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Science Fiction (diverse)



Kurd Laßwitz

Schlangenmoos

rezensiert von Thomas Harbach

Anlässlich des 160. Geburtstags Kurd Laßitz am 20. April 1848 beginnt der Verlag Dieter von Reeken mit einer insgesamt zwanzigbändigen Würdigung des Vaters der deutschen Science Fiction. Neben seiner Prosa und Lyrik sollen verschiedene Bände mit sekundärliterarischen Texten erscheinen. Ein ambitioniertes Unterfangen, das sich nahtlos in Dieter von Reekens Werkausgaben von Carl Grunert und Oskar Hoffmann einreiht. Kurd Laßwitz ist 1848 in eine Kaufmannsfamilie in Breslau geboren worden. Nach der Schule meldete er sich vor seinem Studium für ein Jahr ein freiwilliger Soldat nach Frankreich, studierte dann in seiner Heimatstadt Breslau Mathematik und Physik. Einen Teil seines Studiums absolvierte er auch in Berlin. Schon zu dieser Zeit - wahrscheinlich ab Ende der sechziger Jahre - agierte Laßwitz unter anderem unter den Pseudonymen Jeremias Heiter und L. Velatus als Literat. Unter dem zweiten Pseudonym ist auch die vorliegende Novelle “Schlagenmoos” 1884 in seiner Heimatstadt Breslau beim Verlag von S. Schottlaender erschienen. Nach seiner Promotion bestand Laßwitz auch das Staatsexamen für höheres Lehramt und unterrichte neben seinen Studienfächern auch Geographie und Philosophie. Im gleichen Jahr wie er nach Gotha wechselte lernte er auch seine Frau Jenny Landsberg kennen, die ebenfalls einer Breslauer Kaufmannsfamilie entstammte. Aus der Ehe stammen zwei Söhne. Bis zu seinem Ausscheiden aus dem Lehramt 1907 unterrichte Laßwitz als Gymnasialprofessor in Gotha. Am 17. Oktober 1910 verstarb Laßwitz. Sein Werk teilt sich in eine Reihe von naturwissenschaftlichen und philosophischen Schriften auf. Hier hat sich Laßwitz vor allem mit Kant und Gustav Theodor Fechner auseinandergesetzt. Neben der sekundärliterarischen Schriften verfasste er eine Reihe moderner Märchen, die heute eher in den Bereich der Phantasik und nur selten ganz eindeutig in das Genre der Science Fiktion - siehe “Auf zwei Planeten” (1897) - gehören. Wie Dieter von Reeken in seinem ausführlichen Vorwort zu der Neuauflage schreibt, hat Laßwitz nicht nur einige Ideen aus “Schlangenmoos” in eine seiner letzten Arbeiten Sternentau. Die Pflanze vom Neptunmond” (1909) integriert, erst im März 2008 ist ein Manuskript eines Lustspiels “Studien” in vier Aufzügen gefunden worden, das den wesentlichen
Inhalt der vorliegenden Novelle umfasst. Obwohl der Text zwischen 1883 und 1884 veröffentlicht worden ist, besteht nicht nur aufgrund der Nutzung des Studienpseudonyms die Möglichkeit, das die eigentliche Geschichte einige Jahre, wenn nicht sogar bis zu 15 Jahren älter ist. Zum einen scheint der Text autobiographisch zumindest beeinflusst und wenn sich ein aufmerksamer Leser die männlichen Charaktere ansieht, wirken diese trotz ihrer beruflichen Erfolge ein wenig unreif. Das Werben um die geliebten und gerade erst kennen gelernten Frauen könnte von Laßwitz persönlichen Erfahrungen beeinflusst worden sein. Er hat aber schon 1876 die Frau fürs Leben gefunden. Weiterhin weißt Dieter von Reeken auf eine gewisse erzähltechnische Ähnlichkeit zu den “erzgebirgischen Dorfgeschichten Karl Mays” hin. Plottechnisch gibt es sogar noch eine weitere Möglichkeit. Entweder absichtlich oder unabsichtlich parodiert Kurd Laßwitz in diesem ersten Text die Kolportageromane. Dieses Verwirrspiel mit falschen Identitäten und vor allem Menschen, die sich vom ersten Moment an lieben und erst verschiedene Hindernisse überwinden müssen, um zueinander zu kommen, zeichnet unter anderem die fünf Fortsetzungsromane aus, die Karl May für die Kolportage geschrieben hat und deren Neuveröffentlichungen schließlich ursächlich für die Prozesslawinen gewesen sind, mit denen er sich in seinen letzten Jahren herumquälen mußte. Das Strickmuster der ersten Hälfte der Novelle beherrscht - nicht unbedingt negativ gemeint - auch heute noch insbesondere die Volkstheater. Zu Laßwitzs Lebzeiten hat dessen Verehrer Carl Grunert mit seinen wissenschaftlichen Romanzen viele emotionale Ideen aufgenommen und in seine Geschichten integriert. “Schlangenmoos” und Carl Grunerts Geschichten handeln weniger von phantastischen Ideen - auch wenn Laßwitz gleich zu Beginn der Gott der Berge einführt, der im übertragenen Sinne über sein Reich und die ihm anvertrauten Menschen “herrscht” -, sondern den Schwierigkeiten, schließlich den Mann oder die Frau fürs Leben zu ehelichen. Aus heutiger Sicht wirken natürlich die alten Sitten und Gebräuchen antiquiert, aber das Versteckspiel mit falschen Identitäten hat dank des Internets und seiner Chatrooms wieder an Bedeutung gewonnen. Interessant ist gleich zu Beginn, das Laßwitz die Frauen entgegen der Ansichten der älteren Generation als intelligente, selbstbewusste und vor allem mit einem teilweise doch recht “bösartigen” Humor ausgestattete gleichberechtigte Menschen beschreibt, während in erster Linie die beiden Herren der Schöpfung von ihren hohen Rössern und aus ihren Elfenbeintürmen auf den Boden der Realität zurückfinden müssen. Erst wenn es sie ausreichend an Überwindung gekostet hat, steht einer emotionalen Bindung wenig im Weg.

“Schlagenmoos” beginnt im Riesengebirge. Laßwitz beginnt seine Erzählung mit einer romantischen Beschreibung der Natur. Dabei schwankt seine Sprache zwischen kraftvoll und schwülstig. Mit aller Macht will er dem Leser die Wunder der Natur vor Augen halten. Der Lehrer schlägt nicht nur an dieser Stelle durch, in einigen anderen wichtigen und interessanten Passagen unterbricht Laßwitz den nicht immer fließenden Spannungsbogen, um seinen “Schülern” allgemeine und vielfältige Informationen insbesondere im Bereich der Botanik mittels längerer Dialoge zukommen zu lassen . Erst danach lernt der Leser die beiden weiblichen Protagonisten der Geschichte kennen.

„Zwei junge Mädchen, schlanke Gestalten“ (Seite 16) gehen Arm in Arm durch diese atemberaubende Bergwelt. Sie haben sich hier erst kennen gelernt. Die Ältere ist Mitte zwanzig, heißt Lilly Warlin und könnte aufgrund ihrer langen blonden Haare und ihrer sportlichen Figur die Fee der Berge sein. Ihre Begleiterin Röschen entspreche eher einer Nixe, ist um einen Kopf kleiner und aus „ihren lieblichen kindlichen Zügen strahlte Schelmerei und Lebenslust“. Röschen hat früh ihre Eltern verloren und reist zu ihrer Tante in die Berge. Ihr fünfzehn Jahre alter Bruder hat die Vormundschaft übernommen, dieser ist allerdings auf wissenschaftlichen Reisen mehrfach Jahre lang unterwegs und tötet durchaus um seinen Willen zu bekommen auch eine Handvoll Neger - einer der wenigen rassistischen Ausrutscher des Buches, wahrscheinlich von Richard Haggards Abenteuerromanen um Alan Quatermain beeinflusst - und so lebt Röschen oft in der Pension, die ihr Bruder für sie ausgesucht hat. Im Sommer sucht sie die Berge wegen ihrer leidenden Gesundheit auf. Gemeinsam reisen Tante Frieda und Röschen in die Berge und lernen dort die ältere Lilly kennen, die alleine in der Pension aufgetaucht ist. Sie schließt sich kaum den Gesellschaften von Sommergästen an. Es zieht sie in die freie unberührte Natur. Durch einen Zufall erfährt Röschen, das ihre Freundin nicht nur eine Doktorin der Philosophie ist, sondern sich einen Streit mit eine furchtbar „arroganten „Botaniker liefert um eine seltene Pflanze „das Schlangemoos“ liefert. Durch einen Zufall erkennt Röschen an der Handschrift eines der Antwortschreiben, das es sich um ihren Bruder handelt. Kaum in der Pension zurückgekehrt, berichtet ihr Frieda freudestrahlend, das ihr Bruder sie in den Bergen besuchen möchte. Da sie ihrer Freundin nichts von der Verwandtschaft mit dem botanischen Besserwisser berichtet hat, ist sie jetzt in der Klemme. Sie bietet ihren Bruder und dessen adligen Freund, sich in der Pension unter einem fremden Namen einzuschreiben. Dieses Verhalten begründet sie nicht weiter. So hofft sie, das Lilly und Bruder nicht die Klingen auf ihren Fachgebieten kreuzen. Während sich natürlich Lilly für den weit gereisten und mit beiden Beinen auf den Boden stehenden jungen Mann interessiert, verfällt sie trotz allen Widerwillens dessen Begleiter, der sie aber bei einem abendlichen Gesangswettstreit schwer beleidigt. Behauptet er doch, sie habe noch nie geliebt und könne deswegen eine tragische Ballade nicht richtig singen. In der Zwischenzeit entdecken Lilly und ihr Bruder, das sie sehr viele gemeinsame Interessen haben. Unter anderem auch die Botanik.

Insbesondere die erste Hälfte der Geschichte lebt von der aus heutiger Sicht nicht unbedingt originellen, aber flott erzählten Verwechselungskomödie. Zusammen mit Röschen ist der Leser alleine im Besitz des Gesamtbildes und kann sich an den einzelnen Aktionen der durchaus willensstarken jungen Frau amüsieren. Viele Irrungen und Wendungen sind natürlich aufgrund der begrenzten Plotmöglichen weit im voraus erkennbar. Trotzdem gelingt es Kurd Laßwitz mit pointierten Dialogen den Leser gut zu unterhalten. Einige unnötige, aber wahrscheinlich zeitgemäße Verniedlichungen eingeschlossen. Zu Beginn überzieht er die Beschreibung der beiden jungen Frauen und gibt ihren Figuren nur spärliche Hintergrundinformationen. Vor allem scheint die Kombination aus Schönheit und Intelligenz für die Männerwelt damals wie heute einen gewissen Schock zu bedeuten und diese Karte spielt der Autor mit sichtlicher Freude aus. Handlungstechnisch verflacht allerdings der Spannungsbogen nach den ersten Begegnungen. Das teilweise doch sehr offensichtliche und aggressive Werben um Röschen, ihre Mischung aus Entsetzen und Versuchung wird insbesondere beim Ausflug in die Bergwelt zu breit dargestellt. Die Dialoge gleiten nach einem guten Auftakt teilweise zu sehr ins Kitschige ab und der Leser fragt sich, für welche potentiellen Käufer Kurd Laßwitz diese Geschichte geschrieben hat. In einigen Abschnitten wechseln sich sehr umfangreiche botanische Informationen mit zuckersüßem Gesäusel ab. Um die Spannungskurve wieder nach oben zeigen zu lassen, führt Laßwitz schließlich einen anonymen Fremden - den Geist der Berge? - ein, der an einigen wichtigen Abschnitten schweigend aus dem Dunkel des Waldes auftaucht. So auch in der Szene, als Röschen ihren ersten Kuss erhält und vor Entsetzen flieht, obwohl sie sich innerlich geschmeichelt fühlt. Während Röschens Bruder eher verzweifelt das Schlangenmoos sucht, weiß Lilly, wo die Pflanze zu finden ist und spielt einige Zeit mit diesem Wissensvorsprung. Nach dem eher komödiantischen ersten Teil des Buches zieht Kurd Laßwitz in der zweiten Hälfte die Handlungsschraube deutlich an. Die beiden Paare haben sich gefunden, auch wenn Lilly und Röschens Bruder noch nicht die wahre Identität des anderen kennen. Eine kleine plottechnische Zeitbombe, deren Explosion und Folgen der Leser allerdings im Vorwege aus unzähligen ähnlichen Handlungssträngen kennt. Das Laßwitz mit der Länge der Geschichte nicht zufrieden gewesen ist, zeigt die Integration einer klassischen, aber nicht gänzlich zu Ende gespielten Verwechselungsszene. Zwei Schurken, die den beiden Freunden natürlich ähnlich sehen, treiben in der Umgebung ihr Unwesen. Sofort fällt der Verdacht der klatschsüchtigen und teilweisen einfältig beschriebenen Dorfbevölkerung auf die beiden Fremden. Aber eine Bekanntschaft mit dem ermittelnden Inspektor löst nicht nur dieses Missverständnis auf.

Das Kurd Laßwitz trotz seiner teilweise für die Mitte des ^9. Jahrhunderts aufgeklärte Geisteshaltung ein Macho ist, zeigt ein bezeichnender Dialog zwischen den beiden Freunden. Schließlich soll sich Lilly ja nicht nur um ihre Forschungen kümmern, sondern wird nach der Eheschließung erkennen, wo sie als Ehefrau und Hausfrau und später Mutter ihre Prioritäten zu setzen hat. Diese Erkenntnis soll ihr ganz alleine kommen, das liege in der Natur der Weiblichkeit. Spätestens also nach einigen Jahren hat Röschen Bruder seinen botanischen Wettstreit gewonnen, da die Widersacherin mit Küche, Kinder und Kirche ausgelastet sein soll.

Ingesamt ist „Schlangenmoos“ eine frühe Stilübung Laßwitzs, die autobiographischen Züge lassen sich ohne genauere Kenntnis seines Lebens nicht leicht erkennen, aber in der Person von Röschens Bruder dürfte Laßwitz ein literarisches Alter Ego gefunden haben. Ein klarer Forschergeist, der vom Fernweh beseelt ist - das Laßwitz in seinen späteren Arbeiten zumindest literarisch befriedigen konnte - und mit Lilly eine ihm ebenbürtige Frau trifft, die sich später in der Ehe ihm unterordnet. Das weiterhin die Eltern von Röschen und Lilly vor vielen Jahren gute Freunde gewesen sind und Lillys Vater als eine Art Rübezahlgeist an einigen wenigen entscheidenden Stellen auftritt - das einzige als phantastisch zu bezeichnende Element der Novelle - sowie der Widersacher einfach wegbefordert wird, sind klassische Bestandteil des romantischen Genres. Wer sich in erster Linie für die utopischen Werke Laßwitzs interessiert, wird an dieser frühen Arbeit nur wenig Freude haben. Wer sich dagegen intensiv mit den literarischen Arbeiten des Breslauers auseinanderzusetzen sucht , braucht „Schlangenmoos“ als Schlüssel zu seiner späteren Arbeit „Sternentau“. Im Vergleich insbesondere zu Karl Mays unter Pseudonym und für die Jahreskalender geschriebenen Geschichten braucht sich die von Dieter von Reeken liebevoll aus der Frakturschrift in lesbare Form übertragenen Story nicht verstecken. Der Plot ist eher vorhersehbar, aber die einzelnen Figuren sind selbst aus heutiger Sicht liebevoll und detailliert gezeichnet worden. Der Stil ist selbst für die damalige Zeit ein wenig zu plüschig und stellenweise erkennt der Leser sehr gut, wie übermotiviert Laßwitz plottechnisch vorgegangen ist, aber als Berggeschichte lässt sich der Text - unabhängig von seiner literaturhistorischen Bedeutung - auch heute noch unterhaltsam goutieren.

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Kurd Laßwitz: "Schlangenmoos"
Roman, Hardcover, 170 Seiten
Dieter von Reeken 2008

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