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rezensiert von Thomas Harbach
Jahrzehntelang beherrschten die Brüder Arkadi und Boris Strugatzki mit ihren oft ironischen utopischen Romanen die sowjetische Science Fiction. Titel wie "Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang", also heute, oder natürlich "Picknick am Wegesrand" - verfilmt von Tarkowski unter dem Titel "Stalker" - oder der eine ähnliche Thematik aufnehmende "Ein Käfer im Ameisenhaufen" haben sie einem Publikum von Millionen von Lesern bekannt gemacht. Doch die beiden Wissenschaftler haben auch immer vor einer unkontrollierten und unkontrollierbaren Forschungssucht gewarnt. Eine Reihe ihrer Werke beschreiben die katastrophalen Folgen dieser menschlichen Großmannssucht. Das eindrucksvollste Beispiel ist "Der ferne Regenbogen" - ein unauslöschliches künstliches Atomfeuer frisst sich über einen Planeten, von dem nur eine Handvoll der Siedler und Wissenschaftler evakuiert werden kann. Ein dunkles Tagebuch mit einem bitteren Ende präsentieren die beiden Autoren.
Mit "Troika" nehmen sie die starren politischen Regeln in der ehemaligen Sowjetunion auf die Schippe und präsentieren die größte Nation der Erde als Tempel voller Narren. Der Stempel regiert und nicht der Intellekt.
Nach dem Tod von Arkadi Strugatzki wurde es um Boris sehr ruhig. Inzwischen arbeitet er alleine weitere und präsentiert mit "Die Suche nach der Vorherbestimmung" seinen ersten Soloroman, gut von Erik Simon ins Deutsche übersetzt und in einer handlichen Hardcoverausgabe bei Klett Cotta erschienen Das Buch erschien in Russland im Jahr 1995, entstanden ist es laut der Fußnote in den Jahren 1992 bis 1994. Unmittelbar im Anschluss an den Tod seines Bruders. Darum wirkt der Roman auf den ersten Blick auch untypisch für das bisherige Oevre der beiden Russen. In seinem Kern verstecken sich allerdings eine Reihe von Ideen und Elementen, die in veränderter Form öfter in ihren Werken abgehandelt worden sind. Manchmal hat der Leser den Eindruck, die überirdischen/außerirdischen Elemente werden scheinbar durch religiöse Erklärungen/ Verklärungen ersetzt .
Immer wieder haben die beiden Strugatzki auf ihre umfangreiche Chronik des 22.Jahrhunderts hingewiesen - "Mittag, 22. Jahrhundert" - hingewiesen und das sie die Zukunft der Menschheit bis in die kleinsten Details durchkonzipiert haben. Nur die Gegenwart und die nähere Zukunft erscheinen Boris Strugatzki noch undurchsichtig und veränderbar.
Darum kommt es nicht überraschend, dass er sich in dem hier vorliegenden Roman mit der verzerrten Realität des postsowjetischen Staates genauso auseinandersetzt wie mit der Frage, was wirklich in einem Menschenleben veränderbar und vorhersehbar ist. Unterliegt alles dem Zufall oder kommen wirklich übernatürliche Kräfte zum Tragen ?
Stanislaw Krasnogorow ist in den ersten drei Jahrzehnten seines Lebens insgesamt vierundzwanzig Mal nur um Haaresbreite in unterschiedlichsten Situationen am Tod vorbeigeschlittert. Es wird Zeit, diese Erfahrungen literarisch zu verarbeiten. "Der glückliche Junge" sind diese Lebensweisheiten . Dabei verarbeitet Strugatzki wahrscheinlich seine eigene surrealistisch anmutende Jugend in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Mit bitterer Offenheit schildert er die Folgen der Hungersnöte und die schwindende Angst vor den Bomben. William Gibsons "Mustererkennung" nahm ebenfalls den Zweiten Weltkrieg und den Russlandfeldzug zum Anlass, in Form von Ausgrabungen auf diese Zeit hinzuweisen. Strugatzkis Beschreibungen wirken lebensnaher und eindrucksvoller, wenn auch nicht angenehmer. Es ist für Leser sehr interessant zu verfolgen, wie der erfahrene Autor in dieser persönlichen Geschichte seine literarische Stimme sucht und nach einigen schwierigen Abschnitten auch findet. Die ersten dreißig Seiten sind eher abweisend geschrieben und wirken wie eine private persönliche Geschichte, für enge Freunde konzipiert und nicht für die Öffentlichkeit geschrieben. Erst im Laufe der folgenden Seiten gelingt dem Autoren der Befreiungsschlag.
Zu erst subtil, dann immer offener wird seine Kritik an der geplanten literarischen Szene in der ehemaligen Sowjetunion mit dem ironischen Höhepunkt, dass sein Redakteur die Literaturform bestimmt und dann den Autoren den vorliegenden Text anpassen lassen möchte. Das passt in die grotesken literarischen Eskapaden, in denen volksnah das Produktivvermögen mit jeder kreativen Arbeit intensiv vermehrt werden sollte. Diese kritischen Passagen durchbrechen die fesselnde und doch facettenhafte Geschichte des jungen Stanislaw.
Mit bösartiger Freude entzieht dann der Autor seinen Lesern ihren Glauben und jegliche Perspektive. In den folgenden zwei Teilen des Romans werden die bislang beschriebenen Szenen aus gänzlich anderen Perspektiven beschrieben und interpretiert.
Anscheinend hat Stanislaw Krasnogorow nicht nur eine Affinität, dem Tod ein Schnippchen zu schlagen, er scheint auch über paranormale Fähigkeiten zu verfügen. Einige seiner Widersacher sind durch explodierende Köpfe gestorben. Der KGB wird auf ihn aufmerksam und entbrennt ein Duell auf intellektueller Ebene.
Die Lösung, die Boris Strugazki schließlich wählt, ist für seine Charaktere, aber auch den Autoren ein Ausweg aus einem Dilemma. Trotz aller politischer Kritik schwingt eine gewisse nostalgische Stimmung zwischen den Zeilen mit. Nicht alles war in der zusammengebrochenen Sowjetunion schlecht und wenn es richtig schlecht war, wurde geschwiegen. Die Doppeldeutigkeit entlarvt er an Hand der Denunziation eines Schriftstellerkollegen. Aus im trunkenen Zustand gesprochenen Sätzen wird eine Anklage und schließlich eine Verurteilung.
In der zweiten Hälfte des Romans werden diese stimmungsvollen, nachdenklichen Szenen immer weniger. Die Dialoge ufern aus, die Selbstbeweihräucherung wird immer umfangreicher und findet ihren Höhepunkt in einer demonstrativen Selbstopferung. Selten
Formuliert er so schlagkräftige und bissige Anklagen wie in "Troika". Der Leser erwartet in einigen Szenen eine Wendung der beschriebenen Ereignisse, die konsequente und logische Fortführung der irrealen Wahnvorstellungen eines Staates voller Spitzel und Denunzianten. Das auf die Spitze treiben, das logische Übertreiben bleibt aus.
"Die Suche nach der Vorherbestimmung" ist eine Mischung aus einer kritischen Selbstbetrachtung, einer autobiographischen Selbstbestimmung und einem übernatürlichen utopischen Roman. Die drei Teile fügen sich nur schwer zusammen. Fesselnde Passagen gehen in intellektuelle Stillleben über. Manchmal entdeckt der Leser den alten kritischen Scharfsinn der Strugazkis, dann verschwindet die Handlung buchstäblich im Nebel. Das Buch ist für Strugazki Kenner sicherlich eine ungewöhnliche Perspektive und Bereicherung des bisherigen umfangreichen Werkes. Es ist nicht der Schritt in eine neue Dimension. Es ist ein ideenreicher Roman. Krasnogorow möchte seine Fähigkeiten in die Waagschale werfen, um ein besseres Russland zu schaffen, dessen Zukunft zu verändern. Strugatzki übersieht in der Gestehung seines Buches die Tatsache, dass sich Russland stärker verändert hat als er die Phantasie selbst eine so guten Autoren ersinnen konnte. Und das macht Krasnogorows Sieg zu einer inhaltsleeren und befremdenden Selbstopferung. Verwirrend, verstörend und für Außenstehende nicht nachzuvollziehen. Wie dieser im Kern glänzende und doch als Gesamtwerk unbefriedigende Roman. Der jungen britischen Autoren Liz Williams gelang in ihrem letzten Roman "Nine Layers of Sky" eine fesselnde und spannende Version zweier Russlands: ein Russland, wie der Leser es täglich mit wachsendem Staunen in den Nachrichten verfolgen kann und ein Russland, wie es hätte sein können. Beide Parallelwelten nur durch ein Kleinod voneinander getrennt. Strugatzkis Roman erreicht insbesondere in den historischen Episoden diese literarische Klasse und Dramatik, gegen Ende gibt er auf und überlässt sein Land der Phantasie seiner Leser.
Boris Strugatzki: "Die Suche nach der Vorherbestimmung"
Magazin, Softcover
Klett Cotta 2005
ISBN 3-6089-3771-4
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