|
rezensiert von Thomas Harbach
Der leider viel zu früh verstorbene Charles Sheffield ist einer der Autoren, die mit einer Reihe von wissenschaftlichen fundierten Hard Science Romanen in Erscheinung traten. Mit einer gut geschriebenen Mischung aus Arthur C. Clarke und Ben Bova reformierte er nicht dieses Subgenres, sondern reihte sich in eine Phalanx von lesbaren und unterhaltenden Autoren wie Greg Bear oder Jack McDevitt ein.
Das seine Romane in ihrem Kern kritischer, moderner und überdenkenswerter sein könnten, belegt er zumindest mit dem Auftaktkapitel von "Kalt wie Eis". Der Krieg zwischen der Erde und den Satelliten - den besiedelten Kolonien im Sonnensystem - ist zu Ende. Eines der letzten Opfer ist ein kleines Explorerschiff mit seiner Besatzung aus Forschern und Kindern. Eine intelligente Sonde entdeckt das Schiff und vernichtet es. Kurz vor dem Einschlag kann die Besatzung noch einen Teil der Kinder an Bord von Rettungsbooten aussetzen. Das große Geheimnis ist die Tatsache, dass das Schiff von den eigenen Leuten vernichtet worden ist. Nach diesem dunklen, dramatisch- beklemmenden Auftakt schwenkt das Geschehen in die Jetztzeit. Ein Team von Forschern wird zusammengestellt, um nach den Überresten des Schiffes zu suchen.
Ausführlich, fast schon weitschweifig stellt Sheffield die einzelnen Expeditionsteilnehmer vor. Dabei scheut er sich nicht, auf menschliche Charakterschwäche expliziert hinzuweisen, macht allerdings den Fehler, diese Schwächen ans Tageslicht zu ziehen, bevor der Leser sich mit den Figuren auseinandersetzen konnte. Diese frühzeitige Negierung der Protagonisten stört den zu diesem Zeitpunkt zum Stillstand gekommenen Handlungsfluss ungemein.
Was bei der Charakterisierung der Figuren störend auffällt, ist positiv bei der Interaktion zwischen den einzelnen Personen zu vermerken. Wie kaum ein anderer der oben erwähnten Autoren kann Sheffield Beziehungen und Freundschaften plastisch, überzeugend und mitreißend erzählen. Die Liebesgeschichten reichen von unreif bis tiefgehend, die Freundschaften werden auf harte, aber realistische Proben gestellt und halten nicht immer diesen Belastungen stand.
Nachdem sich Charles Sheffield mit seinen Lesern durch die verschiedenen zum Teil unübersichtlichen Eingangsszenarien durchgekämpft hat, konzentriert sich der Autor kurzeitig auf seinen spannend angelegten und geheimnisvollen Plot. Immer wieder greift er auf die Vorgeschichte des unheilvollen Krieges zurück und lässt seine Figuren unterschiedliche Theorien entwickeln. Im Gegensatz zu einem packenden und Legende bildenden Nachkriegsroman wie Jack McDevitts "Die Legende von Christopher Sims", in welchem der Autor systematisch einen der großen Kriegshelden durch die Nachforschungen eines fernen Verwandten demontiert, gelingt es Sheffield nicht, diese Untersuchungen dem Leser überzeugend darzulegen. Zu oft fängt er geschickt eine weitere Handlungsebene an, die nach einiger Zeit in die tragischen zwischenmenschlichen Beziehungen einfließt und sich dann im wahrsten Sinne des Wortes in den Tiefen des Alls auflöst.
Auch die grundlegende Geschichte wird vom Autoren unbefriedigend und auf eine potentielle Fortsetzung deutend gelöst. Nach mehr als vierhundertfünfzig Seiten stellt sich der Betrachter unwillkürlich die Frage, ob jemand in diesem zukünftigen Sonnensystem jetzt klüger geworden ist. Es ist nicht die Frage, ob eine Expedition ein Erfolg oder Misserfolg ist, die einzelnen Teilnehmer sollten in einem gelungenen Roman zumindest innerlich an der gestellten Aufgabe reifen - das Grundthema des Abenteuerromans schlechthin -. Dieses Element ignoriert Sheffield mit Bedacht und liefert einen oberflächlich sehr unterhaltsamen routiniert geschriebenen und wenig überzeugend konstruierten Roman ab. Hinzu kommt der fehlende fließende Stil, der andere Autoren auszeichnet. Fast schon gehetzt und aus Angst, den Leser durch zu tiefgehende und wissenschaftlich fundierte Erklärungen zu verscheuchen, kann sich Sheffield in keinem Kapitel entscheiden, ob er mehr oder besser weniger berichten sollte. Dabei sind diese Elemente weder für den Plot noch sein Universum entscheidend. Wichtiger wäre eine konzentrierte Aufdeckung der in der Eingangssequenz geschilderten Vorgänge, eine bedrohliche aktuelle Situation - die Zerstörung des bewohnten Mondes wirkt eher wie aus einem schlechten James Bond entliehen denn ein geschickt eingesetzter erzähltechnischer Schachzug.
Betrachtet man diesen Roman als Ganzes, dann fallen die einzelnen unkonzentrierten Abschnitte immer wieder störend auf. Dazwischen sind einzelne Sequenzen, in denen Sheffield als Autor und Erzähler überzeugen kann. Diese Höhepunkt verbindet der Autor mit der Motivation einer Auftragsarbeit gegenüber und keiner Herzensangelegenheit. Diese Gleichgültigkeit spürt der Leser in einzelnen Passagen. Nicht umsonst ist Sheffield einer der wenigen modernen Autoren, die für fast jede Neuauflage seiner Romane das grundlegende Manuskript komplett umgearbeitet und mehr als einmal unter einem neuen Titel herausgebracht hat. Das unterstreicht dessen Unzufriedenheit und den Hang zur Selbstkritik seinem Oevre gegenüber. Der Roman bleibt an der Oberfläche und hinterlässt bei seinen Lesern das Gefühl, weder etwas für den Magen noch den Geist getan zu haben.
Charles Sheffield: "Kalt wie Eis"
Roman, Softcover, 493 Seiten
Bastei 2004
ISBN 3-4042-4331-5
Leserrezensionen
:: Im Moment sind noch keine Leserrezensionen zu diesem Buch vorhanden ::
:: Vielleicht möchtest Du ja der Erste sein, der hierzu eine Leserezension verfasst? ::
|