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rezensiert von Thomas Harbach
Mit „Der kalte Tod“ veröffentlicht der Bastei- Verlag den dritten Band der Heritage Serie aus der Feder Charles Sheffields. Das Original ist 1992 erschienen. Fast zeitgleich dominiert Jack McDevitts „Seeker“ das Science Fiction Programm des gleichen Verlages. Zwischen den beiden Büchern liegt eine halbe Generation und streng genommen eine unterschiedliche Weltanschauung. In beiden Werken geht es um Archäologie, die Suche nach den Schätzen der Vergangenheit, nach dem Erbe der Menschheit. Während sich Jack McDevitt in seinem farbenprächtigen und solide erzählten Buch um die Vergangenheit der Menschheit kümmert, geht Charles Sheffield einen Schritt weiter. Das den Menschen bekannte Universum ist von Artefakten der Baumeister durchdrungen. Niemand kennt ihre Herkunft, niemand ihr Schicksal. Nur wie in Strugatzkis „Picknick am Wegesrand“ haben sie ihre oft unverständliche Technik hinterlassen, kombiniert mit erhabenen Bauwerken. Im zweiten Band der Serie haben die einzelnen Protagonisten angedeutet, es könnte sich bei den einzelnen Funden um Überreste einer gewaltigen galaktischen Party handeln, Junk, der einfach weggeworfen worden ist. Dem widerspricht aber, dass zwischen diesem ganzen Müll immer wieder etwas gefunden wird, was von übergeordneter Bedeutung ist. Wer sich genau mit den bisher erschienenen „Heritage“ Romanen auseinandersetzt, wird immer wieder auf diese Widersprüche treffen. Im dritten Band der Serie präsentiert Sheffield einen dritten Lösungsansatz, eine Art archäologischen Dadaismus. Wahrscheinlich wird sich das Konzept bis zum fünften Buch durchziehen, in dem Sheffield die ganze Wahrheit präsentieren muss und sollte, um seine Leser nicht gänzlich zu verschrecken oder wie im vorliegenden Band zu frustrieren.
Eine Gruppe von Söldnern angeführt von Hans Rebka und Darya Lang untersuchen zu Beginn des Buches einen riesigen mysteriösen Artefakt der Baumeister, als sie auf eine Horde von Zardalus stoßen. Diese sind vor vielen Jahren der größte Schrecken des Universums gewesen. Sie haben viele Rassen versklavt, bzw. ausgelöscht. In einer Hommage an die Pulpfiktion der dreißiger Jahre erwecken sie eine Horde dieses Volks aus ihrem Tiefschlaf. Diese machen sich selbstverständlich und sofort an die Eroberung des Universums. Aber Charles Sheffield hat ein weiteres As im Ärmel. Die bis dahin leblosen Artefakte beginnen sich zu regen. Sie könnten die Rettung des bekannten Universums sein oder ein Beschleunigungsfaktor zu dessen Vernichtung.
Das frustrierende an „Der kalte Tod“ wie auch an allen anderen Romanen dieser Serie ist die Ambivalenz der Romane. Charles Sheffield kann im Gegensatz zu seiner Frau, der Science Fiction Autorin Nancy Kress, keine überzeugenden Protagonisten erschaffen. Seine Figuren wirken immer eindimensional, distanziert und vor allem unsympathisch. Der Autor nimmt sich sehr viel Zeit, die einzelnen Protagonisten zu Beginn der Mission vorzustellen, aber sie wirken wie Schablonen aus den Äonen der Pulpgeschichte. Schon bei den Verhandeln mit der Besatzung des Raumschiffs, das die Forscher zu dem Baumeisterartefakt bringen soll, müssten bei den Wissenschaftlern sämtliche Warnleuchten hektisch blinken. Das geschieht nur beim Leser, der sich über so viel Ignoranz ärgert und beginnt, die Seiten flüchtiger zu lesen. Eine weitere Schwäche des Buches ist die handlungstechnische Struktur. Immer wieder vermittelt Sheffield den Eindruck, das Universum ist unendlich groß und die menschliche Technik trotz des erkennbaren Fortschritts immer noch begrenzt. Wie in den ersten Büchern stoßen die einzelnen Protagonisten immer wieder an den unterschiedlichsten Ecken des Universums zufällig aufeinander. Dazu kommen sich wiederholende Grundstrukturen. Auch wenn Sheffield sich bemüht, aus seinen Figuren keine Übermenschen zu machen, kann er sich diverse Hinweise auf ihre Exzellenz und Erfahrung nicht verkneifen. Trotzdem überleben sie die verschiedenen Abenteuer nicht aufgrund ihrer Instinkte oder gar ihres Wissens, sondern in erster Linie durch viel viel Glück, vom Autoren herbei geschriebene Zufälligkeiten und vor allem entsprechende Deus- Ex- Machina Auflösungen. Diesen letzten Strohhalm kann und darf ein Autor einmal in seinen Romanen verwenden, aber nicht in jedem Roman. Hier zeigt sich, wie schwach Sheffield die Bücher wirklich konzipiert hat. In Kombination mit den unsympathischen Figuren und den wiederholt kindischen Versuchen, Humor in die ansonsten sehr trocken erzählte Handlung einzuflechten schreckt das schwache Handlungsgerüst ab, sich Wiederholungen des bisher bekannten in Form der letzten beiden Bücher durchzulesen.
Auch die Antagonisten – die Zardalu – wirken wie futuristische, außerirdische Piraten auf der Suche nach ihrem Platz im Universum. Die Idee, dass im Zuge des gewaltigen Universums noch Sklaven genommen werden könnten und auf den gleichen Planeten die unglaublich hoch stehenden und technologisch unerklärten Artefakte der Baumeister stehen, wirkt unglaubwürdig. Dazu kommt die ins Klischee übersteigerte Beschreibung der nicht überzeugenden Außerirdischen, die im Grunde wie eine ambitionierte, aber vollkommen außer Kontrolle geratene Parodie auf die diversen Science Fiction Aliens des Golden Age daherkommen. Und ein Parodist ist der eher trockene Sheffield nun bei weitem nicht.
Was für Sheffield und damit die Serie spricht, sind seine wissenschaftlichen Vorkenntnisse. Für einen Roman Anfang der neunziger Jahre geschrieben nimmt sich Sheffield der Idee multidimensionaler Universen und verschiedener Quanteneffekten an. Im Verlauf der Romane kann er für den Laien verständlich seine Theorien erläutern und an Hand praktischer Beispiele – seine Protagonisten eilen nicht nur hektisch von einem Ort des Universums zum nächsten, sondern dienen auch als exzellente Versuchskaninchen universumstechnischer Innovationen – die Folgen aufzeigen. Unwillkürlich hat der Leser das Gefühl, als fühle sich der Wissenschaftler Sheffield in der Haut des Geschichtenerzählers Sheffield nicht unbedingt zu Hause und suche nur die Form der Science Fiction Erzählung, um seine Erkenntnisse unter das breite Volk zu streuen. Auch der archäologische Hintergrund gehört zu den überzeugendsten Ideen der Science Fiction, es ist nur schade, dass Sheffield sich in den ersten drei Romanen mit sich widersprechenden Andeutungen begnügt hat und die Wunder der Vergangenheit eher krampfhaft vor seinen Lesern versteckt hat. „Der kalte Tod“ ist eines der schwächsten Romane der „Heritage“ Serie. Die Schwachstellen der ersten Bücher – in Bezug auf den Plot und die Charaktere – sind zu überdeutlich sichtbar, die Stärken – insbesondere die legendären Funde – werden nicht weiter extrapoliert. Nach abgeschlossener Lektüre hinterlässt der Roman keine Vorfreude auf die abschließenden zwei Bände, in denen Sheffield auf seiner pulpig aufgemotzten intergalaktischen Bühne die verschiedenen Rätsel lösen möchte. Die wenigen Andeutungen wecken eine Erwartungshaltung im Leser, die in einem starken Widerspruch zum eigentlichen Roman steht. Wer gerne die „Heritage“ Serie kennen lernen möchte, der sollte in erster Linie auf den ersten und bislang besten Roman zurückgreifen, „Der Kalte Tod“ ist leider der Roman der Serie, der bislang am wenigsten zu seinem faszinierenden, aber trockenen Universum hinzufügt. Und das ist die größte Enttäuschung nach der beendeten Lektüre.
Charles Sheffield: "Der kalte Tod"
Roman, Softcover, 39 Seiten
Bastei Taschenbuch 2007
ISBN 3-4042-4363-3
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