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Science Fiction (diverse)



Pierre Bordage

Die Krieger der Stille

rezensiert von Thomas Harbach

Nach mehrmaligem Verschieben legt der Heyne- Verlag jetzt den ersten Band der Trilogie von Pierre Bordage vor. In Frankreich haben sich die Romane – „Terra Mater“ und „Die Zitadelle der Hyponeros“ werden folgen und die Serie abschließen – überraschend gut verkauft. Das Bordage regelmäßig mit seinen Verkaufszahlen die amerikanischen Genrekollegen in Frankreich übertrumpft, ist weniger überraschend. Die Franzosen haben in erster Linie durch ihre exzellenten Comicreihen – geboren natürlich im „Schwermetall“ Magazin – sich einen exzellenten Ruf als extrovertierter Phantasten geschaffen. Mit einem Hauch Schwermut haben Autoren wie Moebius und/oder Jodorowsky Zukunftswelten erschaffen, deren Kern immer sozialpolitische Kritik enthalten hat. Nicht selten konnte der aufmerksame Leser aus der Zukunft auf die Fehlentwicklungen der Gegenwart schauen. Pierre Bordage versucht in seinem umfangreichen Roman dagegen die französische Leichtigkeit mit dem „Sense of Wonder“ amerikanischer Autoren zu einer neuen, einzigartigen Mischung zu verbinden. Und dieser Versuch schlägt leider zumindest für den ersten Band sprechend fehl. Der Vergleich zu Frank Herberts „Dune“ ist inzwischen zu einem Klischee geworden. Auch dessen Welt ist dank der aktiven Mitarbeit seines Sohnes Brian und vor allem einem durchschnittlichen Vielschreiber wie Kevin J. Anderson gänzlich aus den Fugen geraten. Dazu kommt, daß mindestens einmal im Jahr irgendein Epos, das in der fernen Zukunft auf einer fremden Welt spielt, in einen engen Zusammenarbeit mit Frank Herberts auch nicht einzigartiger Schöpfung gestellt wird. Nach einer gewissen Zeit wird aus dem vielleicht gut gemeinten Lob nur noch ein Waschzettel, der eher Verkaufs hindernd als potentielle Leser wirklich anspricht. Vom Grundkonzept her steckt allerdings im Kern dieses Buches sehr viel, was Frank Herberts Roman so auszeichnet. Das beginnt bei der politischen Ordnung über die Macht der religiösen Geheimbünde bis zu einer kleinen Handvoll von Personen, denen das Schicksal auf dem Weg zur Rettung des Universums nicht die besten Karten in die Hände gespielt hat.
In ferner Zukunft hat sich die Menschheit zumindest technologisch erfolgreich im Spiralarm der Galaxis ausgebreitet und mehrere Kolonien gegründet. Unter dem Banner einer äußerlich einheitlich auftretenden Konföderation streiten sich einige wenige reiche Adelshäuser um die weltliche Macht. Im religiösen Sinne hat die Menschheit ohne größere Hintergrunderklärungen den Gang ins tiefste Mittelalter angetreten. Die religiöse Macht steht einzig und allein der „wahren“ Kirche des Kreuzes zu, die mit viel Hingabe und Eifer alle restlichen Religionen für nichtig erklärt und mittels Verbrennungen und Kreuzigungen die Ungläubigen von ihren Sünden erlöst.
Unter den Adelshäusern haben sich nach und nach die Scaythen vom Planeten Hyponeros als primus inter pares etabliert. Die telepathisch begabten Aliens dienen zum einen als loyale Gedankenschützer für diejenigen, die bereit sind, für ihre Gedankenfreiheit horrende Summen zu bezahlen und zum anderen verkaufen sie sich als brutale und gewissenlose Elite-Söldner, um Abweichler zu finden und zu eliminieren.

Pamynx, einer der Scaythen erhielt unter der Regentschaft von Ranti Ang die Ehre zum Konnetabel auf dem Planten Syracusa ausgebildet zu werden. Nebenbei betreut ein Projekt zur Tötung von Individuen mittels Telepathie, das auf einer alten Technologie der inddikischen Zivilisation basiert. Unauffällig unterwandert er die einzelnen Adelshäuser und manipuliert sie zu seinen Gunsten. Sein Ziel ist natürlich die Kontrolle der Föderation. Dabei schreckt er nicht vor Verrat zurück.

Nur drei ausgebildete Meister können der Gedankentötung widerstehen, die sogenannten Krieger der Stille. Ihnen rückt Pamynx mittels brachialer bodenständiger Methoden auf den Leib und zu Beginn des vorliegenden Romans hat er zwei der drei Krieger der Stille getötet. Dabei ist es allerdings einem der Krieg gelungen, sein Wissen an seine Tochter Aphykit weiterzugeben. Auf der Flucht vor Pamynx und den seinen Söldnertruppen flieht sie von einem Planeten zum nächsten. Gleichzeitig hofft sie, den verschollenen dritten Meister zu finden und ihm im Kampf gegen die Übermacht der Scaythen zu helfen. Unterstützt wird sie dabei von Tixu Oty, einem Reisebüroangestellten, der mehr oder weniger zufällig, aber schließlich doch aufgrund „höherer Mächte“ in die Geschichte hineingezogen wird.
Zu Gute halten ist Pierre Bordage, das es sich erstens um seinen ersten Roman handelt und zweitens der Band wahrscheinlich in den ersten ursprünglichen Konzepten nicht als Trilogie ausgelegt worden ist. Gleich zu Beginn führt er für den Leser fast unverständlich und eher ermüdend in jedem Kapitel eine fremde Welt ein. Farbenprächtig, exotisch werden die einzelnen, für zukünftige Ereignisse wichtigen Planeten der Konfrontation vorgestellt. Hier gelingt es Pierre Bordage, durchaus mit den einzelnen Welten wichtige unterschiedliche ökologische Systeme zu erfinden, die den Leser zumindest kurzzeitig faszinieren. Da der Autor im Gegensatz zu Frank Herberts vornehmlicher Konzentration auf den Wüstenplaneten auch die Protagonisten mit jeder neuen Welt sich ändern, wirkt der Anfang des Buches eher holprig, teilweise desorientierend und erdrückend. Hier wäre es sinnvoller gewesen, sich auf zwei Welten und zwei Protagonisten zu konzentrieren, die entweder die wichtigsten Elemente in Form von indirekter Kommunikation – hier hat David Lynch mit seinem Sagenfang zumindest den Zuschauer optisch auf seiner Seite gehabt – zu erläutern, dem Leser aber zwei feste „Ansprechpartner“ an die Hand zu geben, die mit ihm zusammen diesen Kosmos zu erforschen beginnen. Von Spannung kann vor allem zu Beginn des Buches keine Rede sein. Und die Bedrohung durch die den Willen beraubende und tödliche Telepathie wirkt insbesondere für Science Fiction Kenner eher schwammig als überzeugend. Auch hier kann der Verweis auf die tödlichen Stimmwaffen aus „Dune“ nicht unterbleiben. Auch die folgende Handlungsstruktur – erst nach der Hälfte des Buches ist für den Leser zu erkennen, wer denn nun das Objekt der Begierde sein wird – wirkt ambitioniert konstruiert, aber nicht von innen heraus erzählt. Das übertriebene Fanatismus und Mystizismus lässt sich noch verschmerzen, auch wenn das verbliebene Korsett mit dem ebenfalls auf den „Einen“ sowie einen Lehrling reduzierte Orden des Guten natürlich zu sehr an die „Jedi- Ritter“, aber auch viele historische Sagen erinnert. Der gewöhnliche Reisebüroangestellte Tixu Oty wird von einem Echsengott ausgewählt, muss sich dann einer ebenfalls auf der Flucht befindlichen Tochter den „Klang der Stille“ verliehen lassen – möge die Macht mit dir sein -, um schließlich als der Ausgewählte gerettet zu werden. Im Gegensatz zu Paul Atreides, der schnell nach seiner Verbannung in die Wüsten der Fremen die Initiative übernommen hat und vor allem seine militärische Ausbildung mit dem Mut der Wüstenbewohner zu einer unschlagbaren Armee auf einem Gottes Feldzug vereinigen konnte, reagiert Oty zu lange und zu sehr auf die auf ihn einstürzenden Ereignisse. Hier wäre es tatsächlich sinnvoll gewesen, einen überzeugenderen Helden zu entwickeln und möglichst schnell für die einfache Triebbefriedigung ein vernünftiges Gegengewicht zur wirklich auf Klischees reduzierten Kirche zu schaffen. Pädophile Priester – vielleicht Anfang der neunziger Jahre noch ein provozierendes Thema, inzwischen von der bitteren Wirklichkeit überholt - tanzen einen bunten Ringelreihen mit übertrieben dargestellten weltlichen Egomannen, die sich Herrscher nennen, Frauen vergewaltigen, wenn sie ihrem literarisch nicht überzeugend umgesetzten Charisma nicht erliegen und in ihren kleinen Enklaven eher wie Tyrannen aus dem dunklen Mittelalter wirken als futuristische Herrscher. Das wirkt nicht nur alles provinziell, sondern vor allem unoriginell und eindimensional. Der Leser hat nicht selten das Gefühl, als fehle dem Weltenbauer Pierre Bordage die Originalität des Erzählers Pierre Bordage. Diese oberflächliche Vorgehensweise negiert immer wieder die überzeugenden und dreidimensional exotischen Schöpfungen seiner Welten. Im Gegensatz zu Frank Herberts „Der Wüstenplanet“, dessen grundlegende Handlung mit dem heiligen Krieg auch nicht unbedingt eine eigenständige Idee genannt werden kann, kopiert Pierre Bordage unüberzeugend und hat vor allem nicht die schriftstellerischen Fähigkeiten, dreidimensionale realistische Figuren zu erschaffen. Diese sind aber notwendig, um den Leser durch den Handlungswust zu führen. Die einzelnen Episoden sind zwar leidlich spannend geschrieben, sie fügen sich aber so unharmonisch in das Gesamtgefüge, das der Leser sich des Eindrucks nicht verwehren kann, als hätte der Lektor diesen Auftaktband aus der gesamten Trilogie zusammengebastelt.
Spätestens mit diesen Schwächen nähert sich sein umfangreiches Buch vielen modernen Science Fiction Filmen bedenklich an, die außerhalb der CGI Effekte nicht mehr anbieten können und sich nur am eigenen Spektakel freuen. Oder den französischen Comics, bei denen ein Bild mehr als tausend Worte ausdrücken kann. Hier beschreibt Pierre Bordage umständlich seine zu glatten, zu wenig exzentrischen Figuren. Die Glaubwürdigkeit dieses futuristischen Kastensystems kann der Autor an keiner Stelle wirklich überzeugend vermitteln. Der Widerspruch zwischen der archaischen Regierungsform und einer im All verstreuten Menschheit ist zu stark. Es fehlt ein überzeugendes Gegengewicht.

Wie es sich für einen ersten Band gehört, soll er ja nicht den gesamten Plot – soweit es ihn überhaupt gibt – der Trilogie erzählen, sondern vor allem die Bühne für die nächsten Bände bereiten. Das gelingt nur eingeschränkt. Das entsprechend viele Fragen unbeantwortet bleiben, ist nicht zum Nachteil der Geschichte. Die bisher angebotenen Antworten befriedigen in der angestrebten Komplexität des Plots nur unzureichend. Viel schlimmer bleibt die Tatsache, dass sich der Leser nach Abschluss des Buches nicht unbedingt auf die Beantwortung weiterer Fragen freut, sondern zunächst einmal froh ist, dieses über weite Strecken erdrückende, aber inhaltlich hohle Epos überstanden zu haben.



Pierre Bordage: "Die Krieger der Stille"
Roman, Softcover, 750 Seiten
Heyne- Verlag 2007

ISBN 3-4535-3050-0

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