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rezensiert von Thomas Harbach
Zu seinen Lebzeiten galt Robert Kraft als erstzunehmende Konkurrenz und später als würdiger Nachfolger Karl Mays. Kaum 100 Jahre später hat sich das Bild wieder gedreht, während Karl Mays Werk nicht zuletzt dank der in Jugoslawien gedrehten Western Filme weiterhin populär ist, ist das Interesse an Robert Krafts verschwindend gering. Eine Neuauflage einiger seiner Werke in den sechziger Jahren im Karl May-Verlag, der sich schon unmittelbar nach Krafts Tod 1916 die Rechte an seinem Werk sicherte, um es erst einmal in der Schublade verschwinden zu lassen, erzielt inzwischen Sammlerpreise. Daneben sind einige seiner Kolportageromane als sehr limitierte Nachdrucke in Heftromanformat erschienen.
In den neunziger Jahren versuchte es der Ustad-Verlag – mit dem Stammhaus Karl May in Bamberg verbunden – mit einer Neuauflage von insgesamt fünf Romanen. In keinem dieser Werke kam Robert Kraft aber der Western- und Frontiermentalität Mays näher als in diesem hier vorliegenden fast schon surrealistisch absurden Roman „Die Wildschützen vom Kilimandscharo“. Der Wilde Westen trifft auf bayerisches Urgestein und das mitten in Afrika.
Dabei geht Robert Kraft geschickt an diese ernst gemeinte und doch komödiantische Züge tragende Geschichte heran. Der Bayer Robert Richter wandert in die USA aus, lernt die harten Seiten der Erschließung des Wilden Westen kennen und scheitert schließlich als Häuptling einer Handvoll echter Indianer bei seiner eigenen Reitershow in London. Dort macht ihm Lord Warwick ein überzeugendes Angebot. Er soll mit seinen Kriegern und deren Familien nach Afrika gehen und in einer britischen Kolonie den Tierbestand beschützen. Wilderer machen sich in dem weitläufigen Gebiet zu schaffen und die in Nairobi sitzende Regierung ist überfordert. Entschlossen macht sich Richter auf den Weg, diese Aufgabe zu bewältigen.
In einer Parallelhandlung erfährt der Leser von der kleinen Gemeinde Wolfensee bei Oberammergau, die erst nach Südafrika, dann zu den Buren ausgewandert ist. Im Zuge der militärischen Konflikte mit den Engländern hat sich die kleine Gruppe schließlich vor einigen Jahren am Fuß des Kilimandscharo niedergelassen. Dort haben sie ihre Heimat so detailliert wie möglich wieder aufgebaut. Es weiden Ziegen und Schafe, im Dorfkrug wird bayerische Volksmusik gespielt und der Dorfpfarrer predigt jeden Sonntag. In dieser Idylle stößt zu seiner eigenen Überraschung der junge Felix. Vor knappen zwei Jahren Witwer geworden ist er der Melancholie verfallen. Der Pfarrer sinnt auf seine Heilung.
Felix wird an entscheidender Stelle das Bindeglied zu einer großen Familienzusammenführung bilden. Dazwischen liegt aber der Konflikt Robert Richters mit den Wilderern und den ehemaligen Aufsehern, die sich durch das Auftreten des verrückten weißen Indianers mit seiner Handvoll Wilden um ihre lukrative Existenzgrundlage gebracht sehen.
Im Gegensatz zu seinen oft humorvollen, aber immer sympathischen Figuren anderer Romane fällt es der heutigen Lesergeneration schwer, eine Beziehung zu einer Reihe der Figuren aufzubauen. Kraft bemüht zu viele Klischees, um die eigentliche Handlung zu erzählen: der gierige, bösartige Statthalter des britischen Lords, in die eigene Tasche wirtschaftend und umgeben von einer erlesenen Anzahl einfacher Bösewichte erinnert an viele Figuren der Karl May Romane. Hier charakterisiert der Autor nicht, er zimmert sich aus verschiedenen Versatzstücken seinen persönlichen Bösewicht. Der Leser verfolgt das dunkle Treiben des Statthalter Englands auf afrikanischem Boden mit einer Mischung aus Staunen und Unglaube. Der ansonsten doch so weltoffene Robert Kraft sinkt hier fast schon auf Propagandaniveau. Da darf das deutsche Dorf in den Bergen nicht nachstehen. Die wenigen Charakterköpfe – der Pfarrer sei hier stellvertretend herausgestellt – wirken wie eine Reinkarnation des königlich bayerischen Amtsgerichtes mit ihren Sorgen, ob auch alle Eier am nächsten Tag noch vorhanden sind oder man in der gerade proklamierten Ruheperiode auch eine fast todesmutig posierende Gämse schießen darf. Wahrlich schwierige Themen.
Hinzu kommt eine ungewöhnliche epische Breite ohne dem Geschehen Tiefe zu geben. Zu ausführlich zieht sich die erste Begegnung mit der bayerischen Gemeinde hin. Dagegen steht die Einführung des Helden Robert Richter, seines gutmütigen, fast simplen Charakters und dem Nutzen, den die kapitalistische Welt daraus ziehen kann, zurück. Viel zu knapp, zu abgehackt erzählt Robert Kraft diese farbenprächtigen und vielschichtigen kleinen Episoden, um dann – während Richter nach Afrika unterwegs ist – die Handlung fast brutal auf die Gemeinschaft im afrikanischen Bergmassiv zu lenken. Diese Brüche werden gegen Ende des Buches immer häufiger und zeigen den epischen Erzähler Kraft von seiner unzuverlässigen und lustlosen Seite.
Die unterschiedlichen Grade der Verwandtschaft zwischen den insgesamt drei Parteien – Felix, Robert Richter und einem Teil der Dorfbevölkerung – unterstreichen zwar, dass sich insbesondere die Bayern überall auf der Welt wieder finden und das alle Deutschen im Grunde Brüder sind, wirken aber unfreiwillig komisch und steif. Dieses gegenseitige Einordnen hemmt den eigentlichen Fluss der spannenden, an Westernmotive angelehnten, aber in der Konzeption simplen Handlung.
Auf der anderen Seite sind die bayerischen Dialogpassagen mitten im afrikanischen Dschungel fast surrealistisch. Der Leser verfolgt diese mit einem wohlwollenden Lächeln auf den Lippen und bewundert den Mut der Dörfler, die Heimat hinter sich zu lassen und in der Fremde glücklich endlich Frieden gefunden zu haben. Hier spricht wieder der unstete Geist Krafts, der selten lange an einem Platz gelebt hat und sich im Gegensatz zu Karl May schon als Junge auf Weltreise begeben hat. Trotzdem durchzieht diesen Roman eine ungewöhnlich patriotische Stimmung und Kraft hebt das Deutschtum an einigen Stellen als herausragend und fördernswert hervor. Viele Angriffe gegenüber den Buren und Engländern sind eher rassistisch, als spannungstechnisch notwendig. Das sich das Dorf in der Isolation und damit der Einsamkeit sehr wohl fühlt, ist vielleicht noch verständlich, aber hier übertreibt Robert Kraft bei der Konzeption dieser zweiten Heimat. Sie wirkt deutscher oder besser bayerischer als Bayern selbst- der Leser erwartet unwillkürlich, eine kleine Reproduktion eines der vielen Schlösser am Hang des schneebedeckten Kilimandscharos zu finden. Das bleibt allerdings aus.
In einem Punkt muss dem Autoren schließlich der Zufall zu Hilfe kommen. Die Begegnung Robert Richters mit Felix, dessen plötzliche Liebe zu Richters Schwester und die Zusammenkunft der Bayern – unter dem plötzlichen aber natürlich falschen Verdacht stehend, die Wilddiebe zu sein – mit dem neu ernannten Wildschützer Richter sind alles Handlungsschwachpunkte. Zu sehr konstruiert Kraft in diesem mit fast 400 Seiten sehr umfangreichen und doch geradlinig erzählten und wenig verschachtelten Roman diese Szenen. Dadurch wirken sie unbeholfen, fast schon peinlich überzogen.
Aktuelle Kritik am Vorgehen der Europäer – hier trennt Kraft nicht unbedingt zwischen den Deutschen und stellvertretend für die Kolonialmächte den Briten – findet sich im Schutzgedanken der wilden Tiere. Deren Bestand sieht Kraft als bedroht an und führt mehrfach das Beispiel der amerikanischen Büffel und ihre Ausrottung aus reiner Blutgier und übertriebenen Sportgeist des weißen Mannes an. Eine zweite Ausplünderung der Natur sucht eine kleine Gruppe von intelligenten Menschen unter Führung eines britischen Adligen zu verhindern. Aber wie in der gegenwärtigen Realität bleiben die guten Absichten auf der Strecke. Resignierend schließt Kraft seinen Roman auf einer deprimierenden Note. Diese schiebt er unter ein schmalziges Ende. Dabei gäbe es doch einige sehr lesenswerte und fast einzigartige Passagen in diesem routiniert geschriebenen Buch.
Insbesondere die Szenen in den Sümpfen überzeugen durch ihre fatalistische Haltung gegenüber der Natur und die innere Dramatik. Robert Kraft reduziert seine Figuren auf das Elementare und zeigt ihre Nichtigkeit gegenüber der scheinbar unangreifbaren und weiten Natur. Der direkte Konflikt zwischen den entlassenen Wildschützen und der Handvoll Indianer könnte auch in Arizona spielen. Die Synthese zwischen deren Kampftechniken und dem hier beschriebenen Terrain ist eine der eindruckvollsten literarischen Szenen Robert Krafts.
Auch zu Beginn des Romans wirkt die Mischung aus Exposition und modernem Märchen anziehend. Mehr als einmal glaubt der Leser neben dem Schöpfer dieser fiktiven Geschichte zu stehen und die Ereignisse direkt aus dessen Perspektive zu sehen und entsprechend zu kommentieren. Voller Elan mit einem sehr guten Auge für die kleinen, aber manchmal wichtigen Dinge beginnt die eigentliche Handlung. Erst im Laufe der in Afrika spielenden Szenen erweckt Kraft den Eindruck, das Interesse an seinem Handlungsbogen nicht mehr aufrecht halten zu können.
Aus nicht nachvollziehbaren Gründen geht ihm diese Energie fast nahtlos im Anschluss an die ersten fünfzig Seiten verloren. Mehr als einmal in seiner Laufbahn beendete er Themen und Texte, an denen er das Interesse verloren hat, abrupt. Hier geht es dem Leser nicht viel anders. Fast rüde stößt er diese aus dem Text, weist direkt darauf hin, dass das Ende dieser wahrscheinlich wahren Geschichte so und nicht anders sein darf. Auf wenigen Seiten handelt er die letzten offenen Fäden ab und negiert mit seinen Aussichten die bisherige Handlung. Warum das bayerische Dorf sich wieder auflöst – obwohl die Menschen nach harter Arbeit wieder eine neue Heimat geschaffen haben – sich Reinhold Richter wieder nach Arizona zurückzieht, obwohl er in Afrika Verwandte und eine neue Aufgabe gefunden hat und sich unbedingt Schwester und Bruder trennen müssen, sind alles klischeehafte und unoriginelle Geistesblitze.
Genauso verhält sich aber Robert Kraft gegenüber seinem eigentlichen Handlungsträger: Reinhold Richter wird erst als sympathischer, ein wenig glückloser, aber ehrlicher Mann geschildert. Er möchte für seine Anvertrauten – die Indianer – eine gesicherte Zukunft schaffen und fällt mehrmals auf unehrliche Geschäftsleute herein. Trotzdem gelingt es ihm durch Zufall, für alle eine Aufgabe in Afrika zu finden. Nach anfänglichen Schwierigkeiten wächst er mit dieser Aufgabe. Gegen Ende des Buches gibt er die Initiative wieder vollständig aus der Hand. Die gebürtigen und nicht eingestammten Indianer übernehmen das Kommando, obwohl Robert Kraft ausgerechnet Reinhold Richter als den erfahrenen und unfehlbaren Fährtenleser darstellt. Ein weiterer Widerspruch. Außerdem verwandelt er seine Indianer mehr und mehr wieder zu den brutalen Wilden zurück, die ihre Gegner ohne Gnade umbringen und ihre Skalps nehmen. Die weißen Engländer sind allerdings keinen Deut besser. Einer jungen gefangenen Indianerin droht der entlassene Oberförster mehrmals sexuelle Gewalt an und Robert Kraft verschweigt nicht, dass dieser Fiesling nach schwarzer Haut jetzt rote Haut ausprobieren möchte. Trotzdem gelingt es ihm als Autoren nicht, überzeugende Figuren in dieser von der Grundidee fesselnden Abenteuergeschichte zu etablieren. Auf beiden Ebenen arbeitet er zu geschwätzig, fast unkonzentriert und hinterlässt beim außen stehenden Leser einen frustrierenden Eindruck.
Viele Elemente bleiben in der Luft hängen und so zeigt sich „Die Wildschützen vom Kilimandscharo“ als der schwächste Band der Neuauflage. Die für Kraft so typischen und ihn auszeichnenden Ideen sind leider nur bedingt in einen spannenden Roman umgesetzt worden und viele Szenen wirken einfach altbacken und steif.
Robert Kraft: "Die Wildschützen vom Kilimandscharo"
Roman, Hardcover
Ustad Edition bei KMV 2005
ISBN 3-7802-1072-X
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