|
rezensiert von Thomas Harbach
Mit „Kopflos“ , dem Roman um ein wissenschaftliches Experiment, legt die Lübecker Journalistin und Autorin Charlotte Kerner ihren ersten Thriller für ein erwachsenes Publikum vor. Charlote Kerner ist 1950 in Speyer geboren worden, studierte Volkswirtschaft und Soziologie in Mannheim. Inzwischen lebt sie in Lübeck, ihr Mann arbeitet als Professor an der Universitätsklinik. Ihre literarische Karriere begann sie mit populärwissenschaftlichen Artikeln für renommierte Magazine und Biographien berühmter Forscherinnen für ein jugendliches Publikum. Im Mittelpunkt einer ihrer Arbeiten stand die Lebensgeschichte der Atomphysikerin Lise Meitner, die an der Seite Otto Hahns forschte und dann als Jüdin Deutschland verlassen musste. Im Gegensatz zu Hahn ist sie heute zu Unrecht fast vergessen. Eine weitere Biographie beschreibt die Lebensgeschichte der Architekten und Designerin Eileen Gray. Weitere Bücher veröffentlichte sie über Maria Sibylla Merian und Hildegard von Bingen.
Mit ihren beiden utopischen Romanen „Geboren 1999“ und „Blaupause“ hat sie unterstrichen, dass interessante und provozierende Science Fiction auf soliden Basen aufbauend insbesondere das Schicksal der jeweiligen Protagonisten beleuchten sollte. Über diese emotionale Ebene fällt es dem Leser sehr viel leichter, die verschiedenen Thesen als Basis einer weiteren Auseinandersetzung mit den Sujets zu verstehen. Charlotte Kerner liefert in beiden Büchern keine Antworten, sondern stellt konsequent und zielstrebig auf den ersten Blick überraschend simple, aber in ihrer Komplexität und Folgewirkung effektive Fragen. Was empfindet ein Klon? Kann er sich von seinem in diesem Fall künstlichen Schöpfer und dem Original lösen? Hat der Klon überhaupt ein Recht auf ein eigenes Leben.
In „Kopflos“ geht die Autorin diesen Weg sehr konsequent weiter. So ist „Kopflos“ genauso wenig ein Buch nur für Erwachsene wie insbesondere „Blueprint“ ein Jugendbuch gewesen ist. Die Grenzen sind fließend. Da es sich bei dem Körperspender Josef Metzig in „Kopflos“ um einen achtzehnjährigen Studenten handelt, der nach einem Fahrradunfall in ein Koma fällt, ist die Grenze zwischen Jugendbuch und Erwachsenenliteratur ad absurdum geführt. Viele insbesondere Jugendliche Leser werden gerade durch die Jugend des Protagonisten noch stärker angesprochen. Der erste Schritt in die Unabhängigkeit, die Volljährigkeit endet mit dem Hirntod. Josef Metzig fällt wieder in die Obhut seiner Mutter zurück, die ihn in diesem hilflosen Zustand geradezu „erdrückt“ und seine Wünsche – wie die Organspende – schließlich nur erfüllt, weil sie selbst egoistisch einen Nutzen in dem einzigartigen Experiment sieht. Der Körperempfänger Gero von Hutten dagegen ist nach einem Unfall schwer verletzt und wird seinen Beruf Maler in dieser Form nicht mehr ausüben können. In einem Nebensatz erwähnt Charlotte Kerner, dass mit Bekannt werden des Unfalls die Preise für seine Bilder exorbitant in die Höhe geschossen sind. Der Kapitalismus kommentiert das menschliche Schicksal auf seine einzigartige Weise. Als Krüppel will er nicht mehr leben. Darum entschließen sich zuerst seine Frau und später er selbst, dem Experiment zuzustimmen. Gero von Huttens Kopf wird auf Josef Metzigs Körper verpflanzt. Zumindest medizinisch gelingt die Operation. Wer ist aber wirklich die Chimäre, welche die Wissenschaft erschaffen hat? Wie regiert die Umwelt auf diesen „Zwitter“ und wie reagiert er auf seine Umwelt?
Charlotte Kerners Roman lässt sich sehr gut auf zwei Ebenen behandeln. Da ist es zum einen die wissenschaftliche Basis. Sehr sachlich mit umfangreichen, gut recherchierten Hintergrundinformationen vermittelt die Autorin dem Leser ein Bild der gegenwärtigen Humanforschung. Zwar verlagert sie diesen Bereich in eine ominöse „Prometheus“ Stiftung und weg von den öffentlich geförderten Instituten, aber im Vergleich zu amerikanischen Thrillerautoren, für die jede private Forschung ein Verschwörungselement enthalten muss und sowieso ruchbar ist, bleibt sie sachlich. Mit der Ärztin Lena Kraft verfügt die Autorin im komplexen und nicht immer einfach fließend zu lesenden Anfang über eine Art medizinischen Reiseführer. Professorin Kraft muss den Hinterbliebenen – Witze und Mutter – nicht nur die Verletzungen bis zum Hirntod erläutern, sondern später auch die einzelnen Transplantationsschritte erläutern. Da sie diese Schritte Laien erklärt, erhält der Leser auf diese effektive Weise einen guten Überblick über die wissenschaftliche Forschung und den Stand der medizinischen Entwicklung. Im Vergleich zu anderen Autoren macht Charlotte Kerner aber nicht den Fehler, ihre Ärzte als versuchswütige Halbgötter in weiß darzustellen. Sie gibt insbesondere dem Team um Lena Kraft mit guten pointierten Bemerkungen individuelle Züge und stellt sie als „neugierige“ Forscher dar, welche sich zwar der Herausforderung stellen, sie aber nicht aktiv und vor allem nicht um jeden Preis suchen. Es ist eher so, dass sie in diesem Fall sich dem Druck der Hinterbliebenen beugen. Dadurch entfallen die klassischen Schuld- und Verantwortungszuweisungen. Gleichzeitig sondert sich der Plot damit effektiv aus dem bekannten „Mad Scientist“ Subgenre ab. Es gibt keine Möglichkeit, einen Vergleich zu den Epigonen von „Orlacs Händen“ zu ziehen. Immerhin haben sich insbesondere einige Low Budget Filme – siehe „The Head“ in den fünfziger Jahren mit der Thematik der Kopfverpflanzung auf sehr plakative und eindimensionale Weise beschäftigt. Bis zur Mitte des Buches beherrscht die medizinisch- wissenschaftliche Komponente das Geschehen. Charlotte Kerner lässt sich sehr viel Zeit, die Basis für die später deutlich in den Vordergrund tretende emotionale Geschichte zu schaffen. Es werden zwar ethische Fragen diskutiert, aber grau bleibt alle Theorie. Mit einer Packung Ingwerpralinen beginnt sich der Fokus zu verändern. Während es sich um Josef Metzigs Lieblingspralinen handelt, kann Gero von Hutten diese nicht ausstehen. Charlotte Kerner nutzt diese im Grunde einfachste Situation, um die zweite Handlungsebene einzuläuten. Dabei lässt sich der Plot nicht auf die einfache Frage, ob der Körper oder der Geist – in diesem Falle wörtlich zu nehmen – die Kontrolle hat, reduzieren. Auch die Autorin sucht auf diese Frage keine einfache Antwort, sondern bleibt im Reich der Vermutungen. Wie kann Josef Metzig ohne seinen Kopf, sein Gehirn die Kontrolle über Gero von Huttens Gehirn - immerhin ist ja der ganze Kopf transplantiert worden - übernehmen? Was steuert wirklich den Körper eines Menschen und bildet einen wichtigen Bestandteil der Persönlichkeit? Nur das Gehirn oder sind es auch Hormone, genetische „Reste“ im ganzen Körper? Hier bleibt der Leser manchmal genau wie die Ärzte ein wenig überfordert zurück und es dauert einige Zeit, bis zumindest der Leser die klassische Denkweise von Gehirn
(= Geist) als Zentrum der „Seele“ überwunden hat. Diese Prämisse muss der Leser allerdings auch akzeptieren, damit für ihn der folgende emotionale Teil des Buches überhaupt funktionieren kann. Nimmt er diesen Staffelstab nicht auf, bleibt nur noch Befremden.
Für „Blueprint“ entwickelte Charlotte Kerner eigene Begriffe. Diese sehr effektive Vorgehensweise wird in der zweiten Hälfte des Romans ein wenig, vielleicht sogar zu wenig angewandt. Ihr Klonwerk lebte von der intensiven und sehr engen Verbindung Leser- Klon. In „Kopflos“ nimmt sich Charlotte Kerner nicht die Zeit, sowohl Gero von Hutten als auch Josef Metzig ihrem Publikum vorzustellen. Der Leser lernt die beiden Männer erst kennen, als der eine im Koma liegt und der andere schon mit schwersten Verletzungen auf der Intensivstation mit dem Leben ringt. Alle Informationen werden aus zweiter - die Freundin, die Mutter und die Ehefrau, eine Art weibliche Dreifaltigkeit mit unterschiedlichsten Ambitionen, aber einem gemeinsamen Ziel - dargeboten. Damit kann sich der Außenstehende später ein zumindest in der ersten Ebene unverfälschtes Bild des neuen Menschen „GH/JM“ machen, dem Buch fehlt aber auch die emotionale Intensität, welche „Blueprint“ auszeichnete. Nach der gelungenen Operation und der Rehabilitation erfolgt im Grunde eine Art körperlich- geistige Schwangerschaft, aus welcher der neue Mensch, die Chimäre geboren wird. Fragmentarisch zeigt sie den Kopf on Gero von Hutten und immer mehr Josef Metzig um diesen einen Körper. Mal sind sie wie Kinder, wenn sie mit den Kopffüsslern eine neue neue Serie von Bildern entwickeln, dann streiten sie sich wieder. Gero von Hutten liebt seine Frau auf einer sehr intellektuellen Ebene, Josef Metzig kann zumindest mit ihr diese Liebe körperlich nicht vollziehen. Als Metzigs ehemalige Freundin auftaucht und ihn sexuell von ihr zumindest kurzzeitig abhängig macht, ist es der Student Metzig, welcher den Akt vollzieht. Sehr geschickt und routiniert beschreibt Charlotte Kerner in ihrer modernen Frankenstein- Geschichte mit dem Tenor auf der Schöpfung und nicht dem Horror - wie später auch die Ärztin Lena Kraft erkennen muss und wird - wie unmöglich es ist, das alte Leben/ die alten Leben fortzusetzen. Dabei gehört der intellektuelle Reifungsprozess zu den interessanten Passagen des Buches. Es wäre allerdings packender gewesen, sowohl Gero von Hutten und Josef Metzig eine Vorgeschichte zu geben. So durchläuft der Leser den gleichen Prozess des Verlustes wie die weiblichen Protagonisten, um dann die Neugeburt eines neuen, eines anderen Menschen zu verfolgen. Insbesondere die Frauencharaktere sind bis auf Lena Kraft - ein deutlicher, vielleicht sogar zu deutlicher Hinweis auf das nicht überraschende Ende - extrem bis exzentrisch gezeichnet. Die Karrierefrau von Hutten, welche eine Kopfehe führt. Die Studentin Rita, die sich unbedingt ein Kind von Josef Metzig gewünscht hat. Der Katalysator seines Unfalls. Dabei will sie auch noch studieren und etwas erreichen. Diese Konstellation wirkt aufgesetzt. Bei ihrer Rückkehr erfährt sie, dass Josef Metzig noch lebt und sie ihr Ziel noch erreichen kann. Beide Frauenfiguren sind wahrscheinlich als Kontrast zu der sehr menschlich gezeichneten Chimäre etwas extremer gezeichnet worden, aber der Leser kann niemals die emotionale Tiefe zwischen ihnen auch nur erahnen. Hätte Charlotte Kerner zu Beginn des Buches einige einleitende warmherzige Szenen hinzugefügt, würde der Bindungsteil in der zweiten Hälfte des Buches nicht zu steril, teilweise so mechanisch wirken. Josef Metzigs Mutter sucht mit der Zustimmung zur Operation den verlorenen Sohn zurück zu gewinnen. Am Ende muss sie sich mit Fotos begnügen. Obwohl zumindest phasenweise Josef Metzigs Persönlichkeit mehr und mehr nach oben dringt, fehlt der zweiten Hälfte des Buches auch eine Begegnung zwischen der Chimäre und Metzigs Mutter. Charlotte Kerner schreibt diese Figur bis auf zwei oder drei Begegnungen mit Rita und Lena Kraft gänzlich aus dem Roman. GH/JM betrügen Gero von Huttens Frau mit Rita, der Körper besiegt den Intellekt. Die Begegnung mit beiden ihrer Schöpfer - der zweite Schöpfer ist Lena Kraft, auch wenn sie nicht die Operation durchgeführt hat - hätte im letzten Drittel des Buches einen weiteren interessanten Kontrast bedeutet. GH/JM müssen sich neu erschaffen. Auf künstlerischer Ebene ist es ihnen gelungen, auf emotionaler Ebne stehen die Chancen nicht schlecht, denn sie verlieben sich in den einzigen handlungstechnisch verbleibenden Menschen: Lena Kraft. Die Ärztin hat Charlotte Kerner insbesondere in der ersten Hälfte des Textes mit sehr viel Liebe zum Detail als einsame Frau beschrieben, die in ihrer Arbeit aufgeht, aber in sich eine Leere spürt. Diese Leere wird am Ende des Buches gefüllt. Die Liebesgeschichte ist ohne Pathos oder Kitsch geschrieben, nimmt die in der Mitte des Buches teilweise ein wenig ungeordnete wirkenden emotionalen Fäden wieder auf und versucht einen neuen Knoten aus ihnen zu knüpfen. Mit diesem Schritt löst Charlotte Kerner auch als Beziehungsprobleme des Buches. Auf den Osterinseln kommen GH/JM sowie Lena Kraft zumindest vorläufig zur Ruhe.
„Kopflos“ ist ein Kopfroman. Mit sehr viel Akribie und Recherchearbeit spielt Charlotte Kerner auf einer modernen wissenschaftlichen Ebene das alte Frankensteinthema - ohne die Schaffung eines Monsters, sondern der Versuch, die Grenzen des Wissens, der Forschung immer wieder zu erweitern - durch. Die erste Hälfte des Buches besticht durch die ruhige Erzählstruktur, in welcher die Autorin für eine unglaubliche Prämisse nicht nur eine überzeugende Basis ausbildet, sondern sie absolut überzeugend mit der richtigen Mischung aus medizinischen Fakten und Fiktionen erzählt. Die zweite Hälfte des Buches mit den Auswirkungen des Experiments ist - wie der originale Frankenstein - die Suche nach dem Platz in der Gesellschaft und der Versuch, mit den emotionalen Widersprüchen zurechtzukommen. Diese Handlungsebene wirkt weniger komplex, teilweise ein wenig zu sperrig und konstruiert. Hier wirkt Charlotte Kerners teilweise zu sachlicher Stil kontraproduktiv, zu distanziert. Hier wünscht sich der Leser die emotionale Achterbahn, welche die Autorin in „Blueprint“ so ausgezeichnet ausdrücken konnte. Intellektuell provoziert Charlotte Kerner mit dem vorliegenden Buch sicherlich wieder eine Diskussion um Ethik/Moral in der medizinischen Forschung auf der seinen Seite und die Grenzen des Leben retten/ Leben schaffen auf der anderen Seite. Aus dieser Perspektive ist „Kopflos“ ein lesenswertes Experiment, eher eine intellektuelle Provokation als die Beziehungsgeschichte unter extremen Bedingungen - wie der Klappentext suggeriert -, denn zumindest Charlotte Kerner ist der Ansicht, dass das Leben bis zum endgültigen Tod immer einen Weg durch den existentiellen Dschungel findet.
Charlotte Kerner: "Kopflos"
Roman, Softcover, 256 Seiten
Piper Verlag 2008
ISBN 3-4922-7146-4
Leserrezensionen
:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::
|