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Science Fiction (diverse)



Charlotte Kerner

Blueprint- Blaupause

rezensiert von Thomas Harbach

Zur Theaterrezension

Charlotte Kerner bekanntester Roman dürfte der hier in einer Neuauflage zum bevorstehenden Kinostart vorliegende „Blueprint- Blaupause“ sein. Als Buch geboren wurde es im Jahr 2003 mit Franka Potente in der Doppelhauptrolle verfilmt. Es gibt eine Hörbuchinkarnation und im Januar 2006 startet ein auf diesem Roman basierendes Theaterstück in Charlotte Kerners Heimatstadt Lübeck. In der Hansestadt spielt über weite Strecken auch der eigentliche Roman.

Die Autorin wurde im November 1950 allerdings in Speyer geboren. Sie studierte Volkswirtschaft und Soziologie in Mannheim. Es schlossen sich Studienaufenthalte in Kanada und China (beide in den siebziger Jahren) an. Nach ihrer Rückkehr arbeitete sie unter anderem in der Stiftung „Jugend forscht“. Die große thematische Leidenschaft der Journalistin sind medizinische Themen und ihre Auswirkungen auf den Menschen. Ihre Texte erschienen unter anderem in DIE ZEIT und EMMA.

Charlotte Kerner machte sich einen Namen mit einer Reihe von Frauenbiographien. Im Mittelpunkt einer ihrer Arbeiten stand die Lebensgeschichte der Atomphysikerin Lise Meitner, die an der Seite Otto Hahns forschte und dann als Jüdin Deutschland verlassen musste. Im Gegensatz zu Hahn ist sie heute zu Unrecht fast vergessen. Eine weitere Biographie beschreibt die Lebensgeschichte der Architekten und Designerin Eileen Gray. Weitere Bücher veröffentlichte sie über Maria Sibylla Merian und Hildegard von Bingen.

Neben „Blueprint“ veröffentlichte sie mit „Geboren 1999“ einen weitere utopischen Roman, der ebenfalls – dieses Mal fürs Fernsehen – verfilmt worden ist.

Im Laufe ihrer Karriere erhielt sie für ihre Romane als auch die sekundärliterarischen Arbeiten mehrfach den Deutschen Jugendliteraturpreis. Sie lebt mit ihrem Sohn und ihrem Mann inzwischen in Lübeck.

Gute Science Fiction ist immer eine Auseinandersetzung mit dem Menschen in einer sich verändernden oder einer veränderten Umwelt. Gute Literatur für Jugendliche beschreibt oft die emotionale Entwurzelung vom bisherigen Stamm – Elternhaus, Familie – und die Entdeckung neuer aufregender Wege. Dabei sollte diese Literatur bei der Ich- Findung helfen und keine neuen Schranken aufbauen. Mit dem Thema Kloning schlägt die Autorin Charlotte Kerner nicht nur eine Brücke zwischen die beiden Komplexen, sondern sie zeigt wie in ihren wissenschaftlichen Artikeln auf, wie sich Menschen in Extremsituationen verhalten. Vordergründing behandelt sie am Beispiel der Autorin dieses Berichts/Romans – Siri - die Probleme des Erwachsenwerdens. Sie bemüht sich, diese Phase möglichst umfassend darzustellen, auch wenn ihre Protagonistin Siri – gleichzeitig die Ich- Erzählerin, denn das Buch besteht ausschließlich aus ihren Aufzeichnungen und ihren persönlichen Eindrücken - ihr persönliches Leben erst mit dem Tod ihrer Mutter beginnen lässt. Mit dieser eingeschränkten Perspektive wird die tiefgreifende Identitätskrise einer jungen Frau noch extremer dargestellt und die Suche nach dem eigenen Weg trotz des Drucks der Eltern auf die Spitze getrieben.

Die junge Siri leidet nicht nur unter ihrer Zeugung als Klon. Verstärkt wird dieser Druck durch die schwere Erkrankung ihrer Mutter Iris als Katalysator ihrer Entstehung. Erst als MS diagnostiziert worden ist, entschließt sich die weltbekannte Komponistin und Pianistin zum Kloning. Für sie die einzige Möglichkeit, ihr Talent nicht vorzeitig der Welt zu entziehen. Im Laufe der Aufzeichnungen lernt der Leser die enge, fast krankhafte Beziehung zwischen den „Mutterzwillingen“ – wie Siri die eineiige Zwillinge bezeichnet – ausschließlich aus ihrer Perspektive kennen. Dadurch polarisiert Charlotte Kerner sehr bewusst die moralisch fragwürdige Klonung von Menschen weiter. Einen ersten Ausdruck der Kopie findet sich im Spiel mit den Namen. Aus Iris – der Mutter – wird Siri – die Tochter. Umgekehrt kann ein aufmerksamer Leser auch aus dieser Namensgebung erkennen, dass die Mutter – ihres bevorstehenden Endes bewusst – in ihrem Klon - der Blaupause – verzweifelt Kontinuität sucht.

Im Mittelpunkt des Textes – von einer geradlinigen Handlung kann keine Rede sein, da Siris Bericht immer wieder zwischen einzelnen Lebensabschnitten, persönlichen Erfahrungen und ihr erzählten Geschehnissen hin und her springt – steht die sich immer mehr abzeichnende Identitätskrise. Das auslösende Moment ist der Drang der Mutter, ihre genaue Kopie auf den gleichen Weg zu zwingen, den sie eingeschlagen hat. Den sie auf Druck ihrer Mutter einschlagen musste. Siri zweifelt dadurch noch mehr an ihrer eigenen Identität. Die Grenzen verschwimmen. Wo hört das Ego der Mutter auf, in welcher Nische kann Siri ihre Persönlichkeit entwickeln? Diese Frage drängt sich mehr und mehr in den Vordergrund. An ihr zerbricht die symbiotische Zweisamkeit – von der Mutter aus krankhaften Egoismus angestrebt und von Siri in kindlicher Naivität mit Leben erfüllt. Spätestens mit der Pubertät erkennt Siri die Sackgasse ihres Lebens und sucht den Ausbruch. Beim Freund ihrer Mutter versucht sie diese mit fatalen Folgen zu imitieren, er mit der Flucht nach Hamburg beginnt die Suche nach einem eigenen Ich. Die eigentliche Abnabelung erfolgt aber erst mit dem Tod der Mutter. Gleichzeitig setzt ein zumindest oberflächliches Verständnis für deren zu erst wohlmeinende und dann immer krankhafter werdende Motive ein.

Sehr geschickt fügt Charlotte Kerner in die scheinbar heilsame Dreisamkeit – die Tochter Siri, die Mutter Iris und die Kindfrau – von außen negativ beeinflussende Elemente ein: zuerst die Großmutter, die Siri in ihrer Gegenwart als Monster bezeichnet. Dann den eigentlichen „Vater“, den Wissenschaftler, der das Kloning durchgeführt hat und später den platonischen Freund Siris, der ihr zu helfen sucht. Mit Siris Versagen bei einem Konzert lässt sich der Abnabelungsprozess nicht mehr aufhalten. Iris zornige Reaktion lernt der Leser gefiltert nur durch Siris Augen kennen. Damit nimmt die Autorin diesem ersten emotionalen Höhepunkt die Schärfe.

Schon von Beginn an macht Siri ihren Lesern unverständlich klar, dass dieser Bericht in erster Linie die Suche nach dem eigenen Ich ist. Sie will wissen, wer sie ist. Über weite Strecken hält sie sich an diese Maxime. Sie ist auch nicht der einzige Klon. Kloning ist in Kerners futuristischer Welt zwar nicht alltäglich, aber schick und in. Damit wird Siri zwar Teil eines komplexeren gesellschaftlichen Veränderungsprozesses, aber im Gegensatz zu Andreas Eschbachs „Perfect Copy“ ist ihre „Zeugung“ legal. Diese intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit negiert dann allerdings die Autorin, in dem sie diesem Bericht einen ersten Epilog – der den Erfolg von Siris Abnabelungsprozess beschreibt – und einen zweiten sachlichen Text der Professorin Erika Knieper beifügt. In diesem wird auch bemerkt, dass „Blaupause“ Pflichtlektüre für alle Menschen darstellt, die sich zum Kloning aus welchen Gründen auch immer entscheiden. Das wirkt unglaubwürdig und eher wie ein jugendliches Publikum konzipiert. Hier bewegt sie sich theoretisch mehr in den Science Fiction Bereich hinein. Sie versetzt die ansonsten durchaus gegenwärtige Handlung – nur das Kloning ist das einzige utopische, aber nicht futuristische Element – in die Zukunft für Leser aus der Zukunft.

Trotzdem ist ihr Anliegen als Streitschrift für die Gegenwart zu sehen. Darum polarisiert sie in diesem Buch positiv mehr als das sie eine tragische oder anrührende Geschichte erzählt. Nicht zuletzt aus diesem Grund lässt sich der Text auch weniger als klassischer Roman lesen. Fast wie eine Autobiographie durchbricht sie selbst vordergründig die Ich- Perspektive. Gleich zu Beginn stellt sie eindeutig klar, dass die Regeln der Biographie ebenfalls außer Kraft gesetzt werden. Es herrschen Berichte und Kommentare vor – die biographischen Szenen – durchsetzt mit der Eigeninterpretation Siris – die autobiographischen, aber sachlich nicht distanzierten Passagen. Diese zweite Ebene ist notwendig, damit sich der Leser in Siri – im Gegensatz zu ihrem bisherigen Leben die beherrschende Figur dieser „Erzählung“ – hineinversetzen kann. Mit diesem literarischen Trick erhöht sie die Authentizität des Textes. Dazu kommt eine Nutzung verschiedener Zeitebenen. Ganz bewusst werden die Ich- Passagen in der Gegenwart gehalten.

Die klassische Personenkonstellation Mutter- Tochter wird durch die Nutzung von „IchDu“ und „Duich“ Wortschöpfungen durchbrochen. Auch wenn Siri es nicht wahrhaben möchte, identifiziert sie sich immer wieder mit ihrer Mutter und sucht die von ihr bewusst geschaffene Lücke zumindest im Inneren zu überbrücken. Der Zwilling hat seinen Partner verloren. Äußerlich drückt sich dieser Unterschied in einer einzigen Szene aus: Siri geht zu einem Zwillingstreffen. Sie behauptet, ihre Zwillingsschwester wäre erkrankt. Sie wird von den Zwillingen relativ schnell ausgesondert. Anstatt sich mit einem Gefühl der Erleichterung „anders“ zu fühlen, vermisst sie ihre Zwillingsmutter und fühlt sich einsam. So finden sich in ihrem Umfeld fast ausschließlich Symbole, die diese Zweisamkeit ausdrücken: die Statue einer Doppelgöttin und ein Kupferstich Johannes, dem ungleichen Zwilling des Lazarus Coloredo. Johannes lebte auf der Brust seines Bruders als Parasit. Erst zehn Jahre später wird sie künstlerisch den Verlust ihrer Mutter/ ihres Zwillings verarbeiten können und ein eigenes Leben beginnen. Ob er wirklich erfolgt ist, lässt die Autorin offen.

„Blueprint- Blaupause“ ist ein ungewöhnlicher, fast gefährlicher Bericht. Der Leser verliert sich schnell in der nicht immer sympathischen Figur der Siri und nimmt vielleicht unabsichtlich ihre Position an. Überwiegend egoistisch und negativ beschreibt Charlotte Kerner deren Mutter. Es fehlt eine Auseinandersetzung mit dem Verlust. Iris verliert aufgrund einer schleichenden Krankheit ihren Halt im Leben. Sie sucht mit dem Kloning einen Ausweg aus dieser Situation. Wie Menschen, die frühzeitig einen Partner oder ein Kind verlieren. Eine Reihe von Beispielen führt die Autorin im Rahmen ihrer Epiloge auch auf. Für alle ist dieser Prozess ein scheinbarer, aber fataler Ausweg aus der Realisierung ihres Verlustes. Eine zweite Chance. Siri kämpft für ihre erste Chance, das eigene Leben. Eine Verschiebung der Perspektive hätte dem Buch keinen Deut seiner Schärfe genommen, aber weitere Diskussionspunkte geschaffen. So bleibt es eine sehr intensive, eine hintergründig sehr emotionale und interessante Auseinandersetzung mit dem Thema Kloning, aber in erster Linie mit dem Thema „Mensch“. Es ist aber keine Auseinandersetzung mit den natürlichen Urängsten und wie man sich ihnen am besten Stellen kann. Alle Figuren sind auf der Flucht: vor Verantwortung – der Genetiker – vor den eigenen Schwächen – Iris – und schließlich vor dem Leben miteinander – Siri. Und diese Ebene hätte aus einem guten, aber emotional manchmal distanzierten Buch einen außergewöhnlichen, sehr persönlichen Roman gemacht.


Rezension zum Theaterstück, basierend auf diesem Buch:

Blueprint
Theater Lübeck
Regie: Martin Olbertz
Ausstattung: Anke Hartmann
Textfassung: Tatjane Rese

„Blueprint“ – Charlotte Kerners erster Jugendroman – kommt als Ein- Personen – Stück in der Heimatstadt seiner Schöpferin Lübeck auf die Bühne.

Mit dem Oldie „You can´t put your arms around a memory“ beginnt und schließt die Theaterfassung von Charlotte Kerners 1999 geschriebenen Roman „Blueprint“ in der Textfassung von Tajana Rese und Regisseur Martin Olbertzs Interpretation. Im Gegensatz zur Kinoverfilmung mit Franka Potente verfügt das Theater nicht über die technischen Hilfsmittel, eine Schauspielerin in einer Doppelrolle gegen sich selbst spielen zu lassen. Vielmehr vertraut der Regisseur Olbertz auf die Kraft der Illusion und eine außergewöhnlich intensive, körperlich anstrengende Tour-de- Force Darstellung Rebecca Indermauers. Sie spielt sowohl die Mutter Iris – eine selbstsüchtige Musikerin und Komponistin, die an MS erkrankt und sich klonen lässt, um als Künstler unsterblich zu werden und zu bleiben – als auch den Klon/ die Tochter Siri, die nach dem Tod der Mutter beginnt , sich endgültig aus ihrem Schatten zu lösen und ihre eigene Existenz zu definieren.

Der zugrunde liegende Roman ist von Charlotte Kerner als mahnender Bericht an eine immer stärker wachsende Klongemeinde geschrieben worden. Siri beginnt konsequent ihre eigene Existenz mit der Stunde O – ihrer künstlichen Zeugung und nicht ihrer Geburt. Der Leser erfährt alles nur aus ihrer eingeschränkten und sehr persönlichen Perspektive. Dadurch polarisiert die Autorin ganz bewusst und einseitig das Thema Kloning. Erst in den Anhängen des ursprünglichen Berichtes sucht sie einen Kompromiss zwischen gedankenlosem Kloning und Hilfe für Familien und Menschen, die einen überraschenden und unerwarteten Verlust erlitten haben.

Von diesem Ansatz bleiben in der Aufführung des Theater Lübecks eine Textversion übrig, die unter Beimischung der elementar notwendigen Musik die Handlung auflöst und nur noch einzelne, prägnante Szenen übrig lässt. Regisseur Martin Olbertzs Inszenierung ist eine Mischung aus Musik, dramatisch- drastischen Monologen und einer verwirrenden Choreographie. In vielen Szenen übertreibt die Regie. Eine Dualität und ein entsprechendes, hier nur angedeutetes Farbenspiel hätten der Aufführung deutlich besser getan. Rebecca Indermauer muss die beiden auf den ersten Blick unterschiedlichen, aber nicht nur durch ihre Gene gleichen Frauen alle in ihrem Spiel ausdrücken. Nur mit der Unterstützung einer Pianistin – Fumiko Shiragas virtuoses und ausdrucksstarkes Klavierspiel ist ein kongenialer Ausdruck von Siris/ Iris innerem Seelenleben – trägt die Schauspielerin einen ganzen Theaterabend auf ihren schmalen Schultern. Die Inszenierung greift nach den elementaren Fragen von Mensch, Seele und Schöpfung. Es wäre sinnvoller gewesen, sich auf den Tenor des Originalromans zu beschränken. Haben Eltern das Recht, die eigene Existenz und den eigenen Ehrgeiz auf die Schultern ihrer oft noch kaum gereiften Kinder zu legen? Wo hört eine liebevolle Erziehung auf und beginnt eine krankhafte Verzerrung der ungeformten Kinderseele? Das Thema Kloning verschärft diese brisante Thematik, denn mit Hilfe der genetischen Schöpfung wäre es Eltern möglich, auch äußerlich ein Spiegelbild zu schaffen.

Rebecca Indermauer muss zwei Rollen spielen und in ihrer sehr konzentrierten, facettenreichen Darstellung ohne große äußerliche Hilfsmittel – die im Film das Spiel Frank Potentes unterstützen – diese beide Charaktere für ein nicht informiertes Publikum unterscheidbar machen. Nach Ende des Stückes weiß der Zuschauer, dass Siri und Iris trotz ihres gemeinsamen genetischen Ursprungs unterscheidbar sind. Dabei konzentriert sich die Regie auf einer fast kargen Bühne auf Fragmente, Symbole und suggestiver, aber manipulierbare Bilder.

Die Schauspielerin trägt während der gesamten Aufführung wuchtige rote Gummihandschuhe als Expression ihrer klinischen Zeugung. Die Pappkartons werden während der verbalen Rekapitulation der Zeugung zu einem hohen Turm aufgestapelt – Sinnbild des Fortschritts, der inzwischen über die Köpfe der Menschen hinweg gewachsen ist. In den Kartons finden sich Erinnerungen an Siri und Iris. Der Regisseur verzichtet allerdings auf die Kombination der beiden Charaktere. So wäre es effektiver gewesen, Siri und Iris in ihre jeweilige Vergangenheit schauen zu lassen. Wenn die Klavierspielerin und die Schauspielerin Hände von Schaufensterpuppen austauschen, trennen sie die Kunst der Musik vom künstlichen Menschen.

Weitere eindrucksvolle Szenen sind die Zwiegespräche mit dem Promotionsbild der Mutter und der Ausdruck der Krankheit durch einfache, aber ungemein effektive Andeutungen. Dazwischen findet sich viel Leerraum. So schlägt der Regisseur den Bogen zwischen Kind und Erwachsenen, in dem er ein junges Mädchen am Cello spielen lässt. Warum nicht an einem kleineren Klavier, als Gegenstück zu „Mister Black“, der übermächtigen Dekoration auf der Bühne? Hier spielt Shirasgas als Begleitung einige klassische Kompositionen, der Zuschauer sieht aber weder Iris noch Siri am Instrument. Damit nimmt die Inszenierung dem Buch seine sehr gute Ausgangsposition: Iris ist nicht nur der Meinung, dass ihre Kunst unsterblich sein soll, sondern die Künstlerin an sich. Darum und nur aus diesem Grund schafft sie sich einen Klon. Das sich die Mutter an ihrer Tochter versündigt und deren – künstlich begonnenes - Leben wie in einem Gefängnis überwacht, kommt selten zum Ausdruck. Die ruhigen, melancholischen Passagen des Stückes werden all zu oft durch unnötige Hektik – insbesondere zu Beginn des Stückes sucht Rebecca Indermauer fast die Konfrontation mit den Zuschauern, in dem sie die unzähligen Pappkartons auf der Bühne immer wieder zu neuen, aber sinnentleerten Bildern umschichtet - überlagert. Auch vermeidet der Regisseur die in der literarischen Grundlage so exzellenten Dialogen mit dem Leser. Nur selten werden die offenen Fragen, die Siri in ihrem Bericht an die nächste Klongeneration stellt, dem Publikum entgegen geworfenen.

Während Charlotte Kerners Roman sich der Frage stellt, was ein Individuum ausmacht, versucht das Stück den Konflikt zwischen der göttlichen und damit natürlichen Schöpfung und der immer stärker ethische Fragen außer acht lassenden Forschungen herauszuarbeiten. An dieser einseitigen und nicht unbedingt nachvollziehbaren Frage scheitert das Stück trotz der überragenden Schauspielerin Rebecca Indermauer. Ihr gelingt es mit einfachsten Mittel, zwei Frauen auf der Bühne darzustellen. Dabei wird sie nicht von der Regie und dem Bühnenbild unterstützt. Nur selten wechselt sie aus ihrer Freizeitkleidung Siris in das elegante, rote Abendkleid, um Iris darzustellen. Nach wenigen Augenblicken wechselt sie den Charakter, um im gleichen Kostüm ätzende Kommentare Siris auf ihre verdorbene und egozentrische Mutter dem Publikum ins Gesicht zu schleudern.

„Blueprint“ leidet unter einer Inszenierung, die vergisst, das intime Verhältnis zwischen Mutter und Kind, doch gleichzeitig Zwillingsschwestern herauszuarbeiten. Zu selten kommt die extra für den Roman geschaffene neue Begriffskultur Charlotte Kerners zum Tragen, zu oft wirken die Bilder chaotisch und hektisch. Damit wird das nuancenreiche Spiel Rebbecca Indermauers und die wunderschöne Musik als Katalysator des Kloningprozesses in den Hintergrund gedrängt. Vieles hätte einfacher, intimer und damit verständlicher inszeniert werden können. „Blueprint“ handelt von der Suche nach der eigenen Identität, der Verantwortung für das anvertraute Leben und das schwierige Miteinander zweier Menschen, die sich zu nahe sind. Nur in wenigen Szenen wird diese Botschaft den zum Teil überforderten Zuschauern wirklich ins Gedächtnis geschrieben.

Charlotte Kerner: "Blueprint- Blaupause"
Roman, Softcover, 203 Seiten
Beltz 2004

ISBN 3-4077-8909-2

Weitere Bücher von Charlotte Kerner:
 - Die fantastischen 6
 - Jane Reloaded
 - Kopflos

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