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Science Fiction (diverse)



Philip Reeve

Lerchenlicht

rezensiert von Thomas Harbach

In einer wunderschön aufgemachten Hardcoveredition veröffentlicht der Verlag Bloomsbury wahrscheinlich den Auftakt zu einer neuen Trilogie des britischen Jugendbuchautoren Philip Reeve. Nach dem eher prosaischen „Grosstadtjagd“ eine futuristische Retrogeschichte. In Großbritannien hat der 1966 geborene Philip Reeve inzwischen drei Trilogien abgeschlossen. Er gehört zu den populärsten Autoren des noch stetig expandierenden britischen Jugendbuchmarktes, wobei er sich sehr konsequent in der Tradition John Christophers mit unterschiedlichen Science Fiction Themen in seinen Romanen auseinandersetzt. Obwohl „Lerchenlicht“ in einer ferneren Zukunft spielt, hat der Autor seinem Plot eine spürbare Zeitlosigkeit verliehen, in dem er Elemente des „Steampunk“s als Hintergrund seines rasant geschriebenen, aber auf die Kernelemente reduziert vertrauten Buches genutzt hat. Von William Gibson und Bruce Sterling für „The difference machine“ entwickelt beschreibt der Steampunk eine Zukunft, die auf den Wurzeln des britischen Empire und seiner Exzentrik basiert. Oft werden technische Weiterentwicklungen für Raumschiffe in einen direkten Zusammenhang mit den Benimmregeln, der Kleidung und schließlich auch der Küche Englands im 19. Jahrhundert gebracht. Andere Autoren wie Marcus Sedgewick „Das Buch der letzten Tage“ oder Kenneth Oppel – siehe „Wolkenpanther“ – bauen um die Hintergrund sehr geschickt geradlinige Geschichten auf, Philip Reeves Roman lebt im Grunde von seinem facettenreichen Hintergrund. Er verlässt sich allerdings nicht nur auf die Kraft seiner Worte, sondern hat zusammen mit dem britischen David Wyatt eine Synthese aus Bildergeschichte und klassischem Erzählroman geschaffen. Wyatt ist nicht nur der Tolkienillustrator – auf dem Cover findet sich der entsprechende Hinweis -, sondern auch hat für Terry Pratchett oder Phillip Pullmann gearbeitet. Im vorliegenden Buch greift er auf unterschiedliche Zeichenstilrichtungen zurück, das Spektrum reicht von der begleitenden Karikatur bis zur ganzseitigen fast dreidimensionalen Zeichnung. Er begleitet den Text fast kongenial. Diese Zusammenarbeit ermöglicht es aber auch Philip Revve, auf umständliche, weitschweifige Beschreibungen zu verzichten und pointierter, packender seine flotte Geschichte zu erzählen. Das es sich wie beim Jugendbuch typisch um eine Entwicklungsgeschichte handelt, ein Junge wird aus seiner vertrauten Umgebung gerissen, muss zahlreiche Abenteuer bestehen, lernen, Verantwortung für seine Entscheidungen zu übernehmen und wird mit einem glücklicheren Zuhause als zu Beginn der Story belohnt, sollte nicht zu streng beurteilt werden. Da Reeve seinen jugendlichen Helden – einen von zwei, der zweite ist selbstverständlich ein Außenseiter, der nicht aus eigener Schuld gegen die strengen Regeln des britischen Empires verstoßen hat, sich rehabilitiert und schließlich gesetzestreu neue Aufgaben übernehmen kann – selbst die Geschichte erzählen lässt, negiert er von vorneherein den Hang zu Übertreibungen. Wenn der Protagonist mit Namen Art Mumby seine eigenen Erlebnisse so erzählen möchte, dann steht es ihm als Beteiligten zu. Die außen stehenden Zuschauer – und vor allem der übergeordnete Autor – haben nicht das Recht, an diesem Abenteuergarn zu zweifeln. Hier wirkt Philip Reeve wie ein aus Zamonien ausgestoßener Dichter, der sich an menschlichen oder nicht immer menschlich gewesenen Charakteren versucht. Sehr geschickt hebt er mit dieser Vorgehensweise die klassischen Erzählregeln aus den Angeln. Da es bei einer solch komplexen Geschichte aus Passagen gibt, welche der Erzähler nicht mit eigenen Augen erlebt haben kann, greift Mumby heimlich auf das Tagebuch seiner Schwester Myrtle zurück. Damit erfüllt er sich gleichzeitig den Traum oder Alptraum eines pubertierenden Jungen, einmal nachzusehen, was die Schwester wirklich denkt oder zumindest niederschreibt. Beide Passagen werden der imitierten Optik eines vergilbten Tagebuchs untergeordnet mit einem altersbedingten Rand präsentiert. Die Form muss unter allen Umständen eingehalten werden. Allerdings sind die beiden Tagebuchpassagen ein wenig unglücklich platziert, sie unterbrechen in beiden Fällen packende Handlungsbögen und wirken ein wenig seitenschinderisch. Hier hätte Reeve deutlich kompakter das Geschehen zusammenfassen können.

Der Autor beginnt klassisch seinen Roman mit einer langen, aber interessanten Exposition. Man darf nichts aus den Angeln heben, was der Leser noch nicht in aller Ausführlichkeit kennen gelernt hat. Die Geschichte beginnt im September 1851 in ferner Zukunft. Art und Myrtle Mumby leben zusammen mit ihrem Vater in der herrlichen, exzentrischen Villa Lerchenlicht. Diese befindet sich an einem Punkt im Sonnensystem. Nachrichten kommen nur alle drei Monate aus dem königlichen England unter der Herrschaft Victorias. Ihre Mutter ist vor Jahren im All verschollen. Ihr Vater ist ein liebenswerter, kauziger, aber noch junger und damit lernfähiger Wissenschaftler. Eines Tages kündigt sich überraschend ein Mr. Spindler an. Er will den Vater auf Lerchenlicht besuchen. Statt des Gentlemen werden die MUmbys von Riesenspinnen überfallen, der Vater eingesponnen und die Kinder können mit letzter Kraft in einer der Rettungskapseln entkommen. Mit sehr viel Liebe zum Detail baut Reeve seine Geschichte auf. „Lerchenlicht“ ist eine Mischung aus futuristischer Technik – sprich: man braucht nicht viel die Funktionsweisen erklären, Hauptsache die Maschinen funktionieren – barocker Architektur – große hallenartige Räume – und einem aufseherfreien Spielplatz für die beiden unterschiedlichen Kinder. Ein Paradies, da sich der Vater mehr um seine Arbeit als die beiden Halbwaisen kümmert. Wenn die Hausroboter funktionieren, ist es sogar sauber. Die Raumschiffe werden anscheinend mit einer Dampf ausstoßenden Art von Kohlestofftreibstoff betrieben. Alles ist im Grunde viktorianisch mit den sanften Zügen einer Jules Verne Geschichte, nur die Platzierung der Villa Lerchenlicht im All widerspricht einem klassischen spätenglischen Szenario. Die Flucht aus der behüteten Umgebung auf einen der Monde, die tödliche Gefahr durch Motten, die ihre Opfer gerne in Krüge lebendig zur Aufzucht der Nachkommen nutzen und schließlich die Begegnung mit dem blutrünstigsten Piraten des Sonnensystems, der ebenfalls nur ein Junge ist, dessen übertriebener Ruf – wer verliert schon gerne als Erwachsene gegen einen Jungen – ihm vorauseilt sind Station auf ihrer Odyssee. Wie es sich allerdings gehört, tragen sie einen Schlüssel bei sich. Den Schlüssel, der das Tor zu einer mächtigen Waffe –niemals als solche geplant, aber leicht zu misstrauen – öffnet. Ein bösartiger Wissenschaftler trachtet ihnen mit den Riesenspinnen erst nach ihrem Hab und Gut und dann nach dem Leben. Nach einem sehr guten Auftakt, der als Jules Verne erinnert, nähert sich die Geschichte mehr und mehr H.G. Wells und seinen frühen Zukunftsromanen an. Die mechanischen Riesenspinnen könnten durchaus eine Inkarnation der Angriffstürme der Marsianer sein, auf der Venus treffen sie auf die Überreste der menschlichen Besiedelung – durch eine Krankheit sind die Menschen zu Bäumen geworden – und am Ende retten die beiden jungen Mumbys mittels einer Milliarden Jahre alten Außerirdischen das britische Parlament und damit die monarchistische Demokratie. Recht kurzweilig zu lesen rast die Geschichte von einem kleinen Höhepunkt zum nächsten. Aus der Sicht der männlichen Jugendlichen wird gegen Frauen und das Knutschen gewettert, für die Mädchen gibt es einen strahlenden Helden – nicht etwa den Ich- Erzähler, sondern natürlich den Piraten mit dem Herz aus Gold – dazwischen jede Menge Abenteuer. Auf populärwissenschaftliche Grundlagen wird kein Wert gelegt, es geht darum, eine packende Space Opera mit viktorianischem Hintergrund farbenprächtig zu erzählen. Die vielen Zeichnungen David Wyatt formen die Phantasie der Leser vor. Sie bilden eine einzigartige Einheit. Philip Reeves Stärke liegt vor allem im farbenprächtig- exotischen Hintergrund seiner Geschichte, immer wieder verblüfft er die Leser, in dem er scheinbar Alltägliches in eine Zeitmaschine legt und dann in ein England versetzt, das niemals war und das es niemals geben wird. In der schön gestalteten deutschen Ausgabe findet er solide Unterstützung in der guten Übersetzung der Science Fiction Autorin Ulrike Nolte. Sie hat sich bemüht, die typisch britischen Sprachmuster ins Deutsche zu übertragen und eine gewisse Exotik im Text zu belassen. Nicht zuletzt aufgrund dieses gelungenen Transfers gehört „Lerchenlicht“ zu den empfehlenswerten Neuerscheinungen dieses Jahres. Die Geschichte ist trotz einer stellenweise vorhersehbaren Handlungsführung rasant erzählt, Philip Reeve streut sehr viele originelle Ideen in den eigentlichen Plot ein, bemüht sich überzeugend, eine phantastische Welt zu entwickeln, die noch für einige Abenteuer gut sein könnte, hat die für das Jugendbuch obligatorischen Botschaften geschickt versteckt und holt nicht immer Erwachsene als weise Retter in letzter Sekunde aus dem Köcher. Der Hintergrund des Buches steckt voller überraschender Ideen, ist originell und facettenreich entwickelt. Ein ideales Einsteigerbuch für Jugendliche in den Science Fiction Bereich. Eine nostalgische Geschichte und eine gute Alternative zu den immer komplexer und oft unnötig komplizierten barocken Space Operas junger britischer Autoren, ein idealer Vorläufer zu Stephen Baxter frühen Romanen wie „Anti- Eis“ und „Die Zeitschiffe“.

Philip Reeve: "Lerchenlicht"
Roman, Hardcover, 416 Seiten
Bloomsbury 2007

ISBN 3-8270-5199-1

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