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Andreas Brandhorst

Feuervögel

rezensiert von Thomas Harbach

Der Herbst scheint sich jetzt zu Andreas Brandhorst´ Zeit zu entwickeln. Im letzten Jahr September beendete er mit „Der Zeitkrieg“ seine erste umfangreiche Kantaki- Trilogie, ein Jahr später folgt im Oktober 2006 der ersten Band – „Feuervögel“ – einer zweiten Dreierserie, im gleichen Universum angesiedelt, nur einige tausend Jahre nach der tragischen Liebesgeschichte um „Diamant“ – die im letzten Teil des Romans einen passiven Auftritt und eine kleine Legendenbildung ihr Eigen nennen kann – angesiedelt. Ansonsten hat dieser Auftaktband zumindest handlungstechnisch nichts mit der ersten Trilogie zu tun und kann separat gelesen werden.

Die Schwierigkeit, diesen Romans wirklich zu besprechen, liegt in der Tatsache begründet, dass der Leser nicht weiß, wie der gesamte Zyklus enden wird, ob Tod oder Vernichtung endgültig sind oder ein Übertritt zu einer anderen, höheren Existenz. Als eigenständiges Werk betrachtet ist Andreas Brandhorst Beschreibung eines gewaltigen, für die Menschheit im Grunde verlorenen Krieges gegen die Außerirdischen Graken – und ihre Verbündeten, ein hoher Militär spricht sogar von einer Art symbiotischen Lebensform mit den aus den Sonnen kommenden Graken als Katalysatoren, ein faszinierendes Bild, das leider nicht weiter ausgeführt wird – ein pessimistisches, nihilistisches Werk. Bis auf einen kleinen Hoffnungsfunken am Ende des Buches, nicht aufgrund eines wissenschaftlichen Durchbruchs, sondern eines Zufalls basierend, führt die Menschheit einen verzweifelten Verteidigungskrieg.
Die einzige entwickelte Waffe erweist sich im Probestadion als Doomsdayprodukt, das die Sonnen vernichtet, die Feinde aufhält und im Grunde nicht verbranntes Universum hinterlässt. Ansatzweise diskutiert der Autor die Frage, ob der Zweck in einem solchen Fall wirklich die Mittel heiligt, er verzichtet aber auf die obligatorischen und aus dem Zweiten Weltkrieg noch bekannten Thesen von den Vergeltungswaffen und dem Konzept des verbrannten Bodens. Bei den Militärs kehrt überraschend schnell, wenn auch nicht unbedingt überzeugend argumentiert die Vernunft zurück und ein anderer Plan nimmt zumindest rudimentäre Gestalt an. Die Militärs überlegen, sich auf eine kleine Kerngruppe von Welten zurückzuziehen, die über 200 Jahre mit allen Mitteln zu verteidigen, in der Zwischenzeit die Nachbargalaxis Andromeda zu erforschen und die Überreste der Menschheit dorthin zu bringen. Ein Plan mit Millionen von Raumschiffen, über mehrere hundert Jahre angelegt, eines Isaac Asimovs würdig mit einigen wenigen Bezügen zur technologischen und militärischen Umsetzung. Getreu aber Andreas Brandhorsts Werk, in dessen Kern immer eine sehr kritische Grundhaltung gegenüber der Politik, aber noch mehr der allumfassenden, götzengleichen Technik zum Ausdruck gekommen ist und im vorliegenden Roman kommt, kann der Plan wegen eines überraschenden Vorstoßes der Graken nicht umgesetzt werden.
Hier wäre die angesprochene von Wissenschaftlern entwickelte Waffe mit zu viel Zerstörungspotential auf eigenem Gebiet ideal gewesen, sie kann aber nicht mehr aus dem ersten Entwicklungsstadion heraus zur Serienreife geführt werden. Der Autor spannt den Bogen sehr weit, immer wieder finden sich solche manchmal philosophischen, meistens politischen Exzesse und mit sichtlichem Vergnügen offenbart man die Hilflosigkeit der Politiker, die Besessenheit der Militärs und am Ende des Buches die Dummheit der Menschheit, die zumindest einen Teil der Verantwortung für diese Tragödie trägt. Leider bleiben viele dieser Ideen episodenhaft, werden angedeutet und nicht extrapoliert im Vergleich zur Personengetriebenen Haupthandlung. Eine weitere Schwierigkeit ist die eher an Frank Herberts „Wüstenplanet“ erinnernde Etablierung einer Ordensgemeinschaft von Schwestern. Insbesondere in der ersten Hälfte des Buches kumuliert diese zwanghaft mystische, aber selten wirklich originelle Handlungsebene in einer scheinbar bedrohlichen Prüfung des neuen Heilands Dominik, einem Jungen, der sich aufgrund seiner geistigen Fähigkeiten vor den Graken schützen , eine irreale Gedankenebene aufbauen und andere Menschen geistig mit in diese zweite Welt integrieren kann. Das erinnert dann zu stark an die Ausbildung Paul Atreides. Im Gegensatz allerdings zu Frank Herberts farbenprächtigen, aber insbesondere in den Fortsetzung zu zwanghaft philosophischen Werk überrascht Brandhorst am Ende des Buches – wenn es dabei bleibt – mit einer wahren Vernichtungsorgie und der kleinen Hoffnung auf die nächste Generation. Was auf den ersten Blick wie eine klassische Tragödie, in der fernen Zukunft spielend, aussieht, entpuppt sich allerdings im Rückblick als Kammerspiel. Das liegt an den über weite Strecken klischeehaft ausgearbeiteten Charakteren, deren Auftreten und Hintergrund die farbenprächtige Space Opera nicht unterstützen, sondern auf den Boden der populären Unterhaltungsliteratur herunterziehen. Lebt die Kantaki- Trilogie über weite Strecken von einer sehr reifen und vom Autoren überzeugend, allerdings zu breit entwickelten Liebesgeschichte mit ihrer Mischung aus Begierde, Egoismus, Machtspielen und dem Ziel, das eigene Leben in erster Linie zu leben und nicht mit einem geliebten Menschen zu teilen, dominiert „Feuervögel“ das Thema Verlust auf verschiedenen Ebenen.

Tako Karides ist ein Offizier der irdischen Armee, der bei einem Angriff der Graken auf seine Heimatwelt seine Frau und seinen Sohn verloren hat. Tragischerweise kam er wenige Stunden zu spät und fühlt sich deswegen schuldig. Er versucht diese Schuldgefühle zu kompensieren, in dem er bei einem gefährlichen und im Grunde nutzlosen Einsatz auf dem Planeten Kabäa den einzigen Überlebenden, den jungen Dominik rettet. Er möchte den Knaben adoptieren und mit dessen Erziehung zumindest einen Teil seiner primären Schuld abarbeiten. Über diese grundlegende und sein Handeln treibende Frage hinaus gibt ihm Brandhorst nur wenige charakteristische oder gar charakterisierende Züge. Der Leser kann sich kaum in diese oberflächlich angelegte Figur hineindenken und bis zu seinem opferbereiten Ende bleibt er eine distanzierte, wenig entwickelte und emotional instabile – vielleicht verständlich – aber zu neutral angelegte Figur. Aber auch die sich auf verschiedenen Ebenen oft zu rasant und fragmentarisch entwickelnde Handlung gibt ihm wirklich wenig Unterstützung. Als der Plan, nach Andromeda überzusiedeln, aufgrund eines vernichtenden Grakenangriffs scheitert, könnte er sich als entschlossener Führer, als Individuum entgegen des vorhersehbaren Konzeptes entwickeln, doch Brandhorst schickt ihn - entgegen seiner Befehle zum Schutz der ultimativen Rettung, des jungen Dominik, auf eine Jagd durch die halbe vom Krieg zerstörte Galaxis. Dominik mit seinen überragenden, aber zumindest zu Beginn nicht geklärten PSI- Fähigkeiten, wird in die Ausbildung einer strengen Schwesternschaft – dem Tal- Telassi Orden – geschickt, entwickelt Gefühle für eine junge Frau, Hass gegenüber den überaus strengen Ordensschwestern, beseitigt dank seiner überragenden Fähigkeiten eine sadistische Oberschwester, entflieht schließlich zumindest geistig und später auch körperlich diesem Gefängnis, wird nicht nur in Hinblick auf seine Fähigkeiten, aber vor allem wegen seiner Vergangenheit vor eine Reihe von herausfordernden Aufgaben gestellt und unterwirft sich schließlich seiner Bestimmung. Insbesondere zu Beginn des Romans gelingt es Brandhorst deutlicher besser, Dominiks noch nicht entwickelten Charakter sehr überzeugend, mit einer gewissen väterlichen Nachsichtigkeit, aber vielen Emotionen darzustellen. Im Laufe der Handlung gehen diese kleinen Nuancen leider verloren und viele pointierte Spitzen werden nicht weiterentwickelt. Auch die Prophet- Märtyrerkomponente am Ende des Buches wirkt eher zwanghaft aufgesetzt. Brandhorst hat auf den letzten hundert Seiten überraschend viele kleine Stolpersteine, die es verhindern, das Buch für den Leser und vor allem als Auftaktband einer Trilogie befriedigend abzuschließen. Unbewusst hinterlässt es den Eindruck, weniger unter Zeitdruck geschrieben als konzipiert worden zu sein. Handlungsstränge erscheinen gekappt, andere Charaktere bewusst zurückgenommen, um mit knappen fünfhundertfünfzig Seiten einen umfangreichen, aber nicht erdrückenden Roman zu präsentieren. Wahrscheinlich lässt sich die Qualität des vorliegenden Auftaktbandes erst mit dem Abschluss der Trilogie wirklich beurteilen, sowohl im Aufbau als auch in der Handlungsführung wird das Buch gegen Ende immer hektischer und unübersichtlicher. Die vorhersehbare und plakative Pointe natürlich mit einem Ausblick auf den zweiten Band kann ebenfalls in dieser Form nicht überzeugen.

Brandhorsts Stärke bleibt allerdings die faszinierende Erschaffung von fremden und fremdartigen Wesen. Ganz bewusst schränkt er im vorliegenden Band die Perspektive auf die Graken und ihre Hilfsvölker ein. Der Leser erfährt nur vom menschlichen Standpunkt Fakten und Fiktion. Zwar erinnern die Ideen, aus der Sonne anstelle von Gasriesen
heraus anzugreifen und auch der übergeordnete Aufbau – allerdings deutlich distanzierter und weniger auf die persönlichen Schicksale konzentriert – an Kevin J. Andersons „Die Sage der sieben Sonnen“, aber Brandhorst ist der bessere Autor und vor allem ein besserer Komponist als Dirigent im vorliegenden Band. Über weite Strecken hält er die Spannung in Bezug auf die exotischen außerirdischen Elemente hoch. Die überragende Technik und im Vergleich der hilflose Existenzkampf der Menschheit sind die treibenden Momentums dieses Buches, gegen Ende und im Vorgriff auf den folgenden Band löst er allerdings dieses Plotelement unentschlossen und eher konstruiert zugunsten eines neuen Überlebenschance der Menschheit auf. Es wäre geschickter gewesen, diesen Handlungsfaden auf den zweiten Band zu übertragen und das Buch auf einer nihilistischen Note enden zu lassen.

Auch der Fund der Kantaki- Piloten inklusiv Diamant, eines funktionierenden Kantaki- Raumschiffes, das wie auf Knopfdruck zum Funktionieren gebracht wird, die Andeutung, dass nicht die Wissenschaftler, sondern die Theologen an dieser größten menschlichen Katastrophe schuld sind – ein interessanter Ansatz, dem der Autor zumindest in diesem Buch leider wie so oft nicht weiter auf den Grund geht – und letzt endlich Abschied/ Aufbruch in einem wirken überhastet und unglaubwürdig in dieser Konzentration.

„Feuervögel“ ist schwer zu beurteilen. Andreas Brandhorst schreibt phasenweise sehr unterhaltsam, sehr packend und in diesen umfangreichen Rahmen sind viele interessante Ideen integriert. Leider macht er – wahrscheinlich aufgrund der hektischen Produktion – aus vielen Ansätzen zu wenig und konzentriert sich auf ein sehr breit angelegtes, aber nicht besonders tiefes Portrait seines Universums. Es wäre sinnvoller, dem Kantaki- Zyklus vielleicht ein oder zwei einführende, separat geschriebene und vor allem als Roman funktionierende Bände hinzufügen. Zu sehr konzentriert sich der Autor nach seiner Liebestrilogie jetzt auf das Thema Verlust, breitet es im Rahmen des vorliegenden Romans nur oberflächlich und stellenweise klischeehaft aus und vergisst darüber hinaus die Balance zwischen der eigentlichen Handlung und dem Hintergrund. Zu sehr überflutet er den Leser mit auf den ersten Blick interessante, im Verlaufe des Romans aber verschenkten und/oder nicht mehr extrapolierten Ideen und hinterlässt den Eindruck, einen technisch sauberen und vor allem sehr gut zu lesenden Roman geschrieben zu haben, dem leider noch kein Herz an Bord eines Kantaki – Raumschiffes zugeflogen ist.

Andreas Brandhorst: "Feuervögel"
Roman, Softcover, 568 Seiten
Heyne 2006

ISBN 3-4535-2206-0

Weitere Bücher von Andreas Brandhorst:
 - Feuerstürme
 - Feuerträume
 - Lemuria 3 - Exodus der Generationen
 - Pan-Thau-Ra 2. Die Trümmersphäre

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