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Science Fiction (diverse)



Greg Bear

Das Darwin Virus

rezensiert von Thomas Harbach

Nach einer Reihe von ideenreichen Space Operas schwenkt Greg Bear mit seinen neuen Romanen mehr zu modernen medizinischen Thrillern in der Michael Crichton Tradition mit Elementen von Robin Cooks melodramatischen Ärztegeschichten um. Im Gegensatz zu Cook und im Gleichschritt mit Michael Crichton verfügt Bear über eine fundierte wissenschaftliche Vor- und Ausbildung. Außerdem hat er den Mut, unangenehm realistische Thriller zu schreiben und nicht unbedingt auf die Bestsellerlisten zu schauen. Das er mit seinem neusten Buch das Angenehme – die Bestsellerliste – mit dem Notwendigen – ein gutes Buch – verbinden kann, erhöht das Lesevergnügen.

Im Mittelpunkt steht mit der intelligenten, aber nicht unbedingt auf ihrem Forschungsgebiet akzeptierten Kayne Lang eine dreidimensional entwickelte Persönlichkeit und erfolgreiche Frau mit allen Ecken und Kanten. Durch Zufall wird sie auf einen bislang unbekannten Virus aufmerksam, der im Mutterleib Mutationen und schließlich auf den ersten Blick Fehlgeburten hervorruft. Nach den ersten Untersuchungen schließt sie auf ein Retrovirus, das an die menschliche DANN gebunden ist und ohne von außen erkennbare Ursachen diese körperlichen Reaktionen aktiviert. Zusätzlich scheint es bei den Frauen zu einer zweiten spontanen Schwangerschaft zu kommen, die wieder in den gleichen schrecklichen Konsequenzen mündet.
Diese virunale Mutation mit den furchtbaren Folgen fĂĽr die werdenden MĂĽtter beschreibt Bear unangenehm realistisch, ohne auf billige Effekte zu spekulieren.

Zusammen mit dem zwielichtigen Virenjäger Christopher Dicken – anfänglich ein bisschen steif und klischeehaft von Greg Bear in Szene gesetzt – untersucht sie Zusammenhänge mit früheren Epidemien. Dabei verbindet er die stalinistische Schreckensherrschaft und den georgischen Bürgerkrieg mit seinen Theorien und zeichnet eine noch viel bedrohlichere Vision einer sich ausrottenden Menschheit.
In einer Parallelhandlung lässt der Autor Mitch Rafelson, einen Anthropologen, der von der wissenschaftlichen Gesellschaft aufgrund eines Diebstahls ausgeschlossen worden ist, Beweise in einer Höhle in den Schweizer Bergen finden, die Kaynes Thesen unterstützen könnten. Eher durch Zufall in diese Situation gebracht, weiß sich Rafelson nach anfänglichen Schwierigkeiten seiner Haut zu wehren. Damit wird das Klischee vom lebensuntüchtigen Wissenschaftler, der eher durch Zufall als mit Intelligenz sich seiner veränderten Umwelt stellt, gleich zu Beginn auf den Kopf gestellt. Viele der sich anschließenden Szenen wirken dadurch realistischer und nachvollziehbarer.

Die Erkenntnisse der beiden Wissenschaftler könnten die bislang bekannte Evolutionstheorie auf den Kopf stellen. Die ungleichen Kayne und Rafelson werden gezwungen, gegen ihre Vorgesetzten zu opponieren, eine Regierungsverschwörung aufzudecken und schließlich sogar die menschliche Rasse vor der Selbstzerstörung zu retten.

Die stärksten Kapitel des Romans beinhalten Beschreibungen von Kaynes Forschung und schließlich ihren daraus folgenden Theorien. Das beginnt mit den bewusst düster gehaltenen Szenen, die in Georgien spielen. Das Massengrab, die Obduktion der Leichen und die verschiedenen sich gegenseitig misstrauenden politischen Gruppen. Dabei verbindet Bear aktuelle Forschungsergebnisse mit messerscharf formulierten und in ihren Ergebnissen beunruhigenden Prognosen zu einem packenden Gemisch aus Dichtung und Wahrheit. Leider gibt er diesen Handlungsbogen in der Mitte des Romans komplett auf und verzettelt sich in einer politischen Verschwörung. Das wäre in einem scharfen Kontrast zu den oft sehr Dialog lastigen Eröffnungssequenzen keine falsche schriftstellerischer Entscheidung, um das Gesamtbild zu beleben. Doch wenn ein Autor genötigt wird, auf genretypische Klischees wie eine Autoverfolgungsjagd mit FBI Agenten zurückzugreifen, negiert er die bis dahin aufgebaute Spannung. Auf Ende des Romans entwickelt Bear seine Theorien in eine Richtung fort, die weder der eigentlichen Intention seiner Figuren entsprechen noch ohne Probleme vom Leser weiterverfolgt werden können. Zu sehr entfernt er sich von einer realistischen Basis und etabliert eine neue Spezies erst heimlich und dann immer deutlicher in der menschlichen Gesellschaft. Diese erinnert mehr an die Kinder aus Wyndhams Klassiker „Das Dorf der Verdammten“ als an eine eigenständige Idee. Bear fehlt der Mut oder die Idee, die Geschichte zu einem vernünftigen Ende zu führen. Zu sehr blickt er auf die obligatorische und inzwischen auch angekündigte Fortsetzung. Mit dem gleichen Problem musste sich Stephen Baxter in seinem letzten Roman „Der Orden“ auseinandersetzen. Wie Bear ist Baxter in einer unwahrscheinliche Richtung geflohen und hat seine letzten Kapitel in ferner Zukunft spielen lassen. In beiden Fällen wäre es sinnvoller gewesen, auf die Phantasie seiner Leser zu vertrauen und den Text auslaufen zu lassen. Auch drängt die nächste hier beschriebene Generation unnötigerweise die vertrauten und in vielen Kleinigkeiten sehr sympathischen Protagonisten in den Hintergrund. Dadurch wird der Zugang zu den Kindern versperrt und diese erscheinen in einem verzerrten Licht.

Auch wenn diese Schwächen im zweiten Teil des Romans das Lesevergnügen deutlich einschränken, ist „Das Darwin Virus“ eine interessante intellektuell stimulierende Lektüre. An entscheidenden Stellen kann der Autor noch rechtzeitig die Notbremse ziehen und unterliegt nicht der Versuchung, einen gängigen Thriller anstelle eines wissenschaftlichen fundierten Entwicklungsroman zu schreiben. Bear behandelt die Themen Epidemiologie, genetische Mutationen und schließlich unmittelbare Evolution in einer leicht verständlichen und doch spannenden Art und Weise. Für die Thrillerfans kommen eine Reihe von Verschwörungstheorien und schließlich oberflächlich und fast lustlos geschriebene Actionszenen hinzu. Zusammen mit dem leicht zu lesenden, aber niemals simplen Stil Bears unterhält der Roman auf gehobenem Niveau sehr gut. Seine interessante und in der Gegenwart in den Hintergrund getretene These ist, dass die auch die menschliche Evolution niemals ganz zu Ende ist und es besser scheint, sich diesen zukünftigen Herausforderungen beizeiten zu stellen anstatt Ignoranz zu predigen und zu üben sowie aggressiv seinen Status Quo zu verteidigen, wenn die herausfordernden Aufgaben sich abzeichnen. Mit Kayne und Rafelson stellvertretend für Adam und Eva mit wissenschaftlichen Vorkenntnissen hat der Autor interessante Charaktere geschaffen, deren Handlungen der Leser sehr gut folgen und deren Motivation er nachvollziehen kann. Verständnis und Toleranz sind die Grundlagen für zukünftig immer schneller notwendiger werdende Integrationsprozesse. Dieses Thema lässt sich auf fast alle gesellschaftlichen Strömungen übertragen und diese müssen nicht von einem Evolutionsprozess überlagert werden. Dadurch gewinnt sein Roman eine ungewohnte, aber beabsichtigte Aktualität. Wie geht Mensch mit anderen Menschen um? Ist die politische Weiterentwicklung nicht einem Evolutionsprozess vergleichbar? Wer sich anpasst, wird vom Leben bestraft und stirbt aus. Hier regelt die Natur nicht alles von Anbeginn, sondern sortiert emotionslos aus und erschafft neu. Eine beklemmende Vision brutaler Ehrlichkeit und gleichzeitig die Chance, mit dem Neubeginn die Fehler der Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren, die ihre Integrität für bessere Verkaufszahlen geopfert haben, überrascht Greg Bear hier mit einer wissenschaftlich fundierten Apokalypse Geschichte. Sie ist geradlinig und schlüssig erzählt und spannend inszeniert.

Greg Bear: "Das Darwin Virus"
Roman, Softcover
Heyne 2005

ISBN 3-4535-2058-0

Weitere Bücher von Greg Bear:
 - Das Schiff
 - Die Darwin-Kinder
 - Die Stadt am Ende der Zeit
 - Quantico
 - Stimmen

Leserrezensionen

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