Buchecke


:: Home
:: Suche


:: 24 (4)
:: Abenteuer (55)
:: Alias (1)
:: Babylon 5 (7)
:: Buffy & Angel (25)
:: Comics (diverse) (17)
:: Die Bibliothek von Babel (30)
:: Fantasy (diverse) (181)
:: Farscape (1)
:: Heftromane (314)
:: Horror (diverse) (168)
:: Komödien (diverse) (2)
:: Krimi (diverse) (59)
:: Literatur (diverse) (26)
:: Mystery (diverse) (102)
:: Perry Rhodan (122)
:: Roswell (4)
:: Sachbücher (103)
:: Science Fiction (diverse) (715)
:: Star Trek (43)
:: Stargate (1)
:: Thriller (61)
:: TV (diverse) (10)
:: Vampire (37)
:: Zeitschriften / Magazine (15)


:: Artikel (6)
:: Interviews (7)
:: Nachrufe (2)


:: Weitere Sendungen


:: SciFi-Forum: Buchecke


Science Fiction (diverse)



Sean Williams

Auferstehung

rezensiert von Thomas Harbach

Das Genre des Science Fiction Krimis verfügt über eine längere Tradition als vieler Ort angenommen, aber nur selten konnte den klassischen, normalen Motiven auch utopische Ideen beigemischt werden. Isaac Asimov begann erfolgreich mit seinen Roboterromanen in den fünfziger Jahren utopische Elemente mit einer stringenten, logischen Kriminalhandlung zu mischen. Es folgten exotische Ausritte von Jack Vance „Masken“ sowie die Bücher um die „Dämonenprinzen“ oder Hal Clements „Nadelöhr“ Romane, George Effinger verband eine islamisch- exotische Atmosphäre mit einer spannenden „Who done it“ Handlung, in den achtziger Jahren folgten Lee Killough mit zwei auf Deutsch erschienenen, aber kaum beachteten Bücher. Der Cyberpunk übernahm insbesondere die Atmosphäre des hardboiled Krimis übertrug dessen nihilistische Antihelden in einer farbenprächtige Vision aus Realität und Illusion. Weiterhin kann der Bogen über Kathryn Ruschs inzwischen fünfteiligen, im Bastei Verlag in Vorbereitung befindlichen Zyklus zu David Brins „Copy“ oder Richard Morgan geschlagen werden. In diese Entwicklung reiht sich auch der vorliegende australische Roman „Auferstehung“ von Sean Williams nahtlos ein. Die Faszination dieses utopischen Krimis, aber nicht Thrillers liegt in der einzigartigen Kombination einer klassischen Ermittlerhandlung mit neuen, insbesondere technologischen Elementen. In David Brins umfangreichem Roman konnte der Ermittler Kopien von sich aus einem lebenden Ton geformt in gefährliche Situationen schicken, die Dreckarbeit erledigen. In Sean Williams Roman wird eine neue – für STAR TREK Fans altbekannte Technik – mit der Jagd auf einen Massenmörder – hier besticht die Polizeistruktur – und der Versuch eines potentiellen Täters – die eindeutigen hardboiled Elemente des Buches -, seine Unschuld zu beweisen kombiniert. Die Schwierigkeit, einen überzeugenden Krimi zu schreiben, liegt in der richtigen Mischung einer futuristischen soziologisch inetrgierten Technik unter Berücksichtigung einer entsprechend angepassten, veränderten Gesellschaft und der Tatsache, dass der Leser diese Ermittlungsarbeit in einer ihm unbekannten Umgebung verfolgen und vor allem akzeptieren muss. Oft greifen die Autoren auf pseudokriminalistische Erklärungen zurück, um den weder logischen, noch in seiner Anlage verfolgbaren Ermittlungsansatz zu einem unverhofften Ende zu bringen. Sean Williams Welt hat das Prinzip des „Beamen“ aus der bekannten Fernsehserie und vor allem Larry Nivens in den sechziger Jahre erschienenen Kurzgeschichten übernommen. Man betritt eine kleine abgeschlossene Zelle und wird in Sekunden in einer anderen auf der entfernten Seite der Erde wieder materialisiert. Diese technische Idee kombiniert mit einer stetig fortschreitenden Computerisierung und einer Extrapolation der bisher in den Kinderschuhen stehenden A.I. Forschung bilden das futuristische Rückrad dieses Buches. Die Menschheit an sich hat diese Reisemöglichkeit mit einigem Zögern angenommen, an einigen Stellen des Buches sind sich die Protagonisten wegen der Zeitersparnis des sekundenschnellen Transports ebenfalls unsicher, ob ein Feldtrip nach Australien lohnt oder nicht. Es sind diese Passagen, in denen der Leser leider zu deutlich erkennt, dass Sean Williams im Grunde seine Geschichte aus der Jetztzeit in eine nicht zu ferne Zukunft transferiert, die Charaktere aber weiterhin hier und im Jetzt verwurzelt hat.

Ein Massenmörder – der Zwillingsmacher – tötet scheinbar wahllos schöne Frauen. In einem Apartment findet die Polizei nicht nur das letzte Opfer, sondern Jonah McEwen, dessen Körper seit mehr als drei Jahren in einer Nährstofflösung liegt. Nach dem gewaltsamen Tod seines Vaters – eines berühmten Wissenschaftlers – ist er von der Bildfläche verschwunden. Jonah ist nicht klar, warum er seit drei Jahren in dieser Nährstofflösung liegt, wer es ihm angetan hat und vor allem, warum eine Leiche in seiner Wohnung liegt, die Computer anzeigen, dass er in der Zwischenzeit die verschiedenen Transportzellen benutzt hat und wie seine Verbindung mit dem Serienkiller wirklich ist. Die Opfer scheinen – das wird nach den ersten Ermittlungen schnell klar – seiner Ex- Freundin Marilyn Blaylock zu ähneln. Die Frau, mit der er jetzt nach dem Mörder und vor allem nach der eigenen Unschuld suchen muss.


In seinem Nachwort verweist Sean Williams auf drei Kurzgeschichten, aus denen dieser umfangreiche Romane entstanden ist. Die Fragmente dieser Storys lassen sich noch in der spannenden Handlung mit ihrem manchmal verwirrenden Muster aus Informationen und falschen Spuren erkennen. Sehr geschickt nutzt der Autor mit dem Protagonisten Jonah – Nomen est Omen – einen Resonanzkörper, an den sich der Leser nicht nur anlehnen kann, dem er auch dessen lebensnotwendigen Ermittlungen folgen kann. Nach dem ihm das Ausgangsszenario – die Morde, der Nachweis seiner Reisen angeblich während seiner komatösen Zeit und der Verdacht – erläutert worden ist, setzt sich der Roman danach aus der Ermittlungsarbeit – Befragungen und Spekulationen, falsche und richtige Spuren - , der Motivsuche – ein immer wieder sich umkehrendes Element des Buches - , dem Vertrauen/ Misstrauen zwischen den ehemaligen emotional verbundenen, waidwunden Menschen – Liebhaber wäre zuviel ausgedrückt – und schließlich einem Showdown, der zuerst einem Gerichtsdrama ähnelt, das zu einem Mystery in Form eines abgeschlossenen Raums und begrenzter Zahl von Verdächtigen und schließlich einem Täter zusammengefügt worden ist.

Im Grunde steht übergeordnet dem eigentlichen Plot aber eine zweifache moralische Frage: Wenn die Technik erlaubt, eine Person aufzuzeichnen, zu senden und schließlich wieder zusammenzufügen, ist es erlaubt, eine Kopie dieser Person herzustellen und zu lagern? Mitunter gegen ihren Willen. Weiterhin extrapoliert Williams seine technische Zukunftsvision: während des Transfers ist es möglich, körperliche oder genetische Schäden zu analysieren und in diesem sekundenlangen Stasisfeld zu heilen. Man versetzt sie in eine virtuelle Realität und arbeitet an ihr. Im Anfangsstadion ist dieser Prozess genauso umstritten wie die Frage, ob ein Mord an einer menschlichen Kopie überhaupt ein Mord ist und/ oder für eine Kopie als Mörder das Original mit Verantwortung trägt. Über weite Strecken des ersten Spannungsbogens versuchen Williams Charaktere, diese ethische Position zu hinterfragen. Leider fehlt dem Roman an dieser Stelle eine differenzierte Gegenposition. Zu schnell einigen sich die Ordnungskräfte nicht zuletzt aufgrund der eigenen Bedrohung auf Mord an Kopien ist gleichbedeutend wie ein Mord an einem Original. Diese Position ist moralisch nicht angreifbar, der Leser hätte aber der insbesondere im Mittelteil deutlich durchhängenden Handlung interessierter und besser folgen können mit entsprechend etablierten und positionierten Antagonisten. Im Gegensatz zu den Charakteren, die stellenweise sehr klischeehaft, sehr blass und höchstens in einem derart schwierigen, emotionalen Fall an der Oberfläche ihrer Mimik und Gestik bleiben, wirkt die von Sean Williams über weite Strecken etablierte und ausgetüftelte futuristische Gesellschaft deutlich dreidimensionaler. Von Beginn an stellt der Autor heraus, dass sie sich weiterhin im Fluss, einem kontinuierlichen Anpassungsprozess befindet, an dessen Ende wahrscheinlich eine zeit- und grenzenlose Jet Set Gesellschaft steht. Er bemüht sich dieser nicht zu kontrollierenden Technik eine konsequente Regulative entgegenzusetzen. So sehr das theoretisch überzeugen mag, wirkt es in der Praxis unglaubwürdig und zu geordnet. Der Leser vermisst das Chaos des Cyberpunks mit seiner auseinander brechenden alten Ordnung und dem Entstehen einer – inzwischen auch heutiger Sicht – auch wieder vergangenen neuen gesellschaftlichen Struktur. Unbewusst spürt der Leser die Sehnsucht eines Australiers, mit den anderen Kontinenten in einem intensiveren Kontakt stehen zu können.

Im Gegensatz zu einer immer schneller und zeitloser sich fortbewegenden neuen Gesellschaft benötigt der Roman sehr lange, bis das Ausgangsszenario etabliert ist. Das liegt sicherlich an Williams Technik, den Schläfer langsam an die Gegenwart heranzuführen. Der Leser verfolgt diesen Lerneffekt sehr konsequent, ab einem bestimmten Moment funktioniert das Szenario nicht mehr. Die Polizei ist ihm gegenüber misstrauisch, seine ehemalige Geliebte von Gefühlen und Zweifeln zerrissen und die falschen Hinweise deuten zu schnell auf einen Manipulator in höherer Stellung hin. Die notwendige Kombination von Jonah und Marilyn als ungleiches Ermittlerteam mit leider allen Klischees dieses Krimisubgenres arbeitet ebenfalls gegen eine ansonsten gut nachvollziehbare Logik des Plots. Die Opfer ähneln ihr alle, Jonah bleibt trotz seiner drei Jahre in Stasis einer der Hauptverdächtigten. Sie werden als Zwei-Mann- Team ausgeschickt. Macht sich niemand Sorgen, dass die Kopie oder vielleicht doch das Original einen so komplexen und komplizierten Plot in Bewegung gesetzt hat, um sein ultimatives Opfer auf dem Silbertablett serviert zu bekommen?

Obwohl weder stilistisch noch inhaltlich auf der gleichen Stufe wie Alfred Besters „The Demolished Man“ bemüht sich Sean Williams in diesem sehr ambitionierten und über weite Strecken auch gut funktionierenden Thriller, eine in der Science Fiction inzwischen alt backende Idee nicht nur mit neuem Leben zu erfüllen, sondern in die komplexen Strukturen einer leicht futuristischen Gesellschaft und vor allem einem Kriminalroman zu integrieren. Trotz eines Umfanges von mehr als sechshundert Seiten, trotz einiger Längen insbesondere zu Beginn des Buches und trotz einiger eher schablonenhafter Charaktere in einem am Ausgangspunkt eher klischeehaften Szenario nimmt „Auferstehung“ spätestens am der Mitte des Buches deutlich an Fahrt auf. Der Leser beginnt zusammen mit Jonah zu spekulieren und nach den wenigen roten Fäden zu suchen, die auf den Täter hindeuten könnten. Die Schwierigkeit für Jonah – und damit auch den Leser – stellt die Frage dar, ob es sich um reale rote Fäden handelt oder einen falschen Hinweis auf der Kunstwelt der Virtual Reality.

Sean Williams: "Auferstehung"
Roman, Softcover
Heyne 2006

ISBN 3-4535-2197-8

Leserrezensionen

:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::