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rezensiert von Thomas Harbach
Mit „Skorpion“ veröffentlicht der Heyne- Verlag Richard Morgans neuen Roman „Black Man“. Um sich keinen Diskriminierungsvorwürfen auszusetzen, hat der amerikanische Verlag del Rey den Roman in „Thirteen“ umbenannt. Der Leser sollte sich nach einem Blick auf den Covertext nicht gleich wieder abwenden, die Andeutungen erinnern nicht nur am Richard Morgans erste recht brutale Cyberpunk-Nano- Fiktionromane, sondern auch an den implizierten Grundplot von Philip K. Dicks „Do Androids dream of electric Shepps“, in dem Deckard auch ein Replikant sein könnte.
In Morgans grimmiger Zukunftswelt hat der Mensch natürlich jegliche Forschung zum eigenen Nutzen pervertiert. Ethik und Moral spielen keine Rolle. Die Möglichkeiten des genetischen Engineerings sind faszierend verführerisch und moralisch grotesk. In seiner dunklen Zukunft hat die Menschheit begonnen, im Grunde drei stereotypen des eigenen Abbilds zu schaffen und zu missbrauchen. Die Hibernoiden als Prototyp des Weltraummenschen, der in einen künstlichen, langanhaltenden Winterschlaf verfallen kann. Die Bonobos für jede Art des sexuellen Ge- und Missbrauchs und schließlich die dreizehner Prototypen, welche eine neue Generation des Supersoldaten verkörpern sollten. Keines dieser Experimente ist wirklich zufrieden stellend gelungen und in der dunklen Zukunft, in welcher die Handlung von „Black man“ beginnt gehören sie zu den subhumanen Minderheiten. Natürlich lassen sich die Götter der Supersoldaten nicht mehr beherrschen. Die Idee, ihnen die Menschenrechte abzusprechen, hat zu einer Emigration auf den roten Planeten gehört. Morgans Protagonist Carl Marsalis gehörte ursprünglich zu den Elitesoldaten, inzwischen arbeitet er für die Vereinten Nationen und jagt die anderen Exemplare. Aber nicht nur das, er führt auch andere Aufträge auf. Auf einer dieser Missionen wird er in Miami verhaftet und verschwindet in dem fundamentalistischen Jesusland – einer der vielen Staaten, der sich zumindest politisch- religiös von den USA abgewandt hat. Natürlich benötigt man seine Expertise, als ein anderes Mitglied des elitären Kreises der Dreizehner vom Mars flieht und sich auf einem Raumschiff zur Erde einschifft.
Um in einer Art schwarz weiß Malerei die Fronten von Beginn an zu klären, beschreibt Richard Morgan in einer eindringlich düsteren Szene, dass er durch einen technischen Fehler – diese Frage wird nie richtig geklärt – schon zwei Wochen nach dem Start an Bord des Schiffes aufgeweckt worden ist und –um am Überleben zu bleiben - die restlichen Passagiere getötet und verspeist hat. Das Raumschiff landete sich schließlich im Pazifik, der Dreizehner konnte entkommen, Marsalis wird natürlich aus dem Gefängnis befreit, um die Gefahr zu beseitigen. Dabei gibt es im Grunde in Bezug auf die angewendete Gewalt und Rücksichtslosigkeit keine Unterschiede zwischen Jäger und Gejagten. Das Richard Morgan Actionszenen um ihrer Selbst willen liebt, ist inzwischen keine Frage mehr. Auch im vorliegenden Roman gehört die überdrehte Gewalt zu den Markenzeichen von Richard Morgans stringenten Plot und sehr cineastischem Schreibstil. Und in diesem Punkt verbirgt sich auch die größte Schwäche des neuen Romans. Er ist zu glatt geschrieben worden, lehnt sich zu sehr an die bisherigen Arbeiten des Autoren an – auf den ersten Blick kein Nachteil. Mit dem fünften oder sechsten Band erwartet der Leser allerdings neben originell- brutalen Actionszenen auch handlungstechnisch einen Schritt nach vorne. Das Aufsetzen des Plots benötigt Raum und Zeit. Für einen Roman mit mehr als achthundert Seiten nimmt sich Richard Morgan auch die Muse, diese Elemente überzeugend zu entwickeln. Der Mittelteil des Buches, in dem die beiden Protagonisten - Marsalis wird natürlich von einer intelligenten, aber sexuellen ausgehungerten Frau unterstützt - hängt dagegen in den Seilen. Über weite Strecken scheinen ihre nicht sonderlich interessanten Ermittlungen im Nichts zu verlaufen. Im letzten Drittel zieht Richard Morgan das Tempo deutlich an. Natürlich steht hinter der „Flucht“ des Dreizehner keine Verzweifelungsaktion, sondern ein komplexer Verschwörungsplot. So komplex, das der Autor mehrere Dutzend Seiten benötigt, um diesen mit kraftvollen und gut geschriebenen Dialogen für seine teilweise überforderten Leser zu erläutern. Dieser Rückgriff auf formelartige Spannungselemente zieht sich durch den Roman und lässt ihn schablonenartiger vor allem im Vergleich zu seinem bisherigen Werk erscheinen als er vielleicht ist. Insbesondere der Hintergrund wirkt nuancierter, weniger satirisch überzeichnet und das Bemühen, einen Science Fiction Roman mit Actionelementen zu erzählen, ist deutlich zu spüren. Teilweise hat Morgan inzwischen die Routine, klischeehaft werdende Ideen im letzten Moment herumzureißen und den Leser zu überraschen. Die harten gewalttätigen Auseinandersetzungen gehören wieder zu den Höhepunkten des Buches. Seine Zukunft erinnert mehr an die Bilderwelten, die Ridley Scott im „Blade Runner“ erschaffen hat und in Bezug auf die Replikanten versucht Morgan auf seine bodenständige Art einige der Ansätze von Dick´s Bahnbrechendem Roman mit eher durchwachsendem Erfolg zu extrapolieren. Nicht immer ist lauter, brutaler, sexuell überzogener eindeutig besser. Was seinem Werk noch fehlt, sind die leisen Tönen. Und hier liegt die größte Schwäche des Romans. Im Grunde ist „Black Man“ ein interessanter Copthriller mit futuristischen Ideen, die allerdings die grundlegende Story und die teilweise soziologische sehr rudimentäre Basis voranbringen. In seinen ersten Romanen konnte Morgan seine guten und teilweise außergewöhnlichen Ideen viel mehr in den Krimiplots seiner Takeshi Kovacs Werke einbringen. In „Profit“ hat er die satirischen Elemente des amerikanischen Wohlstandstraums oder - Traumas teilweise zu überdreht präsentiert und die durch berechtigte Botschaft insbesondere in der zweiten Hälfte des Buches an die Wand gedrückt. Im vorliegenden Band zeigt sich Richard Morgans Unfähigkeit, außerhalb des Takeshi Kovacs Universum zu operieren an einer simplen Tatsache: Marsalis ist ein Kovacs Klon ohne dessen Humor. Die Ähnlichkeit ist nicht nur frappierend, Morgan macht sich nicht einmal die Mühe, diese mit neuen Facetten zu kaschieren. Dazu kommt, dass insbesondere seine weiblichen Figuren eindimensional und klischeehaft gezeichnet worden sind. Entweder willige „Hausfrau“ oder waffenstarrende Polizistin mit Beziehungsdefizit.
Und die grundlegende Idee der genetischen Manipulation, der Verantwortung der Wissenschaft und der Politik für die „Monster“, die man selbst geschaffen hat, verdient differenzierte Zwischentöne und teilweise eine sensiblere und intelligentere Handhabung. Nicht selten fällt Richard Morgan auf das Niveau eines Computerspieles zurück und scheut sich, die wirklich wichtigen und interessanten Punkten in seinem Roman anzusprechen. In dieser Hinsicht erinnert er fatal an die Science Fiction Neal Ashers, dessen überdimensionale Waffen und genetischen Monster sich auch überholt haben. Morgans düstere Zukunft ist vielleicht einen Hauch realistischer und politisch extremer, ohne das der Autor wirklich den Kreis schließt. In der Tradition des Film Noirs – dem seine Romane per se gelten – geht es ums Überleben und die Suche nach der wahren Liebe. Dabei bevorzugt er die Grautöne, keine charismatischen Helden, keine verstockten Schurken und vor allem keine nur liebenswerten Frauen. Wie der Film Noir leidet Morgans Werk allerdings auch unter der fehlenden Extrapolation seiner These und das Subgenre hatte sich wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg überholt. Nicht selten hat man insbesondere bei „Skorpion“ das Gefühl, einen proletarischen Cyberpunkroman zu lesen, der gute zwanzig Jahre zu spät veröffentlicht worden ist und deswegen lauter und größenwahnsinniger erscheinen soll. Hier wären eine gründliche Überarbeitung und eine Relativierung der Zwischentöne sinnvoll gewesen.
Weder in einem Asher noch in einem Morgan Roman sollte der Leser eine fundamentale Diskussion über Ethik und Moral erwarten. Dazu sind diese Romane auch von ihren Autoren nicht geschaffen worden und würden im Vergleich zu den intellektuellen Texten eines Dicks, eines Ian MacDonald oder den modernen Thrillern eines Greg Bears oder Paul McAuley auch nicht ihr Publikum finden. In einem Richard Morgan Roman muss es anscheinend knallen und diese niederen Instinkte seiner Leser befriedigt der Brite in vollem Umfang. Schade ist nur, dass „Black Man“ am Ende zeigt, dass es über einen soliden und nicht unintelligent, wenn auch teilweise zu komplizierten aufgesetzten Plot verfügt. Der Weg zu dieser Erkenntnis ist lang, um vielleicht zweihundert Seiten zu lang. Wo drunter der Roman aber am meisten leidet sind die unfertigen Charaktere, die teilweise wie vom Reißbrett in das Geschehen transferiert wirken und einigen emotionalen Szenen im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser abgraben. Ob Richard Morgans Leser auf die Dauer mit dieser Science Fiktion „Die Hard“ Variante zufrieden sind - wobei die Namen austauschbar sind und Morgan hätte ohne Schwierigkeiten das Buch als Takeshi Kovacs Roman anbieten können - wird sich zeigen. Zusammenfassend werden viele gute Ansätze verschenkt und der Roman wirkt teilweise trotz des cineastischen Stils und einigen sehr guten, aber sehr brutalen Actionszenen eher wie Stückwerk. Das ist nicht nur schade, sondern eindeutig zu wenig.
Richard Morgan: "Skorpion"
Roman, Softcover, 832 Seiten
Heyne- Verlag 2007
ISBN 3-4535-2356-3
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