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Science Fiction (diverse)



Peter Watts

Blindflug

rezensiert von Thomas Harbach

Mit “Blindflug” legt der Heyne- Verlag den fĂŒnften Roman des kanadischen Science Fiction Autoren und Meeresbiologen Peter Watts vor. FĂŒr den Band ist Watts auch fĂŒr den HUGO nominiert worden. In seinem Nachwort weißt Watts darauf hin, dass es sich um seinen ersten in den Tiefen des Alls spielenden Roman handelt. Dabei unterscheidet sich die menschenfeindliche Natur im All nicht von der Tiefsee. Dabei passen sich die Menschen zumindest latent ihren neuen Herausforderungen an. FĂŒr sein erstes Buch “Starfish” (2000) entwickelte er den Tiefseearbeiter Lenie Clarke, der fĂŒr das Arbeiten unter dem gewaltigen Druck physisch verĂ€ndert worden ist. Clarke spielte auch in den Fortsetzungen eine elementare Rolle. Der letzte Band der Trilogie “Rifters” ist auf zwei gesonderte BĂŒcher aufgeteilt worden. Als “Rifters” werden die Menschen charakterisiert, die sich fĂŒr ihre Arbeiten in der Tiefsee biologisch- genetisch haben umwandeln lassen.
In “Blidsight” - in den USA im Herbst 2006 erschienen - schildert er als Ausgangsszenario die Expedition der Menschen in die Tiefen des Alls, nachdem in der irdischen AtmosphĂ€re mehr als 65.000 außerirdische Objekte zu Asche verbrannt worden sind. Die Menschheit scheint noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen zu sein. Niemand weiß, ob es sich um einen Angriff oder eine friedliche Botschaft gehandelt hat. Wenige Monate spĂ€ter fĂ€ngt eine der ersten Raumsonden fremde Signale auf. Obwohl man die Signale nicht entziffern kann, besteht die Gefahr, dass sie nicht auf die Erde ausgerichtet sind, sondern auf ein viel grĂ¶ĂŸeres Objekt, das sich aus den Tiefen des Alls der Erde nĂ€hert, um die mit der Vernichtung der Objekte begonnene Mission zu vollenden - mit der Vernichtung der Menschheit oder dem First Contact. Um den Fremden noch in den Tiefen des Alls zu begegnen, schickt die Menschheit eine Handvoll Botschafter aus, welche möglichst viele Fakten sammeln sollen. Auf den ersten Blick keine besonders neue oder gar originelle PrĂ€misse, kein Stoff, um das Buch fĂŒr einen HUGO Award zu nominieren. Im Vergleich zu anderen Schriftstellern wie zum Beispiel Jack McDevitt liegt der besondere Reiz Peter Watts Roman in seinen vielschichtigen, aber auch unnahbaren Charakteren. Dabei erlaubt der Autor seinen Lesern trotz einer ĂŒberschaubaren Handlung und einem eher ruhigen Mittelteil keine Atempause. Der Leser verfĂŒgt ĂŒber keine klassischen Identifikationsfiguren, nicht einmal SympathietrĂ€ger. Selbst der Ich- ErzĂ€hler gehört zu den im Grunde in moderner Isolationshaft gehaltenen Raumfahrergefangenen, deren Neurosen und Psychosen den Menschen mehr als Angst machen. Und diese Handvoll Psychopathen sollen die ersten Botschafter der Menschen im All sein oder zumindest
Unterstreichen, dass die Bewohner des Planeten Erde bereit sind, fĂŒr ihr Staubkorn im All bis zum Tod zu kĂ€mpfen.

Der Ich- ErzĂ€hler Siri Keeton ist ein Außenseiter selbst unter den Außenseitern. In seiner Jugend ist er wegen Epilepsie einer Gehirnoperation unterzogen worden. Die Operation hat ihn aber auch jeglicher Emotionen seinen Mitmenschen gegenĂŒber beraubt. Über eine distanziert wirkenden Basiskommunikation hat er keine Interesse mehr an seinen Mitmenschen und leidet unter seinem ĂŒberdimensionalen Vater, einem erfolgreichen Wissenschaftler. Siri Keeton arbeitet und lebt als Synthesist, dem Verbindungsglied zwischen den kĂŒnstlichen Intelligenzen und den Menschen. Er kann deren Gedanken fĂŒr den normalen Menschen ĂŒbersetzen, ohne diese wirklich zu verstehen. Diese FĂ€higkeit macht ihn zu einem potentiellen Kontaktspezialisten, sollte es wirklich zu einer Begegnung mit den Fremden kommen. Das Team wird angefĂŒhrt von einem Vampir Sarasti, der alle ZĂŒge eines Psychopathen in sich trĂ€gt. Seine Rasse ist vor vielen Jahrhundert ausgestorben, die genetische Ingenieurkunst hat sie wiederbelebt. Sarasti ist intelligenter und rĂŒcksichtsloser als alle anderen Menschen an Bord des Schiffes. Er soll prĂŒfen, ob die Außerirdischen eine potentielle Bedrohung fĂŒr den Menschheit darstellen und die entsprechenden Gegenmaßnahmen beschließen. Sein Problem ist, dass fĂŒr ihn die Menschen eine verfĂŒhrerische Nahrungsquelle darstellen und es fraglich ist, ob er bei der Begegnung mit den Fremden ĂŒberhaupt noch ĂŒber eine Crew verfĂŒgt. Insbesondere in Hinblick auf die gĂ€ngige Vampirliteratur spielt Peter Watts mit sichtlichen VergnĂŒgen alle möglichen Klischees durch, um sie dann mit einem Schulterzucken ad absurdum zu fĂŒhren. Der Kontrast zwischen der genetischen Schöpfung und der erdrĂŒckenden Mythologie ist wunderbar exzentrisch, aber stets ĂŒberzeugend herausgearbeitet. So gehört Sarasti zu den am ehesten ĂŒberzeugenden Charakteren der Raumschiff Besatzung. Sarastis Werkzeug ist eine pazifistische Kriegerin, die im Notfall aktiviert werden kann. In einer Hommage an “Alien” befindet sich selbstverstĂ€ndlich ein Cyborg an Bord, der ĂŒber das normale Lichtwellenspektrum der Menschen hinaus “greifen” kann. Diese neurotische Besatzung wird von einer durch die Furcht paralysierten Menschheit ausgeschickt auf eine Mission, deren Sinn oder Unsinn sie selbst nicht verstehen können und weiter in die Tiefen des Alls als jemals die Menschheit vorgedrungen hat. Das Kennen lernen dieser ungewöhnlichen Besatzung nimmt den grĂ¶ĂŸten Teil des mittleren Parts ein. FĂŒr den Leser gibt es keine Menschen, selbst die Botschafter der Menschheit sind Aliens. FĂŒr Peter Watts stellt “Blindsight” eine Herausforderung als Autor dar. Es gibt keine Figuren, mit denen man sehr einfach warm werden kann. Watts muss seine Leser ĂŒberzeugen, dass man mit ihnen fĂŒhlen kann, ihren Weg begleiten muss. Sonst funktioniert seine Geschichte nicht. Die Exzentrik seiner Figuren geht zu Lasten des Lesbarkeit des Plots. Man muss sich in Watts Charaktere im wahrsten Sinne des Wortes hereinarbeiten und ihre StĂ€rken sowie SchwĂ€chen akzeptieren. Der Autor macht sich und uns keinen Schritt auf dem Weg zu den Sternen leicht. Im Grunde ist die Bedrohung durch die Fremden nur ein MacGuffin, um auf einer philosophischen Basis ĂŒber den Sinn oder Unsinn rĂŒcksichtsloser genetischer Forschung und purem Fortschrittsglauben zu diskutieren. Stellvertretend fĂŒr Autor und Leser ĂŒbernehmen seine dreidimensionalen Figuren diese Aufgabe. Auch wenn sie alle nicht sympathisch sind, entwickelt Watts unglaublich komplexe, schwierige und deswegen faszinierende Charaktere, denen der Leser gerne zuhört und deren Mission man mit wachsender Begeisterung folgt. So stellt es auch keine Überraschung dar, dass die Außerirdischen, welche man zwischen den Sternen findet, so absolut fremdartig sind, dass sie nicht einmal auf der bekannten DNA aufgebaut sind. Ihr Lebensraum ist eine radioaktive Hölle, der sich die Menschen aussetzen mĂŒssen. Die Technik selbst erinnert an eine Mischung aus Cyberpunk und Neal Asher. So gebiert das Raumschiff ein Beiboot oder die ĂŒberdimensionalen Waffenroboter werden dank der Nanotechnologie per Kaiserschnitt ausgestoßen. Auch in der ĂŒberzeugenden deutschen Übersetzung ist das Buch insbesondere aufgrund von Peter Watts Tendenz, einen eigenen technischen Jargon zu entwerfen und seine Ideen selten expliziert vor dem unaufmerksamen Leser auszubreiten nicht leicht zu lesen. Akzeptiert man allerdings die Herausforderung, sich durch diese teilweise tragische, dann wieder unterhaltsam belustigende, aber niemals wirklich lustige Geschichte zu kĂ€mpfen, gewinnt das Buch vor allem in seinen letzten Kapiteln an Tiefe. Peter Watts hat die inzwischen zu einem Klischee erstarrte First Contact Story ganz bewusst mit seinem Buch teilweise auf den Kopf gestellt, aber nicht reformiert. Alle die inzwischen zur Legion gewordenen GesetzmĂ€ĂŸigkeiten sind da und doch prĂ€sentiert sich “Blindflug” nicht nur fĂŒr die Besatzung des irdischen Raumschiffs, sondern auch fĂŒr den Leser seinem Titel entsprechend. Stellenweise bleibt allerdings das GefĂŒhl, als agierte Peter Watts zu ĂŒbermotiviert - anstatt den einfachen handlungstechnischen Weg zu wĂ€hlen, fĂŒgt er weitere in diesem Kontext unnötige Ideen, bizarre Anekdoten seiner Figuren hinzu und verliert so teilweise das simple Ziel der Kontaktaufnahme aus den Augen. Im Vergleich zu vielen anderen Romanen wird seine Geschichte nach der Begegnung mit den Fremden nicht banal oder uninteressant, sondern beginnt den Intellekt des Lesers noch weiter zu reizen. Eine gute Geschichte, ein schwierig zu lesendes Buch, das aber sehr viel von den Enthusiasmus, den man in die LektĂŒre investieren muss, dank seiner bizarren grotesken und doch vielschichtigen Figuren zurĂŒckgibt.

Peter Watts: "Blindflug"
Roman, Softcover, 496 Seiten
Heyne- Verlag 2008

ISBN 3-4535-2364-4

Weitere Bücher von Peter Watts:
 - Abgrund
 - Mahlstrom
 - Wellen

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