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Science Fiction (diverse)



Nancy Kress

Feuerprobe

rezensiert von Thomas Harbach

Dem zweite Band ihrer neuen Science Fiction Serie hat der BASTEI- Verlag den deutschen Titel „Feuerprobe“ gegeben. Schmelztiegel wäre aber nach der Lektüre des spannenden, sehr geradlinig erzählten Buches eine passende, wenn auch nicht unbedingt reizvollere Übersetzung. Im ersten Band der Serie hat Nancy Kress ausführlich beschrieben, wie verschiedene ethische Minderheiten – unter anderem auch Nachkommen der Indianer – ihr Glück auf einem neuen Planeten versuchten. Auf dem Planeten Greentrees finden sich die Menschen unter der Führung des intelligenten, wenn auch exzentrischen Jake Holman nicht nur zwischen den Fronten eines interstellaren Krieges zwischen zwei sehr unterschiedlichen Rassen, sie erkennen, dass mehr hinter der Konfrontation steckt als bislang angenommen. Der erste Roman „Crossfire“ beschrieb sehr ausführlich die Schwierigkeiten des Zusammenlebens zwischen Menschen, die in ihrem Herzen ihre heimatlichen irdischen Vorurteile genauso mitgenommen haben wie die Hoffnung auf ein neues Leben als auch eine bessere Zukunft. Sehr geschickt spielte die Autorin mit den fast zum Klischee erstarrten Vorurteilen und konnte an mehreren Stellen den Leser geschickt positiv manipulieren und zum Nachdenken anregen. Das gleiche Spiel funktioniert bei ihren außerirdischen Wesen. Auf der einen Seite die friedliche Rankenwesen, deren Biologie nicht auf DNS Strukturen basiert, auf der anderen Seite die aggressiveren pelzigen Wesen. Zusätzlich setzte sich die Autorin sehr intelligent und vor allem vielschichtig mit wichtigen gesellschaftlichen Themen wie Toleranz, Behandlung und Integration von Minderheiten, der Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit sowie Politik auseinander. Das Handeln ihrer Charaktere als idealisiertes Ziel bestand aus dem Finden der richtigen Mischung zwischen Überlebensinstinkt und Optimismus.

Nancy Kress ist eine der wenigen Autoren oder Autorinnen im phantastischen Genre, die selbst große und waghalsige Unternehmen zu ihren Wurzeln im Geist und Herzen der Menschen zurückführen können. Sie verzichtet auf nicht mehr wieder zu erkennende Superzivilisation und vor allem auf eine entmenschlichende Technik. Stetig sucht sie die Konfrontation zwischen Mensch und Gesellschaft sowie Mensch und Technik. Nicht um der Konfrontation willen, sondern um zu zeigen, dass nichts unverständlich bleibt oder bleiben darf, wenn man egal was es ist auf das Wesentliche reduziert. Mit „Crucible“ baut die Autorin nicht nur ihre Welt aus, gleich zu Beginn des Romans beschreibt die Odyssee Lucy Laskys und Karim Mahjoub, die einige der Pelzwesen an Bord deren Raumschiffes gefangen setzen konnten. Ihr Schiff wird wiederum von den Ranken gekapert und die beiden Menschen werden zu einer Rankenwelt gebracht.

Auf Greentrees leben sich die verschiedenen Siedlungen weiter und weiter auseinander, ständig von den Pelztieren bedroht. In diese Unruhe, diesen Schmelztiegel schlägt die Nachricht wie eine Bombe ein, dass ein Raumschiff von der Erde den Planeten anfliegt. An Bord der charismatische Julian Martin. Er versucht, den Menschen auf Greentrees einen Tauschhandlung Technologie gegen Lebensmittel und schließlich einen gewissen Lebensraum schmackhaft zu machen. Hinter den Kulissen beginnt er aber die einzelnen gewählten Oberhäupter der menschlichen Siedlungen zu manipulieren und findet ein williges Opfer in der attraktiven Alex, der Bürgermeisterin der Hauptsiedlung Mira City. Auch im schwellenden Konflikt mit den Pelztieren versucht Martin seine radikalen Konzepte umzusetzen.

Nancy Kress Romane zeichnen sich nicht nur die plausible Szenarien aus, ihre Spekulationen und Thesen über außerirdische Biologie und vor allem inzwischen auch genetische Wurzeln und Strukturen sind ausgefeilt, werden überzeugend auch für Laien erläutert und bilden einen elementaren Bestandteil ihrer Erzählungen. In ihren „Probability“ Romanen hat sie ihren außerirdischen Schöpfungen eine zusätzliche Existenzebene geschaffen. Wer außerhalb der bekannten Normen sich bewegt, wird zu einem Nichtwesen, einem Wesen, dem keine Hilfe gewährt wird, kein Essen serviert und der sich nur noch außerhalb der dörflichen Gemeinden bewegen kann. Am Ende des vorliegenden Romans wird der Leser in Hinblick auf den abschließenden letzten Band erkennen, dass seine Vorstellungen von Symbiosen auf falschen Voraussetzungen basieren und diese Erkenntnis ist nur eine der vielfältigen Überraschungen des Buches. Dabei ist ihr Plot sehr geradlinig, fast einfach zu nennen. Immer wenn der Leser allerdings der Meinung ist, die Handlungen ihrer Charaktere im Vorwege zu ahnen, wendet sie das Blatt. Das wirkt ungewöhnlich flüssig und selbst dumme Handlungen ihrer Figuren stehen in einem engen Kontext zu deren Intellekt. Sie wirken nicht erzwungen.


Die Autorin scheut sich auch nicht, sympathische und mit sehr viel Liebe zum Detail in die Handlungsbögen integrierte Charaktere zu töten. Musterbeispiel wäre der klassisch ausgebildete Schauspieler Duncan Martin. Anfangs gilt er als sehr exzentrischer Farbtupfer in der rauen Frontiernatur gibt sie ihm eine eigenständige und vor allem überzeugende Existenz. Seine Darbietungen Shakespeare unterhalten nicht nur die Siedler, sie werfen einen Schatten auf die kommenden, dunklen Ereignisse. Martins tragisches Schicksal berührt schließlich die Leser. Das zeigt, wie sorgfältig Nancy Kress ihre Hausaufgaben gemacht hat und die einzelnen Figuren aus verschiedenen Blickwinkeln beschrieben dreidimensional charakterisiert hat. Dabei stimmen nicht nur die einzelnen Züge, sondern die Autorin bemüht sich auch die unterschiedlichen Motive und Triebfedern sehr überzeugend darzustellen. Auch der Antagonist Julian Martin ist nicht nur ein selbstsüchtiger Verbrecher, seine Ausstrahlung ist faszinierend, eine klassische Führergestalt, aber auch ein verschlagener, selbstsüchtiger und schließlich brutal gefährlicher Diktator. Die menschlichen Eitelkeiten und Konflikte werden überschattet durch den Krieg zwischen den Pelzwesen und den Ranken. Kress zeigt allerdings auf, dass das Verstehen einer fremden Rasse nur durch das Überwinden der eigenen Barrieren funktioniert. Im ersten Band konzentriert sie sich auf die Kolonisation einer fremden Welt und den ersten Kontakt mit fremden Wesen, in diesem Band erweitert sie das Spektrum um einen charismatischen Bösewicht. Dabei lenkt sie nicht vom eigentlichen Geschehen ab, sondern zeigt mit verblüffend einfachen Mittel die Gefahr der Verführung. Die Siedler von Mira City urteilen in mehreren Situationen vorschnell und dadurch falsch über die Außerirdischen und spiegelbildlich zeigt die Autorin, dass diese Vorgehensweise historisch im Menschen verankert ist. Nicht kritisierend, sondern mahnend.

„Feuerprobe“ ist ein weiterer Beweis, dass die Science Fiction zwischen den beiden zur Zeit vorherrschenden Extremen der barocken britischen Space Opera und den militärischen Exzessen auf den Wurzeln des Golden Age basierend eine interessante, eine lesenswerte Zukunft hat.

Nancy Kress: "Feuerprobe"
Roman, Hardcover, 492 Seiten
Bastei 2006

ISBN 3-4042-4353-6

Weitere Bücher von Nancy Kress:
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