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rezensiert von Thomas Harbach
Sich einem so bekannten und oft in verschiedensten, aber nicht immer erfolgreich verfilmten Variationen adaptierten Buch vorbehaltlos zu nähern fällt nicht leicht. Zu oft verschwimmt das Gelesene mit einem vermummten Claude Rains oder dem Kaugummi kauenden Unsichtbaren aus der John Carpenter Verfilmung oder schließlich dem Helden wider Willen in „League of extraordenary Gentlemen“. Obwohl das Buch sicherlich dem Genre – wie viele andere Werke aus der Feder des Visionärs, aber nicht mehr natürlichen Erzählers Wells – viele Türen geöffnet hat, wirkt es aus heutiger Sicht bis auf die Idee antiquiert. Es zeigt vor allem Wells nicht zu übersehende Schwächen als Erzähler im Gegensatz zu seinen historischen Sekundärliteraturwerken.
Ein dick vermummter Mann erscheint an einem kalten Wintertag im Gasthaus „Zum Fuhrmann“ in Iping und nimmt ein Zimmer. Von Anfang an erregt er durch sein seltsames Verhalten das Misstrauen der Dorfbewohner. Schroff und abweisend legt er großen Wert auf Zurückgezogenheit, sein Kopf ist unter Verbänden und seine Augen von einer großen, dunklen Brille versteckt.
Nach einiger Zeit wird sein Geheimnis entdeckt, er ist unsichtbar und versuchte das durch Verkleidung zu verbergen. Nach einem seltsamen Diebstahl fällt der Verdacht auf ihn und er widersetzt sich gewaltsam einer Verhaftung.
Auf der Straße trifft er einen Landstreicher, und zwingt ihm ihn bei Diebstählen behilflich zu sein. Aber die Pläne des Unsichtbaren gehen viel weiter und sind recht finsterer Natur.
Das Thema dieses Klassikers von H. G. Wells wurde schon in zahlreichen Variationen in späteren Büchern, Filmen usw. verwendet.
Die erzählte Geschichte ist zu einfach und zu geradlinig. Es finden sich keine Überraschungen in dieser zumindest kurzweilig zu lesenden Geschichte. Das liegt aber weniger an Wells originärem Text, sondern an der vergangenen Zeit und den zahlreichen Epigonen. Im Laufe der Jahrzehnte ist die zugrunde liegende Doppelthematik – die Unsichtbarkeit per se und der durch seine Forschungen wahnsinnige Wissenschaftler – so oft variiert worden, dass sich kaum noch ein Leser nach dem Original sehnt. Dabei ist auch nur die Unsichtbarkeit wirklich originell. Streng genommen stellt sie allerdings ebenfalls eine Variation dar – nämlich der Stevenson Geschichte „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“. Dieser verwandelt sich durch die Einnahme eines Elixiers in einen anderen Menschen und kann unter dieser Maske die gesellschaftlichen Normen durchbrechen. „Der Unsichtbare“ verlässt zumindest optisch die soziale Ebene und beginnt durch diese Befreiung aus den viktorianischen Zwängen ein „unbeschwertes“, aber auch kriminelles Leben.
Der Charakter des unsichtbaren Bösewichts, der auch die Hauptfigur ist, ist durchaus differenziert beschrieben. Allerdings hat Wells kein Interesse an einer wirklich psychologischen Analyse seines Protagonisten. Am Ende der kurzen Geschichte steht eine Moral. Eine Wissenschaft ohne Gewissen, ohne Verantwortung bringt keinen Erfolg, sondern nur Schmerzen und Zerstörung. Damit folgt Wells in erster Linie schon den Gesetzen, die Mary Shelley natürlich in „Frankenstein“ aufgestellt hat. Was der vorliegenden Geschichte fehlt, ist das Element der Blasphemie. Das wäre für den vorliegenden Text und Wells Intention wahrscheinlich zu komplex. Eine egal wie formulierte Theorie hätte zu viele Flanken eröffnet. Gegen Staat und Kirche auf einmal wollte Wells nicht wie Don Quixote ankämpfen. So verzichtet er auf eine weitergehende Charakterisierung seines Protagonisten und kümmert sich mehr um eine geradlinige Actiongeschichte mit einem interessanten Katalysator.
Die Geschichte selbst lebt natürlich in erster Line von der zugrunde liegenden Idee und hat sonst nicht besonders viel zu bieten. Der Unsichtbare wird enttarnt und gejagt bis zum „Showdown“. Sein Hauptgegner taucht allerdings erst ziemlich spät im Buch auf und bleibt auch recht farblos. Wells macht im Grunde den Fehler eines klassischen Fortsetzungsautoren. Er hangelt sich intern immer von einem Höhepunkt zum anderen. Die erste Veröffentlichung in einem Wochenmagazin ist – zumindest in der hier vorliegenden Fassung – niemals gut überarbeitet worden. Über weite Strecken hat er versucht, den Leser bei der Stange zu halten und seine kleine Idee zu einer gewissen Novellenlänge auszuarbeiten. Es wäre allerdings sinnvoll gewesen, einen starken und vor allem visuellen Antagonisten einzuführen und den Lesern eine helfende Hand in dieser Jagd auf den Unsichtbaren anzubieten. So verfolgt er über weite Strecken das Geschehen, kann sich weder mit der Handlung noch dem Protagonisten identifizieren und beginnt sehr schnell selbst zu träumen. Was würde er machen, wenn er unsichtbar wäre?
Aber besonders interessante Charaktere sind ohnehin nie die Stärke von H. G. Wells gewesen. Eine flott erzählte, zumindest damals originelle neue Idee und eine kräftige Portion versteckte Gesellschaftskritik charakterisiert sein literarisches Werk wohl am treffendsten. Bei „Der Unsichtbare“ steht dabei die Gefahr der zu großen Macht für einen einzelnen Menschen im Zentrum. Leider hat Wells auch keine richtigen Antworten. Das macht aus dieser Novelle eine überraschend nihilistische und pessimistische Arbeit. Es ist schade, daß der Autor diesen Faden nicht befriedigend abschließen konnte oder sich nicht die Mühe machen wollte, eine wirklich ergreifende, tragische und vor allem klassische Geschichte zu schreiben. Die gute Idee reicht nicht. „Der Unsichtbare“ ist nur noch aus historischer Sicht interessant, der Leser kann den Übergang von den eher gotisch orientierten Schauergeschichten zu den futuristischen, die Pulp Hefte der zwanziger Jahre vorwegnehmenden Abenteuergeschichten gut an diesem Schlüsselband erkennen. Mehr hat „Der Unsichtbare“ allerdings nicht mehr zu bieten.
H.G. Wells: "Der Unsichtbare"
Roman, Softcover, 216 Seiten
DTV 2004
ISBN 3-4231-3175-6
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