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rezensiert von David Meiländer
Der gescheiterte Geschäftsmann Bedford lässt sich in der Grafschaft Kent nieder, um ein Theaterstück zu schreiben. Allerdings weiß er nicht so recht, wie er anfangen soll. Es fehlen ihm die Ideen und die Abgeschiedenheit. Denn der sonderbare Cavor sorgt für Ablenkung, wenn er täglich vor sich hin summend durch Bedfords Vorgarten geht. Er brauche das, da er nur mit geregeltem Tagesablauf „frei denken“ könne. Cavor ist ein Wissenschaftler, der versucht eine der stärksten physikalischen Kräfte zu überwinden: Die Schwerkraft. Sein Cavorit soll sie abschirmen können, so wie man andere Stoffe benutzt, um Wärme oder Licht isolieren. Bedford wittert ein Riesengeschäft in Cavors Arbeit und steht ihm gerne zur Seite. Das erste Ziel: Der Flug zum Mond. Zwar versteht Bedford nicht so recht, warum man ausgerechnet dorthin fliegen muss, aber schließlich ist er doch überzeugt und steigt mit seinem sonderbaren Freund in die Carvorit-Kugel. Auf dem Trabanten werden sie mit schnell wachsenden Pflanzen, geringer Schwerkraft und riesigen Mondkühen konfrontiert, die anscheinend als Nahrung für das unterirdisch lebende Volk der "Seleniten" gehalten wird. Schnell geraden Bedford und Cavor ins Innere des Mondes und lernen eine völlig neue Zivilisation kennen und zunächst ahnen sie nichts von der Gefahr, in der sie sich befinden.
H.G. Wells 1902 erstmals veröffentlichter Roman ist stilistisch natürlich nicht mehr zeitgemäß. Durch seine altmodische Sprache fällt der Einstieg schwer, zumal das eigentliche Thema – die Reise zum Mond – erst viel später in den Mittelpunkt gerät. Anfangs sind es die Protagonisten und ihr eigenartiges Verhältnis, das die Handlung bestimmt. Weniger hilfreich ist da die Ich-Perspektive Bedfords, der erzählt. Viele längere Monologe durchsetzen das Buch, allerdings lohnt es sich geduldig zu bleiben. Später wird es nämlich ganz anders.
Denn "Die ersten Menschen auf dem Mond" ist ein Buch, das Wells Titel als "Begründer der modernen Science Fiction" alle Ehre macht. Mit unbefangener und blühender Fantasie schafft er eine bunte Welt, die an keine Konventionen oder Regeln gebunden ist. Zwar bedient er sich physikalischer Begriffe wie Schwerkraft und Schwerelosigkeit, doch spielen sie keine große Rolle. Wells versucht mit Absicht nicht, sein Schwerkraft-abweisendes "Cavorit" wissenschaftlich zu untermauern. Für ihn ist es nur Mittel zum Zweck, um eine Geschichte zu erzählen. Ein Märchen, das zu schreiben sich heute kein Science Fiction Autor mehr trauen würde.
Nicht die Recherche und nicht das Detail treibt die Geschichte voran. Es ist allein die Vorstellungskraft des Autors.
So sind sich die beiden Astronauten nicht der Tragweite ihrer Entdeckung bewusst, dass tatsächlich Leben auf dem Mond existiert. Sie gehen vielmehr davon aus, dass auf allen Planeten "Menschen wohnen". Eine Vorstellung, die heute längst dem Pessimismus gewichen ist, dass man wohl nie mehr als kleine Bakterien im All finden wird, um Leben fern der Erde nachweisen zu können.
Das ist es wohl, was Wells für heutige Leser so besonders machen. Denn er ist nicht beeinflusst und verbildet von "Star Trek", Stephen Hawking oder anderen, die das All längst auswendig zu kennen glauben. Schwarze Löcher, Zeit-Raum-Anomalien, Warp-Antrieb, Beamen: Das haben wir tausendmal gesehen. Nichts davon ist mehr anregend für die Fantasie.
Die "Seleniten" zeigen, wie Wells neue Gedanken antastet. Ein Volk, dessen Mitglieder nur ihrer Bestimmung folgen. Sie werden gezüchtet zum Farmer, Politiker oder gar Datenspeicher. Denn die Seleniten nutzen keine Bücher, um ihr Wissen zu behalten. Sie bilden spezielle Bürger aus, die sich „allein auf ihre Sache konzentrieren und nur daran Gefallen finden."
Eine Gesellschaftsform, die von Aldous Huxley dreißig Jahre später in "Brave New World" zuende gedacht wurde.
"Die ersten Menschen auf dem Mond" ist ein fantasievoller, intelligenter und gleichzeitig humorvoller Roman. Ein Klassiker, den man nicht nur im Bücherregal stehen haben sollte. Man sollte ihn auch lesen.
H.G. Wells: "Die ersten Menschen auf dem Mond"
Roman, Softcover, 319 Seiten
DTV
ISBN 3-4231-2237-4
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