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Science Fiction (diverse)



Robert Charles Wilson

Quarantäne

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Blind Lake“ – ins Deutsche als „Quarantäne“ übersetzt – von Robert Charles Wilson erscheint nicht der neue Romane des für „Spin“ mit dem HUGO ausgezeichneten Autoren, sondern dessen Vorgänger. Diese Prämisse ist in doppelter Hinsicht wichtig. Zwischen den beiden Büchern hat sich Wilson als Autoren noch einmal weiterentwickelt. Wer seine bisherigen Arbeiten verfolgt, wird erkennen, dass Werke wie „Darwinia“ und „The Chronoliths“ – beide ebenfalls auf Deutsch im Heyne Verlag erschienen – sich von seinen ersten Versuchen abheben. Diese Romane leben von ihren Ideen und vor allem ihrer manchmal für den alles hinterfragenden Leser frustrierend offen Extrapolation einer auf den ersten Blick recht einfachen Idee.

Seine Menschen begegnen immer wieder in seinen Romanen einer Technologie, die sich nicht verstehen, aber einsetzen. In „Spin“ wird die Menschheit „Opfer“ einer außerirdischen Macht und muss sich mit den Phänomenen auseinandersetzen, welche das Verschwinden der Sterne durch einen undurchdringlichen Mantel mitbringen. Auf dieser Reise in eine unbekannte Zukunft begleitet der Leser die ebenfalls fassungslosen Charaktere. In „Quarantäne“ ist die Technik vom Menschen selbst entwickelt worden. Sie wird eingesetzt, aber nicht verstanden. So sehr sich auch die zahlreichen Wissenschaftler in dem Forschungslabor „Blind Lake“ bemühen, außenstehenden Charaktere – in diesem Fall drei Journalisten – die Idee zu vermitteln und damit den Leser einzubeziehen, um so deutlicher macht es der Autor, dass eher Hoffen und Harren die Erklärungen dieser Entwicklung sind als reines Verstehen. Unsere heute Zivilisation besteht nicht zuletzt aufgrund ihrer Komplexität aus Spezialisten. Die breite Masse kann die technischen Geräte am Laufen halten, sobald aber Probleme auftauchen, sind sie hoffnungslos überfordert. Wilson hat diese einfache, aber realistische Prämisse geschickt extrapoliert. Für seine Figuren sind die technischen Entwicklungen eher Wunder als konsequente Ergebnisse der eigenen Forschung. Immer wieder setzen sie mit ihren Quantentheorien an, um dann doch grandios zu scheitern und zu beweisen, dass sie im Grunde unter sich schon uneinig sind. Seine Theorien sind Forschungsgebiets übergreifend. Schnell finden sich Ausflüge in das Metaphysische und Esoterische. Auch wenn seine Charaktere oft ausführlich und theoretisch über ihre Arbeit sprechen, wirken diese Passagen absichtlich verzerrt und im Rahmen des ganzen Buches isoliert. Das die eigentlich für den Leser wichtigen Protagonisten ein kleines Mädchen ist, das zwischen ihren geschiedenen Eltern zerrieben wird und sich in die Scheinwelt einer imaginären Freundin geflüchtet hat, sowie ein Journalist ist, dessen erster Sensationsbuch ihn in eine Reihe von Skandalen verwickelt hat, ist für Wilson typisch. Fr die beiden Figuren und damit den Leser erscheint die hier präsentierte wissenschaftliche Forschung eng mit Magie verwandt zu sein. Der Begriff der Quanten fällt so oft in den diversen Erklärungen, dass der Leser schon glaubt, sie im nächsten Supermarkt kaufen zu können. Für Wilson haben die Quanten das Radium der Science Fiction vor dem Ersten Weltkrieg und das Atom aus dem Golden Age des Genres abgelöst. Anything Goes und mit dieser Idee spielt der Autor sehr gut. Dazu kommt allerdings neben dem pseudowissenschaftlichen Gesichts seine scharfe Beobachtungsgabe den Menschen gegenüber. Seine Romane könnten nicht so gut funktionieren, wenn er nicht zumindest überzeugende Protagonisten erschafft, die in einem scharfen Kontrast zu dem wissenschaftlichen „Humbug“ seiner Bücher stünden. Alle Wissenschaftler sind Experten auf ihrem Gebiet, die wissen, dass sie in den beiden Forschungszentrum Geschichte schreiben können und wollen. Teilweise sind sie Teamplayer, die auf die anderen Mitglieder angewiesen sind. Trotzdem sind es auch alle Egoisten, welche der Ehrgeiz verbindet, dieses einzigartige Projekt erfolgreich abzuschließen. Dazu kommt der Opportunismus, der jeweils Erste auf seinem Gebiet zu sein. Auch wenn diese Handlungsstränge im Rahmen der geradlinigen Story eher impliziert sind, hat Robert Charles Wilson ein diebisches Vergnügen, gegen die Erwartungen der Wissenschaftler und damit auch der Leser zu schreiben. Diese Außenseiterperspektive gibt seinen Büchern ein gut wieder zuerkennendes Flair.
In „Quarantäne“ hat er es noch leichter. Wer den Klappentext der Heyne- Veröffentlichung nicht liest, wird deutlicher besser unterhalten.

Die Geschichte beginnt zwar einige wenige Jahre in der Zukunft, könnte aber im hier und heute spielen. Die amerikanische Politik wird als rücksichtslos und entschlossen beschrieben. Es kommen Erinnerungen als Michael Chrichtons Roman „Andromeda“ auf, wenn das Forschungszentrum „Blind Lake“ als Gefahr für die nationale Sicherheit tituliert und unter Quarantäne gestellt wird. Keiner der Wissenschaftler weiß, wie lange sie isoliert in der Anstalt leben müssen, keiner kennt den eigentlichen Grund. Zuerst glauben sie an eine Übung, als sich allerdings nicht nach wenigen Stunden die Tore wieder öffnen, vermuten sie, dass in der zweiten Forschungsanstalt etwas passiert ist. Wilon hält die handlungstechnische Spannung des Buches bis zum letzten Drittel des Buches hoch. Die Unsicherheit führt schließlich bei einzelnen Figuren zu Paranoia und Eruptionen von Gewalt. Mehr und mehr erkennt der Leser, dass aus der Forschungsanstalt inzwischen ein Forschungssubjekt geworden ist. Und dieser Erkenntnis fügt sich nahtlos in die Struktur des Romans. Denn bislang sind die Menschen die Beobachter gewesen, jetzt dreht sich plötzlich die Situation um 180 Grad. Bislang haben sie aufgrund des Bose- Einstein Quantum Computers und der Bilder eines tief im All stehenden Teleskopes eine fremde Zivilisation auf ihrer Welt hautnah beobachten können. Diese Wesen werden abfällig als Hummer bezeichnet. Die Technik ist so fortschrittlich, dass die Wissenschaftler inzwischen dem Tagesablauf eines einzigen Wesens auf Ursa Major folgen können. Da niemand genau die Technik des „Auges“ versteht, nehmen die Forscher es als Geschenk an. Einige der Protagonisten erkennen allerdings, dass diese Forschung nicht nur ein Segen für die Menschen sein kann, sondern den Menschen an sich in seinen Ansichten und seinem Tun verändert.

Schon in seinem früheren und noch nicht auf Deutsch erschienenen Buch „Mysterium“ hat Wilson eine zwangsisolierte Kommune beschrieben, die auf Phänomene getroffen ist, die sich nicht versteht. Dieser Trend ist sicherlich durch die Popularität der Fernsehserie „Lost“ noch verstärkt worden und diesen Gesetzen folgt Wilson in seinem Buch zwar nicht sklavisch, aber erkennbar. Im Gegensatz zu vielen Actionorientierten Geschichten fügt Wilson seinem Plot neue Elemente eher vorsichtig und impliziert hinzu. Er beginnt mit einer sehr guten Charakterisierung der einzelnen Protagonisten und verweist nur indirekt und dann fast oberflächlich flapsig auf die Forschungen in „Blind Lake“. In „Spin“ wird er es noch deutlicher machen, seine Leser sind nicht mitten im Geschehen, sondern müssen sich mühsam wie seine Protagonisten die einzelnen Fakten zusammensuchen. Es gibt in seinen Romanen keine absolute Wahrheit, sondern nur einzelne individuelle Perspektiven. Es gibt auch keine Helden oder Schurken, sondern Charaktere mit menschlichen Schwächen. Keine der Figuren ist eindimensional, sie reagieren auf die ungewöhnliche Situation sehr unterschiedlich. Nur eine Figur – den handlungstechnisch notwendigen Schurken – legt der Autor so eindimensional und vorhersehbar an, dass der Leser nicht selten das Gefühl hat, als sollten hier eher die niederen Instinkte der Verleger als der Leser befriedigt werden. Die Liebesgeschichte ist nicht unbedingt überzeugend, aber stellt ein notwendiges Gegengewicht zu der technisch- metaphysischen Handlungsebene dar.

Wie in einigen seiner anderen Romane leidet insbesondere das Ende des Buches an Robert Charles Wilsons Unfähigkeit, seine Figuren in die Freiheit zu entlassen und seine Ideen befriedigend abzuschließen. Wie in Bezug auf seine eher einem Wunder als einer Wissenschaft gleichenden Technik ist der Leser in der Erwartung, den stringenten, sehr kompakten Plot aufgelöst zu bekommen. Statt dessen verläuft sich die Handlung fast in Nebensächlichkeiten und die Idee der virtuellen Realität als eine mögliche Erklärung einiger Phänomene ist zu glatt und wirkt im Gesamtkontext fast hilflos. In „Spin“ beginnen seine Protagonisten eine Reise mit dem ersten Schritt, in „Blind Lake“ fehlt dem Autor noch der Mut dazu und er entschließt sich für ein konservatives Ende. Positiv gesprochen, Wilson verzichtet auf die religiösen Anspielungen eines „Contact“s – hier ist die Jodie Foster Verfilmung gemeint und weniger der zugrunde liegende Roman von Sagan – und konzentriert sich mehr auf die Thrillerelemente.

Trotz einiger handlungstechnischer Kompromisse und außergewöhnlicher Ideen, die aber zu wenig wissenschaftlich fundiert, sondern metaphysisch extrapoliert werden, gehört „Blind Lake“ zu den besseren bodenständigen Science Fiction Romanen der letzten Jahre. Es empfiehlt sich unbedingt, zuerst „Blind Lake“ und dann „Spin“ zu lesen, um zu verfolgen, welchen Quantensprung Wilson als Autor zurückgelegt hat. Wer sich ausschließlich mit der Kenntnis „Spin“s dem Roman nähert, wird auf hohem Niveau eher enttäuscht.

Robert Charles Wilson: "Quarantäne"
Roman, Softcover, 470 Seiten
Heyne- Verlag 2007

ISBN 3-4535-2316-4

Weitere Bücher von Robert Charles Wilson:
 - Axis
 - Chronos
 - Spin

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