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Science Fiction (diverse)



Koushun Takami

Battle Royale

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Battle Royale“ legt der Heyne- Verlag im Rahmen seiner „Heyne Hardcore“ Reihe nach zwei Werken von Richard Laymon und einem Roman Jack Ketchums zum ersten Mal ein Werk aus Japan vor. Die Silhouette zweier bewaffneter junger Menschen vor einem blutroten Hintergrund deutet in die Richtung, die Takami mit seinem ersten Roman zu gehen bereit ist. 1969 geboren, studierte in Osaka Literatur und Journalist, schrieb den vorliegenden Roman für einen Wettbewerb, in welchem er zumindest Achtung, aufgrund seines fragwürdigen Inhalts aber keinen Preis erhalten hat. 1999 veröffentlichte einer der größeren Verlage das sehr stark an die Manga Kultur angelehnte Buch. In der Zwischenzeit ein Millionen Bestseller. Takami arbeitet inzwischen an seinem zweiten Buch. Das kommt eine opulente, gewalttätige wie auch umstrittene Verfilmung durch Kinji Fukasaku, einem etablierten und seit vielen Jahren insbesondere Yakuza- Filme inszenierenden Regisseur. Das Drehbuch hat sein Sohn geschrieben. Wie auch die Fortsetzung ist der Film in Deutschland gekürzt auf DVD erschienen, in den USA liefen beide Filme nur in wenigen Offkinos. Die Fortsetzung konzentriert sich mehr auf die politisch in diesem Roman nur angedeutete Komponente. Ein Überlebender des Spieles möchte das diktatorische System stürzen und agiert als jugendlicher Terrorist in einer abgestumpften Gesellschaft. Dieser Tenor deutet sich am Ende des Romans an, aber sowohl die politischen als auch wirtschaftlichen Hinweise spielen in diesem überaus brutalen, plakativen und deutlich auf Schockeffekte hin geschriebenen Roman keine große oder den Plotbestimmende Rolle

Um es gleich vorwegzunehmen, das Buch basiert in erster Linie auf seiner anderen Mentalität und lehnt sich weniger an den „Herrn der Fliegen“ an, sondern eher an der Science Fiction und nicht der Soziologie nahe liegende Texte wie Robert Sheckleys „Der zehnte Mann“ oder natürlich auch in seiner Brutalität an Stephen Kings „The Running Man“. Mit der inhaltlich unterschiedliche Prämisse, dass keine Erwachsenen über ihr eigenes Schicksal entscheiden können, sondern Jugendliche – alles Mitglieder der jeweils neunten Klassen – zu diesem Spiel gezwungen werden. Warum Takami für dieses auf abgelegenen Inseln stattfindende, staatlich sanktionierte Spiel einen neuen Großstadt Japan/ China erfinden musste und sich damit auf ein im Laufe des Romans immer wieder angerissenes, selten aber wirklich befriedigendes politisches Spiel eingelassen hat, ist unerklärlich. Neben der Fusion der feindlichen Brüder mit ihren gänzlich unterschiedlichen Ansichten - dann könnten auch die Amerikaner Russland als nächsten Bundesstaat aufnehmen oder Bush unter Putin Vizepräsident der Vereinigten Nationen Amerika- Russland werden – wirkt die Etablierung eines Diktators an der Spitze in Hinblick auf China folgerichtig, in Bezug auf Japans nicht unbedingt gut, aber zumindest funktionierende Demokratie plakativ und provozierend. Dieser Diktator hat beschlossen, dass sich nach dem Zufallsprinzip ganze Klassen – immer die neunte – einem Elitetest unterwerfen müssen. Niemand weiß, wie viele Klassen wirklich jedes Jahr ausgewählt werden. Diese Schüler werden zu einer einsamen Insel entführt und müssen dort solange gegeneinander kämpfen, bis nur noch ein Schüler überlebt. Die Eltern werden von diesem Wettbewerb nach der Entführung informiert und nicht selten greifen auch hier die staatlichen Vollstreckungsorgane zu Gewalt. Takami verzichtet auf eine lange Exposition und wirft den Leser zusammen mit den insgesamt 42 Schülern in das Geschehen. Auf einem Ausflug entführt finden sie sich auf einer einsamen, überwachten Insel wieder. Sie wachen aus ihrer Betäubung auf, haben metallene Ringe mit Explosionsladungen um den Hals und werden von einem sadistischen Lehrer – das typische Bild eines geifernden, geilen und sich am liebsten an jungen Mädchen in Schuluniform vergreifenden Lehrers – instruiert. Nachdem zwei Schüler erschossen bzw. verletzt worden sind, ist allen klar, dass sie für das bekannte Spiel ausgesucht worden sind. In dieser Anfangsphase versucht Takami zwar dem Leser weitere Informationen über die Regeln – nur Überleben, nichts weiter – und die Historie dieses grausamen Auswahlprozesses zu geben, diese wirken aber so unüberzeugend und seltsam konterproduktiv, dass ein aufmerksamer Leser ahnt, da kommt noch mehr. Nachdem die Schüler auf die Insel entlassen worden sind – verstecken hilft nicht, da immer wieder Zonen ausgewählt und alle Jugendliche in dieser Zone per Explosion des Halsbandes getötet werden – beginnt der brutale Überlebenskampf. Das Problem zumindest für einen westlichen Lesers besteht in den exotischen, gleich klingenden Namen und der absoluten Gesichtslosigkeit der einzelnen Figuren. Während die Kapitel immer mit der überlebenden Schülerzahl enden, versucht man sich ein Bild der einzelnen Charaktere zu machen und scheitert an ihrer im Grunde Gleichschaltung. Nur selten bemüht sich der Autor, den einzelnen Jungen und Mädchen individuelle Züge zu geben, bleibt aber nicht nur an der Oberfläche, sondern beschränkt sich auf die aus westlicher Sicht bestehenden Klischees, die aber in Japan wahrscheinlich eine andere, tiefer gehende Bedeutung haben könnten. Dazu ist der Mentalitätsunterschied zu groß und der Roman liefert keine Hintergrundinformationen. Ein ausführlicher Artikel über die Wurzeln des Buches und die verschiedenen Thematiken des Mangas oder auch der sehr gewalttätigen japanischen Filme und ihren Nichteinfluss auf das jugendliche Publikum wäre hilfreich gewesen.

Nachdem ungefähr ein Drittel der Jugendlichen sich gegenseitig ermordet haben, beginnt Takami subversiv mit einer Nebenhandlung. Einer der Jugendlichen hat schon im letzten Jahr am Spiel teilgenommen und es überlebt. Er war schwer verletzt und nachdem er aus dem Krankenhaus entlassen worden ist, musste er die neunte Klasse noch einmal wiederholen. Jetzt ist er ein zweites Mal ausgelost worden, obwohl er angeblich neben dem autographierten Bild des allmächtigen Diktators einen lebenslangen Freifahrtsschein erhalten sollte.

Die Idee des Spiels wird nicht unbedingt konsequent umgesetzt. Im Laufe des Buches weißt ein Charakter auf die Idee der totalen Unterdrückung des Volkes hin, an einer anderen Stelle – im Buch eher impliziert, in der Verfilmung als Präambel – sucht man eine Art Brot- und Spieleerklärung für ein darbendes Land mit einer Arbeitslosenquote von mehr als fünfzehn Prozent und Studentenunruhen. Aufgrund dieses Generationenkonflikts wurde der Battle Royale Act geschaffen, nur ignoriert ihn die Jugend, bis das Los auf eine Klasse fehlt. Zumindest die Elite wettet – illegal – auf den Überlebenden und dabei geht es um große Geldsummen. Viel interessanter sind im vorliegenden Buch die Punkte, die Takami nicht anspricht: Japan ist ein aussterbendes Land mit immer weniger Jugendlichen, China ein Milliardenvolk, das sich scheinbar ungebremst – trotz aller Gesetze – vermehrt. Japan überaltert und kann die sozialen Lasten bald nicht mehr tragen, in China konzentriert man sich auf den Familienzusammenhalt – zumindest auf dem Land. Es gibt im Grunde keinen logischen Grund für das Spiel und das Ziel dieser modernen Ausrottung ist auch nicht klar. Sieht man von den sadistischen Neigungen einer kleinen Elite ab und der Chance, immer mehr im Laufe der Handlung sexuelle Anspielungen auf junge Mädchen in Schuluniform, den sittlichen Verfall der an sich so strengen japanischen Gesellschaft – Kinderprostitution, Alkohol, Telefonssex und die perverse Neigung älterer Männer eben zu diesen jungen Mädchen in Schuluniformen - in integrieren, offeriert der Autor keinen nachvollziehbaren Grund, Jugendliche auf einer Insel auszusetzen, ihnen für drei Tage Proviant zu geben und quasi die Wahl der Waffe.

Trotz dieses fragwürdigen und eher comichaften als wirklich ernst gemeinten Ausgangsszenarios leidet das sehr umfangreiche Buch unter einem schwachen Mittelteil. Da der westliche Leser mit den einzelnen Charakteren nicht vertraut ist, nimmt er ob der explizierten Gewalt und der schnellen Lernbereitschaft der Schüler das gegenseitige Morden und die sadistische Verkündigung der Namen der Toten über Lautsprecher als Bestandteil des Romans hin, ermüdet aber ziemlich schnell. Erst gegen Ende des Buches konzentriert sich Takami auf eine Handvoll Charaktere – die anderen Jugendlichen sind ja inzwischen alle tot – und versucht mit einer eher plumpen Psychologie den Figuren nicht nur Tiefe zu geben, sondern die kleine Gruppe in einem Konflikt mit dem System zu beschreiben. Nur wenige Figuren um den Vorjahressieger versuchen das System auszutricksen. Der Autor verzichtet in diesen Passagen auf eine Sympathieebene zum Leser und der verfolgt aus einer sehr eingeschränkten Perspektive das Geschehen. Dieser verstörende Aufbau ermöglicht es ihm nicht, eigene Thesen aufzustellen. Natürlich legt Takami einige falsche Spuren und im Gegensatz zur Tradition des japanischen Nihilismus verzichtet er auf ein konsequent düsteres Ende. Trotzdem bleiben einige Fragen offen: wie fällt es den Schülern plötzlich so leicht, die Computer zu manipulieren – hier muss im Grunde der obligatorische Hackereinsatz als Erklärung herhalten – und warum haben sie sich nicht früher als Gruppe zu diesem Schritt entschlossen? Der Autor sucht Antworten auf die Fragen, verharrt aber in Phrasen und erinnert eher an das aufwendige, aber oft inhaltsleere Manga Kino. Dazu kommt Takami zumindest in der deutschen Übersetzung wenig aufregender Stil. Zu gleichförmig in den Beschreibungen, zu wenig wirklich die Perspektiven wechselnd, durch den Countdown am Ende des Kapitels ein deutlicher Fingerzeig auf die Intention des Autoren gerichtet. Manchmal hat der Leser das Gefühl, da schreibt sich auch ein Autor seinen eigenen Hass auf das strenge japanische Schulsystem, das immer stärker in den Vordergrund tretende Kastendenken zwischen der Erbengeneration – sei es monetär oder politisch – und den Habenichten sowie schließlich auch die eigene Frustration über die unterwürfige Mentalität des eigenen Volkes mit seinen vielen, oft falschen Gesichtern von der Seele.

Von seiner nihilistischen, auf den ersten Blick verführerischen, aber wenig überzeugenden Idee ausgehend hat Takami einen sehr gewalttätigen Roman geschrieben. In mehr als einer Passage hat er sich von dieser Gewalt verführen lassen. Im Rahmen des Heyne Hardcore Reihe führt dieser vierte Roman die Thematik, wie reagiert man auf eine plötzlich auftretende Gefahr verbunden mit extremer Gewalt nahtlos fort. Im Gegensatz zu Richard Laymons Romanen fehlt über weite Strecken die sadistische Gewalt gegenüber Frauen – auch wenn diese in Takamis Roman selten über die Rolle eines attraktiven, oft mit fragwürdigen, fast klischeehaften Hintergrund ausgestattet hinauskommen -, im Vergleich zu Jack Ketchums verstörenden „The Girl next Door“ das psychologische Element. „Battle Royale“ ist ein Buch, in dem das Phänomen Gewalt nicht untersucht wird, es ist keine Charakterstudie und vor allem lässt sich das Buch nicht mit einem hervorragenden Roman wie Goldings „Herr der Fliegen“ vergleichen. Es fehlt das provozierende Element. Es fehlt die Satire. Weniger Robert Sheckleys „Das zehnte Opfer“, mehr Stephen Kings „Running Man“.

Koushun Takami: "Battle Royale"
Roman, Softcover, 622 Seiten
Heyne 2006

ISBN 3-4536-7519-3

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