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Science Fiction (diverse)



Robert Charles Wilson

Spin

rezensiert von Thomas Harbach

Wie es auch für seine bislang auf Deutsch erschienenen Romane wie „Darwinia“ oder „Die Chronolithen“ gilt erweist sich Robert Charles Wilsons „Spin“ als intelligente, in der Prämisse verblüffende und vor allem mit überzeugenden, dreidimensionalen und sympathischen Charakteren gut ergänzte spannende Geschichte. In dieser kosmischen Chronik, deren konsequentes, wenn auch in der Extrapolation nicht immer logisches Ende eher an Arthur C. Clarke als an Stephen Baxter erinnert hat Wilson seine bisherigen Schwächen – oft zu fragmentarische Erzählstruktur und die Notwendigkeit, eine Geschichte zu beenden als ein wirkliches Ende zu konzipieren – überwunden und knüpft frei interpretiert mit einer futuristischen Vision in der Tradition Olaf Stapledons an den Beginn seines Buches „Darwinia“ an. Nur einhundert Erdenjahre und für den Kosmos Millionen Jahre in der Zukunft und ohne eine Hommage an Jules Verne oder H.G. Wells. Im Gegensatz zu Stephen Baxters Schöpfungen entwickelt sich der Mensch in seinem Inneren weiter und wird nicht zwangsläufig in der Symbiose mit dem Kosmos zu einem neuen Wesen, Arthur C. Clarke folgend öffnet Wilson die Tür ins das wunderbare und doch gefährliche All nur einen Spalt, um die Phantasie des Lesers nach dieser Tour nicht einzuengen und ihnen alle Möglichkeiten zum Träumen offen zu lassen.

Von Beginn an verzichtet der Autor auf eine chronologische Erzählstruktur, der Leser verfolgt das Geschehen zwar fast ausschließlich aus der Perspektive Tyler Duprees, der mit 12 Jahren bei seinen beiden Freunden – den Zwillingen Jason und Diane – die Sterne auf einen Schlag verlöschen sieht. Dieser vordergründig abstrusen wissenschaftlichen Idee beugt er mit Anspielungen auf überirdische Kräfte – später werden die hinter den Kulissen agierenden Außerirdischen die Hypothetischen genannt – und die spätere Entwicklung vor. Während seine Charaktere nach dem Verschwinden der Sterne am nächsten Tag wieder die „normale“ Sonne sehen, weid Dupree den Leser in das Geheimnis ein: die Sonne ist künstlich, die Erde ist von einem Feld – dem Spin – umgeben, der nicht nur die Sterne zum Erlöschen gebracht hat, sondern anscheinend die Zeit außerhalb des Feldes millionenfach schneller vergehen lässt. Mit der sich an die Erkenntnisse anschließenden wissenschaftlichen Spekulation und vor allem den bahn brechenden gesellschaftlichen Veränderungen im Positiven und Negativen, wie auch der Entwicklung der im Grunde Menage de Trois Liebesgeschichte – ohne das Sex im Vordergrund steht – zwischen Tyler, Diane und Jason – setzt sich Wilson mit einer geschickten Mischung aus Andeutungen und Fakten auf den folgenden Seiten auseinander. Der Erzähler Tyler ist zu Beginn des Buches offensichtlich auf der Flucht und schwer erkrankt. Fast manisch will er die Geschichte der Menschheit nach dem Erlöschen der Sterne aufschreiben, Diane pflegt ihn und während seiner Wachperioden verfasst er den Bericht, den der Leser dann schließlich, aber ausschließlich aus seiner Perspektive lesen kann. Es ist erstaunlich und spricht für den Autoren und das Buch, wie effektiv Wilson seine Spekulation mit einer vielschichtigen menschlichen Geschichte verbindet, sondern im Grunde die Veränderungen der Gesellschaft oft in den Hintergrund drängen kann. An Details zeigt er uns, wie widerstandsfähig die Menschen doch im Grunde sind und das nicht alles auf unserem Planeten von Beginn an schlecht sein kann und ist. Aber nicht nur in Bezug auf die Spekulation verrät Wilson gleich zu Beginn einen wichtigen Teil des Plots: schon auf den ersten Seiten weiß der Leser, dass das Verschwinden der Sterne kein natürliches Phänomen ist, dass die offensichtlichen Täter nicht eine Invasion oder Vernichtung der Menschheit im Sinn haben und auf der zweiten Handlungsebene, dass Tyler und Diane irgendwie zusammen sind. Die Spannung bezieht der Text aus der offensichtlichen Frage, wie das alles geschehen ist. Während man bei der Betrachtung der drei jugendlichen Protagonisten sehr schnell auf das scheinbar Unabänderliche kommt – Jason leidet unter dem Einfluss seines mächtigen Vaters und könnte sich vor dem Industriellen in eine Art Schneckenhaus zurückziehen, Diane sucht eine sie führend Hand und würde nach Tyler greifen, dem ruhigen, aus einfachen Verhältnissen stammenden jungen Mann, der mit seinem zukünftigen Leben noch nicht viel anfangen kann - , beginnt sich mit dem „Spin“ nicht nur die Menschheit an sich zu verändern, die subtilen, fast klischeehaft extrapolierten persönlichen Schicksale werden vom Vater separiert und das bislang vorliegende Puzzle mit sehr vielen Emotionen in seine Einzelteile zerlegt. Jason ist besessen, hinter das Geheimnis des Spins zu kommen und schließlich seinem Vater nicht nur Paroli zu bieten, sondern dessen Lebenswerk durch seine Erkenntnisse zu zerstören. Diane findet eine Zuflucht in einer kirchenartigen Sekte und den Armen eines anderen Mannes und Tyler wird Arzt. Diese Ebene behandelt die dreißig Jahre zwischen dem heranwachsenden Jugendlichen und dem verantwortungsbewussten Erwachsenen. Eine solch persönliche Geschichte überzeugend und vor allem nicht kitschig zu schreiben, ist ein schwieriges, im Science Fiction Genre selten gelungenes Unterfangen. Wilson führt diese Aufgabe mit erstaunlicher Routine und Durchsetzungswillen zu Ende. Immer mit einem Fuß am Rande des Kitsches entlang gehend, gelingt es ihm nicht zuletzt aufgrund des phantastischen Hintergrunds dieser Geschichte, rechtzeitig die Kurve zu bekommen und den Sturz in die Klischeewelt zu vermeiden. Beispielhaft sei hier nur ein Plotelement erwähnt: Tylers Mutter arbeitet nach dem frühen Tod seines Vaters als Haushälterin bei den Eltern von Jason und Diane. Tyler findet im Nachlas seiner Mutter schließlich anonyme Liebesbriefe, die nicht von seinem Vater stammen können. Aufgrund der engen Bindung zur Familie von Jason und Diane bildet sich im Leser ein Verdacht, den Wilson genüsslich, aber unglaublich emotional am Ende des Buches als falsch entpuppt und eine ergreifende Lösung präsentiert. Es ist dieses Spiel mit der Engstirnigkeit der Menschen – ohne die Leser direkt anzugreifen -, dass zumindest die persönliche Handlungsebene zu einem der besten Bücher dieses Jahres macht.

Die Schwierigkeit dieser Art der Erzählstruktur liegt in der stetigen Diskussion und vor allem Spekulation über die zukünftige Entwicklung. Tyler als wissender Erzähler versucht dem Leser nicht nur das Szenario zu vermitteln, sondern jeden einzelnen Gedanken auf dem Weg ins Jetzt, jede noch so abwegige theoretische Diskussion und die vielen in erster Linie von Theologen ins Spiel gebrachte religiöse Komponente. Nach kurzer Zeit und stetigen Wiederholungen ermüden diese Zwiegespräche insbesondere im Mittelteil des Buches und man befürchtet, dass Wilson nicht unbedingt die Kurve zu einem konsequenten Ende bekommt. Darum greift er auf das letzte mögliche plottechnische Mittel zurück, dass wieder Spannung erzeugen kann: Jason erkrankt und steht in einem konsequenten Wettlauf mit seiner Forschung. Auf der Parallelebene stellen die Menschen fest, dass die Sonne nicht mehr in Millionen von Jahren mit einem gewaltigen letzten Ausbruch sterben wird, sondern schon in der nächsten menschlichen Generation. Mit dieser Doppelinszenierung treibt der Autor die Handlung was waghalsig voran und führt sie im letzten Drittel sehr konsequent ohne innere Zwiegespräche zu einem konsequenten Ende.

Auf der handlungstechnischen Ebene überrascht die Geschichte durch die einfache, aber sehr gut umgesetzte Idee einer unfreiwilligen Zeitreise. Durch das Verschwinden der Sterne wird die Menschheit nicht zurück auf die Startposition ein im Evolutionsprozess gesetzt, sondern wie bei einem dreidimensionalen Schachspiel plötzlich, unerwartet und unverdient auf die zweite Ebene. Von diesem Augenblick an muss sie sich in die unsichere Zukunft begeben und die ganze Erde wird zu einer Art Zeitmaschine, deren Reise der Leser nicht durch einen übergeordneten Erzähler oder gar Computeraufzeichnungen verfolgen kann, sondern aus der persönlichen und damit eng begrenzten Perspektive einer Handvoll von Menschen, die sich entweder als Macher oder Opfer dieser nicht mehr aufzuhaltenden Bewegung sehen. Um den Leser nicht zu entfremden, finden später zwei Entwicklungsprozesse gleichzeitig statt: auf dem Mars wird durch dessen normalen Zeitablauf – der auf der Erde als millionenfach beschleunigt angesehen werden muss – nicht nur eine menschliche Kolonie nach dem abgeschlossenen, sehr einfachen Terraformingprozess gegründet, in einer Hommage an Robert Heinleins „Ein Mann in einer fremden Welt“ und vor allem Walter Tevis „Der Mann, der vom Himmel fällt“ öffnet ein vom Mars zurückgekehrter Mensch eine Wundertüte von biologisch- medizinisch Entwicklungen und eine interessante, auf der Nanotechnologie basierende Möglichkeit, den Hypothetischen draußen im All zu sagen, dass die Menschheit einen Schritt weitergekommen ist. Viele Politiker und religiöse Randgruppen argumentieren sehr überzeugend, dass diese Art von Signal eine Bestrafung herausfordern könnte, die marsianische Politiker lieber der Menschheit als der eigenen Welt zu gedenken möchten. Als sich schließlich um den neuen Mars auch ein Spin entwickelt, fühlen sich diese erzkonservativen Kräfte bestätigt und der vereinsamte Marsianer muss nicht nur mit seiner eigenen Isolation fertig werden, sondern einem stetig stärker werden Misstrauen, dass schließlich in Gewalt kumuliert. Es sind diese Passagen in ihrer Mischung aus Hommage und überraschend einfühlsamer Extrapolation stetig vorhandener, auch gegenwärtig spürbarer Vorurteile, die die zweite Hälfte des Buches bestimmen.

IN der Konstruktion des Buches laufen verschiedene persönliche und der Hintergrundhandlung übergeordnete Ebenen über weite Strecken mit einer kleinen zeitlichen Verzögerung parallel ab. Immer wieder wird der Leser feststellen, dass sich Ereignisse im kleinen, persönlichen Bereich kurze Zeit später auf einer größeren Bühne und nur wenig verändert wiederholen. Diese scheinbar stetige Bejahung eines unabänderlichen Prozesses macht den Reiz des Buches aus. Dazu kommt die Tatsache, dass nicht einer der hier vorgestellten Charaktere perfekt, vollkommen oder überzeichnet ist. Auf den ersten Blick hat der Leser das Gefühl, insbesondere Tylers Motivation Arzt zu werden ist nicht sonderlich überzeugend herausgearbeitet, erst später erkennt der Leser, dass dieser aus einfachen Verhältnissen kommende junge Mann einen starken Kontrastpunkt im Vergleich zu seinen begüterten Freunden setzen wollte und die einfachste Idee war es gewesen, mit den eigenen Händen und dem eigenen Verstand Menschen zu helfen. Aber im Grunde seines Herzens weiß Tyler, dass er seine Leben nur in einem starken Zusammenspiel mit Diane und Jason leben kann. Als Einzelperson, autarker Charakter mit der Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen, findet Tyler nicht statt. Sein Leben wird von zwei wichtigen Komponenten beherrscht, die er sich selbst nur schwer eingestehen kann: seine erst platonische und später einmal vollzogene Liebe zu Diane und seine Aufgabe als Resonanzbord für den intelligenten, aber emotional unterentwickelten Jason auf seiner besessenen Suche nach dem Geheimnis des Spins. Erst im Zusammenspiel mit einem dieser beiden ebenfalls sehr tiefgründig und überzeugend beschriebenen Charaktere und deren stetigen Kampf gegen ihre Umgebung – inklusiv der notwendigerweise sehr klischeehaft beschriebenen Eltern – gewinnt Tyler an Format. Das lässt sich auf die Menschheit übertragen, erst das Verschwinden der Sterne löst zuerst unbewusst, später aber sehr konsequent einen Evolutionsprozess aus, der unter viel Blut, Schweiß und Tränen die Menschheit auf eine Entwicklungsstufe trägt, die zu Beginn des Buches nicht zu erahnen ist, die aber vor allem diese hier beschriebenen Menschen nicht sonderlich weit vom Leser entfernt. Das ist eine weitere Stärke des Buches, eine erstaunliche Entwicklung sehr bodenständig, mit vielen außerordentlich faszinierenden Ideen versehen, überzeugend zu beschreiben.

Robert Charles Wilson: "Spin"
Roman, Softcover
Heyne 2006

ISBN 3-4535-2200-1

Weitere Bücher von Robert Charles Wilson:
 - Axis
 - Chronos
 - Quarantäne

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