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Science Fiction (diverse)



Sergej Lukianenko

Spektrum

rezensiert von Thomas Harbach

Etwas unfair hat die Kritik den Erfolg von Lukianenkos „Wächter“ Tetralogie und des ersten Films mit dem langen Schatten von „Harry Potter“ assoziiert. Die Unterschiede könnten aber nicht größer sein, sehr geschickt mit einem handlungstechnisch intelligenten Aufbau – drei längere Novellen, deren Inhalte erst in der letzten Geschichte verknüpft werden – versehen und vor allem einer gelungenen Mischung aus phantastischen Elementen, durchaus bissiger Kritik an der Amerikanisierung des russischen Volkes und den nicht nur von der staatlichen Willkür verursachten sozialen Missständen hat die Serie ihre eigene Identität. Neben dieser Serie hat Lukianenko aber auch Science Fiction für ein jugendliches Publikum – siehe „Das Schlangenschwert“ im Beltz Verlag als Hardcover vor wenigen Wochen veröffentlicht – geschrieben. Mit seinem Epos „Spektrum“ legt der Heyne- Verlag seinen ersten Science Fiction Roman für Erwachsene in Deutsch vor. Strukturell überrascht das umfangreiche Buch, denn die Hauptfiguren – der Detektiv Martin und sieben Inkarnationen des gleichen Mädchens – stehen zwar im Mittelpunkt der Handlung, doch der Autor behält nicht nur die episodenhafte Struktur mit einem zusammenfassenden Ende bei, ihm gelingt es, in Form verbaler weiterer Geschichten – diese müssen den Schließern vor den Transmittertoren erzählt werden, um von einer Welt zur anderen reisen zu dürfen und zu können – die Aufmerksamkeit des Lesers philosophisch bodenständig auf das Wichtige im Leben zurückzulenken. Zwar wirkt der Roman aufgrund dieser differenzierten, aber nicht immer notwenig komplizierten Struktur phasenweise schwerfällig und aufgeblasen, doch diese längeren Abschnitte werden wenige Seiten weiter durch schnelle, rasante Passagen wieder ausgeglichen.

Obwohl die Außerirdischen ihre ersten Tore vor mehr als achtzig Jahren eröffnet haben und damit den Menschen den Weg zu den Sternen schenkten, sind es nur wenige, die wirklich die Phantasie aufbringen, um die Chancen zwischen den Sternen zu nutzen. Alleine das Hemmnis, eine originelle oder nachdenkliche Geschichte aus dem Stand zu erzählen und damit den Schließer zu überzeugen, stellt für viele ein Hindernis dar. Nicht unbedingt sprachlich, denn wer mehr als zweimal durch die Tore reist, erhält „touristisch“ als Zweitsprache mit auf den Weg gegeben. Natürlich gehört Martin zu den wenigen Menschen, denen diese Geschichten nicht immer, aber zumindest überdurchschnittlich zufallen. In einer Art staatlicher Verordnung müssen diese erzähltechnisch begabten Menschen pro Jahr vier Texte niederschreiben, damit die phantasielosen Ordnungskräfte auch die Möglichkeit haben, durch die Tore zu gehen. Außerdem werden verwendungsfähige Texte – sie funktionieren nur einmal – auf dem Schwarzmarkt zu horrenden Preisen und natürlich illegal gehandelt. Ohne weiter ins Detail gehen zu wollen, fesselt den Leser diese Mischung aus dem perfekten Klischee – gutmütige, fremdartige Aliens besuchen die Erde, besiegen den Hunger, haben Medikamente für die meisten Krankheiten und schaffen den Krieg auch noch ab – und origineller, traditioneller Beimischung. Nicht selten trinken die Menschen vor ihren Geschichten mit den Schließern Tee oder Alkohol, die schwermütige russische Seele schwingt in diesen Abschnitten unwillkürlich das Zepter. Dabei ist der eigentliche Plot schnell eine Nebensache geworden. Martin soll auf einer der Welten ein siebzehnjähriges Mädchen im Auftrag der Eltern suchen. Nachdem er sie gefunden hat, wird diese von einem außerirdischen, halbintelligenten Tier mit einer aus Gräten bestehenden Speerspitze getötet. Traurig kehrt Martin mit den letzten Worten des Mädchens zurück nach Moskau. Diese lassen ihn natürlich nicht los und so reist er zu der erwähnten Welt und trifft wieder auf das Mädchen. Auf dieser zweiten Welt geht allerdings Lukianenko die Phantasie mit einer Klischeewestenkulisse durch, das Szenario wirkt weder komisch noch überzeugend und die Hinweise auf die – aus dem Westen importierte – kapitalistische Wegwerfgesellschaft mit ihren Exzessen und der fortgesetzten Unterdrückung der Indianer wirken statisch konstruiert. Der Fluss der Handlung geht in dieser schwächsten Episode verloren und das Buch braucht trotz der für Science Fiction Fans nicht unbedingt überraschenden Enthüllungen über einhundert Seiten, um sich von diesem Tiefschlag zu erholen. Zusammen mit dem Protagonisten erfährt der Leser von den einzelnen Mosaiksteinen dieses komischen Puzzles, dabei bemüht sich der Autor, jeder einzelnen Welt, die Martin auf der Suche nach den anderen inzwischen nur noch fünf Mädchen besuchen muss, eine individuelle Note zu geben. Der Roman bezieht seine eigentliche Spannung nicht nur auf dem großen kosmischen Geheimnis, sondern aus der Frage, ob Martins verzweifelte Suche für die Schließer nicht nur ein Spiel ist, um die ewige Langeweile nicht durch Geschichten, sondern es sich im Grunde nur um einen menschlichen Hamster in einem intergalaktischen Laufrad handelt. Es wäre auch sinnvoll gewesen, die einzelnen Episoden handlungstechnisch zu variieren und Martin mindestens einmal mit seinen Vermutungen und seiner Suche ins Leere laufen zu lassen.

In der Tradition der russischen utopischen Literatur – auch darauf findet sich ein Hinweis – ist Martins Suche die Reduktion eines kosmopolitischen Entwicklungsprozesses auf das beispielhafte Individuum. So entwickelt er sich nicht nur durch die Ereignisse auf den unterschiedlichen Welten weiter, sondern kann – unter anderem auch für den Leser – das Geschehen in Gesprächen mit seinem Großvater im heimischen Moskau aufarbeiten. Wenn brisante Themen wie Religionsfreiheit oder Verantwortung, der freie Wille oder die Manipulation aus guter Intention angeschnitten werden, wirkt der Text ungewöhnlich ernsthaft, macht nicht den Fehler, Thesen vorzugeben, sondern gibt seinen Lesern den Raum, sich selbst ein eigenes Bild zu machen. Diesen dunklen, ernsten Ton kann Lukianenko aber nicht lange durchhalten, so findet der Protagonist einen wichtigen Hinweis in den Namen einer populären Fernsehfamilie – den Simpsons. Es ist unwahrscheinlich, dass ein durchschnittlicher Privatdetektiv ungefähr achtzig Jahre nach der letzten Folge die Zusammenhänge überhaupt erkennt. Und dann noch so problemlos. Auf der anderen Seite zeigt der Autor mit diesen Brücken, dass sein Roman mit beiden Füßen in der populären Unterhaltung angesiedelt ist und sich in dem Umfeld aus amerikanischen Einflüssen und schwindender russischer Seele durchaus wohl fühlt. Obwohl die hier beschriebene Zukunft noch fern ist, wird sie mit diesen Vergleichen und Hinweisen quasi in die Wohnungen der Leser zurückgeholt. Diese sehr konsequente und keinesfalls zufällige Vorgehensweise macht Lukianenkos Bücher wahrscheinlich so populär, sie sind eine sicherlich zeitlich begrenzte, aber angenehme Modeerscheinung, trotz ihrer utopischen Ausrichtung gehören sie mit ihren Wurzeln und ihrem Hintergrund ins Hier und Jetzt. Wie sehr der Autor aber mit offenen Augen durch eine fehlerhafte und zumindest was Moskau betrifft aus den Fugen geratene Welt geht, unterstreichen andere kritische Verweise. Nicht nur McDonalds oder Stephen King werden aus einer Mischung aus Sarkasmus und Ironie durch den Kakao gezogen, ganz anders geht der Autor mit einer immer noch zwielichtigen Organisation wie dem KGB um. Lukianenko ist ein überraschend sensibler Betrachter der immer global werdenden Welt mit einem feinen Gespür, was man sowohl dem Westen als auch dem Osten – immer noch sein Hauptpublikum - zumuten kann. Dabei verzichtet er nicht auf eine gewisse schwarzweiße Malerei, die seine Geschichte in den Bereich der Groteske treibt. Und wenn man sich vor Augen hält, dass das Grundgerüst eine inzwischen zu oft verwandte Fantasy- Komponente – argloser Held rettet holde Maid vor dem bösen Monster – beinhaltet, die mit einem modernen Mantel umkleidet plötzlich unterhaltsam originell wirkt, dann zeigt es Lukianenkos Routine, aber auch seinen erzählerischen Mut. Wenn am Ende des Buches der Schöpfungsakt per se in diesem ureigenen, aber doch vertrauten Kosmos untersucht wird, lässt sich eine gewisse Komik in der Tradition Douglas Adams, aber vor allem Tom Robbins nicht verleugnen. Der Russe ist weniger lustig als der Brite, sondern versucht, an mehr als einer Stelle seine Leser zum Nachdenken über aktuelle Tendenzen zu bewegen. Die Handlung steht trotz aller Exkurse und immerhin siebenhundert nicht unbedingt großzügig bedruckten Seiten im Vordergrund. Spätestens mit „Spektrum“ ist Lukianenko als Science Fiction Autor ernst zunehmen, als guter Erzähler hat er das schon bewiesen.

Sergej Lukianenko: "Spektrum"
Sekundärwerk, Softcover, 720 Seiten
Heyne 2007

ISBN 3-4535-2233-8

Weitere Bücher von Sergej Lukianenko:
 - Das Schlangenschwert
 - Der falsche Spiegel
 - Der Herr der Finsternis
 - Die Ritter der vierzig Inseln
 - Labyrinth der Spiegel
 - Sternenschatten
 - Sternenspiel
 - Trix Solier- ein Zauberlehrling voller Fehl und Tadel
 - Weltengänger
 - Weltenträumer
 - Wächter der Ewigkeit
 - Wächter der Nacht
 - Wächter des Morgen

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