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Science Fiction (diverse)



Tobias S. Buckell

Kristallregen

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Kristallregen“ aus der Feder Tobias Buckell legt der Bastei- Verlag den ersten Roman eines ambitionierten amerikanischen Science Fiction Autoren auf. Buckell ist bislang in erster Linie durch eine Reihe von Science Fantasy Geschichten vor sehr exotischen, aber überzeugend entwickelten Hintergründen aufgefallen. Dabei gelang es ihm, nicht nur eine fremdartige Atmosphäre sehr überzeugend zu erschaffen, sondern vor allem glaubwürdige Protagonisten spannende Abenteuer erleben zu lassen. Ein Hauch von Pulp, wie ihn in erster Linie Phillip Jose Farmer geschrieben hat. In „Kristallregen“ gelingt es Buckell, seine Stärken als Kurzgeschichtenautor in die längere Form des Romans zu übertragen. Im Vergleich zu vielen anderen Autoren, deren Romane einen gewissen Umfang nicht zu unterschreiten dürfen, erzählt Buckell im englischen Original auf knapp mehr als dreihundert Seiten eine ungewöhnliche konzentrierte Geschichte, die nur gegen Ende des Spannungsbogens in sehr unruhiges Fahrwasser gerät. Hier hat der Autor versucht, auf der einen Seiten seine Handlung zufrieden stellend zu beenden, auf der anderen Seite aber mit seinen Figuren gekämpft. Es geht ja in einer guten Geschichte nicht nur um den eigentlichen Plot, sondern die Charaktere müssen für den Leser greifbar, sympathisch oder unsympathisch sein. Am Ende von „Kristallregen“ bleibt das unbestimmte Gefühl, als wolle es Tobias Buckell allen recht machen und keinem wird Genüge getan. Ihm fehlt noch das Gefühl für das richtige Tempo, es wäre sinnvoller gewesen, den Epilog noch etwas auszubauen und den Leser nicht so abrupt aus der Geschichte zu reißen. Sehr positiv dagegen ist die Tatsache zu vermerken, dass Buckells MacGuffin, den alle in der Tradition der alten Hitchcock Thriller jagen, ausführlich erläutert wird. Das Objekt der Begierde entpuppt sich nicht nur als relevant, sondern wird plottechnisch sehr gut integriert. Er widersteht der Versuchung, diesen ominösen, seit Generationen versteckten Gegendstand ins Lager der Wunder zurücken, sondern gibt ihm eine nachvollziehbare Bedeutung. An anderen Stellen fordert es schon den sense- of- believe bei seinen Lesern heraus. Die Geschichte spielt auf einer größeren Halbinsel namens Nanagada. Auf ihr leben Menschen, deren Wurzeln in der irdischen Karibik sind. Der Leser kann aber nicht mit Bestimmtheit sagen, ob die Handlung in einer fernen Zukunft auf fremden Welt spielt oder doch vielleicht auf einer technologisch und intellektuell zurückgefallenen Erde. Ein großer Berg schützt die Menschen vor den bösartigen Azteca. Dieses aggressive Volk bedroht die kleinen Menschensiedlungen und überfällt sie mit der Regelmäßigkeit eines Uhrwerks. Dabei nehmen sie Menschen gefangen und opfern sie ihren Göttern. Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine weitere Invasion der Fremden und wie dieser Angriff verschiedene Menschenleben beeinflusst. Bislang könnte die Geschichte auch im Zeitalter von Mel Gibsons Film spielen. Erst nach und nach gibt der Autor weitere Informationen frei. Es ist eine ehemalige Kolonialwelt, die ihre Verbindung mit der Muttererde nach einem intergalaktischen Krieg mit Außerirdischen verloren hat. Die Prämisse überzeugt in erster Linie durch Toboias Buckells sehr warmen, sehr angenehmen Stil. Die Ideen, das aus der alten Zeit noch ausreichend unbekannte Technologie herumliegt, das ein Fremder, der vor einigen Jahren in einem der Dörfer gestrandet ist, sein Gedächtnis verloren hat und vielleicht den Schlüssel für eine bessere Zukunft in Händen hält, sind bei weitem nicht neu. Was allerdings überzeugend wirkt, ist die Ausgestaltung dieser unfertigen Charaktere. John deBrun lebt zu Beginn des Buches immerhin schon 27 Jahre auf dieser Welt. Er hat geheiratet, einen Sohn und trotzdem ist seine Existenz aufgrund des Gedächtnisverlusts brüchig. Im Vergleich zu deBrun ist der Leser im Vorteil. Er ahnt, dass sich in seinem verschütteten Gedächtnis wenn auch nur der fiktiven Geschichtstradition folgend eine wichtige Information befindet. Als er schließlich zum Ziel verschiedener Gruppen wird, die ihn nach seiner Flucht aufgrund des neuerlichen Überfalls suchen, wird die Vermutung zur Realität. Hier kann Buckell nicht zuletzt aufgrund der Struktur seines Plots nicht viele neue Ansätze anbieten und muss seinem erzählerischen Talent vertrauen. Mit Parallelhandlungen versucht der Autor das Spannungselement sogar noch zu erhöhen. Dabei wirken die Sprünge zwischen den Handlungssträngen teilweise zu hektisch und unnötig forciert. Innerhalb der einzelnen Spannungsbögen findet Buckell genügend Möglichkeiten, das Interesse seiner Leser aufrechtzuerhalten und seine Story geschickt, aber rasant zu erzählen. Im Gegensatz zum Verfasser muss sich der Leser erst auf dieser Welt zurechtfinden und der sehr komprimierte Aufbau bestraft jegliches Querlesen. Dabei sind die Dialoge nicht unbedingt Buckells Stärke. Sie wirken teilweise noch steif und neigen zu unnötigen Erklärungen, während im Allgemeinen die Handlungen der Personen Bände sprechen könnten. Was „Kristallregen“ allerdings von der Unzahl ähnlicher Science Fiction Romane unterscheidet, ist Buckells Fähigkeit, seine Charaktere nuanciert und vielschichtig zu beschreiben. So sind zwei der Hauptfiguren – wie der Leser erst später erfährt – auf dem Planeten nach einem wahrscheinlich hunderte von Jahren andauernden Flug in einer Rettungskapsel gestrandet. Der menschliche Verstand hat diese Ereignisse nicht mehr verarbeiten können. Das führte sie dem entsprechenden Black Out.

Allerdings fordert Buckell seine Leser auch an einigen Stellen zu sehr heraus. Das sich der auf der von der Erde bekannten Aztekenkultur basierende göttliche Teil der aggressiven
Rasse schließlich als Außerirdische Invasoren herausstellt, welche ihre Untergebenen gnadenlos manipulieren, hat man schon in Filmen wie „Stargate“ gesehen. Buckell macht zumindest nicht den Fehler, auf diesem dürftigen Handlungsfaden einen großen Teil des Plots aufzuhängen, sondern streift diese Thematik eher beiläufig. Viel störender ist die Tatsache, dass Buckell den sehr guten Beginn seines Buches nicht durchhalten kann. Zu Anfang des Romans beschreibt er eine auf karibischen Wurzeln basierende Kultur, deren Überleben empfindlich gestört wird, die ihre bisherige Lebensart ablegen müssen und um ihre Zukunft kämpfen müssen. Diese plötzliche Veränderung extrapoliert der Autor allerdings nicht folgerichtig und damit überzeugend weiter, sondern verändert die Prämissen der Geschichte. Spätestens ab der Mitte des Buches wird aus dem Plot der Konflikt zwischen den außerirdischen Invasoren und zwei ehemaligen Raumsoldaten, die durch einen Zufall auf dieser Welt gestrandet sind. Diese Veränderung ist weder plottechnisch sauber integriert worden, noch reizt sie den Leser nach dem interessanten Auftakt. Das Buch ist noch weit weg von den Klischees der Miltary Science Fiction, aber es wirkt durch diese Veränderung uneinheitlich und hinterlässt impliziert den Eindruck, als hätte Buckell mehrere Ideen zu einem stringenten Roman zusammengeführt. Diese Uneinheitlichkeit und fehlende Stimmigkeit zeichnen nicht nur den vorliegenden Roman aus. Auch John Scalzis „Krieg der Klone“ leidet unter den gleichen Schwächen. Im Vergleich zu „Kristallregen“ ist allerdings der Anfang klischeehaft und stilistisch unbefriedigend geschrieben, während die zweite Hälfte des Buches packender wird. Bei „Kristallregen“ folgt auf den guten Anfang manchmal zu viel Bekanntes. Trotzdem lässt sich der vorliegende Roman gut lesen, es gibt sehr viele interessante und auch originelle Ideen. Stilistisch hat sich Tobias Buckell für – wiederum im Original – sehr kurze, prägnante Sätze und Kapitel entschieden. Das erleichtert die Lektüre ungemein. Trotzdem ist die eigentliche Handlung nicht einfach angelegt, sie ist nur geradlinig erzählt. „Kristallregen“ ist ein sehr guter Debütroman, der an die frühen Werke Philip Jose Farmers erinnert, ohne dessen Verspieltheit und Exzentrizität zu erreichen. Insbesondere die zweite Hälfte des Plots mit der obligatorischen doppelten Suche unterstreicht Buckells Stärken als aufstrebender ideenreicher Autor mit tiefen Wurzeln in der karibischen Kultur.

Tobias S. Buckell: "Kristallregen"
Roman, Hardcover, 550 Seiten
Bastei- Verlag 2007

ISBN 3-4042-3316-6

Weitere Bücher von Tobias S. Buckell:
 - Streuner

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