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rezensiert von Thomas Harbach
In den letzten Jahren sind eine Reihe von Romanen, in denen Menschen aus unserer Zeit in die Vergangenheit versetzt worden sind und dort zumindest ihren American Way of Life fortsetzen wollten, geschrieben worden.
S.M. Stirlings Serie um die Insel Nantucket im Bronzezeitalter mit ihren detaillierten Beschreibungen und ihrer farbenprächtigen Schilderung der Umstellung einer modernen Gesellschaft im Jetset Zeitalter auf eine autarke Gemeinde gehört zu den lesenswertesten Stoffen der letzten Jahre. Eric Flint versetzte eine amerikanische Bergbausiedlung in das Jahr 1632, mitten in den dreißigjährigen Krieg . Schnell wurde eine freie amerikanische Zone gegründet und man begann, Europa die Zivilisation zu bringen. Im Gegensatz zu diesen beiden sehr umfangreichen Trilogien hat sich Frankowski auf einen einzigen Ingenieur konzentriert, den er ins 13. Jahrhundert nach Polen versetzte. Forstchen mischt mit der fremden Welt Vizdalia , auf die Erdenbürger versetzt worden sind, eine weitere Ebene diesem Subgenre bei.
William Forstchen schreibt seit 1991 an seiner Serie um das verschollene Regiment. Inzwischen ist der achte Band erschienen. Der 1950 geborene Autor begann schon in den siebziger Jahren neben seiner Lehramtstätigkeit zu schreiben. Danach erwarb er seinen Doktorgrad mit einer historischen Arbeit über den Bürgerkrieg und wurde freier Schriftsteller. Viele seiner oft in Alternativwelten spielenden Romane setzen sich mit dem Phänomen des amerikanischen Bürgerkriegs auseinander. Sein zweites Hobby ist die Recherche für ein umfangreiches Buch über die mongolischen Reiterstämme.
Der amerikanische Bürgerkrieg nähert sich 1865 seinem Ende. Andrew Keane und das ihm anvertraute 35th Maine Regiment sollen per Schiff zurücktransportiert werden. Das Regiment gehört zu den ruhmreichsten und erfolgreichsten Unionstruppen in der mörderischen Auseinandersetzung. Die Soldaten sind müde und das Beladen des Schiffs dauert ungewöhnlich lange. Darum folgen sie auch der inzwischen ausgelaufenen Flotte. In einem plötzlich auftauchenden Sturm verschlägt es das vom Untergang bedrohte Schiff an ferne Gestade. Dort begegnen sie einer seltsamen Rasse menschlicher Wesen, deren Sprache sich erst nach Schwierigkeiten als russischer Dialekt herausstellt. Deren Stadt Suzdal ist von Abkömmlingen ebenfalls entführter Russen aus dem Mittelalter bevölkert. Die Amerikaner bauen innerhalb kürzester Zeit eine Festung um ihren Landeplatz auf, beginnen eine Infrastruktur zu entwickeln und ersten zaghaften Handel mit der Urbevölkerung. Diese verbirgt aber vor ihnen noch ein schreckliches Geheimnis, denn die außerirdischen Ureinwohner Tugar dieses Planeten versorgen ihre eigenen Adligen und Truppen mit Menschenfleisch.
Forstchen streift in seinem rasanten Roman die drei wichtigsten Elemente des Subgenres: politische Manöver - entweder als dynamische Gruppe oder in Kommunikation mit den Bewohnern der jeweiligen Epoche , Kämpfe -meistens moderne aber nicht unbesiegbare Waffen gegen primitive aber gefährliche Werkzeuge der einheimischen Bevölkerung - und der Wiederaufbau einer möglichen Zivilisation durch die Nutzung überlegenen Wissens und vorhandenen Werkzeugen und Werkstoffen.
Betrachtet der Leser zuerst die politischen Elemente: Keane ist ein beliebter, aber harter Kommandant. Er muss eine Truppe zusammenhalten, die nicht weiß, wo sie gelandet sind und keine Zukunft sieht. Anfänglich als unerfahrenen Offizier beschrieben gewinnt der Charakter an Größe, ohne mehr als einmal die klischeehaften Fallen epochaler Kriegsdramen umgehen zu können. Dialoge sind nicht die Stärke dieses Autoren und so wirken einige Szenen verkrampft, unnatürlich steif und ungehobelt. Sein Gegenüber - der Alienrusse Lar - ist ein typischer - aus amerikanischer Sicht - Russe. Geschäftstüchtig, verschlagen, stolz, gastfreundlich und ängstlich. Alle Attribute finden sich in dieser Figur sittsam vereint. Durch die wechselnde Perspektive selbst zu den Menschenfressenden Tugar hin erhöht Forstchen die Spannungskurve. Dabei verzichtet er auf bloße Plattitüden und beschreibt die Tugar nicht als Monster, sondern als brutale humanoide Wesen.
In Bezug auf die aufkommende Romanze zwischen der jungen verwitweten Ärztin Kathleen und Keane beschreibt der Autor die erwarteten Klischees von der ersten Begegnung an mit allen Fallen, in die ein unbedarfter Schriftsteller nur stolpern kann. Das liest sich unterhaltsam, ist aber so offensichtlich, dass der Leser hofft, die Beiden fangen endlich an sich zu küssen , damit diese Handlungsebene dann im positiven Sinne abgeschlossen wird.
Die politische Ebene funktioniert im Rahmen eines klassischen Dramas. Wie in typischen Pionierromanen siegen am Ende unter großen Opfern die Guten. Nicht überraschenderweise übernehmen die Ureinwohner schließlich die demokratischen Ideale, nach dem sie Jahrhunderte lang als Leibeigene auf den Schollen unter adliger Herrschaft kaum überleben konnten.
Die Schlachten und der historische Hintergrund sind die Höhepunkte des Romans. Im Gegensatz zu vielen anderen militärischen Science Fiction Romanen beschreibt der Autor Kämpfe und Auseinandersetzungen trotz der militärischen Präzision und der Hymne an die Tapferkeit der Soldaten als das Abschlachten von Feinden. In dem Wahnsinn der direkten körperlichen Auseinandersetzung wird jegliche Menschlichkeit über Bord geworfen. Am Ende bleiben nur die Toten zurück und innerlich ausgebrannte Wesen. Auf historische Genauigkeit legt Forstchen wert. Dabei wirken die beschreibenden Passagen nicht belehrend, sondern sind effektiv und gut in die laufende Handlung integriert. Die Kombination aus den uniformierten Unions Soldaten, den in Rüstungen kämpfenden russischen Bewohnern der Welt und den bedrohlichen Tugars fesselt spätestens in der mehr als einhundert Seiten umfassenden Endschlacht die Leser. Leider kumulieren die Ereignisse in einer ausgesprochenen und nicht nachvollziehbaren Notlösung. Hier verlässt sich Forstchen nicht auf seine Phantasie, sondern sucht vor der totalen Niederlage einen ausgesprochenen billigen Ausweg. Die Nutzung einer in der menschlichen Geschichte schon einmal erfolgreich eingesetzten Strategie hätte dem Leser sehr viel mehr Freude bereitet
Auffallend schnell passen sich die amerikanischen Soldaten an ihre neue Umgebung an. Mit Bewunderung bemerken die Rus die Geschwindigkeit, in der die Männer ein neues, stark befestigtes Lager aufbauen. Da sich die richtigen Handwerker in jeder Einheit finden, kann eine Eisenbahn genauso wie eine Telegraphenlinie gebaut werden. Die Sequenzen wirken unglaubwürdig und nicht notwendig. Viel spannender wäre eine kontinuierliche beschwerliche Anpassung an die neue Umgebung, die neue Welt und die neuen Nachbarn. Da konzentriert sich der Autor zu schnell auf die erst unterdrückten und schließlich offen aufbrechenden Konflikte und verherrlicht zu sehr den amerikanischen Willen.
Forstchens Roman ist eine lesenswerte Action Fantasy. Im Gegensatz zu vielen anderen Military SF Serien - siehe David Weber und John Ringo - kommt das patriotische und die militärische Auseinandersetzung verherrlichende Element einer unbesiegbaren und unbesiegten amerikanischen Armee beseelt mit nicht mehr nachvollziehbarem Sendungsbewusstsein und Idealen hier nicht so deutlich zum Tragen. Da die Soldaten aus der schwärzesten Episode der amerikanischen Geschichte - dem Bürgerkrieg - herausgerissen werden, kommen ihre offenen sowie die inneren Wunden deutlicher zum Vorschein. Das macht die Geschichte interessanter und menschlicher.
Im Mittelteil hängt die Handlung allerdings deutlich durch und hätte mit einhundert Seiten weniger - in der Originalausgabe- den Leser besser unterhalten. Zu viele Elemente werden scheinbar sinnlos in die Handlung eingestreut und zu vielen Themen angesprochen, behandelt und abgeschlossen, ohne dass sie einen Einfluss auf die kommenden Ereignisse haben könnten. Dazu kommt, dass die Grundthematik weder neu noch neuartig beschrieben worden ist Die einzelnen Protagonistengruppen könnten auch in einer Reihe von klassischen Golden Age Geschichten austreten und die Idee, "alte" Soldaten gegen Außerirdische zu stellen und die menschliche Überlegenheit zu demonstrieren, reicht bis in die dreißiger Jahre der utopischen Literatur zurück. Frisch wirkt nur die Idee, die Fremden auf die gleiche primitive Zivilisationsstufe wie die gefangenen Menschen zu stellen und ihnen nur durch ihre schier unendliche Masse eine Chance gegen die besser organisierten, besser ausgerüsteten und militärisch geschulten Menschen zu geben.
Mit einer dramatischen Szene - die Kundschafter warnen die Unionstruppen vor den heranrückenden Feinden und lassen dabei jeweils ihr Leben, d.h. ihre Signalstation schweigt - dreht sich der Roman, die Handlung wird farbenprächtiger und lesenswerter und mit einem wahren Schlachtmarathon, der die Grausamkeit und Faszination des Krieges zu gleichen Teilen beschreibt, klingt der erste Teil dieser langjährigen Serie mit dem Zapfenstreich aus.
"Der letzte Befehl" ist einer der lesenswerteren Romane des Subgenres Military SF und eignet sich insbesondere für Neueinsteiger und ermöglicht es, historische Elemente und futuristische Auseinandersetzungen in einem komplexen, aber in seinen Bestandteilen nicht originellen Autorenuniversum kennen zu lernen.
William Forstchen: "Der letzte Befehl"
Roman, Softcover
Bastei Lübbe 2005
ISBN 3-4042-3279-8
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