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H.G. Wells

Von kommenden Tagen

rezensiert von Thomas Harbach

H.G. Wells Novelle „Von kommenden Tagen“ wird nicht selten mit der Filmfassung „Things to come“ in Verbindung gebracht. Während letztere die eher monumentale Verfilmung der menschlichen Zukunft in Hinblick auf den stetigen Wettstreit zwischen Unvernunft und Verstand ist, gehört „A story of the Days to come“ zu Wells zwar auf den ersten Blick sehr politischen Streitschriften wider dem gnadenlosen, menschenverachtenden Kapital, zollt aber diesem insbesondere am Ende in überraschender und nicht unbedingt dem Tenor des Textes angemessener Weise seinen Tribut. Das Erstaunliche an dieser kleinen Liebesgeschichte und Streitschrift in einem ist die Tatsache, daß Wells noch sie im neunzehnten Jahrhundert fast unmittelbar an seinen Bestseller „Die Zeitmaschine“ geschrieben hat. Der Kontrast zwischen den beiden Büchern – und schlägt man die Brücke zu dem anderen technologisch interessierten Phantasten Jules Verne dessen Geschichten – könnte kaum größer sein. So fehlt dieser moralisch sehr polarisierenden Novelle im Grunde das erzählerische Element. Viel zu sehr insbesondere in der ersten Hälfte, in welcher Wells die einzelnen Charaktere nicht nur einführt, sondern gleichzeitig ihre Positionen auf der Seite des Guten – der Liebe – oder des Bösen – des Kapitals – etabliert, verzichtet Wells zugunsten einer kompakten Beschreibung auf weitschweifige Anekdoten oder über die einer Historie hinausgehende Beschreibung dieser futuristischen düsteren Erde. Kombinierte er in seinen populären Büchern wie „Kampf der Welten“ oder „Die Zeitmaschine“ das technische Element noch mit kritischen Anmerkungen insbesondere in Hinblick auf die gegenwärtige englische Gesellschaft, verzichtet er in der vorliegenden Geschichte fast gänzlich auf diese technische Entwicklung – sie findet im Hintergrund statt und zeigt die neuen Millionen Städte als anonyme Moloche, in denen Menschen ohne Kapital keine Zukunft mehr haben – und beschreibt im Kern eine anrührende, vielleicht ein wenig kitschige Liebesgeschichte, die in dieser Form auch im neunzehnten Jahrhundert hätte spielen können. Aber in abgeschwächter Form kann Wells auf seine soziologische Polarisierung nicht verzichten. So finden sich die vegetarischen, überirdischen Paradiese seiner fernen Zukunft zumindest in einem kleinen, zu Beginn eher kitschig und später dunkel gemalten Ausflug in die wilde, reine Natur wider. Die unterirdischen Maschinenverliesse sind auf ihre Ursprünge reduziert worden, das heißt, in den das Individuum verachtenden Großstädten finden sich zu viele Ähnlichkeiten als das es ein Zufall sein könnte.
Sieht man von der insbesondere gegen Ende des Buches zu positiven Geschichte ab, ist es erstaunlich, wie aktuell die kleine Fabel inzwischen geworden ist. Bei der erstmaligen Lektüre hat man das Gefühl, als würde die Kluft von immerhin zwei Weltkriegen und mehr als einhundert Jahren sich in Luft auflösen. Die oberirdischen Wohlleben sind inzwischen nicht nur zu Aktionären – das waren sie auch damals – geworden, sondern zu den Machern, die auf Kosten der einfachen Bevölkerung ihre Konzerne größer, schöner und mächtiger machen, denen der Reichtum aus der Arbeitskraft der unterdrückten Proletarier direkt auf die Bankkonten fließt und die sich vom Elend der Massen distanzieren. Eine ähnliche Konstellation wird sich insbesondere in Fritz Langs „Metropolis“ wieder finden, deren Hintergrund stark an diese kleine Novellen angelehnt worden ist, deren Handlung – reine Liebe, die die Grenzen zwischen Armut und Kapital überwinden kann – zumindest eine Metapher der Wells´schen Urfassung. Ein sehr modernes Element ist die Mittelschicht, die Wells richtig vorhergesehen hat. Sie kann in engen Grenzen ordentlich von seiner Arbeit leben, sich aber weder große Sprünge noch ein Ausbrechen aus der starren, von der Industrie bestimmten Hierarchie erlauben, die dritte Schicht ist die namenlosen Unterschicht, in Arbeiterbrigaden eingeteilt, mit Nummern versehen und in moderne Ghettos eingepfercht. Aus dieser Schicht gibt es kein Entkommen, rohe Gewalt bestimmt den Tagesablauf und die geistige Abstumpfung setzt sehr schnell ein. Auf dem Land wird nur Nahrung fabrikmäßig angebaut, die Siedlungen sind zerfallen und mehr als dreißig Millionen Menschen leben in London. In diesen Großstädten lebt man unter einer schützenden Klimahülle gut – es besteht zwar noch nicht die Notwendigkeit, der Umweltvergiftung zu entfliehen, aber zumindest als Vorläufer der Klimaanlagen wirkt seine Vision überzeugend – oder schlecht. In diese streng geordnete Welt dringt mit zwei jungen Leuten, die aus Liebe heiraten, ein Funken Hoffnung. Die Eltern des Mädchens sind entsetzt. Aus Rachsucht ruiniert der Favorit der Eltern – er verschwindet dann für mehr zwei Drittel der Novelle im Hintergrund – das Aktienvermögen des Mädchens. Er hofft, durch ihren Sturz in bittere Armut ihre Liebe durch sein Vermögen zu gewinnen. Das Gegenteil ist der Fall. Auch wenn es ihnen schwerfällt, arbeiten die beiden jungen Menschen schließlich in der Unterschicht. Während des gesamten gesellschaftlichen Absturz wirkt Wells wie ein gelassener, distanzierter Erzähler, der zwar schreckliches verkünden muss, aber diese Botschaften mit einer fast provozierenden Ruhe unter das Volk der Leser – in seiner Welt wird es keine Bücher mehr geben, sondern nur noch das Radio und Hörbücher – streut. Der Ton ist manchmal ein wenig ironisch, manchmal ein wenig zu freundlich und selten entspricht er dem hier beschriebenen Drama. Diese Distanz zum Geschehen wird vielleicht in der Zeit der Entstehung des Buches sehr populär gewesen sein, knappe einhundertzehn Jahre später wirkt diese Vorgehensweise ermüdend. Das liegt aber spätestens am Ende dieser kleinen Fabel auch am Plot und nicht nur am zu sachlichen, zu sekundärliterarisch belehrenden Schreibstil. Als die Protagonisten voller Verzweifelung ihr Schicksal beklagen, schwenkt Wells wieder auf den heimtückischen, aber reichen Favoriten um. Schwer erkrankt kommt er – bevor das jüngste Gericht in Form einer Euthanasiekammer ruft – zu einer letzten Erkenntnis und vermacht seinen grenzenlosen Reichtum der Frau, die ihn abgewiesen hat. Die armen Liebenden werden gerettet. Warum ausgerechnet sie gerettet werden, während andere Menschen, die nie die Chance gehabt haben, einmal am Himmel zu riechen, in dumpfer Abstumpfung weiter ihre kärgliche Existenz fristen müssen, bleibt das Geheimnis des Autoren. Da es ihm auch nicht gelungen ist, im Verlaufe der Handlung den Liebenden wirklich überzeugende Charakterzüge oder eine erkennbare Individualität zu schenken, wirkt auch diese „Rettung“ seltsam nüchtern und es springt hier – wie in der gesamten Novelle – der Funke nicht über. Trotzdem wirkt Wells Happy- End nicht überzeugend, weder für den Leser noch stellvertretend für den Autor für seine Figuren. Wenn sie am Ende der Geschichte aus dem Fenster in eine bessere Zukunft sehen, bleiben zu viele Fragen offen und Wells macht deutlich, dass Macht und vor allem Geld nur eine von vielen Fragen beantwortet. Und diese Frage ist nicht immer die wichtigste. „Von kommenden Tagen“ ist auf der einen Seite eine schwächere Erzählung H.G. Wells, auf der anderen Seite aber eine faszinierende, oft sehr detaillierte anti- utopische Zukunftsbetrachtung. Der Leser sollte sich immer vor Augen halten, dass viele Geschichten – hier reicht das Spektrum wirklich von „1984“ oder „Schöne neue Welt“ über Olaf Stapledons „Die ersten und die letzten Menschen“ bis zu den Cyberpunk- Geschichten – auf dem Hintergrund dieser kleinen Novelle basieren könnten, die Bühne ist wirklich prächtig und voller kleiner Ideen, die es während der kurzweiligen, aber emotional nicht packenden Handlung zu entdecken gilt, das Drama ist allerdings ein wenig zu kitschig und befriedigt eher das einfache Volk als die materialistisch denkende Oberschicht.

H.G. Wells: "Von kommenden Tagen"
Roman, Softcover, 139 Seiten
DTV 2005

ISBN 3-4231-3299-X

Weitere Bücher von H.G. Wells:
 - Der Unsichtbare
 - Die ersten Menschen auf dem Mond
 - Die Tür in der Mauer
 - Kinder der Sterne
 - Menschen, Göttern gleich
 - Mr. Blettsworthy auf der Insel Rampole
Weitere Links zu diesem Thema:
 - H.G. Wells: Biographie

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