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Science Fiction (diverse)



Kurd Laßwitz

Aspira

rezensiert von Thomas Harbach

Mit dem 1905 veröffentlichten Roman “Aspira- Roman einer Wolke” schließt Dieter von Reeken im Grunde im Rahmen seiner Gesamtausgabe Kollektion Laßwitz das Thema der beseelten Natur in Hinblick auf die längeren Arbeiten Laßwitz ab. Chronologisch stellt der Band allerdings den Mittelteil einer lockeren Gedankenfolge und vor allem eines literarischen Experiments dar. In Laßwitz früher Erzählung “Schlangenmoos” ist der Fechner´sche Gedanke einer beseelten Natur noch durch die romantischen Einflüsse überdeckt. Zwar geht Laßwitz insbesondere in den ersten und letzten Kapiteln des Buches auf die Möglichkeit ein, dass die Natur eine eigene Identität haben könnte, verzichtet aber zugunsten der etwas aufgesetzten Romanze auf weitere Extrapolationen. Vier Jahre später - also 1909 - greift der Autor das Thema noch einmal in seinem Roman “Sternentau” wieder auf. In “Sternentau” schließt Laßwitz im Grunde eine logische Entwicklung ab. Im ersten Band “Schlangenmoos” wird die Natur nur oberflächlich personalisiert, im vorliegenden “Aspira” steigt eine Wolke zu den Menschen hinab und lebt in ihnen für eine gewisse Zeit, um sie zu verstehen lernen und im letzten Band “Sternentau” greift Laßwitz auf gänzlich fiktive Elfenwesen zurück. Nicht zuletzt aus diesem Grund versucht im vorliegenden Band die Tochter Minos, die Wolke “Aspira” eine Verbindung zwischen Menschen und Natur herzustellen und beide Seiten zum Entsetzen der einzelnen Elemente zu versöhnen. In allen drei Romanen spielt die Romanze eine wichtige Rolle. In allen drei Werken sind die Frauencharaktere insbesondere für die Entstehungszeit der Romane sehr sorgfältig und überraschend emanzipiert - bis sie schließlich der Liebe erliegen - beschrieben worden. In allen Büchern stehen die Frauen aber auch teilweise zwischen zwei Männern. In “Schlangenmoos” ist es noch die Aufgabe der Frau, sich dem Mann förmlich impliziert anzubieten, ihre intellektuellen Fähigkeiten zu verschleiern, um ihn nicht bloßzustellen und eine Partnerschaft anzustreben, die abseits von Kirche, Küche und Kindern auf einer zumindest theoretisch gleichberechtigten Ebene stattfindet. Da “Schlangenmoos” fast ausschließlich in den wichtigen Teilen aus weiblicher Perspektive erzählt worden ist, lässt sich der Versuch Laßwitz erkennen, der von ihm verehrten bis geliebten Cousine zweiten Grades Hanna Brier ein literarisches Denkmal zu setzen. Im dritten Band der Serie hat der inzwischen deutlich gereifte Laßwitz erkannt, das eine junge Frau auch nur mit einem jungen Mann glücklich sein sollte. Der ältere Ratgeber gewinnt im letzten Band “Sternentau” nicht die Hand der jungen Frau, sondern bleibt, wie Herausgeber Dieter von Reeken herausarbeitet, als väterlicher Freund dem Paar erhalten. Allerdings ist bei dieser letzten Dreieckskonstellation das romantische Element auch nicht sonderlich überzeugend herausgearbeitet und eine andere Entscheidung als für den jüngeren Helden hätte den Leser nicht nur überrascht, sondern verblüfft. In “Aspria” steht die Chemikerin Wera Lentius in ihren Szenen auch zwischen zwei Männern. Dabei ist nicht offensichtlich, ob ihre Zuneigung zum Bergbauingenieur Theodor Martin wirklich alle auf ihren eigenen Gefühlen basiert oder die Frau in diesem Fall nur “Aspiras” Willen folgt. Auf jeden Fall löst Laßwitz das Dreiecksproblem im vorliegenden Band auf eine für diese lose Trilogie einzigartige Weise. Der Ingenieur Theodor Martin scheidet nach einem Unfall in dem von ihm geplanten Bergtunnel aus dem Rennen aus. Damit bleibt für Wera Lentius nur ihr älterer Freund Paul Sohm. Beide sind Wissenschaftler. Ohne Martins Unfall wäre die Entscheidung sicherlich schwerer gefallen, denn in einer der Schlüsselszenen übernehmt das emotionalere Naturwesen Aspira die Kontrolle und spricht aus, was sie als falsch und unecht empfindet. In die Mitte des Buches hat Laßwitz das umfangreiche Kapitel “Werburg” mit einem romantischen Gedicht platziert, dessen Intention im Grunde durch das Ende des Buches ad absurdum geführt wird. Auf jegliche romantische Auflösung des Plots wollte Laßwitz nicht verzichten und ist deshalb vielleicht auch durch seine persönliche Situation den Weg des geringsten Widerstandes gegangen. Allerdings hat der Leser auch kaum ausreichend Zeit, Wera Lentius wirklich kennen zu lernen. Zu sehr konzentriert sich Laßwitz auf das deutlich faszinierende Wolkenwesen Aspria, das in ihrem Körper “materialisiert” und quasi die Kontrolle über die junge Frau übernimmt. Aspira kann anscheinend eine Art Rücksprache mit Wera nehmen, diese agiert allerdings nur noch passiv und erwacht schließlich am Ende des Buches aus einem langen, tiefen (Alp)traum. Da die menschlichen Charaktere nicht unbedingt überzeugend gezeichnet worden sind - der größte Unterschied zu den anderen beiden Büchern der Trilogie - ist die Auflösung des Dreiecksverhältnisses eine kleine, aber im vorliegenden Fall nicht zu sehr störende Schwäche.

Viel stärker ausgeprägt und vor allem auch in Hinblick auf den Gesamteindruck des Romans entscheidend ist der in erster Linie intellektuell ausgefochtene Kampf der Elemente gegen den Menschen und anders herum. Von einem frühen grünen Roman zu sprechen, ist vielleicht nicht ganz richtig, aber in einem der eindrucksvollsten Kapitel, muss Aspira den Menschen und seinen stetigen Fortschrittsglauben gegen die Elemente verteidigen. Laßwitz zieht noch das Fazit, das Aspiras Hilfe erfolglos gewesen ist und die Menschen ihrer gar nicht bedurft hätten, dieses Fazit ist allerdings eher Wunschdenken als Realität des Autoren. Er stellt die deutsche Bergbaukunst, das deutsche Ingenieurswesen und vor allem - auch symbolisiert durch drei sehr unterschiedliche deutsche - den Willen in den Mittelpunkt seiner Geschichte. Genau wie Wera in Kombination mit Aspira schließlich die Liebe kennen lernt, wird König Migros Reich schließlich bezwungen und der Tunnel durch den Berg getrieben. In den Dialogen mit den Elementen kommentiert Laßwitz ironisch, das die menschlichen Kunstprodukte wieder zur Natur zurückkehren - Seite 129 - , während die Kalkschicht um ihre Existenz bangt. Die Luft spricht davon, das der Mensch sie anfeindet und sie einmal in einer der schönsten ironischen Bemerkungen einmal eingeatmet hat. Rückblickend ist es bemerkenswert, das Laßwiz in dieser Sequenz die Naturelemente natürlicher erscheinen lässt als seine Charaktere. Auf der anderen Seite ist es vielleicht nicht überraschend, das Laßwitz im vorliegenden Roman nicht nur auf Immanuel Kant und Gustav Theodor Fechner zurückgegriffen hat, im Kern ist “Aspira” auch eine Würdigung des Goethe´schen Faust. Nur strebt nicht der Faustimb vorliegenden Band nach im Grunde allumfassenden Wissen, sondern die Wolke Aspira, die nicht nur aufgrund ihrer Neugierde etwas zu verbinden sucht, was nicht mehr zu verbinden ist: den Menschen in seiner Widersprüchlichkeit und die Natur in ihrer Harmonie. Dabei muss sich Aspira vor allem mit den verschiedenen menschlichen Emotionen auseinandersetzen und durchschreitet ebenfalls einen umfangreichen Reifeprozess.

Aber zu Beginn spricht Migros noch von der Legende, auf welche Kurd Laßwitz sehr ausführlich in einem wichtigen Rückblick des Buches eingeht. Der Leser hat gerade das vorwitzige und neugierige Wölkchen Aspira kennen gelernt, das unbedingt ein Mensch werden möchte. Wie nicht selten in der phantastischen Literatur ist die Neugierde der Ausgangspunkt für einen umfangreichen Reifeprozess, in deren Verlauf der Charakter erkennt, das die eigenen Wurzeln nicht verachtet werden dürfen und die Heimat auch seine schönen, jetzt erst akzeptierten Seiten hat. In allen drei Büchern müssen Laßwitzs Figuren Reisen. Im ersten Band treffen sich die Menschen an einem Urlaubsort, um dort ihre Erkenntnisse zu sammeln, im letzten Band macht sich ein Elfenwesen auf, um “Abenteuer” zu erleben und im vorliegenden Roman wechselt Aspira quasi die Existenzebene, um “leben” und “leiden” zu können. In einem der für Laßwitz Werk nicht seltenen philosophischen Exkurse versucht Aspira dank des Autoren Alter Egos ihre Position zu definieren: so besagt die Legende, das gleichzeitig ein “weil” als auch ein “Will” erschaffen worden ist. Im Verlauf des Romans wird in erster Linie Aspira das “Will” definieren und die “weil” Menschen positiv beeinflussen. Die Legende besagt, dass aufgrund des Streites dieser beiden Positionen schließlich die Lager des Werdens und des Sollens erschaffen worden sind. Allerdings folgt Kurd Laßwitz in seiner geradlinigen, aber intellektuell vielschichtigen Geschichte dieser Trennung nicht konsequent genug, um wirklich als Prämisse für den Plot zu überzeugen. Beide Reiche verbindet eine Brücke, Laßwitz schließt aus, das ein Wesen in beiden Reichen wirklich glücklich sein kann. Im Gegensatz zu zum Beispiel Karl May, welche das Leben als eine stetige Reise bis zur gläubigen Vollkommenheit sieht, trennt Laßwitz im übertragenen Sinne Intellekt und Emotion. Die Brücke bei Laßwitz soll die Erkenntnis sein. Und Erkenntnisse sammelt Aspira auf ihrer Reise durch die Menschenwelt, ohne wirklich glücklich zu werden. Zu Beginn des Buches strebt die Wolke unbedingt eine Existenz als Mensch an. Im Körper der jungen Frau wird sie mit mannigfaltigen Problemen konfrontiert, die sie auf der Ebene des Wissens gut meistern kann, auf der emotionalen Ebene wird sie im Grunde mitgerissen. Im Vergleich zu vielen anderen Utopien benutzt Laßwitz die fremde Aspira nicht, um dem Menschengeschlecht einen satirischen Spiegel vors Gesicht zu halten. Die wenigen kritischen Ansätze verschwimmen in der Romanze. Stattdessen betont Laßwitz dank der Außenseiterperspektive die positiven Aspekte der menschlichen Existenz. Die Menschen gehen schier unüberwindliche Aufgaben mit Optimismus und Wagemut an. Laßwitz Menschen wollen Fortschritt bringen, der Autor will die Natur auf einer höheren Ebene manifestieren. Erst Jahrzehnte später wird dieses zu optimistische Ideal auch im Auge der Öffentlichkeit ins Gegenteil verkehrt. Aspira berichtet am Ende ihrem Vater, das ihr der Körper des Menschen auf der einen Seite unendliches Glück gegeben hat, auf der anderen Seite aber am Egoismus der Menschen auch gescheitert ist, weil diese ihre Ratschläge - als Frau gegeben - ablehnen. Eine Lösung bietet Laßwitz in seinem Roman nicht an. Er fällt auch kein Urteil. Ihm gelingt es allerdings als Autor, Aspiras überwältigende Emotionen in einfache Worte und Bilder zu fassen. Es ist sicherlich kein Zufall, das die menschliche Wolke die meisten überzeugende und vor allem zugänglichste Figur des ganzen Buches ist. Sie erklärt die Natur des Menschen sowohl ihrem Vater als auch den auf einem verlorenen Posten kämpfenden Elemente. Die Folgen dieser Niederlagen werden von Kurd Laßwitz allerdings komplett ausgeklammert. Unabhängig von den philosophischen Exkursionen sind die einfachen Beobachtungen Aspiras, ihr Unverständnis über die nicht selten unnötige Komplexität des Lebens die markantesten und zeitlosesten Teile des Buches. Kurd Laßwitz charakterisiert das Menschengeschlecht aus der optimistischen Position des Wissenschaftlers und der emotionalen Perspektive eines rettungslos Verliebten. Mit Aspira hat er insbesondere im Vergleich zu den anderen beiden Bänden seiner lockeren Trilogie auf der einen Seite ein überzeugendes Geistwesen mit mystischen Wurzeln geschaffen, auf der anderen Seite auch seine verschiedenen überzeugenden Frauencharaktere in einer “Person” konzentriert. Stilistisch anspruchsvoll, aber nicht so mystisch -märchenhaft verklärt, sondern deutlich pointierter fasziniert “Aspira” insbesondere im Vergleich zum wenige Jahre später geschriebenen “Sternentau” , weil “Aspira” trotz ihrer nebulösen Erscheinung die griffigere Figur ist. Allerdings endet der Roman auch auf einer deprimierenden Note, denn Aspiras Einsatz auf der Erde hat aus menschlicher Sicht keine Folgen. Wera Lentius erinnert sich nicht an die Zeit, als sie den Körper mit einer Wolke teilte, während Aspira zumindest auf ihre menschlichen Erfahrungen, wenn nicht Erinnerungen zurückgreifen konnte. Der Tunnel wird gebaut und Wera findet hoffentlich eine glückliche Zukunft in den Armen des älteren Kollegen. Dieser emotionale Umschwung wird von Kurd Laßwitz nicht unbedingt überzeugend erläutert und gehört zu den stark konstruierten Passagen des kurzweilig zu lesenden Romans. In Hinblick auf die romantischen Passagen wiederholt sich der Breslauer zu sehr. Viele Ideen hat der Leser schon im “Schlangenmoos” gelesen. Die inneren Monologe dagegen wirken frischer und anarchistischer, was an Aspiras unbekümmerten und vor allem optimistischen Wesen liegt. Um es einfach auszudrücken, ist es die Wolke, welche für frische Luft in Kurd Laßwitzs modernen Märchen sorgt und manche Ideen den Menschen schenkt. Durch die teilweise Tagebuchform ist der Leser ihren Gedanken und teilweise verquer optimistisch bis naiven Vorstellungen ganze nahe. Er kann ihre Gedanken förmlich lesen, was an einigen Stellen die unterschiedlichen Vorstellungen leichter erklärt als zum Beispiel umfangreiche Dialoge es getan hätten. “Aspira” ist aber auch der Roman in der Trilogie, in welchem Kurd Laßwitz seine philosophischen Erkenntnisse sehr direkt und teilweise ein wenig belehrend mit seinem Publikum teilt. In “Schlangenmoos” finden sich erste Ansätze seiner Lehre, “Sternentau” wirkt in dieser Hinsicht eher wie der Mittelteil dieser lockeren Beseelter -Natur- Trilogie als der zumindest chronologisch letzte Band. In Hinblick auf die Romanze bauen allerdings die Romane auf ihrer chronologischen Erscheinungsweise konsequent, wenn auch ein wenig fatalistisch aufeinander auf.

Wie auch Kurd Laßwitz andere Phantasien im Vergleich zu seinem großen Science Fiction Roman “Auf zwei Planeten” ist “Aspira” ein geschätzter, aber nicht populärer Roman gewesen. Die letzte Neuauflage erschien 1924. Wie alle Werke dieser Kollektion Kurd Laßwitz folgt die Neuauflage der Ausgabe der letzten Hand, die noch von Kurd Laßwitz überarbeitet worden sind. Der Hardcover ist wie alle Editionen mit einer kurzen, aber informativen Einleitung des Herausgebers Dieter von Reeken versehen. Drei Innenillustrationen begleiten den Neusatz dieser wieder empfehlenswerten Neuausgabe.

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Kurd Laßwitz: "Aspira"
Roman, Hardcover, 182 Seiten
Dieter von Reeken 2008

Weitere Bücher von Kurd Laßwitz:
 - Auf zwei Planeten
 - Bilder aus der Zukunft
 - Die Lehre Kants von der Idealität des Raumes und der Zeit,
 - Gedichte und Erzählungen
 - Geschichte der Atomstik vom Mittelalter bis Newton Band 2
 - Gustav Theodor Fechner
 - Herr Strehler und der poetische Hauslehrer
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 - Schlangenmoos
 - Schlangenmoos und Sternentau
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 - Über Tropfen, Atomistik und Kriticismus
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