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rezensiert von Thomas Harbach
Mit “Gedichte und Erzählungen” legt der Verlag Dieter von Reeken im Rahmen seiner Kollektion Laßwitz den Band “Empfundenes und Erkanntes” wieder auf. Zusätzlich werden die dort gesammelten Geschichten und Gedichte, sowie Witze oder Scherzlieder mit in verschiedenen Zeitschriften veröffentlichten Texten kombiniert. Im Vergleich zu seinen naturalistischen Novellen wie “Schlangenmoos”, in denen sich Laßwitz als romantischer Erzähler zu erkennen gab oder seinen modernen Märchen wie “Sternentau” sowie seinem klassischen Science Fiction Roman “Auf zwei Planeten” präsentiert sich hier wahrscheinlich zum ersten Mal seit mehr als einhundert Jahren ein facettenreicher Autor, der sich zumindest in allen Stilarten und Themen versuchte. Das Spektrum reicht vom Liebesgedicht bis zum Witz, von der Ballade bis zur Parodie. Mit dem vorliegenden Band erweitert sich für den Interessierten das literarische Thema Laßwitz ungemein. Nur wenige Texte sind grundlegend phantastischen Inhalts. Dafür lassen sich in einer Reihe kürzerer Texte Aspekte erkennen, welche der Autor später in seinen längeren und damit bekannteren Werken wieder aufgenommen und verfeinert hat. Dieter von Reeken leitet den Band wieder mit einem gelungenen Vorwort ein. In diesem geht er auch auf die einzelnen Texte und ihre Erstveröffentlichungen ein. Wie schwierig es wirklich ist, entsprechende anonym veröffentlichte Texte auch wirklich Laßwitz zuzuschreiben, zeigt der Herausgeber exemplarisch an einigen der hier versammelten Arbeiten. Auf der anderen Seite bleiben andere Humoresken und Geschichten unzugänglich, weil es selbst im Archiv seiner langjährigen Heimatstadt Gotha keine Originale mehr gibt. Im Rahmen seiner Gesamtedition ist “Gedichte und Erzählungen” der erste originale Meilenstein. Während ein Sammler zu hohen Preisen noch Exemplare der bisherigen Veröffentlichungen “Sternentau” oder “Schlangenmoos” käuflich erwerben kann, ist diese Zusammenstellung von in diverseren Magazinen und Zeitschriften veröffentlichten Texten in Kombination mit der Sammlung “Empfundenes und Erkanntes” im Grunde eine Erstveröffentlichung. Herausgeber Dieter von Reeken hat das reichlich illustrierte Buch - in der Tradition des Verlages ist oft auch die erste Textseite der Originalveröffentlichung verkleinert als Einleitung beigefügt worden - in sechs Kapitel eingeteilt. Es beginnt mit “Gedichten vermischten Inhalts” und endet schließlich mit “Andere Erzählungen” in denen einige frühe moderne Märchen zusammengestellt worden sind.
Im ersten Abschnitt mit dem Titel “Gedichte vermischten Inhalts” aus den Jahren 1871 bis 1910 hat der Herausgeber Dieter von Reeken insgesamt 23 Texte gesammelt. Sie stammen überwiegend bis auf die Ausnahme “Unser guter Raum” aus dem Sammelband “Empfundenes und Erkanntes”. Weitere Texte dieser Sammlung sind den anderen folgenden Kapiteln zu geordnet. “Unser guter Raum” erschien in der von Carl Lorenz herausgegebenen Sammlung “Molecula Fideliatis: Sammlung heiterer Lieder und Gesänge für Naturforscher” aus dem Jahre 1886. Dabei wirkt Laßwitzs Text weniger für Naturforscher geschrieben, sondern lernunwillige Schüler, denen der Autor mit heiteren Worten und in Reimform ein wenig Geschichte der Naturwissenschaften beizubringen sucht. Wenn gegen Ende des gut geschriebenen Gedichts auch noch über die Raumverdrängung von Biergläsern bzw. der Beständigkeit an jedem Ort diskutiert wird, hat der Verfasser endgültig die meisten männlichen Leser auf seiner Seite. Die Laßwitzsammlung “Empfundenes und Erkanntes” umfasst einen Teil seiner lyrischen Werke. Das Themenspektrum ist sehr breit. So beginnt auch die Neuausgabe mit einem 1871 - im Zuge eines weiteren unsäglichen deutsch- französischen Krieges - verfassten Gedichts “Feldpostbrief”. Im Gegensatz zu den kaiserlichen Hochrufen, die sich nur bedingt und zu Beginn impliziert in die Handlung schleichen, sieht Laßwitz den Krieg nicht als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, sondern versucht in seinen zumindest zu Beginn der Elegie eindrucksvollen Zeilen die Hoffnungen und Leiden der Soldaten in Worte zu fassen. Diese ernsten Zeilen unterstreichen, dass Laßwitz trotz seines Humors, seinem Hang zu romantischen Texten und Gedichten, sowie Erfindungen in seinen utopischen Romanen immer auf der politischen Höhe der Zeit gewesen ist. Erst in der zweiten Hälfte des Textes schweift in der Euphorie des deutschen Sieges in Absolutismen auf das tapfere Land, das stolze Land der Franken. Auch in einigen seiner Kurzgeschichten scheint die opportune deutsch- nationale Gesinnung durch. Diese Texte sind unabhängig von ihren teilweise sehr originellen Ideen heute nur noch schwer zu goutieren.
Sehr viel interessanter aufgrund des hintergründigen Humors sind Texte wie “Des Astronomen Rache” oder “Ostern”. In Letzterem nimmt er Goethe “Osterspaziergang” auf die Schippe. Sehr viele Gedichte handeln allerdings von den Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Diese Texte hätten durchaus im Kapitel “Späte Liebe” veröffentlicht werden können. Kurd Laßwitz ist sich in Texten wie “Warum?”, “Ein Hoch den Frauen”, “Liebesurlaub” oder “Stell dich ein” auch nicht sicher, was er von den Frauen halten soll. In teilweise allerdings sehr banalen Werken vergöttert und verdammt er sie im gleichen Text. Das er aber auch seinen Mitmenschen mit gewählten Hohn und Spott den Spiegel ins Gesicht halten wollte, zeigt sich nicht nur in den “Witze, Scherzgedichten” und “Scherzlieder”, welche das vierte Kapitel bilden, sondern auch in “Was sprach die sprudelnde Welle”, “Der Geiz” oder “Zu einem Buche”. Insgesamt zeigen die 23 inhaltlich sehr unterschiedlichen Texte eine Vielzahl von Facetten, die später in seine utopischen Märchen genauso eingeflossen sind wie zum Beispiel
Seine Stilart in Hinblick auf den romantischen Naturalismus in “Schlangenmoos”. Bzgl. der Plotgestaltung liegen Laßwitz allerdings die längeren Texte mehr. Der Gedichtzyklus “Späte Liebe” - die drei Werke bilden alleine das zweite Kapitel und sind ebenfalls “Empfundenes und Erkanntes” entnommen - besteht aus den Teilen Sehnen und Werben”, “Erfüllung und Glück” sowie “Verlieren und Gedenken”. Diese drei aufeinander aufbauenden Texte wirken autobiographisch. Auch Kurd Laßwitz hat für eine entfernte Verwandte - seine Cousine Hanna Brier - mehr als freundschaftliche Gefühle empfunden. Als Vorbild hat er diese junge Frau sowohl in “Schlangenmoos” als auch “Sternentau” verwandt. Wer sich intensiver mit Kurd Laßwitzs Werk beschäftigt, wird feststellen, dass er in seiner Lyrik offener mit den eigenen Gefühlen umgegangen ist als in seinen Prosawerken. Die Gedichte dieses Zyklus sind voll romantischer Absolutismen und im letzten Teil einem deprimierenden Herzschmerz. Sie zeigen allerdings auch Laßwitz Fähigkeit, den Plot einer ganzen Novelle bzw. eines kurzen Romans in verhältnismäßig wenige, aber sehr pointierte Zeilen zu komprimieren. Das dritte Kapitel “Anlassbezogene Gedichte” zeigt , dass Kurd Laßwitz aber auch quasi auf Bestellung ein guter Autor gewesen ist. “Begrüßung” entstand zum 25- jährigen Bestehen der Mittwochsgesellschaft in Gotha und ist warmherzig, humorvoll, aber auch satirisch kritisch. Der beste Beitrag dieses Kapitels ist “Prolog zur Schillerfeier” - im Jahre 1909 entstanden -, in welchem der Autor nicht nur Schillers Werk ausdrücklich hervorhebt, sondern - wenn man den Text laut zur Probe liest - einen ganzen Saal in seinen Bann schlagen kann. Das persönlichste Stück hat Kurd Laßwitz zur Hochzeit seines Sohnes Erich geschrieben: “Erich und Elsa Laßwitz zu ihrem Hochzeitsfeste” (1908). Natürlich steht das Brautpaar im Mittelpunkt des Werkes, aber ein aufmerksamer Leser erkennt einen zufriedenen
Vater/ Schwiegervater, der nicht nur mit der Wahl seines Kindes hochzufrieden ist, sondern mit berechtigtem Stolz auch auf das eigene, augenscheinlich erfüllte Leben zurückblickt. Im Vergleich wirken die “Drei Brautsonette” eher unbeteiligt herunter geschrieben. Optisch gehört natürlich das vierte Kapitel “Witze, Scherzgedichte, Scherzlieder” zu den Eindrucksvollsten des ganzen Buches. “Die harte Nuss” ist von Friedrich Streub in der Tradition eines Wilhelm Busch illustriert worden. Laßwitz hat die Geschichte vom Knacken einer Nuss anonym veröffentlicht. Die illustrierte Geschichte erschien in “Die lustigen Müncher Bilderbogen”. Ein weiteres Mal nimmt Kurd Laßwitz in “Prost. Der Faust- Tragödie (-n)ter Teil” Goethes Werk als Zielscheibe einer Parodie. Der Text erschien in der “Zeitschrift für Mathematik und Naturwissenschaftlichen Unterricht” in Leipzig im Jahre 1882. Zu Beginn hält er sich noch an das Goethe´s Versmass. Nur heißt in diesem Fall Mephistos Opfer Fuchs und versucht sich auf den Gebiet der Mathematik - allerlei Zahlen - und der Naturwissenschaften - zu viele Formeln - zu bilden. Im Verlaufe des ungemein unterhaltsam zu lesenden Textes entfernt sich Laßwitz mehr und mehr von der Vorlage und schwimmt sich handlungstechnisch und parodistisch frei. Mit diesen Freiheiten blüht die nur noch rudimentär zu erkennende Geschichte bis zur verblüffenden und etwas übertriebenen Auflösung auf. Die “Albumblätter für junge Damen zur Erinnerung an Adonis von Schmachten” sind eine klassische Verhöhnung des weiblichen Geschlechts. Bissig listet er die unterschiedlichen Frauentypen auf, scheint ihnen nach dem Mund zu sprechen, um ihnen dann boshaft direkt zu zeigen, warum sie von der Männerwelt nicht geliebt werden. Im Band finden sich auch Witztexte, die von einem unbekannten Illustrator “begleitet” worden sind. Hier ist die Qualität der Witze allerdings sehr unterschiedlich. “Bibel- Auslegung” und “Eine delikate Nummer” lassen den Leser auch heute noch schmunzeln, während “Der einzige Unterschied” eher antiquiert und altbacken daherkommt. “Hi und Ho” stammt zusammen mit “dx” sowie der nachfolgend erwähnten Ballade aus “Die Welt und der Mathematikus”. Wieder greift Kurd Laßwitz das oft verwandte Thema von den Sternen und den Astronomen auf. Das 1875 entstandene Gedicht soll laut den Anmerkungen von Dieter von Reeken auch als Lied verwendet worden sein, der Schelmenreim unterstreicht diese Vermutung. Neben der Faustparodie gehört die “Traurige Ballade von den eifersüchtigen Kegeln” - 1880 entstanden - zu den besten Texten dieses Kapitels, da Kurd Laßwitz hier geometrische Probleme mit verblüffender Simplizität erläutert.
Die Rubrik “Humoresken” umfasst vier Geschichten, die Laßwitz zwischen 1869 und 1892/93 in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht hat. Das älteste Werk “Der Scharfrichter oder ein treues Herz. Neuester Sensationsroman” ist von einem unbekannten Illustrator interessant als früher Comic für die Veröffentlichung in den FLIEGENDEN BLÄTTERN 1869 illustriert worden. Laßwitz parodiert in der kurzen Geschichte den Kolportageroman. Ganz bewusst spielt er zielstrebig mit den Gesetzen dieses Unterhaltungsgenres. Er führt den Helden nicht im ersten Kapitel ein, was er seinen Lesern auch vollmundig mitteilt. Auch verschwindet sein Held in der Mitte der Handlung, um am Ende natürlich als strahlender Retter zu erscheinen, während um ihn und seine Angebetete herum - die in letzter Sekunde vor einem Schicksal schlimmer als der Tod oder in dieser Geschichte dem Henker gerettet wird - die Welt in Trümmern sinkt. Der Tonfall schwankt zwischen warmherzig und boshaft. Seine Abneigung gegen die Art von oberflächlicher Unterhaltungsliteratur kann der Lehrer Laßwitz nicht verbergen. In einzelnen Szenen übertreibt er allerdings und hebt seinen Text zu sehr von den ungeschriebenen Gesetzen des Genres ab, das er parodieren möchte. Diese kurze Erzählung gehört allerdings im Vergleich mit den drei anderen Texten zu seinen besseren Arbeiten. “Oh Gott wie man sich täuschen kann” veröffentlichte Laßwitz in Trewendt´s Volkskalender für 1877. Ein junger Dichter leidet unter einer Schreibblockade. Ausgerechnet vor einer wichtigen Aufführung. In seiner Verzweifelung bittet er einen Freund, ein Lied zu schreiben, das er zusammen mit zwei Schwestern aufführen könnte. Dabei ahnt er nicht, dass der Freund den Schwestern nach einer Abweisung nicht mehr so wohl gesonnen ist, während er sich noch Hoffnungen auf eine der beiden jungen Frauen macht. Laßwitz spielt allerdings nach den Gesetzen des Boulevardtheaters ein schnell erkennbares Verwechselungsspiel. Ihm gelingt es zwar, die einzelnen Figuren gut zu charakterisieren, der Autor lässt sie dann allerdings zu statisch agieren. “Ein gefährlicher Hirsch” - veröffentlicht in DAS NEUE BLATT: Ein illustriertes Familien- Journal im Jahre 1877 - ist ebenfalls eine sehr geradlinige Liebesgeschichte zwischen zwei Weltenwanderern, die sich im heimischen Deutschland wieder treffen. Das interessante Element dieser Geschichte ist der großspurige Neffe, der von seinen Abenteuern in Amerika mit afrikanischen Löwen berichtet und verzweifelt versucht, die Aufmerksamkeit der Damen auf sich zu lenken. Vielleicht ist es nur Zufall, aber die beiden Protagonisten erinnern stark an Karl Mays Figuren, während der Neffe schließlich die Figur des Dichters symbolisiert, nachdem bekannt geworden ist, dass er erstens die Abenteuer nicht selbst erlebt hat und zweitens einige Jahre im Gefängnis gesessen hat. Die Geschichte steuert sehr geradlinig auf das Happy- End zu, wobei sich Laßwitz am Ende einen ironisch melancholischen Seitenhieb nicht ersparen kann und die Figur des Aufschneiders zumindest für einen Moment und von allen unbeachtet wieder ins rechte Licht rückt. Die letzte Humoreske “Abgezählt” aus dem Jahre 892/93 veröffentlichte Kurd Laßwitz in UNSERE ZEIT: SCHORER`s FAMILIENBLATT. Hier spielt der Autor nicht nur mit seinen naturwissenschaftlichen und mathematischen Erkenntnissen, sondern beschreibt am Ende eine schöne, aber nicht kitschige Liebeserklärung, welche dem schmachtenden jungen Mann schließlich das Herz seiner Angebeteten öffnet. Die Kombination aus unterschwellig vermittelten Informationen/ Sagen sowie dem Plot der Geschichte funktioniert sehr gut. Im Vergleich allerdings zu den deutlich ambitioniert und teilweise sogar überdrehter angelegten anderen Humoresken punktet diese kleine, sehr geradlinige Geschichte durch ihre Wärme.
Der letzte Abschnitt „Andere Erzählungen“ wird von „Vom Tropfen, der die Welt sehen wollte“ eingeleitet. Dieses kurze moderne Märchen erschien zusammen mit Karl Mays Humoreske „Die verhängnisvolle Neujahrsnacht“ 1877 in der gleichen Ausgabe eines Volkskalender. Wie in einigen anderen seiner modernen Märchen betrachtet Lasswitz die Menschen aus einer ungewöhnlichen, romantisch verklärten Perspektive. In diesem Fall geht ein Tautropfen auf Wanderschaft. In der Kurzgeschichte nimmt der Autor einige Motive seiner späteren Werke vorweg. Thematisch ähnlich, wenn auch deutlich humorvoller geschrieben ist „Frauenauge“, in welchem von der Entstehung der Sterne berichtet wird. Mit knapp zwei Seiten zu kurz und zu stringent auf die Pointe ausgerichtet wirkt der Text eher wie ein Fragment als eine durchkomponierte Geschichte. In „Die Unbeseelten“ (1098) und „Die entflohene Blume“ (1910) verlagert Lasswitz die Idee intelligenten pflanzlichen Lebens einmal auf die Veilchen und dann auf den Mars. In der ersten Story wird die Bedeutung des Menschen im Gesamtkontext der Natur eher abschlägig diskutiert, während in der letzten Geschichte der Sammlung die Pflanzen junge Menschen vor dem Tod retten. Beide Texte sind sehr geradlinig geschrieben, überzeugen aber eher durch ihre implizierten Botschaften bzw. dem sehr farbenprächtigen Hintergrund des Mars – für Lasswitz eine Rückkehr zu seinem bedeutendsten Werk – als durch ihren Plot. Diese wirken eher antiquiert und wenig originell.
Zu den besten Erzählungen dieses Abschnitts gehört die 1884 veröffentlichte Novelle „a priori“. Mit Betty als Identifikationsfigur erschafft Lasswitz wieder einen überzeugenden weiblichen Charakter, welcher seinen Protagonisten sowohl in „Sternentau“ als auch „Schlangenmoos“ in nichts nachsteht. Die junge Frau steht zwischen zwei Männern, einmal ihrem Vater Ebeling, einem Philosophiedozenten und Professor, sowie dem jungen Mann und genauen Forscher Zädler. Dieser liebt natürlich Betty. Das Problem ist, dass sich die beiden Männer wegen einer Magnetismustheorie entzweit haben. Zädler vertritt die klassische These und sucht nach Fehlern, während Ebeling seine neuartige absonderliche Theorie mit aller Macht durchsetzen möchte. Betty ahnt, dass ihr Vater im Unrecht ist. Auf der einen Seite möchte sie nicht, dass er sich blamiert, auf der anderen Seite will sie auch den Mann, den sie liebt, nicht brüskieren. Mit Hilfe des Zufalls und viel Einfühlungsvermögen versucht sie den gordischen Knoten zu durchschlagen. Die Geschichte ist gut geschrieben. Nicht zu ernst, mit einem intelligenten, nuancierten aber distanzierten Humor entwickelt Lasswitz sehr routiniert das Ausgangsszenario. Unabhängig von seinen naturwissenschaftlichen Thesen ist der Ton der Geschichte eher locker, bewegt sich auf dem Niveau des Boulevardtheaters mit seinen emotionalen Verwicklungen. Dabei scheut sich Lasswitz nicht, den Dickkopf und die Starköpfigkeit seiner Forschungskollegen zu entlarven und der Jugend durchaus ihre Rechte einräumen. Insbesondere die Dialoge sind im Vergleich zu vielen anderen Geschichten dieser Zeit überzeugend und nachvollziehbar geschrieben. An „a Priori“ lässt sich sehr gut erkennen, wie sehr Lasswitz wissenschaftliche Romanzen insbesondere Carl Grunerts beeinflusst hat.
Eine der technisch interessantesten, wenn auch patriotisch fragwürdigen Geschichten ist „Nach Chicago(Eine Preiskonkurrenz)“, die anonym in UNSERE ZEIT SCHORER´S FAMILIENBLATT 1892/93 erschienen ist. In der Form eines fiktiven Aufrufs wird von der Erfindung des geheimnisvollen Apparates Telelyt berichtet, durch welchen chemische Wirkungen in beliebiger Form erzeugt werden können. Der Erfinder ist ein ausgewanderter Franzose, seine Frau eine Deutsche und seine überlebende Tochter fühlt sich mehr den Deutschen als den Franzosen verbunden und bittet in einer deutschen Zeitschrift um Hilfe. Die Idee hat Lasswitz auch für seinen berühmtesten Roman „Auf zwei Planeten“ wieder aufgenommen. Um die Geschichte realistischer erscheinen zu lassen, hat er sie im historischen Kontext der 1893 tatsächlich stattfindenden Weltausstellung in Chicago angesiedelt. Die ursprüngliche auf der Telelyt basierende Geschichte hat Kurd Laßwitz nicht mehr veröffentlicht. Die Idee eines fiktiven Tatsachenberichts macht den Stoff packender und ermöglicht es Lasswitz, über die eher ambivalent beschriebene wissenschaftliche Erfindung hinwegzusehen. Sein Abscheu gegenüber den Franzosen wird deutlich. Er stellt zum wiederholten Male eine junge Frau als Protagonistin in den Mittelpunkt der Handlung , irgendwie erkennt der Autor in ihnen die warmherzigeren Gemüter, welche entschlossener ihre Ziele durchsetzen und wenig Rücksicht auf die Mitwissenschaftler und gesellschaftlichen Zwangsumstände nehmen müssen. In dieser Hinsicht wirkt der Text sehr modern. Wie bei kaum einer anderen Geschichte dieser Sammlung nähert sich Lasswitz dem Werke Jules Vernes, auch wenn sie politisch ideologisch einen Rückschritt im Vergleich zu seinen anderen modernen Märchen darstellt. Die naturwissenschaftliche Grundlage wird sehr oberflächlich erläutert, aber die Abscheu vor einer Wunderwaffe in den falschen, französischen Händen kann er ebenso wenig verbergen wie sein literarisches Pendant Jules Verne auch die Deutschen verabscheut hat. In die Kategorie der Humoresken gehört „Die Weltprojekte“ mit dem Untertitel Legende. In dieser kurzweilig zu lesenden sehr unterhaltsamen Geschichte begutachtet Gott die Projekte zweier Enkel, die unabhängig voneinander zwei Planeten mit intelligenten Bewohnern und leicht als Erde zu identifizieren erschaffen haben. Aber die Menschen sind nur mit sich selbst zufrieden, wenn sie alleine sind. Von diesen Schöpfungen „angewidert“ sperrt Gott die beiden Welten in die Rumpelkammer, aber die Engel halten die Zeit auf ihren Schöpfungen nicht an. Und so kann sich aus den zwei gescheiterten Versuchen eine einzige Welt entwickeln. Die Pointe ist überraschend. Der Naturwissenschaftler und Mathematiker Lasswitz sieht seine Kollegen und sich selbst nicht an der Krone der menschlichen Schöpfung. Diese ebenfalls 1908 entstandene Geschichte atmet trotz aller Ironie den Geist einer neuen technisch orientierten Zeit, welche unabänderlich in die Katastrophe des Ersten Weltkriegs steuerte.
„Gedichte und Erzählungen“ gibt einen breiten und hervorragenden Einblick in Kurd Laßwitzs umfangreiches Werk. Die Qualität der einzelnen Beiträge ist genauso unterschiedlich wie ihr Zielpublikum. Die Rede anlässlich einer Familienfeier unterscheidet sich natürlich von einer Geschichte, die professionell in einem weit verbreiten Familienkalender veröffentlich worden ist. In den Humoresken und Kurzgeschichten finden sich eine Reihe von Ideen und Themen wieder, welche Kurd Laßwitz in seinen längeren Arbeiten intensiver und teilweise auch tiefer gehend abschließend bearbeitet hat. Wer sich intensiver mit Kurd Lasswitzs Werk beschäftigen möchte, kommt um diese im Kern aus dem Band „Empfundenes und Erkanntes“ bestehende Sammlung mit Schriften aus der letzten Hand – die Lasswitz selbst noch bearbeitet hat – nicht herum. Seine Romane und Novellen bieten den in erster Linie an seinen phantastischen Stoffen interessierten Lesern einen griffigeren Einstieg, aber die Wurzeln dieser Werke liegen unter anderem in diesem Band. Vom technischen Standpunkt her mit dem laminierten Pappband sowie den schönen Kapiteleinleitungen, der sehr guten drucktechnischen Wiedergabe der alten Karikaturen und Zeichnungen sowie dem guten informativen Vorwort von Herausgeber Dieter von Reeken ist der Band alleine unabhängig vom Inhalt empfehlenswerte Anschaffung.
Kurd Laßwitz: "Gedichte und Erzählungen"
Anthologie, Hardcover, 282 Seiten
Verlag Dieter von Reeken 2008
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