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rezensiert von Thomas Harbach
Im ersten Band der Abteilung II seiner Kollektion Kurd Laßwitz veröffentlicht Herausgeber Dieter von Reeken - wie er selbst in seinem Vorwort zugesteht - zwei sekundärliterarische Schriften Kurd Laßwitzs, die nur für einen sehr kleinen, ausgewählten Teil von Lesern wirklich interessant sind. Für Sammler und Laßwitz Anhänger, die sich ernsthaft mit dem umfangreichen Werk des nicht immer korrekt als Vater der deutschen Science Fiction bezeichneten Autoren auseinanderzusetzen suchen
Der erste Teil ist Kurd Laßwitz Dissertation “Über Tropfen, welche an festen Körpern hängen und der Schwerkraft unterworfen sind”. Es ist sicherlich kein Zufall, das Tropfen in Kurd Laßwitz literarischem Werk immer wieder eine Rolle spielen. So spielen Tropfen in der literarischen Erzählung “Vom Tropfen, der die Welt sehen wollte” über “Schlangenmoos” sowie “Sternentau”. Alle drei Werke sind inzwischen schon in der Kollektion Kurd Laßwitz neu veröffentlicht worden und damit zugänglich. Obwohl sich seine Dissertation in erster Linie auf die mathematischen Komponenten konzentriert, sind zwei Punkte bemerkenswert. Zum einen die Nachbemerkung, in welcher Laßwitz in Form von Thesen davon spricht, das die durch die Naturwissenschaft gegebene Weltanschauung in reichem Masse poetische Elemente enthält. Insbesondere in der noch naturalistischen Novelle “Schlangenmoos” hat Kurd Laßwitz Ideen und Versatzstücke des populären Bauerntheaters mit nur wenigen, vordergründig phantastischen Elementen kombiniert. Auch in seinen literarischen Arbeiten hat Kurd Laßwitz immer Wert darauf gelegt, seine Leser nicht nur zu unterhalten, sondern unauffällig zu belehren. In seiner 1873 veröffentlichten hier vorliegenden Inaugural- Dissertation sucht Kurd Laßwitz mit Hilfe der philosophischen Fakultät der königlichen Universität Dresden die Doktorwürde zu erlangen. Diese Schrift dient Kurd Laßwitz darüber hinaus als Grundlage für seine zweite Arbeit “Atomistik und Kritizismus”, in der er die gewonnen mathematisch bewiesenen Thesen um die Konsistenz der Tropfen auf die bis dahin nur vermuteten, aber noch nicht entdeckten Atome überträgt und seine Konzepte extrapoliert. Die Schrift ist - wie Herausgeber Dieter von Reeken auch zugibt - nicht zuletzt aufgrund seiner vielfältigen mathematischen Formeln damals wie heute für Laien schwer zu verstehen. Kurd Laßwitz konnte sich nicht erlauben, mit diesem Text in Hinblick auf seine Immatrikulation angreifbar zu erscheinen und hat auf jegliche Extrapolation der mathematischen Grundlagen verzichtet. Nur zu Beginn des Textes hat der Leser das Gefühl, den phantastischen Erzähler modernen Märchen in einigen wenigen Nebensätzen wieder zu erkennen.
Aus heutiger Sicht viel interessanter ist seine Abhandlung “Atomistik und Kriticismus”, welche 1878 als Beitrag zur erkenntnistheoretischen Grundlegung der Physik im Verlag Friedrich Vieweg und Sohn erschienen ist. Der Leser muss sich aus heutiger Sicht vor Augen halten, das diese frühe Abhandlung zwölf Jahre vor der Geschichte der Atomistik erschienen ist und Kurd Laßwitz alleine aufgrund seiner theoretischen Überlegungen ohne die Grundlage von praktischen Experimenten seine Thesen extrapoliert. Diese Abhandlung ist zwölf Jahre später in Kurd Laßwitz sekundärliterarisches und wissenschaftliches Hauptwerk “Geschichte der Atmostik vom Mittelalter bis Newton” aufgegangen, welche hoffentlich auch im Rahmen der Kollektion Lurd Laßwitz nachgedruckt wird. Gleich zu Beginn seines Textes definiert Kurd Laßwitz die Aufgabe der Naturwissenschaft und grenzt sie gleichzeitig gegenüber dem Erzähler, in seinem Fall sogar dem phantastischen Erzähler ab. Das er die verschiedenen Theorien der Atomistik nicht im Zusammenhang mit ihrer Historie, sondern in der Reflektion des Kriticismus überprüfen wollte, ist eine Aufgabe, die sich Kurd Laßwitz nur in seinem Vorwort auf die Fahnen geschrieben hat. Der Autor sind die Natur in ihrer Sinnlichkeit als subjektiven Faktor bei der Gestaltung unserer Erfahrung. Dagegen verzichtet Kurd Laßwitz auf eine nähere Definition des Kriticismus und nimmt sich mit dieser Vorgehensweise eine Basis, um seine Erkenntnisse neutral zu überprüfen. Da viele Erkenntnisse der modernen Psysik in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch auf dem Reißbrett bestanden und insbesondere B. Erdmann sowie O.E. Meyer mit ihren Texten “Die Axiome der Geometrie” und “Die Kinetische Theorie der Gase” - während der Drucklegung dieses Werkes erschienen - Ideen Kurd Laßwitzs gut ergänzten. In Kurd Laßwitz Zeit stellte wahrscheinlich das Atom die letzte Grenze dar, wo der forschende Geist nur noch auf Widersprüche stößt. Kurd Laßwitz versucht in den ersten Kapiteln die verschiedenen Ideen zu ordnen und dem Leser eine Grundlage zu verschaffen. Dabei greift der Autor - wie auch in seinem späteren umfangreichen Werk - auf die Geschichte der Menschheit zurück und zeigt die verschiedenen Entwicklungsstufen in enger Abstimmung mit den theoretischen Grundlagen auf. Diese Kapitel lassen sich auch für Laien am leichtesten lesen. Das die Atome nicht nur rein naturwissenschaftliches Phänomen bzw. Problem darstellen, sondern vor allem auch im erkenntnistheoretischen Bereich für Definitionsschwierigkeiten sorgen, ist sicherlich keine Überraschung. Insbesondere in seinen modernen Märchen hat Kurd Laßwitz mit seinen außerirdischen Wesen bzw. naturwissenschaftlichen Phänomen immer gegen die harte Faktenwelt der Physiker angeschrieben und im Verlaufe seines umfangreichen Werkes konnte er sich manchen Seitenhieb nicht verkneifen. Es ist sicherlich kein Zufall, das Laßwitz schon in seiner Einleitung der Idee widerspricht, das es eine einheitliche und vor allem strenge Atomistik überhaupt gibt. Insbesondere die Eigenschaften der Atome erscheinen sehr flexibel beschrieben, ein Fakt, welcher insbesondere dem Naturwissenschaftler in Laßwitz mannigfaltigem Leben zu widersprechen scheint. Wenn er zum Beispiel in “Das Apriori in der Physik” die notwendigen Grundlagen der Naturerklärung des Atoms zusammenfasst, hat der Leser jeden Augenblick das Bild seiner übernatürlichen Wesen vor Augen. Unabhängig davon prägen eine Reihe seiner Ideen die Atomphysik für die nächsten Jahren. Sehr lange ist die Theorie davon ausgegangen, das sich die Atome ausschließlich für ins Unendliche verkleinerte Körper verhalten und den gleichen Naturgesetzen folgen. Im Schlusskapitel kommt Kurd Laßwitz auf die Idee zurück, den Atomen nicht nur eine Empfindung zuzuschreiben, sondern einen Intellekt, der als unvermeidlicher Grenzbegriff geschaffen werden muss. Leider extrapoliert Kurd Laßwitz diese außerordentliche, im Grunde phantastische Idee nicht weiter. Es wäre interessant, an dieser Stelle den Bogen zu seinen Phantasiegeschöpfen zu schlagen. Auch wenn der Autor am Ende die Naturwissenschaft und die Philosophie eher unüberzeugend und positiv in die Zukunft schauend wieder trennt, scheint Laßwitz sehr theoretischer Text alleine durch diese beispielhaft aufgeführten implizierten Ideen aufzuleben und die reine intellektuelle Forschung zu Gunsten phantasievoller, wenn auch wissenschaftlicher nicht überprüfbarer Ideen zu verlassen. “Atomistik und Kritizismus” ist sicherlich ohne Frage zugänglicher als “Über Tropfen…” Das liegt auch daran, das Kurd Laßwitz auf jegliche mathematische Grundlage verzichtet. Er lässt sich Zeit, die einzelnen Begriffe in Ruhe zu definieren und sie seinen Lesern zu erläutern. Dabei geht Kurd Laßwitz weniger von einem Fachpublikum aus, seine Zielgruppe sind aber Akademiker. Wie auch in seinen literarischen Werken ist sein Stil gut lesbar und ansprechend. Im Gegensatz zu seinen phantastischen Arbeiten fehlen an einigen Stellen die sprachlichen Bilder und visuellen Vergleiche, mit denen der Autor sehr geschickt langer Beschreibungen umgeht und dem Leser mit einfachen, aber effektiven Mitteln einen plastischen Eindruck des Geschehens zu vermitteln sucht. Sicherlich in einer sekundärliterarischen Arbeit nicht unbedingt ein opportunes Mittel, aber an einigen Stellen hätte es geholfen. Insbesondere in Hinblick auf die Einleitung und den Titel “Atomistik und Kriticismus” macht es sich Kurd Laßwitz nicht unbedingt leicht, alleine eine Zusammenfassung der bisherigen Atomlehren und eine Gegenüberstellung der verschiedenen Ideen hätte ausreichend Stoff für einen umfangreichen sekundärliterarischen Titel geboten. Mit der etwas
Weiche formulierten Idee des Kriticismus hat der Leser das Gefühl, als wolle Kurd Laßwitz potentiellen Kritikern gleich den Wind aus den Segeln nehmen und seinen Text als Ergänzung zu bestehenden Theorien verstehen. Und nicht als Grundlage einer neuen These. Unabhängig von diesen unnötigen Rückgriffen lesen sich insbesondere die sich mit der Geschichte der Atomforschung beschäftigenden Kapitel am Leichtesten und hinterlassen den kompaktesten Eindruck.
Die zwei theoretischen Arbeiten, welche Dieter von Reeken wieder in einem exemplarisch zusammengestellten Band im Rahmen seiner Kollektion Laßwitz zusammengefasst hat, werden sicherlich im Gegensatz zu den literarischen Arbeiten nur eine kleine Minderheit wirklich interessieren. Aus ihnen lassen sich - allerdings noch im Frühstadion - einige Ideen ableiten, welche Kurd Laßwitz in seinen märchenhaften Utopien bzw. seinem im Grund einzigen wirklichen Science Fiction Roman “Auf zwei Planeten” verwandt hat. Alleine aus diesem Grund empfiehlt sich insbesondere die Lektüre des zweiten, deutlich längeren Textes.
Kurd Laßwitz: "Über Tropfen, Atomistik und Kriticismus"
Sachbuch, Hardcover, 220 Seiten
Dieter von Reeken 2008
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