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rezensiert von Thomas Harbach
In seinem neuen Roman widmet sich der englische Ausnahmefabulierer Neal Asher dem Thema Zeitreise. Dabei kombiniert er die Grundzüge seiner früheren Werke mit einer neuen, originell gestalteten Handlung. Wieder spielen Monster, riesige überdimensionale Waffen, große „zeitlose“ Schlachten, seelenlose Männer, die im Laufe der Ereignisse ihre innere Ruhe finden und emotionale Frauen, die ihrem Leben einen neuen Sinn, geben die entscheidenden Rollen. Doch Asher geht in seinem neuen Buch einen Schritt voran. Er hat inzwischen erkannt, in welchen Bereichen seine Stärken liegen und was er ändern muss. Die grundlegende Ausrichtung dieses Romans ist wieder einzigartig anders und faszinierend, doch der Autor entwickelt die Geschlossenheit seines Werkes konsequent und einfallsreich weiter. Im Gegensatz zu einer Reihe anderer Autoren mit Verträgen über mehrere Bücher unterliegt er nicht dem Paradox, eine Fortsetzung zu schreiben, die anders und doch gleich sein soll. Er liefert dagegen eine Zeitreisegeschichte ab, die sich mit Paradoxen auseinandersetzt.
Dabei ist Ashers Rezept sehr einfach: er bemüht sich, eine neue Vision mit stilistisch anspruchsvoll erzählten Passagen und grellen kräftigen Bildern unter Beimischung diverser Urelemente des Subgenres wie Vermeidung von Manipulationen im Zeitstrom zu einem originellen Gesamtkomplex zu verbinden. Die einzelnen Bestandteile, aus denen sich seine Romane zusammensetzen, variieren nur im eingeschränkten Rahmen, doch ihm gelingt jedes Mal mit Hilfe einiger Gewürze eine originelle Rezeptur. Die Science Fiction bietet entweder einem sehr guten Autoren die Möglichkeit, in seiner Konzeption und Darlegung ungeheure Freiheiten zu nutzen oder sie schränkt durch die genretypischen Klischees ängstliche Autoren hinter dicken Scheuklappen ein.
Besonders junge und unverbrauchte Autoren benötigen einige Zeit, um die Wünsche ihrer Leser zu erkennen und sich auf deren Richtung einzustimmen. Die Fokussierung kann zu detailliert oder zu oberflächlich sein, die stilistischen Elemente nicht zur zu oft biederen Handlung passen. Neal Asher hat diese grundlegende Ausrichtung seiner Bücher sehr schnell umgesetzt. Seine neuen Romane werden in ihrer Konzeption „größer“ und trotzdem seltsamer.
Polly, eine der beiden die Handlung über Jahrtausende tragenden Protagonisten, ist eine
drogensüchtige Prostituierte, die sich im Netz von Industriespionage und Auftragsmorden verfängt. Tack ist ein Killer. Wie tausende von anderen Menschen werden sie aus Versehen von einer organischen Zeitmaschine, dem Torrus, aus ihrer Ebene in die Vergangenheit gerissen. Dort lauert der mutierte Mensch Cowl auf sie. Polly und Tack scheinen nur die ausführenden Organe der Heliothanischen Dominion zu sein, die ihren Spuren folgend die Stützpunkte Cowls in der Vergangenheit angreift und vernichtet. Trotzdem steht die gesamte Menschheit dank Cowls rücksichtsloser Genialität vor der Vernichtung. In der Vergangenheit, der Gegenwart und schließlich der Zukunft. Polly und Tack müssen über sich hinauswachsen, um Cowls Einfluss zurückzudrängen oder gänzlich auszuschalten.
Das erste wirklich auffällige Merkmale dieses Romans ist die Nutzung der organischen Zeitmaschinen, die parasitär sich mit ihrem jeweiligen Träger verbinden. Dabei geben sie ihrem Träger nicht nur die Möglichkeit, durch die Zeit zu reisen, sie versorgen ihn auch mit entsprechenden Informationen. Vergleichbar einer Superintelligenz mit einer Prise bösartigen Humor aufgestattet spielen sie ihr eigenes Spiel. Oft auch mit dem Leben ihres Trägers. Daneben fließen neben der Zerstörung einer Jupitermondes sehr viele interessante historische Begebenheiten in die Handlung ein. Das Polly auch mit ihrem provokanten Outfit in der Vergangenheit für Verwirrung sorgt, ist nur eine der Nebenmelodien, die Asher wie kein anderer spielen kann. Seine Figuren werden von der übermächtig scheinenden und in ihre Körper integrierten Technik auf eine neue Daseinsebene gehoben. Diesen Aufstieg müssen sie erst intellektuell verkraften. Viele andere Science Fiction Werke setzen sich entweder mit dem Menschen oder der Tecnik auseinander, nur wenige verbinden sie zu einer so skurrilen und doch packenden Synthese. Im englischen spricht der Leser von „weird“. „Strange“ ist zu schwach, um diese Protagonisten in Worte zu fassen. Trotzdem gelingt es Asher, eine wichtige emotionale Ebene aufzubauen. Während Polly immer wieder in die typischen Klischees Hure mit Herz auf dem Läuterungstrip abgleitet, gelingt es ihm besser, Tack eine ungeheuer wichtige und glaubhafte Tiefe zu schenken. Er lernt neben seinen intellektuellen Fortschritten soziale Verantwortung zu übernehmen und seinen Handlungen eine gewisse Logik zu geben. Polly wird im Strom der Ereignisse mehr hin und her gerissen und reagiert auf ihre Umwelt. Asher gibt ihr kaum die Möglichkeit, aktiv in das Geschehen einzugreifen. Dadurch verliert sie an Überzeugungskraft. Unabhängig von der manchmal stark überstrapazierten ersten Begegnung mit den Menschen aus der Vergangenheit, die auf ein kitschiges Niveau herunter geschrieben worden sind.
Das absolute Böse – Cowl – erinnert an einen genetisch verbesserten und nicht mehr aus Leichenteilen bestehenden Frankenstein. Ihm gelingt es, sich in die Vergangenheit zu versetzen, um seinen Schöpfern zu entkommen. Damit agiert er entgegen der meisten Monster, die auf der Suche nach ihrem Schöpfer sind. Er sammelt in der Vergangenheit Stücke dieser einen organischen Zeitmaschine, um sie in die Zukunft zu schicken. Dort suchen sich diese Bestandteile Opfer und machen sie Cowl Untertan. Trotz der hochherrschaftlichen Machtphantasien gelingt es Asher, Cowl mehr als Opfer als Triebtäter zu zeichnen. Er ermöglicht es seiner Kreatur, selbstständig zu handeln und trotzdem fast schon ein Opfer seiner eigenen Taten zu sein. Umgekehrt wird die Kreatur durch Schöpfer, in dem er fast wahllos durch die Torrus willenlose Zeitsklaven produziert.
Das hinter Cowl noch mehr steckt, enthüllt der Autor erst auf den letzten fünfzig Action geladenen Seiten.
Überhaupt haben Zeitreisende wenig Sinn für Humor. Ashers Planer im Hintergrund kennen den Ausgang der Schlacht oder besser die Pointe jedes Treppenwitzes der Geschichte. Sein Roman lehnt sich im Gegensatz zu den klassischen Zeitreisegeschichten mehr an die Agententhriller in James Bond Tradition an. Viele Kritiker bezeichneten die Protagonisten aus seinen früheren Romanen als futuristische Inkarnationen des berühmten britischen Geheimagenten. Jetzt geht er einen Schritt weiter und lässt dessen Schöpfer Ian Fleming eine gewichtige Rolle in der im Zweiten Weltkrieg ablaufenden Episode spielen. Aber Fleming ist nicht der einzige Gast auf Ashers gewaltiger Bühne. Dabei spielen diese Charaktere nicht nur ihre historischen Rollen, sondern werden durch die Ereignisse in ihrer zukünftigen Ausrichtung verändert und beeinflusst. Der Autor erklärt einfach, dass – je weiter etwas in der Vergangenheit verändert wird – sich im Fluss der Zeit alles regulieren lässt. Und darum legt er mit einem überdimensionalen Feuerwerk auch richtig los.
Neal Ashers Romane sind unabhängig von ihrer Ausrichtung gewöhnungsbedürftig. Der Leser muss sich bewusst sein, dass nicht alle aufgeworfenen Fragen beantwortet werden können. Auch wird – wie im normalen Leben – nicht jede Motivation oder Intention der einzelnen Figuren nachvollziehbar sein. Es ist wichtig, an der Seite des Autoren das große Bild im Auge zu behalten. Das malt Asher stilistisch ansprechend. Die Ecken und Kanten seiner ersten manchmal im Aufbau schwerfälligen Romane sind abgeschliffen und einer cyberpunk mäßigen Fassade mit bissigem Kern gewichen. Trotzdem wirken seine Romane überladen mit Bildern und überfließend mit außergewöhnlichen Ideen stromlinienförmig elegant wie die Zerstörer einer aus der Keimzelle der Menschheit entstandenen galaktischen Zivilisation und nicht mit dem schwerfälligen Schlachtschiffen zwischen den Sternen zu vergleichen. Oberstes Gebot ist Konzentration bei der Lektüre, geht der Faden verloren, wird es schwer, wieder in die vielschichtige Handlung zurückzukehren.
Ashers Anspruch an Unterhaltung ist einzigartig und lässt sich musikalisch mit einem hervorstehenden Gitarrensolo in einer Hard Rock Ballade vergleichen. Laut, schrill und doch melodisch schön.
Neal Asher: "Die Zeitbestie"
Roman, Softcover
Bastei 2005
ISBN 3-4042-3283-6
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