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Science Fiction (diverse)



Albert Daiber

Die Weltensegler

rezensiert von Thomas Harbach

Die utopische Literatur deutscher Autoren vor dem Ersten Weltkrieg, dem Krieg, der die herrschenden Machtgef√ľge im alten Europa aus den Angeln hob, ist so gut wie unbekannt. Wenige Sammler stellen einzelne Werke vor, doch die Unzug√§nglichkeit der literarischen Erzeugnisse zu vern√ľnftigen Preisen und die heute f√ľr die meisten Interessierten kaum zu lesende Frakturschrift stellen nat√ľrliche Hindernisse in Bezug auf eine Wiederentdeckung dar. Der Kleinverlag Dieter von Reeken legt mit "Die Weltensegler" von Albert Daiber als dritten Band seiner Neudrucke einen unterhaltsamen und l√§ngst in Vergessenheit geratenen Roman aus der Zeit des Kaiserreichs vor.

Versehen mit einem sehr informativen Vorwort des Herausgebers, dessen Nachforschungen bis zu den in Chile wohnenden Nachkommen Daibers reichten, besticht der Roman zu Beginn durch eine bunte Schilderung des Schwabenlandes. Heute fällt manchem Leser spontan der Werbeslogan "Wir können alles außer Hochdeutsch" ein, um die hier beschriebene Szenerie mit ihren liebevollen Details zu charakterisieren.

Im Gegensatz zu z.B. Kurd La√üwitz' umfangreichem Roman "Auf zwei Planeten", f√§llt bei Daiblers "Bericht f√ľr die reifere Jugend" die sehr konzentrierte und nicht minder knappe Aneinanderreihung von spannenden Episoden auf: da ist zum einen die Reise zum Mars mit all ihren nicht eingeplanten Gefahren, dann die popul√§rwissenschaftlichen Fakten, bei denen sich insbesondere der Organisator und geistige Vordenker der Reise, Professor Dr. Stiller hervortut, und die beschaulichen Ruhepausen, die das paradiesische Leben auf unserem Nachbarplaneten beschreiben.

Die patriotischen Anspielungen auf das Deutsche Kaiserreich halten sich in Grenzen. Die Ode an den schw√§bischen Geist wirkt auf die heutige Generation eher belustigend, denn manipulierend. Unter dem Eindruck des technologischen Fortschritts entwickelt Daibler hier im Grunde einen Fantasy-Roman. Auf der letzten Seite schw√§rmt Stiller von einem "M√§rchen voll Sch√∂nheit, von Zauber und strahlenden Licht" (Seite 142). Diese Einstellung sp√ľrt man im ganzen Roman und dies macht den Stoff auch fast einhundert Jahre nach seiner Entstehung noch sehr lesenswert. Selbst die Nutzung eines Zeppelins unterstreicht diesen Charakter. Obwohl die Gr√∂√üe imponierend war, waren die technischen Beschr√§nkungen un√ľbersehbar und eine Reise ins All unvorstellbar.

Doch neben dieser m√§rchenhaften Komponente durchdringen den Text auch die Ver√§nderungen des angebrochenen 20. Jahrhunderts. Noch steht die intellektuelle Oberschicht und nicht die Arbeiterklasse zu Beginn der Handlung im Mittelpunkt des Interesses. Sieben Professoren brechen auf, um den Mars zu erkunden. Was als wissenschaftliche Expedition geplant ist, wird f√ľr sie zu einem unerwarteten L√§uterungsproze√ü.

Betrachtet der aufmerksame Leser den Roman als Ganzes, dann fallen drei Teile auf, die in direktem Zusammenhang mit der pers√∂nlichen Entwicklung des Autoren und im √ľbertragenen Sinne prophetisch mit den gravierenden gesellschaftlichen Ver√§nderungen am Vorabend des Ersten Weltkriegs im Zusammenhang stehen k√∂nnen. Dabei entspricht der Mediziner Daiber eher dem schwerm√ľtigen Prof. Dr. Fridolin Frommherz, dessen Spezialgebiete Ethik und Theologie sind, als dem Arzt an Bord Prof. Dr. Paracelsus Piller. Der Autor wanderte um das Jahr 1910 mit seiner Familie nach Chile aus, nachdem er zuvor die Welt bereist hatte. Die sieben Professoren brechen zum Mars auf, einer bleibt auf dem friedlichen roten Planeten zur√ľck. Sowohl Autor, als auch geschaffene Kreatur entsagen ihrem bisherigen Leben. Die bisherige kaiserliche Gesellschaft mit ihrer Zucht und Ordnung, ihrem Drang nach m√∂glichst milit√§rischen Ehren, ist Allen fremd geworden. Auch die sechs Heimkehrer f√ľhlen sich auf der Erde nicht mehr wohl. Ihre Begegnung mit der intellektuell hochstehenden Kultur der Marsianer - vergleichbar einem ganzen Volk griechischer Dichter - hat sie f√ľr den Rest ihres Lebens ver√§ndert. Daiber k√∂nnte ein vergleichbares Schl√ľsselerlebnis auf seiner S√ľdseereise gehabt haben, die er vor seiner Auswanderung mit seiner Frau unternommen hat.

Das unterscheidet den Roman von den optimistischen Abenteuerstoffen Jules Verne. Seine Helden erreichen zwar nur den Mond, doch sie beweisen, da√ü dem menschlichen Geist keine Grenzen gesetzt werden k√∂nnen. W√§hrend Verne eine Rakete benutzte, greift Daiber auf die augenscheinlich imposanteste Erfindung deutscher Ingenieurskunst zur√ľck: den Zeppelin. Jules Verne selbst wird erst in der posthum ver√∂ffentlichten Kurzgeschichte "Der ewige Adam" eine Daibers Vision vergleichbare kritische Haltung der Menschheit gegen√ľber einnehmen.

Dabei beginnt dieser Roman wie viele Texte seiner Zeit als Lobpreisung des deutschen Forschergeistes. Unbarmherzig treibt der Expeditionsleiter Stiller seine Techniker und Planer an, um das Luftschiff - den Weltensegler - p√ľnktlich und mit seinen Pl√§nen √ľbereinstimmend fertigzustellen. Hier schwingt der Geist einer √Ąra mit, die erst knappe zwei Jahre sp√§ter mit dem Untergang der Titanic als Symbol des Sieges der Natur √ľber den Menschen und als Warnung vor dem bodenlosen Leichtsinn zu Ende ging. Sp√§testens in den Materialschlachten des folgenden Ersten Weltkriegs endete die Epoche letztendlich in den oft beschworenen Blut und Tr√§nen. Der die Professoren ver√§ndernde Keil in ihrem bislang geordneten Leben ist die Zivilisation der Marsianer, der Mittel- und Wendepunkt dieses Romans.

Daibers Roman entspricht eher einem Bericht denn einer Geschichte. Er bem√ľht sich, die einzelnen sieben Helden mit kurzen pr√§gnanten Charakterz√ľgen und am√ľsanten Schw√§chen zu skizzieren. Auf der Reise selbst begegnen sie einer Reihe von phantasievoll beschriebenen kosmischen Ereignissen: dem kalten, tristen Mond, einem Kometen, sowie dem Marsmond Phobos mit dem es beinahe zu einem Zusammensto√ü kommt. Der Mars selbst wird als unsagbar alte, aber hochkultivierte Welt - geistig, als auch technologisch - beschrieben. Bis auf die Marskan√§le bleibt Daiber hier sehr vage. Er beschreibt weder fremde Maschinen und noch kratzt er an der Oberfl√§che der von ihm entwickelten und auf den griechischen Idealen basierenden, aber in dieser Konstellation offensichtlich nicht lebensf√§higen fremdartigen Gesellschaft. Zu sehr mischt er die Vorz√ľge der marxistischen Lehren mit der best√§ndigen Leitung der einfachen Arbeiterschichten durch eine Oligarchie sehr intelligenter M√§nner. Wie im realen Leben spielen Frauen keine Rolle. Auch wenn sich die Menschen in diesem Paradies zwei Jahre - und nicht drei, wie der Untertitel des Romans f√§lschlicherweise und vom Herausgeber klar widerlegt suggeriert - aufhalten, wird f√ľr den Leser die innere Struktur der fremden Kultur nicht erkennbar. Der Autor schwelgt im Positivem. Vielleicht versuchte Daiber die verschiedenen fremdartigen Sinneseindr√ľcke des einfachen Lebens in Chile in eine √ľberlegene Gesellschaftsordnung zu transferieren.

Der Mensch kann im Vergleich dazu nur seine literarische Vergangenheit und expansive Neugierde in die Waage werfen. Voller Enthusiasmus berichten die Gelehrten vom Stand der friedlichen wissenschaftlichen Forschungen. Auch wenn die Fremden gerne zuh√∂ren, sind ihnen zuk√ľnftige Besucher zuwider und wenn man es auf den Punkt bringen kann, schmei√üen sie die tapferen Schwaben hinaus. F√ľr das kaiserliche Deutschland ein undenkbarer Vorgang. Doch auch die Botschafter der Erde mit ihrer neugierigen, vom friedlichen Forscherdrang gepr√§gten Art und den Vorlieben f√ľr schw√§bische Weine und deftiges Essen entsprechen mehr den wei√üb√§rtigen Professoren eines Jules Verne Romans, denn der Vorstellung eines preu√üischen Offiziers.

Da Daiber mehr ein weit gereister Erz√§hler, denn ein trockner Wissenschaftler ist, liest sich sein Roman auch heute noch sehr unterhaltsam. Mit leichter Ironie sind die Dialoge durchtr√§nkt und seine stolze Beschreibung des schw√§bischen, wachen Geistes wirkt eher belustigend als antiquiert. Das im Kleinverlag Dieter von Reeken erschienene Paperback ist ein liebevoller Nachdruck der um 1910 erschienenen Ausgabe im lesbaren Neusatz. Es enth√§lt ein sehr ausf√ľhrliches und informatives Vorwort, das den Leser auf eine gedankliche Zeitreise zum Ausgangspunkt der Entstehung dieses Romans mitnimmt. Neben den Originalzeichnungen finden sich Abdrucke der ersten Seite in Frakturschrift und zwei Werbeseiten aus der ebenfalls in Vorbereitung befindlichen Fortsetzung.

Wer gerne einmal neugierig geworden an die Wurzeln deutscher phantastischer Utopien gehen möchte, dessen Erwartungen werden mit diesem kleinen und schön gestalteten Bändchen inhaltlich als auch äußerlich in allen Punkten mehr als befriedigt.

Albert Daiber: "Die Weltensegler"
Roman, Softcover, 146 Seiten
Verlag Dieter von Reeken 2004

ISBN 3-8334-1586-X

Weitere BŁcher von Albert Daiber:
 - Anno 2222
 - Vom Mars zur Erde

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