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Neal Asher

Die große Fahrt der Sable Keech

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Die große Fahrt der Sable Keech“ legt Neal Asher die direkte Fortsetzung zu „Der blaue Tod“ vor. Die Geschichte spielt ebenfalls auf der im Grunde unwirtlichen Wasserwelt Spatterjay am äußeren Rand von Ashers politischer Gemeinschaft – der Polity. Obwohl sie auf den ersten Blick ein faszinierendes Spektrum bilden, stellen Wasserwelten als Handlungshintergrund eine Seltenheit dar. Hal Clements „Needle“- Romane, Alan Dean Fosters „Cachalot“ sind in erster Linie Krimis vor einem exotischen Hintergrund gewesen. China Mieville hat sich mit „Die Narbe“ zwar an eine groteske Version von Melvilles „Moby Dick“ ohne Wal, aber mit einer waidwunden Narbe auf der Planetenoberfläche als Symbol des dekadenten Zerfalls seiner Gesellschaften gemacht, aber ansonsten blieb das Thema Wasserplanet im Vergleich zu anderen, exzentrischen Wundern der Natur eindeutig in der Minderzahl. Es empfiehlt sich, zuerst „Der blaue Tod“ zu lesen. Nicht weil die Handlungsebenen ineinander übergeben, sondern um Neal Ashers Intention zu erkennen und den fremdartigen, verstörenden Hintergrund einzusaugen. In seinem ersten Buch – der Originaltitel „Skinner“ ist packender und treffender – stellte der junge britische Autor seine Schöpfung Spatterjay vor. Ein auf diesem Planeten grassierendes Virus segnet und verflucht die Bewohner gleichermaßen. Der Segen ist die potentielle Unsterblichkeit, der Fluch ist im Grunde der Verlust der Menschlichkeit. Asher nutzt weiterhin die klassischen Seefahrerromanzen britischer Schriftsteller, um von den gefährlichen Meeren zu erzählen. Während in „Moby Dick“ der weiße Wal immer zu einem Symbol emporgehoben worden ist, bewohnen Spatterjays unendliche Meere richtige Monster. In „Predator“ Tradition integriert Asher noch einen außerirdischen Feind. Seine Stärke als Autor ist das Beschreiben einer rasanten und schnellen Abfolge von Actionszenen, die auf den ersten Blick einen gut durchdachten, aber nicht selten überambitionierten Plot überdecken. Erst wenn Asher in der Mitte seiner Romane für einen Augenblick zur Ruhe kommt, kann der Leser quasi aufholen. Keiner seiner Protagonisten ist wirklich sympathisch, von menschlich gar nicht zu sprechen. Die Technik hat aus ihnen groteske, fast surrealistisch verfremdete Überwesen gemacht, die stoisch ihre Wege beschreiten oder ihre Missionen erfüllen. Diese Distanz lässt sich Actionszenen leichter ertragen. Denn Phallussymbolen gleich werden Ashers Waffen immer größer und seine Schusswechsel immer übertriebener. Zu den Höhepunkten von „Der Blaue Tod“ gehört allerdings die farbenprächtige, exotische HIntergrund seiner Welt. Der Leser reist mit den erfahrenen Hochseekapitänen über die schier endlosen Wasserflächen, jagt die verschiedenen Monstren und erfährt neben einigen sehr schönen, allerdings auch blutigen Szenen einen Eindruck vom intergalaktischen Seemannsgarn.

In der Fortsetzung „Die große Fahrt der Sable Keech“ begegnet der Leser nicht nur vielen Charakteren und scheinbar bekannten Szenarien des ersten Bandes noch einmal, sondern Asher hat auf den Prämissen des Erstlings einen interessanten Plot extrapoliert, der in dieser Konstellation nicht nur für seine Spatterjay Romane, sondern vor allem für sein bislang schon sehr umfangreiches Werk neu ist. Am Ende des ersten Bandes ist der lebende Tote Sable Keech wieder belebt worden. Ohne christliche Symbole als nackten technischen Vorgang durch eine unheilvolle Mischung des schon angesprochenen Spatterjay Virus und der Nanotechnologie. Vorher ist Keech als Sklave einer außerirdischen Macht entkernt worden, dieser Vorgang hat ihn wie Millionen anderer Menschen zu einem lebenden, toten Mann gemacht. Wie Asher das Zombieelement mit moderner Nanotechnologie verknüpft hat, ist insbesondere im ersten Buch auf der einen Seite packend, fesselnd zu lesen, auf der anderen Seite abschreckend beschrieben worden. Jetzt kommen Millionen von lebender Toter nach Spatterjay, in der Hoffnung auf die potentielle Unsterblichkeit. Angeführt von Tayler Bloc, einem skrupellosen Geschäftsmann, versuchen sie Sable Keech zu folgen. Dieser hat einige Asse im Ärmel, um sich von den unerwünschten Verfolgern zu schützen. Auf einer zweiten Handlungsebene versucht der ebenfalls aus dem ersten Band bekannte Janer – er verfügt über ein Gemeinschaftsbewusstsein – einen Feind zu stellen, der nach dem Stoff sucht, mit dem diese neuen Unsterblichen ausschalten kann. Auf einer dritten Handlungsebene versucht die Kampfdrone Sniper einen neuen Prador auszuschalten, eines der im Grunde unbesiegbaren Monster, die in den tiefen Ozeanen Spatterjays auf Beute lauern. Schon im ersten Buch hat Asher hier eine Materialschlacht sondergleich bis zum Overkill beschrieben, in der Fortsetzung geht er natürlich noch einen Schritt weiter. Um das Quartett von Ideen zu vervollständigen, hat der Virus nicht nur die Menschen verändert, sondern auch noch eine primitive außerirdische Wesenheit, die mit ihrer instinktiven Intelligenz zur größten Bedrohung in einer verschachtelten, aber für Asher so typisch aussichts- und hoffnungslosen Konfrontation wird.

Neal Ashers erste Romane zeichnete eine rohe Energie aus, der Drang, möglichst viele Geschichten auf einmal zu erzählen. Vielleicht auch die innere Furcht eines jungen Autoren, keine zweite Chance zu erhalten, keinen zweiten Roman veröffentlichen zu können. Inzwischen liegen ein halbes Dutzend Romane aus seiner Feder vor. Die Energie ist nicht weniger geworden, Asher hat sie nur besser kanalisiert. Der zum Teil noch sehr unbeholfene Stil mit seinen hölzernen Dialogen – diese Anmerkung bezieht sich auf die englischen Veröffentlichungen – hat sich abgeschliffen, die kraftvollen, exotischen und teilweise morbiden Schöpfungen Ashers verbinden sich jetzt mit einer fast barocken Tragödie. Seine Figuren sind von Beginn an zum Sterben verdammt. Entweder der körperliche Tod, der in einer Welt der Nanotechnologie und der Kybernetik inzwischen seinen substantiellen Schrecken verloren hat und wie eine Art Übergang zwischen den einzelnen Stadien erscheint oder viel schlimmer die geistige Versklavung, der Verlust des freien Willens. Das eigenständige Denken ist das einzige, was vielen von Asher gebrochenen Charakteren geblieben ist. Trotzdem wirken sie immer noch heroisch, übermenschlich und von einem eisernen Willen beseelt. In „Die große Fahrt der Sable Keech“ will Asher allerdings zu Beginn des Buches zu viel. Zu viele Plotelemente überfordern selbst erfahrene Asher Leser. Der Autor lässt sich Zeit, diese verschiedenen Handlungsebenen zuerst geographisch – der einfache Weg – und dann in Bezug auf das gemeinsame Motiv der einzelnen sehr unterschiedlichen Protagonisten miteinander zu verbinden. Dabei strapaziert Asher an einigen Punkten die Geduld seiner Leser zu sehr und bemüht sich, unnötig mittels Hintergrundgeschichten den schon sehr komplexen Plot aufzublähen. Hier wäre weniger mehr gewesen. Vor allem hätte sich die Geschichte vernünftig entwickeln können. So steht der hektische Auftakt einem wie immer actionreichen und zufrieden stellenden Showdown gegenüber. Der mittlere Handlungsabschnitt wird als Bindeglied zwischen diesen beiden sehr unterschiedlichen Teilen des Buches zu sehr mit weitergehenden Informationen und vor allem einer notwendigen eher nachgeschobenen Charakterisierung der einzelnen Protagonisten – so weit sie noch nicht aus dem ersten Buch bekannt gewesen sind, auf diese Figuren geht der Autor nicht weiter ein - belastet und weißt einige Längen auf. Alle Versuche, seinem Image als reinrassiger Actionautor mit den meisten und lautesten Schusswechseln, den momentan überdimensionalsten Waffen und gefährlichsten Monstren zu entkommen, scheitern nach wenigen Seiten. Asher fühlt sie wie der amerikanische Filmproduzent Joel Silver am wohlsten, wenn er es umgangssprachlich richtig krachen lässt. Da er allerdings über ein erstaunliches Maß an Selbstdisziplin verfügt, wirken seine Bücher eher wie eine schrille Symphonie als die befürchtete Kakaphonie. Allerdings beginnt Asher an plottechnischer Originalität zu verlieren. Teile des vorliegenden Romans wirken wie eine Neuinterpretation des Buches „Der blaue Tod“. Technisch gesehen handelt es sich um eine Fortsetzung, in welcher Asher seine Leser in der gleichen Weise wie beim ersten Roman zu begeistern sucht. Zynisch gesprochen macht er es sich sehr leicht, einige Szenen um die Kampfdrone einfach zu kopieren und nur mäßig zu verfremden. Schließlich zahlt der Leser den vollen Eintrittspreis in Neal Ashers actionorientiertes Universum und sollte nicht mit Versatzstücken abgespiesen werden. Spätestens mit „Die große Fahrt der Sable Keech“ befindet sich Asher an einem persönlichen Scheideweg. Die Science Fiction Gemeinde beginnt ihn als ehrenwertes Mitglied zu akzeptieren und sieht in seinem Werk nicht mehr die Romane eines simplen Waffenfetischisten. So ist er für „Cowl“ zumindest für den Philip K. Dick Award nominiert worden, ein seltsamer Widerspruch, vergleicht man Dick´s humanistische Geschichten mit Ashers teilweise erschütternd einfach gestrickter Militärideologie. Wie seine bisherigen Romane eine Achterbahnfahrt voller bizarrer Ideen – die im Grunde den Reiz seiner Romane ausmachen – und Actionszenen, die in dieser Hinsicht keine Wünsche offenlassen. Nur wirkt alles nicht mehr so originell, so neuartig und vor allem so erfrischend „herunter geschrieben“ im positiven Sinne wie bei seinen ersten Romanen. „Der Drache von Samarkand“ bleibt weiterhin als Einstieg in Neal Ashers Kosmos erste Wahl.

Neal Asher: "Die große Fahrt der Sable Keech"
Roman, Softcover, 604 Seiten
Bastei Verlag 2006

ISBN 3-4042-3026-

Weitere Bücher von Neal Asher:
 - Das Tor der Zeit
 - Der Messingmann
 - Die Zeitbestie
 - Kinder der Drohne
 - Skinner, Der blaue Tod
Weitere Links zu diesem Thema:
 - Neal Asher: Biographie

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