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Science Fiction (diverse)



Kristine J. Rusch

Die Lautlosen

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Die Lautlosen“ liegt der zweite Roman der „Retrievel Artist“ Serie aus der Feder Kristine Kathryn Ruschs vor. Für ihre zugrunde liegende Novelle ist sie für den HUGO Award nominiert worden. Seit dem Beginn ihrer literarischen Karriere mit den ersten Kurzgeschichtenveröffentlichungen 1987 bis zum ersten Erfolg 1990 mit der Auszeichnung durch den John W. Campbell Award ging es steil bergauf. Danach verflachte ihre literarische Kurve, sie passte sich mit Adaptionen von Fernsehfilmen und einigen sehr guten Kurzgeschichten im Vergleich zu den unterhaltsamen oberflächlichen Romanen im Grunde dem Genre selbst an. Sie ist eine kompetente Autorin, die mit eher zweidimensionalen Charakteren den Leser sehr gut unterhalten kann. Was ihr vor allem fehlt, ist die Brillanz, aus einem gewöhnlichen Plot einen ungewöhnlichen Roman zu machen. Sie ist eine reine Ideenautorin, funktioniert die Idee sehr gut, dann ist die Geschichte überdurchschnittlich unterhaltsam, funktioniert der zugrunde liegende Handlungsbogen nur mit Einschränkungen oder überhaupt nicht, dann fehlt ihr die schriftstellerische Ambition, aus dem vorhandenen Material das Beste zu machen. Es scheint, als wenn sie sich aus dem Schatten des vollkommen überschätzten Kevin J. Anderson – dem Idealbild des Lohnschreibers per se – nie richtig hat lösen können. Mit „Die Lautlosen“ zeigt Kristine Rusch, das sie ein verlässlicher Autor mit durchschnittlichen Fähigkeiten ist, der gut und zielstrebig eine Geschichte erzählen kann, im Leser selbst wenig Faszination auslösen kann.

Ihr neuer Roman „Die Lautlosen“ ist mehr eine futuristische Mystery- Geschichte mit eindeutigen Elementen des Polizeiromans als ein Science Fiction Roman. Die Kombination aus Krimi und SF kann sehr gut funktionieren, wenn die Autoren wirklich eine Synthese aus beiden Genres einstreuen und vor allem die Gesetze des Kriminalromans mit neuen Ideen erweitern. David Brin hat das unlängst nicht immer erfolgreich, aber zumindest ansatzweise herausragend in „Kill´n People“ vorgemacht. Ruschs Problem mit dem vorliegenden Roman liegt in der Tatsache begründet, dass sie erstens ihren Plot in die von ihr entwickelte Welt der absichtlich Verschwundenen – diese setzen sich in erster Linie vor den strengen außerirdischen Gesetzen ab – integriert und zweitens bei ihrem Handlungsstrang zu viele Kompromisse eingehen muss, um ihre Charakteren den Hauch einer Chance zu geben, den Mord aufzuklären. Ganz bewusst hat die Autorin den Roman in drei Handlungsebenen aufgeteilt. Da ist zum einen der spektakuläre Fund während des Mondmarathons. Eine Frauenleiche wird mitten auf der Strecke gefunden. Es ist eine der Geschäftsführerinnen von „Extremes“, die sich auf diese Extremsportarten spezialisiert hat. Was anfänglich wie ein Unfall aufgrund defekten Raumanzuges aussieht, wird schnell zu einer Mordermittlung. Die hinzugezogenen Beamten sind allerdings zu Beginn trotz aller Ambitionen überfordert. Auf der zweiten Handlungsebene lernt der Leser eine geheimnisvolle Frau kennen, die in erster Linie an der DNA der Sportler interessiert ist. Ihre Ambitionen bleiben vorerst im Dunkeln, aber insbesondere die Einführung dieser Figur lenkt zu schnell den Verdacht des Lesers in eine bestimmte Richtung. Die dritte Handlungsebene zeigt Miles Flint, den Protagonisten aus den bisherigen Geschichten, der von einer Anwaltskanzlei beauftragt wird, eine Wissenschaftlerin zu suchen. Diese gilt als verstorben. Ihre Experimente haben vor vielen Jahren in einem der Dome auf dem Mond zu einer Katastrophe geführt. An dem freigesetzten Virus sind viele Menschen gestorben. Jetzt versucht die Anwaltskanzlei vordergründig auf Initiative ihres verstorbenen Vaters, dessen Testament umzusetzen und ihre Namen rein zu waschen. Zwischen diesen Fronten steht noch Miriam Oliviari, ein klassischer Tracker. Diese suchen die Verschwunden aus kommerziellen Gründen, während klassische Retrievel Agents wie Flint in erster Linie den Verschwunden zu Hilfe eilen wollen.
Betrachtet der Leser den eigentlichen Plot, ahnt er schon schnell, wer das Opfer auf dem Mond nicht ist und wer es nur sein könnte. Rusch hat natürlich die Schwierigkeit, sich auf eine Handvoll von Subplots konzentrieren zu müssen und versierte Krimileser können schon nach der Ausschlussmethode schnell erkennen, dass die unterschiedlichen Ermittlungen von Oliviari und Flint auf der einen Seite, die Mordermittlungen auf der anderen Seite in einem engen Zusammenhang stehen. Hier ist Rusch allerdings eine zu routinierte Autorin, um die Gesetze des Genres zu verletzen und den Leser zu belügen. Die Jagd nach der Unbekannten und die Gefahr, ein neuer Virus – ob absichtlich oder durch eine Verkettung von unglücklichen Umständen freigelassen, bleibt offen – auf dem Mond zuschlagen könnte, erhöht die Dramatik dieser Ermittlungsarbeit. Obwohl sie in der Handlung nur eine untergeordnete Rolle spielt, ist die verschwundene Wissenschaftlerin eine charismatische Persönlichkeit, deren Skrupellosigkeit und Vergangenheit ganz bewusst gegen die klassischen Klischees des verrückten Forschers in James Bond Antagonistenmanier gezeichnet worden ist. Leider macht Kristine Rusch am Ende des Romans den unverzeihlichen Fehler, ihren Charakter wieder auf einen Egomannen mit Selbstüberschätzungstrieb zu reduzieren, der nicht mit der fatalistischen Haltung ihrer Antagonisten rechnet. Trotzdem gehört die Jagd im mondnahen Raum zu den besten Szenen des Buches.

Viel schwächer ist die Charakterisierung der einzelnen Protagonisten. Insbesondere Miles Flint wirkt nach dem ersten Roman eindimensional. Rusch fügt seinem Profil keine neuen Facetten hinzu. Das einer der ermittelnden Polizisten auf dem Mond ein früherer Partner von ihm gewesen ist, hätte für deutlich mehr Spannungen zwischen den beiden sehr unterschiedlichen Protagonisten führen können und im Grunde führen müssen. Ganz bewusst hat Rusch den zugrunde liegenden Plot so angelegt, dass bis auf die gesuchte Wissenschaftlerin alle ihre bisherigen ethischen Prinzipien zumindest kompromittieren müssen, um erfolgreich den Fall zu lösen. Diese Beugung der bisherigen Prinzipien hätte ein deutliches Konfliktpotential in sich tragen müssen, alleine die Wellen, die geschlagen werden, erinnern an den obligatorischen Sturm im Wasserglas und wirken eher konstruiert. Dabei hat sich die Autorin insbesondere zu Beginn des Buches auf der Flinthandlungsebene bemüht, einen exzentrischen, aber selbstbewussten Charakter zu zeichnen, der auf Geld nicht angewiesen ist und eher seinen Prinzipien folgt. Im Verlaufe der Ermittlung beginnt sie dieses Gegengewicht gänzlich aus den Augen zu verlieren und verfängt sich in einem Wust von Phrasen. Insbesondere in Hinblick auf ihre aufgebaute Gesellschaft beginnt sie an die Grenzen der Glaubwürdigkeit zu stoßen. Das Menschen immer wieder verschwinden und sich der Verantwortung entziehen, ist nach nachvollziehbar. Aber diese Fluchten sind geplant und je höher die Fliehenden in der Hierarchie gestanden haben, von langer Hand vorbereitet. Das es lukrativ ist, neben den üblichen Kopfgeldjägern auch noch eine zweite Klasse von heimlichen Supportern zu erhalten, erscheint unwahrscheinlich. Wenn die Retrievel Artist diese Flüchtigen finden, dann können es die Behörden und die Kopfgeldjäger auch. Es geht hier ja nicht um normale Menschen mit einem durchschnittlichen Einkommen, sondern um gewichtige Persönlichkeiten. Dazu kommen die unglaublichen Honorare, welche diese Retrievel Agent von den Angehörigen verlangen. Unabhängig von dieser außergewöhnlichen Konstruktion, die weitaus mehr Überzeugungsarbeit verlangt als die Autorin anzubieten bereit ist, hat der folgende Roman einen weiteren Mangel: Flints Fähigkeit als Retrievel Artist werden überhaupt nicht benötigt, es gibt keinen Menschen, der von Angehörigen gesucht und gefunden werden soll. Und obwohl Flint im Grunde seinem Auftraggeber gänzlich ergeben sein soll, löst er schließlich das Problem auf eine direkte nihilistische Art. Die gesamte moralische Argumentationskette wird mit einem Schlag aufgelöst und der übergeordnete Spannungsbogen bricht zusammen.

„Die Lautlosen“ ist kein schlechter Roman. Gehobene Unterhaltungsliteratur, solange der Leser sich weigert, über den Plot nachzudenken. Er muss sklavisch den Mechanismen der Handlungskonstruktion folgen. Beginnt er an einer Stelle den Plot und die von Kristine Rusch entwickelte Welt zu hinterfragen, bricht das ganze Konstrukt zusammen. Solange er im Gegensatz zu den Protagonisten die Fakten akzeptiert, wird er zumindest kurzweilig unterhalten. Insbesondere der Showdown gehört zu den besseren Szenen, die Kristine Rusch in ihrer jetzt fünfzig Bücher umfassenden Karriere geschrieben hat.


Kristine J. Rusch: "Die Lautlosen"
Roman, Softcover, 444 Seiten
Bastei Taschenbuch 2007

ISBN 3-4042-3310-7

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