loyalität flexibel und verstecken sich zitternd beim Endkampf hinter den Maschinen.

Die Handlung der Geschichte ist –nach dem Paukenschlag zu Beginn mit dem im Sturm auf die Klippen geworfenen Spionage U-Boot – vorhersehbar. Trotz der schwierigen Ausgangssituation ist Mors besonnen und entschlossen, sein einziger richtiger Helfer treu und bereit, sich für seinen Herrn zu opfern und die Meuterer brutal. Die einzige Lösung, das inzwischen im All im toten Punkt gefangene Raumschiff zu retten, ist der Einsatz eines Sonnenenergiekollektors, der allerdings jeden tötet, der diese Maschine aktiviert. Darum ist die gesamte Konstruktion reichlich unlogisch und steht im krassen Gegensatz zu allen anderen Entwicklungen, die Mors bislang gemacht hat. Es entsteht eher der Eindruck, dass der Autor keine anderen Möglichkeit gesehen hat, sich aus der literarischen Klemme zu retten.
In einem längeren Dialog zwischen Mors und den Meuterern erläutert der Erstere noch einmal seine ehrlichen Absichten. Er interpretiert den ihm gegebenen Titel des Luftpiraten gleichbedeutend mit der Stellung Robin Hoods in der Bevölkerung. Obwohl er zum Beispiel seiner Insel zu einer waffenstarrenden Festung ausgebaut hat, dienen diese nur zur Verteidigung. Auch seinen Dienern – mehr als treue Helfer charakterisiert, wenn auch anders tituliert – gegenüber ist er ein verantwortungsvoller Chef. In der weiteren Beschreibung des Luftpiraten greift der Autor allerdings mehr als einmal auf die später typischen Superheldenattribute wie flammende Augen und übermenschliche Kraftanstrengung zurück. Etwas lächerlich wirkt die Szene zu Beginn, in der Mors Stimme einen Orkan übertönt und den Gestrandeten die Rettung verspricht.

Interessant ist weiterhin an diesem Heft, dass die wissenschaftliche Seite auf dem Stand der damaligen Forschung ist. So wird das Schiff durch doppelte Schleusen betreten, eine Reparatur einfach im All ist genauso wenig möglich wie ein Angriff über die Außenhülle des Raumschiffes. Es finden sich verschiedene Beobachtungsinstrumente an Bord und die Kraft der Sonne kann – eigentlich zum Wohle der Menschheit, hier nur Form eines Notfallaggregates- dienen.

„Im Todeskrater des Neuen Planeten“ schildert die Expedition zum Mond, die durch einen durch das Sonnensystem wandernden Planeten unterbrochen wird. Bei der Erforschung des namenlosen gesellen wird das Weltenfahrzeug durch eine vulkanische Eruption beschädigt und zur Landung auf dieser Welt gezwungen. Die dünne Atmosphäre erlaubt es den Indern nicht, die notwendigen Reparaturen durchzuführen. Nur Kapitän Mors mit einem seiner Helfer fühlt sich dazu in der Lage. Gleichzeitig untersucht der mit geflogene Professor diese junge Welt. Neben vulkanischer Aktivität macht ihnen der schnelle Tag-Nacht Rhythmus zu schaffen.

In den genauen Anmerkungen Dieter von Reekens in diesem Abenteuer finden sich eine Ungereimtheit, die auf die schnelle Produktion der Hefte schließen lässt. Er wird ein treuer Helfer Mors am Raumschiff zurückgelassen, um eine Seite weiter als Mitglied der Expedition ein Feuer zu entfachen.
Interessant sind in diesem Roman in erster Linie die technischen Beschreibungen: die dünnere Atmosphäre auf dem neu entdeckten Planeten und die Auswirkungen auf die Crew, das Auffinden der Überreste einer längst ausgestorbenen Kultur und die Schlussfolgerungen, die der Wissenschaftler daraus zieht und schließlich die Reparaturarbeiten. Hier greift der Autor durch den drohenden Vulkanausbruch und die schwindenden Seitenzahlen zur Eile genötigt, auf einen Trick zurück, der ihm auch schon im vorher vorgestellten Band aus der literarischen Ecke rettete. Die neue Maschine, inzwischen bedienungssicherer geworden, da man sich hinter eine Stahlwand nach dem Einschalten retten kann, hebt das Schiff einige tausend Meter an einem Berghang in die Höhe. So kann man den alten und inzwischen auch die neu hinzugekommenen Schäden ohne Mühe beheben. Das Tal füllt sich inzwischen mit Magma. Gegen Ende des Heftes wird herausgestellt, dass Mors im Grunde eine edle Forschergesinnung hat. Es kommt ihm nicht auf die bedingungslose Erkundung des Alls an. Und so fliegt die Mannschaft nicht weiter zum Mond, sondern zurück zur Erde. Es vermehrt sich der Eindruck, als wenn man die steigender Popularität der Serie der Charakter des Kapitän Mors mehr und mehr zu einem aufrechten, gerechten, aber harten Kommandanten fast schon adliger Abstammung gewandelt wird. War der erste Roman noch eine klassische Rachegeschichte – den vielen Western entsprungen, in denen den Helden das Recht auf Eigenjustiz zustand und nur die wenigsten dieser Cowboys den Colt im entscheidenden Moment zurückstecken – geziemt es sich für einen der herausragenden Forschergeister offensichtlich preußischer Abstammung – auch wenn das in den hier vorliegenden Heften nicht gesondert herausgestellt wird - nicht mehr, als brutaler Racheengel die Welt zu bedrohen. Mehr und mehr kommt die wissenschaftlich-technologische Seite zum Vorschein und der Autor spielt mit den verschiedenen phantastischen Möglichkeiten, die ihm das Weltenfahrzeug zur Erforschung des Alls in den Schoß gelegt hat. Diese Abschnitte wirken auch zeitloser und trotz dem oft konstruierten Grundhandlung immer noch farbenprächtig und spannend. Hier integriert der Autor im Grunde klassische Momente aus Henry Ridder Haggards Afrikaromanen – der aktive Vulkan, die Überreste einer fremden Kultur – mit einer utopischen Rahmenhandlung.

In „Die Welten-Fahrer auf dem Riesen-Planeten“ ist eine Expedition zum Jupiter die Grundlage der Handlung. Auf dem Flug dahin begegnet der Luftpirat zum wiederholten Male außerirdischen Weltenfahrern. Die bisherigen Begegnungen beschränkten sich auf Schiffe von der Venus oder dem Mars. Nach Ansicht des Kapitän Mors haben diese Kulturen auch nur die Stufe seiner eigenen Forschung erreicht. Dieses Schiff ist allerdings fünfzig mal so groß. So weicht man aus und gerät in das Magnetfeld des Jupiters. Das Schiff landet auf dessen Oberfläche. Ein einfacher Rückstart scheint nicht möglich.

Interessant sind an diesem Roman zwei Aspekte: Zum einen vermischen sich langsam die einzelnen Mitglieder von Mors Gefolge. So darf die eine Frau sich in einen Inder fürstlichen Geblüts verlieben, ein anderer irischer Ingenieur lernt seine Herzdame kennen und an Bord des Weltenfahrzeuges befindet sich mit Nelly eine ledige, durchaus von Kapitän Mors als attraktive bezeichnete junge Frau. Die Inder an Bord des Schiffes sehen im neu entdeckten Planeten ein Ebenebild Brahmas Paradies oder Hölle. Sie sind der Ansicht, dieser Planet sei ein Spiegelbild ihrer Religion und ihrer Gebete. Der einzige Weg, diesem Planeten zu entkommen, ist die Opferung einer jungen Frau. Und da ist Nelly der einzige verfügbare Kandidat. Wie im zweiten Roman „Die Empörung im Weltenfahrzeug“ kommt Mors gerade rechtzeitig, um die Verschwörung an entscheidender Stelle zu vereiteln. In beiden Büchern werden die Schuldigen nicht von ihm, sondern vom Schicksal bestraft. Einmal durch einen unachtsamen Umgang mit der Maschine, hier durch einen Wassergeyser. Die Mittäter, die ohne eigene Initiative verblendet den Verführern folgen, bleiben am Leben, werden aber von Mors zu gegebener Zeit bestraft. Auch dies eine Parallele zum vierzigsten Band der Serie.

Der Hintergrund der fremden Riesenwelt ist beileibe nicht so interessant beschrieben wie die nebensächlich geschilderte Begegnung mit den Fremden. Mors strahlt eine Erfahrung und Ruhe im Umgang mit anderen Raumschiffen aus, der Leser möchte aber sicherlich mehr über diese Kulturen erfahren. Ob in vorangegangenen Romanen schon einmal eine direkte Begegnung stattgefunden hat, bleibt im Dunkeln. Das ist vielleicht ein kleines Manko dieser Zusammenstellung. Heinz J. Galle hätte vielleicht mit Fußnoten seine umfangreicheren Kenntnisse den interessierten Lesern zur Verfügung stellen können. In seinem umfangreichen Vorwort geht er auf weitere Romane kurz ein und differenziert zwischen den Weltraumabenteuern und den Geschichten, die auf der Erde spielen. Doch direkte Querverweise auf andere bekannte Romane und Handlungsstränge hätten die unterhaltsame Lektüre noch dreidimensionaler und interessanter gestalten können. Das der Autor selbst immer wieder auf seine früheren Roman anspielt, geht aus einem kleinen Verweis auf den hier ebenfalls vorgelegten vierzigsten Band hervor.
Wie in den anderen Abenteuern selbst, stellt der Autor seine Leser vor vollendete Fakten. Mors wirkt als unerschütterlicher Übermensch, die Verbindung zwischen den Indern und ihrer religiösen Täuschung/Wahrnehmung bleibt im Dunkeln. Die knapp dreißig Seiten pro Heft geben keinen Raum, über eine geradlinige Handlung hinaus ein vielschichtigeres Bild der Protagonisten zu zeichnen. Wie in den vorangegangenen Romanen handelt es sich allerdings um klassische Entdeckerstoffe und keine militärischen Eroberungsphantasien. Dies hebt diese Serie wohltuend von einer Reihe anderer utopischer Stoffe dieser zeit ab. Auch wenn das Raumschiff bewaffnet ist, dienen diese Waffen – so weit den vorliegenden Romanen zu entnehmen- ausschließlich der Selbstverteidigung.
Wie wichtig diese sein kann, wird im nächsten Roman – „Die Schreckensreise des Weltenfahrzeuges“ verdeutlich. Durch eine Anzeige kommt Mors heimlich – diese Szenen werden später wahrscheinlich in klassischer Geheimagentenmanier in einer Reihe von Filmen erscheinen – in Kontakt mit einem französischen Ingenieur, der ihn informiert, dass drei weitere Weltenschiffe gebaut worden sind. Diese sind unterwegs zum Saturn, um einen Urstoff zu bergen, eine furchtbare Waffe. Das Ziel der Verschwörer ist die Weltherrschaft. Das Angebot, mit auf Mors Insel zu kommen, schlägt der standhafte und ehrliche Franzose aus. Kurze Zeit später wird er von den damit auch als ruchlos gekennzeichneten Elementen ermordet. Mors macht sich auf die Verfolgung der drei amerikanischen Schiffe.
Auffällig ist, dass der Autor den eroberungssüchtigen Verbrechern ausgerechnet eine amerikanische Nationalität gibt. Zu dieser Zeit fuhren die Vereinigten Staaten einen Kurs der Selbstisolation. Im Bereich der so genannten Dime Novels allerdings, der Pulpliteratur, gab es oft Verschwörungstheorien. Der Mythos vom Geld, das die Welt regiert und den Chancen, die die USA auch armen Menschen angeblich boten, zogen ganze Ströme von ehrlichen Auswanderern und oft kriminellen Elementen über den Ozean. Außerdem findet sich ein Seitenhieb auf die Sklaverei. In einem der abgestürzten Raumschiffe finden sich – in einer holzschnittartig verzerrten Beschreibung – zwei Weiße, die Rädelsführer, die eine Handvoll Neger mit auf diese Selbstmordmission führten.

Die erste Raumschlacht erinnert mehr an eine Extrapolation fiktiver U-Bootkriege – rammen statt beschießen. Danach nutzt Mors geschickter und erfahrener die Tücken des Alls mit seinen ihm besser bekannten Elementen, um die beiden anderen Schiffe auszuschalten. Dabei gerät der Luftpirat selbst in den Urstoff. Mit einer wahrhaft heroischen Aktion rettet Kapitän Mors Schiff und Besatzung. Erleichtert, die Welt vor Tyrannen gerettet zu haben, kehrt man zur Erde zurück.
Dieser Roman ähnelt den schon mehrfach angesprochenen Konzeptionen Vernes – insbesondere die Romane um Nemo und natürlich Roburs – sehr. Die Menschheit ist nicht reif, für die Vernichtungskraft, die sich im All befindet. Knappe zwanzig Jahre später wird eine Reihe von klassischen Antiutopien wie Capeks „Krakait“ diese Botschaft noch schärfer und durch einen grausamen Ersten Weltkrieg unterstrichen der Welt entgegen schreiben. Nur Menschen wie Mors, die Verluste erlitten haben und dadurch innerlich geläutert worden sind, haben die notwendige Reife, diese Erfindungen richtig und zum Nutzen aller zu verwalten. Hier werden die Figuren auf Schablonen reduziert. Sie agieren voller Pathos nationalistisch steif bzw. wie Mors egoistisch von sich und seiner Mission überzeugt. Dabei streut der Autor gezielt Vorurteile gegen Mors Feinde. Der erbärmliche Todeskampf der Neger nach dem Absturz des Raumschiffes beinhaltet die Anklage, Sklaverei mit modernen Mitteln fortzuführen. Überhaupt sind Mors Feinde gleichzeitig auch die Feinde einer zu beschützenden Menschheit.

Konzeption und Ausführung stehen hier in einem erfreulichen Kontrast zu den beiden vorangegangenen Romanen. Deren Handlungsgerüst war über weite Strecken zu ähnlich.

Der letzte Roman der Sammlung „Das Weltenfahrzeug zwischen den Riesen-Kometen“ bezieht sich sicherlich auf die bevorstehende Begegnung mit dem Halley-Kometen. Im Band 109 „Feuerstrom des Halley-Kometen“ feiern Welt und Autor die glimpfliche Begegnung mit dem Wanderer im All. In diesem Roman droht die Vernichtung der Erde durch einen Kometen. Ein egoistischer Adliger stachelt die Bevölkerung auf und verbreitet Panik. Die Obrigkeit holt heimlich Kapitän Mors zur Hilfe. Dieser erklärt den Herrschenden, dass er zwar kein Freund der Menschheit ist, er aber Achtung vor den Unschuldigen hat und selbstverständlich zum Kometen fliegen wird. Als Belohnung soll ein Teil des Reichtums unter den Armen verteilt werden.

Dieses erhabene fast schon sozialistische Gedankengut prägt die erste Hälfte des Heftes. Die Unterredung wird natürlich von den Bösewichten belauscht, die einen Anschlag auf das Raumschiff des Luftpiraten planen. Auffällig ist, dass der Autor weder der Aristokratie noch dem gesamten Staat eine Nationalität verleiht. Das steht im krassen Widerspruch zu dem Anfeindungen gegenüber den vereinigten Staaten, den Iren oder Briten und schließlich den feigen Franzosen aus den vorangestellten Romanen. Auch äußert Kapitän Mors seine selbstlose und lobenswerte Gesinnung das erste Mal gegenüber außen stehenden Dritten. Bislang konnte man die ein bisschen arroganten und pathetischen Reden nur im Kreis seiner Diener oder gegenüber zum Tode verdammten Meuterern verfolgen.

Durch die Aktualität der Ereignisse gelingt dem Autoren nach dem klischeehaften und kitschigen Anfang ein packender und ungemein spannender Roman. Wirkt der Auftakt – wieder wird der Luftpirat um Hilfe gebeten und erscheint aus dem Dunkel und scheinbar aus dem Nichts – noch wie eine Wiederholung bislang bekannter Romane, nimmt die Handlung Fahrt auf. Wie in klassischen Abenteuerromanen muss sich Kapitän Mors einem Wettlauf mit der Zeit stellen und gleichzeitig seine im lange unbekannten Feinde bekämpfen. Der Roman erinnert auch am ehesten an Alan Moore gelungene Hommage in seiner lesenswerten Comicreihe „The League of extraordenary Gentlemen“ – bevor sich alle auf die Verfilmung stürzen, auf den zweiten Teil aus seiner Feder. Es kommt nicht von ungefähr, dass diese Serie vor dem Ersten Weltkrieg außergewöhnlich populär war . Das diese Serie und seine imponierende Heldenfigur nach den schrecklichen Folgen zweier Weltkriege im Staub der Geschichte entschwunden ist, kann nur als eine der literarischen Ungerechtigkeiten des letzten Jahrhunderts bezeichnet werden.

Dieter von Reeken äußert in seinem Vorwort die Hoffnung und den Wunsch, Heinz J. Galle würde noch weitere Schätze aus seiner Sammlung der Öffentlichkeit präsentieren. Diesem Wunsch kann man sich nach dem gelungenen und empfehlenswerten Eindruck anschließen. Aber vielleicht sollten die Herausgeber einen Schritt weitergehen. Warum nicht die Möglichkeit des Books on Demand zu einer möglichst kompletten Neuauflage der Serie nutzen ? Wahrscheinlich haben verschiedene Sammler in ihren tiefen Kellern und auf den hohen Regalen noch manchen Roman dieser Serie liegen. Es wäre schön, wenn nach und nach diese Bücher nicht nur einer neuen Lesergeneration präsentiert werden könnten, sondern Lexikographen wie Heinz J. Galle die Chance erhalten, nachvollziehbar ein Stück deutscher utopischer Literatur und vielleicht die erste Science Fiction Serie der Welt zu restaurieren. So viele Heftserien aus den fünfziger und sechziger Jahren erscheinen neu, warum also nicht „der Luftpirat Kapitän Mors und sein lenkbares Luftschiff“? Zumal die Generation, die Frakturschrift lesen kann, ausstirbt und die Hefte antiquarisch selbst bei horrenden Preisen nicht mehr zu erhalten sind. Viele Sammler kümmern sich ja um die alten Serien, um sie für die Zukunft zu erhalten und sollten die Chancen nutzen, ein gemeinsames Projekt auf die Beine zu stellen. Irgendwann werden sonst die alten Originalhefte selbst bei pfleglichster Behandlung zerfallen sein.

Nach dem guten Eindruck und den immer noch lesenswerten Abenteuern dieses mit sehr viel Liebe zusammengestellten Sammelbandes spricht vieles dafür.

Herausgeber Dieter von Reeken und Heinz J. Galle: "Der Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff"
Roman, Softcover
DvR 2005

ISBN 3-8334-2542-3

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