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Science Fiction (diverse)



Christian von Ditfurth

Das Luxemburg-Komplott

rezensiert von Thomas Harbach

Der Historiker Christian von Ditfurth hat sich in den letzten Jahren als Autor etabliert. Alle zwei Jahre erscheint ein Krimi um den Dozenten Stachelmann. Aber auch hier geht es um Geschichte. Im ersten Roman spürt Stachelmann die Nachwirkungen der Judenenteignungen, im zweiten Band geht es um die Fluchthelferbewegung der ehemaligen DDR. Dazwischen veröffentlicht er geschichtliche Spielereien, angefangen von der spiegelverkehrten Widervereinigungsgeschichte „Die Mauer steht am Rhein“ über das gelungene Attentat auf Hitler und dessen Auswirkungen am „21.Juli“ und der Ermordung Hitlers 1932 vor der Machtergreifung und deren Hintermänner in „Der Consul“.

Mit seinem neuen Roman „Das Luxenburg-Komplott“ geht er zum ersten Mal literarisch in die Zeit der entstehenden Weimarer Republik zurück. In dem Versailler Vertrag und der Knebelung sieht von Ditfurth auch die Wurzeln für das spätere Dritte Reich. Außerdem hat er sich schon in seinem Studium intensiv mit der Gründung der kommunistischen Partei und Rosa Luxemburgs Schriften beschäftigt.


Der 15. Januar 1919 – an diesem Tag setzt die Handlung ein. Rosa Luxemburg wird von Soldaten der Garde-Kavallerie-Schützen-Division ermordet und ihre Leiche in den Landwehrkanal geworfen. Von diesem Punkt an beginnt Christian von Ditfurths alternative Spielerei mit der Geschichte in. Dabei geht es weniger um die Täter oder das Schicksal der Opfer, sondern wie in seinen bisherigen drei Alternativweltgeschichten „Die Mauer steht am Rhein“, „Der 21.Juli“ und „Der Consul“ um grundlegende Fragen. Trägt der Kommunismus sein Krebsgeschwür, was schließlich zum „Tod“/Zusammenbruch führte, schon seit seiner Geburt in den wirren chaotischen Tagen der russischen Revolution und der deutschen Arbeiterbewegungen in seinen Adern? Hätte die von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg angeführte Bewegung Ende des Ersten Weltkriegs eine reelle Überlebenschance? Oder hätte ein deutscher kommunistischer Staat nur unter der Führung der Sowjetunion und dem sanften Druck des großen Bruders entstehen können? Wer waren die eigentlichen Machthaber in der Nachkaiserzeit? Wo ist der große Unterschied zwischen einem politischen Manifest und der realen Umsetzung der Theorie zu einem funktionierenden Staatengebilde?

Von Ditfurth wirft einige dieser Fragen in den Ring, scheut sich aber auch, auf alle eine Antwort zu geben bzw. zu suchen. Das entwertet gegen Ende des politischen Handlungsbogens seine Vision. Von Ditfurth macht es sich zu einfach, eine weitere Machtquelle hinter der politischen Macht zu etablieren. Trotzdem trägt seine hier vorgetragene Theorie politischen Sprengstoff. Eine ähnliche Idee hat er in „Der Consul“ formuliert.

So unterteilt sich von Ditfurths neuer Roman in zwei fast gleichberechtigte, aber qualitativ ungleiche Teile. Das historische Geschehen mit einer Mischung aus realen und einem herausragenden fiktiven Charakteren und der eigentliche Romanteil. Auf den Handlungsbogen sollte gesondert eingegangen werden, zu sehr unterscheidet sich der Historiker von Ditfurth vom Schriftsteller von Ditfurth. Beide sprechen unterschiedliche Kreise an. Vergleicht man die bisherigen Werke auch unter Einbeziehung der beiden Stachelmannkrimis, so fällt auf, dass im „Luxemburg Komplott“ der historische Hintergrund im Mittelpunkt steht. Nicht umsonst hat sich der Autor Zeit seiner Jugend mit den Linken und der Person Rosa Luxemburg auseinandergesetzt. Er vertritt die Ansicht, dass Rose Luxemburg auf längere Sicht in einer an die Thesen der sowjetischen Partei angelehnten kommunistischen Regierung nicht zu halten gewesen wäre. Der Weg zurück zur SPD wäre ihr auch versperrt gewesen- so bleibt das harte Urteil, dass der Mythos Rosa Luxemburg durch ihren Tod gesät worden ist. Die Geschichte urteilt über Lenins grausame Taten und nicht seine politischen Ziele. So taucht dieser charismatische Führer nur am Rande des Romans auf und bleibt in den Wirren der sozialistischen Revolution Deutschlands stetig präsent. Viele historische Persönlichkeiten tragen Lenins Fahne nicht uneigennützig.

Zu dem Kreis komplex entwickelter, historischer Persönlichkeiten gehören Karl Liebknecht, genau wie Rosa Luxemburg nicht in der Lage, sein Manifest umzusetzen und deswegen ein Schattenheld, der nie mit der Realität konfrontiert worden ist. Der sowjetische Hardliner Ernst Reuter, der wahrscheinlich mehr über die wahren Zustände der Sowjetunion und die Sonnenseiten des Politbüros wusste als alle anderen, dazu die zweifelnden SPD Politiker und die Reste einer besiegten Armee. Im Hintergrund die ehemaligen Generäle Hinderburg und Papbst. Eine solche Fülle authentischer Charaktere gab es noch in keinem seiner Romane und spätestens nach der Lektüre der Lebensläufe im Anhang des Buches gewinnt das Buch an morbide Faszination. Der Leser stellt sich unwillkürlich die Frage, ob alle Protagonisten genauso gehandelt hätten, wenn sie ihr eigenes, oft blutiges Schicksal erahnen könnten.

Aber der Autor verlässt sich nicht nur auf lebende Vorbilder, die treibende Kraft einer solchen Fiktion sollte selbst eine Erfindung sein. Nur so gewinnt von Ditfurth die schriftstellerische Freiheit, Realität und Spekulation in einem zusammenhängenden Roman zu verbinden.
Zwischen allen Fronten steht ein Spion wider Willen, der junge Zacharias, deutscher Kriegsgefangener, zum Tschka- Agenten gedrillt, der mit brutaler Gewalt das neue kommunistische Regime den feigen Bauern einbläut und der neue Leibwächter Rosa Luxemburgs. Nach dem gescheiterten Attentat schicken die Russen ihn nach Berlin zurück, in der Hoffnung, die Luxemburg nicht nur zu schützen, sondern zu kontrollieren. Und sollte das nicht funktionieren, schließlich selbst zu töten.

Sein fiktiver Charakter Zacharias ist dabei eine interessante Zwitterpersönlichkeit. Auf der einen Seite Opportunist, dem die Partei eine goldene Zukunft verspricht, auf der anderen Seite ein aktives Opfer des leninistischen Terrors. Er hat in Russland wehrlose Bauern erschossen, um ihnen das Getreide für die hungernde Bevölkerung zu stehlen, er hat die Funktionäre gesehen, die bei Wein, Weib und Gesang das hohe Lied auf die Gleichberechtigung gesungen haben, während draußen vor den Türen der Paläste die Menschen auf den Straßen verhungern und letzt endlich hat er zwei Parlamentäre hinterrücks erschossen, um Rosa Luxemburgs Aufenthaltsort geheim zuhalten. Die stellt ihm entsetzt die Frage, worin sich die Revolutionäre noch von den anderen anarchistischen und radikalen Kräften im zerstrittenen Deutschland unterscheiden? Ob das Ziel den Weg noch wert ist. Vergleicht man die einzelnen Figuren in von Ditfurths inzwischen drei historischen Spielereien – Werdin, den ehemaligen SS-Offizier aus „Der 21.Juli“ und den Inspektor Soetting als Ich-Erzähler in „Der Consul“ und schließlich Zacharias – so wirkt Letzterer am aktivsten. Werdin erfüllt einen Auftrag, den er von vorneherein als Himmelfahrtskommando entlarvt, Soetting wird durch die Ermordung Hitlers und seinen Drang, das Verbrechen gegen die öffentliche Meinung und den öffentlichen Druck aufzuklären, zum Märtyrer und Zacharias ist von seiner Mission trotz der widrigen Umstände bis kurz vor dem Ende der Revolution und dem beginnenden Druck Moskaus auf nicht Linientreue überzeugt. Er sucht im ideologisch zerstörten Deutschland ohne Kaiser und mit einer labilen Demokratie nach einer Zukunft für die einfachen Menschen. Seine Familie ist tot oder liebt im Sterben, es gibt keine Arbeit und schnell erkennt er, dass ohne vernünftige politische Führung ein Deutschland der Arbeiter nicht möglich ist. In diesem Chaos rettet ihm kurioserweise ausgerechnet seine Kriegserfahrung mehrmals das Leben. Einer der vielen kleinen Widersprüche, die von Ditfurth als Historiker prädestiniert in seinem ansonsten sehr geradlinigen Roman integriert. Ihm gelingt es sehr gut, ein Portrait dieser unübersichtlichen Zeit zu malen und dabei durchaus auf klassische schwarzweiße Malerei zu verzichten. Im Gegenteil, obwohl er die Lehren Luxemburgs studiert hat, trennt er von ihren theoretischen Schriften und extrapoliert ihre politische Realität und Tragfähigkeit. Dabei kommt er zu einem überraschenden Ergebnis. In dieser Spekulation liegt die Stärke des Romans. Genau wie in „Der Consul“ geht es dem Autoren um historische Spielereien, aber der Hintergrund muss nicht nur stimmig, die historischen Figuren überzeugend und eine Geschichte spannend sein. Nur dreht er scheinbar den Spieß um. „Der Consul“ zeigt auf, wie wenig sich in Deutschland nach Hitlers Ermordung im Jahre 1932 politisch wirklich verändert hätte und wie sicher die Drahtzieher der Machtergreifung in Schlüsselpositionen gesessen hatten. Zu diesem Zeitpunkt hätte das System noch funktioniert. Zwölf Jahre später – am „21.Juli“ 1944 – zeigt er auf, dass Deutschland sich zumindest äußerlich bei einem gelungenen Attentat verändert hätte und die Nachfolger auf Hitler als Person verzichten konnten. Im Grunde variiert von Ditfurth sein Thema aus „Der Consul“ und kommt zum gleichen Ergebnis. Extrempolitische und wahrscheinlich auch organisierte diktatorische Systeme wählen sich gerne charismatische Führerfiguren. Schlägt man aber der Schlange den Kopf ab, stirbt der Körper noch lange nicht. In „Das Luxemburg-Komplott“ entwickelt von Ditfurth ein fiktives, aber ungemein realistisches Portrait einer politischen Möglichkeit. Keine blühenden Wiesen, keine Gleichberechtigung, sondern nur eine andere Art von proletarischer Diktatur. Das der Vertreter Russlands im Adlon haust, echten Kaffe und echten Vodka trinkt, während das russische Volk hungert, ist einer dieser Widersprüche, die der Autor sachlich distanziert aufzeigt, aber nur durch Zacharias kommentieren lässt.

Zynisch dagegen die Auflösung des Komplotts. Der Autor stellt die Revolution als Inszenierung dar und verurteilt alle Bestrebungen der Arbeiterschaft von Beginn zum Scheitern. So deprimierend dieses Ende auch ist, entflieht der Historiker von Ditfurth der Versuchung oder dem Drang des Schriftstellers von Ditfurth, zum Weltenschöpfer zu werden. In der zweiten Hälfte des Romans diskutieren die Charaktere ihre Manifeste, Lenin kommt zur Erkenntnis, dass Rosa Luxemburg als Märtyrerin sinnvoller ist und entschließt sich, die Sache selbst zu beenden. Das ihm dieser Entschluss aus der Hand genommen und zu einem für die Proletarier in Russland glücklichen und passendem Ende geführt wird, ist einer der Widersprüche der Geschichte. Von Ditfurth geht nicht weiter darauf ein, sondern beendet seine geschichtliche Spielerei wie bei „Der Consul“ in einem kleinen Rahmen. Ein Baustein scheint für einen Moment aus seiner Verankerung gelöst worden zu sein, doch bevor das Haus einstürzen kann oder sich etwas Neues bildet, verfugt ein Winkelzug der Geschichte alles wieder. In beiden Romanen wirkt dadurch die historische Auseinandersetzung mit dem Möglichen eher wie eine Gedankenspielerei in gemütlicher Runde als eine Vision. Irgendwann funktioniert dieses Konzept nicht mehr und die Leser möchten das Ergebnis der Umwälzung erkennen. In dieser Konzeption wirkt „Das Luxemburg-Komplott“ wie der Prolog und eine Vorausschau auf den noch düsteren und zynischeren „Der Consul“, der Autor erweckt den Eindruck, als ob die gleichen Akteure im Hintergrund die Schachfiguren bewegen, Namen sind austauschbar, nur ihre Machtposition bleibt die gleiche.

Christian von Ditfurth schildert die historischen Möglichkeiten sehr plastisch und plausibel, dabei mischt er Actionszenen mit einer Reihe von inneren Monologen und Dialogen. Er bemüht, seinen historischen Figuren – bis auf Zacharias und dessen unmittelbare Familie arbeitet er nur mit realen historischen Persönlichkeiten und stellt diese und deren oft kurzes, gewaltsam beendetes Leben im Anhang vor – Leben zu geben. Das funktioniert nur bedingt, oft wirken diese – wie auf alten Bildern – hölzern und unnahbar. Emotionale Szenen sind nicht die Stärke des Autoren. Hinzu kommt Zacharias ein junges Abziehbild seiner anderen Protagonisten: Soetting, Stachelmann oder Werdin- alle isolierte Charaktere, ohne Familie, die den Frauen immer wieder begegnen, die sie einmal geliebt, aber nicht haben halten können. Oft scheitern sie an dieser Schwäche. Es sind Einzelgänger, hoch intelligent, erfahren, stur… auf der einen Seiten Spezialisten, auf der anderen Seite im Grunde ohne starke Führung hilflos und zum Scheitern verurteilt. Allenfalls Stachelmann kann sich noch an seiner Arbeit festhalten und orientieren. Auch wenn er erkennt, dass er sich in einer Sackgasse befindet. In seinen nächsten Romanen sollte von Ditfurth andere Charaktere entwickeln, um sich auch als Schriftsteller weiterzuentwickeln.

Trotzdem vermittelt der Autor wieder lebendige Geschichte. Er spielt mit den Erwartungen seiner Leser genauso wie mit dem Erwatungen seiner oft manipulierten literarischen Kreaturen. Ihm gelingt es, einige brisante Fragen zu stellen. Er entlarvt den Enthusiasmus einer Reihe von Revolutionären als blankes Profitstreben, losgelöst von jeglicher wirtschaftlicher Realität und zeigt auf, dass es einen echten Kommunismus weder zu Beginn in Russland noch in den wenigen Tagen der fiktiven Revolution in Deutschland gegeben hat. Er unterstreicht weiterhin – wenn auch indirekt – die Unmöglichkeit einer gleichgestellten Gesellschaft. Und beweist, warum die Sowjetunion scheitern musste. Dabei ist sein Roman keine Würdigung der Demokratieversuche al a Weimarer Republik. Er unterstreicht nur, dass schwache Staatssysteme über längere Sicht keine Zukunft haben und liegt mit dieser hochaktuellen These auf der Höhe der Zeit. Daneben hat er einen unterhaltsam Romane und zum wiederholten Male im positiven Sinne eine „Deutschstunde“ geschrieben. Und das für uns alle.

Christian von Ditfurth: "Das Luxemburg-Komplott"
Roman, Softcover
Droemer/Knaur 2005

ISBN 3-4261-9616-6

Weitere Bücher von Christian von Ditfurth:
 - Das Dornröschen- Projekt
 - Das Moskau Spiel
 - Die Akademie
 - Labyrinth des Zorns
 - Lüge eines Lebens
 - Schatten des Wahns

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