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Science Fiction (diverse)



Alastair Reynolds

Ewigkeit

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Auferstehung“ des Australiers Sean Williams und „Ewigkeit“ von Alastair Reynolds erscheinen im Heyne Verlag innerhalb eines Monats zwei Variationen des Genres Science Fiction Krimis. Während es in Williams Roman um einen perfiden Killer geht, der sich in einer technologisch in der Veränderung befindlichen Gesellschaft an sein eigentliches Opfer heranmordet, beschert uns Reynolds überraschend eine Hommage an die Film Noir Krimis mit einer klassischen Detektivfigur – Wendell Floyd –, einer jungen Frau Susan White – die unter geheimnisvollen Umständen von ihrem Balkon gefallen ist – und deren „Schwester“ Verity Auger, die aus den Vereinigten Staaten angereist ist, um die letzten Habseligkeiten zurückzuholen. Ohne zu viel zu verraten, entwickelt Reynolds den Hintergrund eines Paris der fünfziger Jahre, mit Floyd als ehemaligen Jazzmusiker, der aus seinem Heimatland Amerika nach Paris gekommen ist, um von der Musik zu leben und als selbstständiger, eher verarmter Detektiv mit seinem Partner Andre Custin zu enden.

Die Stärke in Reynolds zum Teil sehr umfangreichen Roman ist das etablieren von zwei autarken Handlungsstrengen, die für den Leser zu erst nicht erkennbar aufeinander zu laufen. Auch „Ewigkeit“ besteht zumindest zu Hälfte aus dieser literarischen Konstruktion. Der Leser ist wieder in Paris, eine unwirtliche, kalte Stadt im 23. Jahrhundert. Nanokriege haben die Erde verwüstet, es leben keine Menschen mehr auf ihrem Heimatplaneten und die Archäologin Verity Auger möchte in erster Linie die wenigen Artefakte eines Lebens vor dem Krieg vom Planeten holen. Bei dieser Mission wird ein Mitglied ihres Teams „getötet“. Dabei hat der Tod im eigentlichen Sinne dank einer kontinuierlichen Bewusstseinsaufzeichnung, dank der Nanotechnologie und der genetischen Manipulation an Schrecken verloren. Wer stirbt, wird geweckt. Während sie auf ein Urteil des Komitees wegen ihres falschen Verhaltens als Leiterin der Expedition wartet, werden ihr Karten eines Paris der fünfziger Jahre zugespielt. Fasziniert studiert sie diese und erkennt subtile Unterschiede zu der ihr aus der Geschichte bekannten Stadt. Schnell etabliert sich im des Lesers das Klischee der klassischen Zeitreise, Auger lebt in der Zukunft, Floyd in der Vergangenheit, sie reist zurück, trifft ihn und gemeinsam retten sie die Zukunft. Mit sichtlichen Vergnügen lockt Reynolds die Leser auf diese komplett falsche Spur, um dann in einem wahren Wirbel von Informationen ein gänzlich anderes Szenario zu entwickeln und konsequent mit einem fast nihilistischen Zug zum Ende zu bringen.

Genau wie er in seinen Romanen zwei Handlungsebenen bevorzugt, bestechen im vorliegenden Roman die beiden Geheimnisse: wer hat Susan White ermordet und warum wurde Verity Auger nach ihrer nicht erfolgreichen Parismission fast erpresst, einen waghalsigen Botengang zu übernehmen. Im Gegensatz zu seinen anderen, ebenfalls sehr umfangreichen Romanen lässt sich Reynolds Zeit, das Szenario zu entwickeln. Das er mit dem fünfzig Jahre alten, leicht veränderten Paris nicht nur eine interessante, authentische Vorlage zur Verfügung hat, sondern aus seiner Liebe für Thriller – insbesondere französische – heraus eine alternative „Casablanca“ Geschichte mit einem Mord in der Mitte geschrieben hat, gestört zu den Stärken des Buches. Nicht aufdringlich, sondern behutsam versucht er die einzelnen Fragmente zusammenzufügen, gibt Floyd ausreichend Raum für seine Ermittlungsarbeit und gleichzeitig eine Art kontinuierliche Selbstreflektion. ER ist kein zynischer hardboiled Detektive, einsam und verlassen. Im Grunde ist er mit seinem kärglichen, einfachen, aber abwechselungsreichen Leben zufrieden. Eine ehemalige Freundin möchte ihn zurück in die Staaten holen, eine Chance, sein bisheriges Leben umzustellen, doch die Treue zu seinem Partner und ein gewisses Phlegma halten ihn davon ab, das Angebot anzunehmen. Plötzlich wird aus dem Strom seines Lebens ein rasender Fluss. Ein scheinbarer Unfall/ Selbstmord entwickelt sich mehr und mehr zu einem lebensbedrohlichen Fall, eine entschlossene junge Frau mit einem Geheimnis tritt in sein Leben und diese wird ihm eine Welt zeigen, die er nicht für möglich hält. So sehr auch erzählerisch die Passagen in dem verträumten Paris überzeugen, so schwierig ist es für Reynolds, eine wirklich überzeugende Liebesgeschichte zu beschreiben. Einzeln funktionieren die Protagonisten wie Floyd oder Auger gut, leider nicht sehr gut. In den entscheidenden Augenblicken greift Reynolds wieder in die Klischeekiste, wirken die bislang dreidimensionalen Figuren unbeholfen, fast programmiert. Außerdem herrscht bis auf wenige Augenblicke keine echte Chemie zwischen dem Detektiv – dazu fehlen ihm die machohaften Züge – und der Wissenschaftlerin aus einer anderen Welt. Wie bei seinen anderen Büchern liegen die Außerirdischen, die wirklich fremden Wesen dem Autor besser und können überzeugender erfunden werden.

Die zweite Schwierigkeit des Romans zieht sich ebenfalls wie ein roter Faden durch Reynolds Gesamtwerk. Das Buch ist fast achthundert Paperbackseiten dick und trotzdem funktioniert insbesondere die Struktur des Romans nur auf den ersten fünfhundert Seiten. „Ewigkeit“ ist nicht schlecht geschrieben, der Roman ist keinesfalls langweilig, aber die Struktur als Ganzes wirkt uneinheitlich. Nach der Exposition – die ersten drei Kapitel – bemüht sich Reynolds zu sehr, insbesondere auf der futuristischen Handlungsebene alles zu erklären – bis auf den Kern der Mission – und nimmt dem Leser die Chance, den eigentlichen, überraschenden Plot für sich selbst zu erkennen. Im Mittelteil des Buches versanden auf der einen Seite die Ermittlungen, da Floyd die intergalaktischen Zusammenhänge nicht kennen kann, Auger versucht ihm zum Wohle ihrer eigenen Mission zu helfen, aber es fehlt der Knall, mit dem die beiden inzwischen zusammengelaufenen Ebenen endgültig in eine Richtung gehen. Als Floyd schließlich seine Welt verlassen muss, um Auger in ihrer zumindest moralischen Beistand und eine gewisse Bauernschläue zu geben, bricht die Handlungsstruktur zusammen, der Spannungsbogen kommt zum Stillstand und muss eher mühselig bis zur obligatorischen Jagd auf den letzten Seite wieder aufgebaut werden. Da Actionsequenzen Reynolds neben bizarren Gebilden im All und einer eher erschreckenden, aber morbiden Zukunftsvision zu seinen Stärken gehören, kann er das Buch in letzter Sekunde abfangen und zu einem befriedigenden Ende führen. Auch wenn es paranoid klingt, diesem Roman hätten entweder zweihundert Seite Zukunft weniger oder vierhundert Seiten Mystery mehr gut getan. Rückblickend hat der Leser das Gefühl, Reynolds musste mit einer Seitenbeschränkung arbeiten und hat diese Vorgabe zu lange ignoriert.

Trotzdem gelingt es Reynolds am Ende seines Buches, nicht nur alle Fragen befriedigend zu beantworten, sondern mit den Antworten neue Fragen zu erschaffen, die ein kosmopolitisch sehr weitreichendes Bild zeigen. Der Leser schließt die Lektüre dieses Buches nicht unbefriedigt ab. Im Gegensatz zu einer Reihe anderer Autoren schreibt Reynolds keine Fortsetzungsserien. Fragen, die nicht beantwortet werden, müssen nicht in diesem Buch behandelt werden, sie gehören zu seinem kontinuierlichen Schöpfungsprozess und werden in anderer Form in einem anderen Buch und vielleicht einer gänzlich anderen Zukunft wieder aufgenommen.

Die Stärke „Ewigkeits“ liegt aber in seinem originellen Grundplot. Ohne zu viel zu verraten, steht hinter Floyds Existenz eine höhere Macht – das klassische Motiv in Reynolds Büchern, Menschen begegnen etwas, was sie nicht verstehen können und versuchen verzweifelt, diese höhere Wissensebene auch unter persönlichen Opfern zu erreichen -, deren Motive und vor allem Ziele für die zukünftigen Menschen in einem schrecklichen Krieg gegen fremde Wesen nicht erkennbar sind. Floyds Paris der fünfziger Jahre ist nicht die Vergangenheit der Erde, sondern eine Art Parallelwelt, in der ein Zweiter Weltkrieg in seiner schrecklichen Form nicht stattgefunden hat. Dank der gescheiterten Ardennenoffensive musste das Dritte Reich seinen Machtanspruch nach außen beenden und zerfiel in einem inneren Kleinkrieg. Dieses Szenario steht in einem starken, sehr guten Kontrast zu der dunklen Zukunft, in der die Menschheit nicht nur ihren Ursprungsplaneten verwüstet hat, sondern in einem stetigen, schier endlosen Konflikt mit Fremden sich befindet. Dieser wird auf der galaktischen Bühne vor und hinter den Kulissen ausgefochten und plötzlich steht Floyds Welt mitten im Kampfgeschehen und wird von einer mächtigen Waffe bedroht. Dabei fehlt dieser Zukunft der gotische Anklang seiner ersten Romane. Trotz einer übermächtigen Technik, interessanter Entwicklungen in den Bereichen Nanotechnologie und künstlichen Intelligenzen drückt Reynolds seine Charaktere nicht zu sehr in die Ecke. Sein Roman besteht fast ausschließlich aus von Menschen entwickelter Technik im Vergleich zu den gewaltigen außerirdischen Raumschiffen und Artefakte seiner ersten Romane. Dadurch kann sich der Leser leichter auf den in verschiedene Subplots unterteilten Handlungsbogen konzentrieren und wird von der allerdings seine ersten Romane prägenden dunklen nihilistischen Atmosphäre nicht so sehr abgelenkt, aber auch nicht gefangen.

Im Vergleich zu seinen bisherigen Romanen ist „Ewigkeit“ sehr gute Unterhaltung auf einem hohen Niveau trotz einiger kleiner Schwächen. Diese zeigen sich im vorliegenden Buch deutlicher, da der Autor versucht hat, aus seinem bisherigen Subgenre auszubrechen und mit neuen Möglichkeiten zu experimentieren. Dieser Versuch der Weiterentwicklung sei ihm nicht nur gestattet, sondern sollte konsequent weitergegangen werden. Wie andere britische Autoren – siehe Stephen Baxter – wird sich wahrscheinlich erst mit seinen nächsten Büchern zeigen, ob sich Reynolds in der Spitzengruppe endgültig als innovativer – das ist er schon – und guter Erzähler – das muss er noch werden, aber über die Hälfte des Weges ist geschafft – etablieren kann. Dazu gehört auch ein ständiges Testen der eigenen Grenzen. „Ewigkeit“ ist ein solcher Test.

Alastair Reynolds: "Ewigkeit"
Roman, Softcover, 798 Seiten
Heyne 2006

ISBN 3-4535-2175-7

Weitere Bücher von Alastair Reynolds:
 - Aurora
 - Chasm City
 - Die Arche
 - Offenbarung
 - Unendlichkeit
Weitere Links zu diesem Thema:
 - Alastair Reynolds: Biographie

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