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Science Fiction (diverse)



Albert Daiber

Vom Mars zur Erde

rezensiert von Thomas Harbach

Um 1910 erschien Albert Daibers "Die Weltensegler", in welchem er die abenteuerliche Reise von sieben Schwaben zum Mars, die Aufnahme eines Kontaktes zu einem intellektuell hoch stehenden -der klassischen griechischen Antike entsprechenden- Volks, den herzlichen Rausschmiss von sechs der sieben Schwaben und deren Rückflug zur Erde schilderte.



Knappe vier Jahre später erschien die Fortsetzung, in der er das Schicksal des siebten Schwabens, des Professor Fridolin Frommherz schilderte. Dieser hatte sich vor dem erzwungenen Rückflug von seinen Kameraden abgesetzt und war auf dem Mars geblieben. Zur Strafe muss er ein deutsch-marsianisches Wörterbuch schreiben. Einsam -wie auf der Erde, doch dort zumindest in seinem Lehramt intellektuell gefordert- verliebt er sich in die junge Nichte seines Gastgebers. Bevor er seine Gefühle offen äußern kann, wird er sanft von seinem Freund und ihrem Onkel darauf hingewiesen, dass das niedere Blut der Menschen nicht mit marsianischem Adel verbunden werden darf. Als sich einige Zeit später der Professor selbst zur Rückkehr bereit erklärt, baut Daiber seinen Figuren eine Brücke und weist auf die Richtigkeit der Trennung der beiden Rassen hin. Ungewöhnlich ist nicht nur in diesem Punkt die Arroganz - hier als edle überlegene Gesinnung bezeichnet - mit der der Mensch von den Fremden behandelt wird. Das Motiv wiederholt sich gegen Ende des Romans, als die jungen Marsianer Frommherz wieder in Cannstatt absetzen, aber kein Interesse zeigen, die Erde überhaupt zu betreten. In einer der weniger blumigen Reden weisen sie darauf hin, dass ihre intellektuell hoch stehende Zivilisation rein gar nichts von den Menschen lernen kann. Selten wurde in der utopischen Literatur die Waage auf einer Seite nur beladen. Meistens brachten die primitiven Menschen zumindest Emotionen wie Hass oder Liebe den in wissenschaftlicher Präzision erstarrten Hochkulturen. Und dabei handelt es sich bei den Abgesandten der Erde um die intellektuelle Elite der Menschheit, alles Professoren unterschiedlichen Frakturen . Sie lernen auf dem Mars trotz des goldenen Käfigs schnell ihre Grenzen kennen.

Daiber verarbeitet aber auch Motive der sozialistisch- kommunistischen Weltanschauung. Als der Planet Mars zu vertrocknen droht, ergreift das Volk angeführt von einer nebulösen Führung die Initiative und Schultern an Schulter heben sie unendgeldlich neue Gräben aus, überdecken die Seen mit Asbesthauben und nutzen die unterschiedlichsten Maschinen, die zum Teil von ehemals straffälligen Marsianern als Geschenk an das Allgemeingut entwickelt worden sind. Das diese völkische Bewegung weder wirtschaftlich nachvollziehbar, noch in der hier geschilderten euphorischen Stimmung überhaupt möglich ist, steht auf einem anderen Blatt. Daiber nutzt in der Beschreibung des marsianischen Volkes ausschließlich irdische Tugenden und verbindet diese zu einem erstrebenswerten Ideal.



Vergleicht man diesen Text mit seinem Vorgänger, treten deutliche Unterschiede auf. Obwohl Daiber schon mehrere Jahre in seinem neuen chilenischen Heimat lebte, konnte er die drohenden Wolken des ersten Weltkrieges nicht beiseite schieben. Erinnert der erste Roman eher an die abenteuerlichen Romane Jules Verne mit ihren wissenschaftlich heute nicht mehr vertretbaren, aber immer noch gut zu lesenden Erläuterungen für die reifere Jugend, tauchen mehr und mehr die depressiven Züge von H.G. Wells Romanen in den Vordergrund. Eine Begegnung mit dem kleinen Asteroiden Eros und seinen von Landwirtschaft lebenden menschenähnlichen Wesen wird den darwin´schen Gesetzen folgend als bald nicht mehr lebens- und überlebensfähig dargestellt, die böse deutsche Presse in Form "des Volkmundes" fragt nicht zu Unrecht, aus welchen Gründen die jetzt wieder sieben Schwaben das Paradies aus Milch und Honig verlassen mussten und stellt die klassische Überlegenheit der Marsianer in Frage. Darauf schwören sich die tapferen Raumfahrer, den Menschen in seinem Denken und Wesen zu verbessern. Eine generationenlange und undankbare Aufgabe.



Fast unbemerkt erweist sich Daiber allerdings als ungewöhnlicher Prophet: "Nein, die hoch entwickelte moderne Luftschiffahrt hatte wahrlich Praktischeres zu tun, als fragwürdige Planetenfahrten auszuführen, deren Gelingen nur das Spiel des blinden, launischen Zufalls war." (Seite 98). Erstaunliche Parallelen zur tatsächlichen Entwicklung der Raumfahrt, die nach den Mondlandungen ebenfalls in einen Dornröschenschlaf aus den fast gleichen Motiven gefallen ist.



Dieter von Reeken weist in seinem wieder sehr informativen Vorwort auf die Ähnlichkeiten zwischen Fridolin Frommherz und seinem geistigen Schöpfer Daiber hin. Frommherz gewinnt in diesem zweiten Roman an Konturen. Die innere Unzufriedenheit - erst mit dem Leben auf der Erde, dann schließlich auch mit dem Mars und seinen ihm freundschaftlich - und doch in entscheidenden Punkten distanziert - gewogenen Bewohnern und die neue Aufgabe nach der Rückkehr auf die Erde- ist der Ausdruck eines unterforderten rastlosen Geistes. Als solchen sah sich Daiber selbst. Nach vielen Jahren aus der Freimaurerloge ausgetreten, suchte er in Chile einen neuen Anfang. Es ist fraglich, ob er die gleichen hohen Erwartungen an seine neuen Heimat gestellt hat, die er für den Mars entwickelte, doch fraglos suchte er eine andere Lebensordnung. Wie sich schließlich der Autor von seiner Schöpfung verabschiedet, legt den Schluss nahe, dass er mit den in Chile herrschenden Zuständen auch nicht zufrieden gewesen ist. Genau wie seine Charaktere kommt Daiber zur Erkenntnis, dass der Mensch nur im Streben nach Veränderung seine wahre Bestimmung finden kann. Aus dem Herzen, aus der Heimat heraus sollte er sein Werk angehen. Das machen die überlebenden Professoren, und es ist fraglos schade, dass der Leser sie bei dieser Aufgabe nicht mehr begleiten kann.



Trotz seiner oft antiquierten Erzählungsweise und den teilweise blumigen Dialogen liest sich Daibers Beschreibung einer intellektuellen Überzivilisation, auf den griechischen Prinzipien und der griechischen Lebensart - Tempel, Togen, lange Haare und Bärte und schließlich Harfenspiel- basierend, auch heute noch ungemein unterhaltsam, locker und fesselnd. Die Herzenswärme, mit der dieser Autor insbesondere das Schwabenland mit seinen Tugenden und Untugenden in beiden Romanen charakterisiert , amüsiert den Außenstehenden ungemein und in positiver Hinsicht. Phasenweise glaubt er sich in ein Paralleluniversum versetzt, in dem ein deutscher Jules Verne mit wehendem Bart seinen Flug zum Mars als Bericht zusammenfasst. Das schöne Covermotiv mit der roten untergehenden Sonne steht sinnbildlich auch für die deutsche utopische Literatur, die in den Wirren des Ersten Weltkriegs ihre Unschuld verlor und später als Alibi für die Großmannssucht des Deutschen Reiches missbraucht worden ist. Es ist schön, dass der Kleinverlag Dieter von Reeken der heutigen reiferen Jugend einen Blick in diese Epoche erlaubt.

Albert Daiber: "Vom Mars zur Erde"
Roman, Softcover, 144 Seiten
Verlag Dieter-von-Reeken 2004

ISBN 3-8334-2054-5

Weitere Bücher von Albert Daiber:
 - Anno 2222
 - Die Weltensegler

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