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Science Fiction (diverse)



Alastair Reynolds

Offenbarung

rezensiert von Thomas Harbach

„Offenbarung“ ist der Abschluss und soll nach Vorstellung des Autors der Höhepunkt seiner ersten Trilogie sein. Auch wenn Novellen wie „Diamond Dogs“ oder isolierte Romane wie „Chasm City“ im gleichen Universum spielen und sich zum Teil die vielschichtigen Charaktere teilen, stellen „Die Arche“, „Unendlichkeit“ und schließlich „Offenbarung“ Reynolds bisheriges Hauptwerk dar. Wie zumindest aus den Titeln des zweiten und dritten Bandes ablesbar, setzt sich der Autor in seiner auf den ersten Blick klassischen Space Opera nicht nur mit einer technologisch fortgeschrittenen, aber innerlich immer noch auf dem Niveau von Wilden lebenden Menschheit auseinander, er setzt sich mit der Stellung des Menschen im Universum unter Einbeziehung einer von ihm selbst konzipierten Kosmologie auseinander. Für Reynolds Charaktere stellt dessen Universum eine kontinuierliche Herausforderung dar. In den bisherigen Romanen konnten das genetisch veränderte Schwein Scorpio oder die künstlich verstärkten Menschen das Aufblühen und die Zerstörung ganzer Zivilisationen und Sonnensysteme beobachten. Das liegt nicht zuletzt an der konsequenten Ausrichtung seines Universums auf langsamere als das Licht Fortbewegungsmethoden. Trotz aller religiösen Bezüge finden sich keine übergeordneten natürlichen Wesenheiten. Der Höhepunkt der Evolution ist die künstliche Intelligenz, inzwischen der tödliche Feind der expansiven Menschheit.

Auf der einen Handlungsebene finden Scorpio und Calvin keine Ruhe. Die Welt Ararat, auf der sie sich versteckt haben, wird angegriffen. Durch einen Zufall findet sich Khouri mit ihrer Tochter auf der gleichen Welt wieder. Ihre Tochter wurde noch im Mutterleib genetisch verändert und könnte Antworten auf die Bedrohung durch die künstliche Intelligenz in ihrem Inneren verankert haben. Auf Hela beobachtet eine extreme fundamentalistische Sekte ein seltsames Phänomen: das unerklärliche Verschwinden eines Planeten und seine Wiederauferstehung als Zeichen für die bevorstehende Apokalypse. Außerdem sucht auf diesem Planeten eine junge Frau nach ihrem verschwunden Bruder. Bei ihrer Quest stellt sie nicht nur ihre bisherige Weltanschauung in Frage, sondern sucht Antworten auf viele bislang ungestellte Fragen.

Wie eine Reihe seiner anderen Romane zeichnet „Offenbarung“ sich durch zwei sehr geradlinige Spannungsbögen aus. Über weite Strecken laufen diese parallel zueinander, bevor der Autor in diesem Fall nicht nur die beiden Handlungsebenen, sondern seine Trilogie konsequent einem befriedigenden Ende zuführt. Die Intention seiner Charaktere ist auf den ersten Blick unterschiedlich. Während Scorpio und Calvin nur auf Veränderungen reagieren können, ist das Geschehen auf Hela deutlich aktiver und von innerer Motivation bestimmt.

Die Faszination dieses Buches basiert auf der Nutzung eines der vielschichtigsten und kompliziert konzipierten Universen der neueren Science Fiction Geschichte. Obwohl er sich scheut, die Relativitätstheorie zu verletzen, bringt Reynolds seine Charaktere und damit den Leser in Kontakt mit einer Reihe von astronomischen Einzigartigkeiten. Wichtig ist es dem Autor, nicht nur seinen einzelnen Figuren einen möglichst vielschichtigen und unterschiedlichen Hintergrund zu geben, sondern auch den Hintergrund seines Universums abzurunden. Dabei baut er kontinuierlich sein Universum aus. Leser der ersten Bücher werden genauso wie Neueinsteiger sehr viele neue Details entdecken können. Im Gleichschritt erfolgt ein innerer Reifeprozess einher. Aus ihren Erlebnissen und Misserfolgen ziehen insbesondere Scorpio und Calvin ihre eigenen Schlüsse und entwickeln sich fortlaufend in ihrem Wesen und ihren Handlungen weiter.


Überraschend offen sucht Reynolds das Ende seiner bisherigen Serie. Er hätte das Konzept – die einzelnen Charaktere versuchen der Maschinenintelligenz auf ihrer Flucht durch die Universen immer eine Waffenlänge voraus zu sein – in folgenden Romanen weiter ausbauen können. Das ihm der Stoff nicht ausgeht, beweist er mit einer Reihe von sehr unterschiedlichen, aber fremdartigen Welten. Im Gegensatz zu epochalen Werken wie „Dune“ – die einzige überzeugende Schöpfung ist im gesamten Universum Frank Herberts ist und bleibt „Arrakis“ - gelingt es Reynolds, das Eindringen des Menschen in diese fremden Hemisphären überzeugend und ernsthaft zu beschreiben. Dabei wirken seine Konzepte unabdingbar mit den jeweiligen Lebensabschnitten ihrer Bewohner verwoben. Nicht umsonst präsentiert er im letzten Roman seiner Serie eine Welt, auf der riesige, mobile Städte die Landschaft prägen. Sie werden Kathedralen genannt. Voller Anspielungen auf Charles Dickens mit weniger Bezügen auf die barocken Space Operas seiner Mitstreiter, sondern auf die gotischen Gruselgeschichten aus einem vorangegangenen Jahrhundert. Dabei werden diese Furcht einflössenden Städte in erster Linie von der Wucht einer fundamentalistisch orientierten Religion – also dem menschlichen Willen – auf Kurs gehalten. Wie in China Mievilles ersten Roman gelingt Reynolds eine überzeugende Kombination menschlicher Stärken mit architektonischen Strukturen. Über all in seinem Kosmos ist das Leben eine Mischung unterschiedlichster Elemente. Im Laufe der Jahrtausende sind viele sehr unterschiedliche Grenzen überwunden worden. Dabei ist der Mensch als Mittelpunkt des Geschehens verdrängt worden. Schon längst formt er nicht mehr die Welten, die er betritt. In einigen der unzähligen Episoden drängt sich der Eindruck auf, dass die Menschheit auf den Status eines Parasiten zurückgedrängt worden ist. Infektionen und Krankheiten, die Veränderung der Genstruktur spielen eine wichtige Rolle. Oft überträgt er nahtlos die sich im Inneren seiner Figuren abspielenden krankhaften Vorgänge auf die Expansion der Menschheit im All. Nicht umsonst wirken seine Welten an ihrer Oberfläche wie krankhafte Erscheinungen eines angegriffenen Geistes. Als Wissenschaftler kann er den „Einsatz“ von Mikroorganismen sehr gut dozieren und er verzichtet auf apokalyptische Bedrohungen. An vielen Stellen setzt die Phantasie seiner Leser die einzelnen Bruchstücke zu einem einzigartigen Mosaik einer fremden Landschaft zusammen.

Im Gegensatz zu anderen Autoren bemüht er sich trotz einer soliden wissenschaftlichen Basis um einen Low- Tech Ansatz. Er verzichtet auf jegliche Überlichttechnologie und gibt dem All seine unendlichen Weiten zurück. Er beschreibt die Flüge zwischen den Welten wie Reisen auf einem Segelschiff vor Jahrhunderten. Jede Fahrt ist ein Abenteuer. Es ist fraglich, ob und in welchen Zustand seine Schiffe ihre oft imaginären Ziele erreichen. An den wenigen Stellen, an denen es wirklich notwendig ist, eine fremdartige Technik zu beschreiben, bemüht sich Reynolds, allgemeine Bilder zu formulieren und die Leser auf keinen Fall mit einer Datenflut zu erschlagen. Es ist faszinierend, wie er einfache Ideen verfremdet. Dazwischen webt als eine Art Mythos das Erbe einer längst untergegangenen Zivilisation. Erinnerte Reynolds erster Roman „Die Arche“ mit seinen surrealistischen Bildern entfernt an eine futuristisch überzeichnete Version des John Carpenter Films „Dark Star“ mit Elementen des Cyberpunks und des Golden Age als Beilagen, so sucht er spätestens mit diesem Roman seine eigene Stimme. Im Bereich der Science Fiction ist in den letzten Jahren kein Roman mehr erschienen, der so offensichtlich religiöse Symbole und Mysterien zu einer explosiven, dynamischen Einheit verbindet. Dabei greift er auf literarische Quellen – insbesondere Fans von H.P. Lovecraft werden überrascht sein, wie viele Ideen der Alten sich insbesondere in diesem Roman wieder finden – und wissenschaftliche Forschung zurück. Als ehemaliger ESA Wissenschaftler kann er über Hard Science sprechen und schreiben, als Hobbytheologe versuchen, eine neue Religion zu etablieren. In diesem Hexenkessel hat er eine Reihe von unterschiedlichen Charakteren im wahrsten Sinne des Wortes ausgesetzt. Ihren Überlebenskampf und ihren Selbstfindungsprozess beschreibt Reynolds in seinem Roman. Seine Figuren gehen durch einen individuellen Evolutionsprozess. Einige entwickeln sich weiter, nicht wenige scheitern. Entweder an den äußeren Umständen oder an ihrer Unfähigkeit, sich der sich stets wandelnden Umgebung mit ihren neuen Herausforderungen anzupassen. Auf einer fast esoterischen Ebene beschreibt Reynolds auf dem Stand heutiger Forschung kosmische Ereignisse und Wunder. Diese passt er allerdings in eine gotische Atmosphäre ein und führt konsequent die Tradition klassischer Gruselgeschichten in einem anderen Gewand fort. Mit diesem literarischen Trick verbindet er intelligent eine oder besser zwei bodenständige geradlinige Geschichten mit einer fremdartigen Vision einer nicht unbedingt lebenswerten fernen Zukunft.

Im Gegensatz zu einigen anderen Science Fiction Autoren scheut sich Reynolds nicht, stilistisch anspruchsvoll großartige Gedankenmodelle aufzubauen und vor allem mit realistischem Leben zu füllen. Der Leser hat unwillkürlich das Gefühl, an einem bestehenden Leben teilzunehmen – mit der entsprechenden Vorgeschichte, der gegenwärtigen Handlung und einer unsicheren Zukunft. Auf der anderen Seite stellen seine Romane eine intellektuelle Herausforderung dar: man muss sich darüber im Klaren sein, dass es in seinen Büchern keine einfachen Antworten geben kann und geben darf. Oft werden Fragen mit weiteren Fragen oder mysteriösen Anspielungen beantwortet. Trotz des wissenschaftlichen Hintergrunds seiner Romane ist Reynolds in erster Linie ein natürlicher Geschichtenerzähler. Seine Texte hinterlassen einen fließenden, wenn auch auf den ersten Blick unnatürlich komplizierten als komplexen Eindruck. Im Gegensatz zu seinen sehr empfehlenswerten Novellen hätte „Offenbarung“ kompakter überzeugender gewirkt. Oft verliebt sich Reynolds in seine eigene Vision und vernachlässigt seine Handlungsbögen. Darunter leidet der Gesamteindruck des Romans.

Alastair Reynolds: "Offenbarung"
Roman, Softcover
Heyne 2005

ISBN 3-4535-2055-6

Weitere Bücher von Alastair Reynolds:
 - Aurora
 - Chasm City
 - Die Arche
 - Ewigkeit
 - Unendlichkeit
Weitere Links zu diesem Thema:
 - Alastair Reynolds: Biographie

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