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rezensiert von Thomas Harbach
Mit „Die Tödlichen“ legt Kristine Kathryn Rusch ihren inzwischen dritten Roman um den Lokalisierungsspezialisten Miles Flint vor. Die Mischung aus Krimielementen, einem einsamen hard boiled Helden in der Tradition Raymond Chandlers und schließlich einer futuristischen Umgebung, die sich von Scotts „Blade Runner“ hat inspirieren lassen, scheint zu funktionieren. Dabei konnten die ersten beiden Bände der Serie in erster Linie über ihre Charaktere und weniger über ihren stringenten Plot überzeugen. Mit „Die Tödlichen“ soll alles anderes werden. Und dieses Ziel erreicht ein routinierter Autor am Besten, in dem er seinen Protagonisten in einem brutalen Mordfall zum Hauptverdächtigen macht und dann auf eigene Faust ermitteln lässt.
Zu Beginn des Buches bringt Miles Flint – diese Szenen werden nicht chronologisch, sondern in einer Art Parallelmontage erzählt – eine untergetauchte Frau zu ihren Eltern zurück. Ihre Eltern sind Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Ihre Tochter hat sich vor vielen Jahren auf einer fremden Welt einer Rebellengruppe angeschlossen. Inzwischen sind dreißig Jahren vergangen und die Aufständischen haben eine Generalamnestie erhalten. Kaum hat Miles die Familie zumindest körperlich wiedervereint, werden die drei Menschen auf brutale Weise ermordet. Ein unbekannter Täter hat sich in deren gut gesichertes Haus geschlichen und insbesondere die junge Frau, die Miles gerettet hat, mit einem Schuss ins Gesicht verstümmelt. Die elektronische Überwachung hat nur einen Schatten festgehalten, der allerdings eine latente Ähnlichkeit zu Miles Flint haben könnte. Im Gegensatz zu Miles Flint scheint der Leser zumindest die vordergründigen Motive ahnen zu können, denn in einer weiteren Parallelmontage berichtet Rusch von einer geheimen Konferenz zwischen Menschen und Außerirdischen auf einem anderen Planeten. Mitglieder der menschlichen Konferenzteilnehmer verfügen über eine bewegte Vergangenheit, die in einem engen Zusammenhang mit dem Aufstand und der extrem blutigen Niederschlagung auf dieser Welt vor über dreißig Jahren stehen. Anscheinend erheben sich die Schatten dieser Vergangenheit, um etwas abzuschließen, was in den damaligen Auseinandersetzungen untergegangen ist.
Insbesondere Jack McDevitt hat mit seinen ebenfalls bei Bastei erscheinenden Romanen exzellent bewiesen, dass die Vergangenheit nicht nur einen entscheidenden Einfluss auf die Gegenwart haben kann, das selbst kommerzielle Archäologie einen für den Leser sehr spannenden Stoff bilden kann. Das liegt nicht zu letzt an McDevitt mitreißendem Stil. Ganz bewusst stellt er seine Protagonisten auf die Perspektivebene des Lesers und mit seinen Helden zusammen löst dieser die Rätsel der Vergangenheit und begegnet den Wundern des Universums. In dieser besonderen Kategorie farbenprächtiger Space Oper hat sich McDevitt zu einem wahren Meister entwickelt. Es wäre jetzt vermessen, Rusch neuen Roman alleinige aufgrund dieser Prämisse zu beurteilen und zu kritisieren. Aber sie muss sich zumindest der Tatsache stellen, dass es ihr nur im Mittelteil des Buches wirklich gelingt, Spannung zu erzeugen. Sie baut die Prämisse, den Katalysator des Plots sehr geradlinig auf. Der Leser lernt zum wiederholten Male die Geschäftsideale des Protagonisten Miles Flint kennen. Seine Überlegenheit als Hacker und seine – wenn auch teilweise fragwürdige – Integrität als Lokalisierungsspezialist. Dann geschieht der Mord, die Handlung blendet auf Flints ehemalige Kollegin und jetzige Polizisten über. Im Gegensatz zu ihr weiß der Leser schon aufgrund der Entwicklung der Handlung, das es sich bei den Toten um die eben kennen gelernten Charaktere handeln muss. Flints Zirren ist für einen Neueinsteiger in die Serie sicherlich interessant, wer allerdings die ersten beiden Bücher gelesen hat, möchte diesen Wiederholungspart am schnellsten überblättern. Obwohl Miles Flint inzwischen seinen dritten Fall übernimmt, ist der Leser mit seinem Charakter noch nicht warm geworden. Sein tragischer Hintergrund mit dem Tod seiner Tochter, sein hartes Training durch eine der bis dahin besten Lokalisierungsspezialisten, seine verschlossene Art, welcher die melancholische Härte eines Sam Spade oder eines Marlowe fehlen wirken wie Versatzstücke, sklavisch von der Autorin zu einem Ganzen zusammengesetzt, das zu wenig Eigenleben entwickelt. Miles Flint übernimmt den Fall nicht nur, weil er plötzlich von einem einfachen Lokalisierungsspezialisten zu einem Tatverdächtigen wird, er übernimmt den Fall, weil es ihm gegen die Ehre geht, das seine Klienten auch nach dem Abschluss des Auftrages einfach ermordet werden. Er hintergeht seine ehemalige Kollegin und nutzt ihre Zugangscode, um sich über den Fall zu informieren, weil man so etwas als sehr guter Hacker und Einzelgänger einfach macht. ER hilft ihr nicht, weil das gegen seine sehr flexible Berufsehre seinen Klienten gegenüber verstößt. Lieber ermittelt er auf eigene Faust und hier hilft ihm besonders nach den ersten Schritten der Zufall. Insbesondere im Mittelteil des Buches gelingt es Rusch nicht immer überzeugend, Miles Flint Ermittlungsschritte als harte Arbeit darzustellen. Rückblickend macht sie es sich noch einfacher. Jack McDevitt verzichtet in einigen seiner Romane – wenn eine menschliche Bedrohung erforderlich ist – darauf, den Täter überhaupt vor seiner Entlarvung in die Handlung einzuführen. Erst wird das Motiv ermittelt und dann der passende Mörder/Attentäter präsentiert. Kristine Kathryn Rusch verzichtet auf diese Notwendigkeit und führt im Verlaufe ihres vorliegenden Buches eine Reihe von Auftraggebern, aber leider nur einen möglichen psychopathischen Täter ein. Alle anderen Verdächtigen eliminieren sich sehr schnell selbst durch ihre Handlungsweise bzw. dank Miles Gesprächen. Das nimmt dem Roman sehr viel an Spannung und wenn die Autorin mit der Fiktion der Revolutionsgeschichte aufhört, wird dieser Paukenschlag im Vergleich zu einem Jack McDevitt mit einer absurden Gleichgültigkeit behandelt. Weiterhin fügt sie nicht alle Teile des Puzzles konsequent zusammen. Diese Schwäche hat auch schon die ersten Romane der „Retrievel Artist“ Serie betroffen. Insbesondere der Auftaktband leitet darunter am meisten. Im vorliegenden „Die Tödlichen“ wäre es sinnvoller gewesen, die aktuellen Ereignisse in einen sehr engen Zusammenhang mit diesen Enthüllungen zu stellen. Feier des 30. Jahrestags mit der Einweihung eines überdimensionalen Denkmals für das Kindopfer der Rebellen. Am Ende des Buches nimmt Rusch in einer emotional gut geschriebenen Szene diese Idee auf einer menschlichen Ebene wieder auf und zeigt Miles Flint als vielschichtigeren Menschen. Aber bis zu diesem Augenblick ist es nicht nur ein weiter Weg, sondern vor allem auch den handlungstechnische Höhepunkt, der Showdown wird so beiläufig abgehandelt, das der Leser die Szenen ein weiteres Mal lesen muss, um zu glauben, das der Roman zu Ende sein könnte.
Trotz dieser Schwächen ist „Die Tödlichen“ ein deutlich besserer Roman als der Auftaktband. Rusch hat sich jetzt in die von ihr entworfene Welt eingearbeitet und die logischen Schwächen fallen über weite Strecken weg. Die Handlung ist konsequenter und stringenter. Die zweite Idee, die ehemalige Rebellenwelt jetzt von der Industrie unter dem Schutz der Allianz auszubeuten und zu industrialisieren, ist zu mechanisch umgesetzt worden. Hier wäre es sinnvoller gewesen, die betreffenden Ereignisse der Vergangenheit mehr in den Vordergrund zu stellen und dem Leser die Möglichkeit zu geben, das Geschehen besser zu beurteilen. Miles Flints Ermittlungsarbeit ähnelt dem Vorgehen insbesondere im zweiten Band und der Krimiplot ist noch zu sehr dem Zufall untergeordnet. Alles in allem ist der dritte Band der Serie keine Steigerung gegenüber „Die Lautlosen“, der mit einem überzeugenden Mordanschlag während eines Mondmarathons natürlich gleich die Aufmerksamkeit der Leser für sich verbuchen kann. Rusch Stil ist weiterhin sehr emotionslos und ihr gelingt es nur selten, eine wirklich Sympathieebene zwischen dem Leser und ihren Figuren aufzubauen. Auf der anderen Seite hält der Plot zumindest über weite Strecken bis zum enttäuschenden Ende zusammen und die im Grunde nicht überraschenden Enthüllung der manipulierten Berichterstattung während der Revolution überrascht außer Miles Flint keinen Leser. Ein unterhaltsamer Roman mit einigen Schwächen, aber auch einigen wenigen sehr interessanten Szenen.
Kristine Kathryn Rusch: "Die Tödlichen"
Roman, Hardcover, 426 Seiten
Bastei- Verlag 2007
ISBN 3-4042-3313-1
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