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Camille Flammarion

Das Ende der Welt

rezensiert von Thomas Harbach

Mit „Das Ende der Welt“ legt Dieter von Reeken einen weiteren populistischen Roman aus der Feder des Astronomen Camille Flammarion in Ergänzung zu dessen sekundärliterarischer Schrift vor. Zusammen mit dem vor wenigen Monaten erschienen Band „Urania“ steht dieser Katastrophenroman im Schatten von „Lumen“, seinem wahrscheinlich besten Buch. Nach mehr als einhundertzehn Jahren – die einzige deutsche Veröffentlichung des hier vorliegenden Werkes stammt aus dem Jahr 1895 – liegt zum ersten Mal eine komplette deutsche Übersetzung des Bandes vor. Wie Herausgeber Dieter von Reeken in seinem bekannt informativen Vorwort deutlich macht, hatte die deutsche Erstveröffentlichung nicht die Zeichnungen der französischen Originalausgabe übernommen. Da Flammarion in seinem französischen Text nicht nur auf die Bildunterschriften Bezug nimmt, sondern vor allem Erläuterungen und Grafiken zu den Umlaufbahnen in den Text integriert, fehlten diese Passagen in der deutschen Ausgabe des Verlages „Ernst Haug“. Dieter von Reeken hat diese Ausgabe also nicht nur sorgfältig aus der inzwischen nicht mehr gebräuchlichen Frakturschrift ins Deutsche übertragen, sondern die fehlenden Abschnitte aus dem Französischen übersetzt und somit den Text in Kombination mit Nachdrucken der insgesamt 114 Illustrationen – diese stammen aus der französischen Auflage des Jahres 1925 – restauriert. Außerdem finden sich Reproduktionen der einzelnen Titelbilder. In seinem Vorwort geht Dieter von Reeken – dieses Mal kürzer – auf Camille Flammarions Bedeutung auf astronomischen, aber auch populärwissenschaftlichen Gebiete im Gefolge von Jules Verne, allerdings deutlich philosophischer und geisteswissenschaftlicher orientiert ein. Dies wird auch im Epilog des vorliegenden Textes deutlich, in welchem der Autor gedanklich ungewöhnlich modern über die Stellung der Erde im Universum – tatsächlich und ideologisch – philosophiert und seinen Lesern noch einmal den Blick zum Himmel/ zu den Sternen öffnen möchte.
Folgerichtig verbindet Dieter von Reeken dessen unglaublich vielfältige Entdeckungen auf dem Gebiet der Astronomie mit seinem zeitkritischen Geist und seiner außerordentlichen Phantasie, aber auch eingeschränkten literarischen Fähigkeiten war Charakterisierung und Strukturierung angeht. Auch wenn sich vordergründig der vorliegende Ende der Welt Roman auf die furchtbaren Folgen eines Kometeneinschlags und quasi einen reinigenden Neubeginn der Menschheit konzentriert, finden sich insbesondere in der ersten Hälfte des Buches nicht nur humorvoll- sarkastische Zukunftsaussichten – ein jeder Mensch greift ab dem 24. Jahrhundert gerne zum Teleskop, die Menschen haben den Himmel entdeckt, den Armen stehen Volksteleskope zur Verfügung -, sondern auch eine lehrreiche Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Weltuntergangs-, aber auch Ende der Welt Theorien. Das Spektrum, auf das später noch eingegangen werden soll, reicht von der Theologie über die Naturwissenschaften bis zum Aberglauben. Wie viele Forscher wollte Flammarion mit seinen farbenprächtigen, aber zumindest an der Oberfläche philosophischen Werken im Volke eine Begeisterung für die Sterne am Himmelszelt wecken und gleichzeitig über seine eingeschränkten Möglichkeiten als Forscher – immer wieder auf Anstellungen und Fördergelder angewiesen – hinaus die in den Sternenkarten verzeichneten Leuchtpunkte am Firmament mit Leben oder in diesem Fall Tod erfüllen.
Sehr geschickt beginnt der Franzose seinen Roman mit einem Paukenschlag. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen – hier kann sich der Autor einige ironische Spitzen in Richtung Politik und Wirtschaft nicht verkneifen – und wartet auf die Rechenergebnisse der französischen Astronomen. Sie sollen eruieren, wie bedrohlich der grünlich schimmernde Komet für die Erde wirklich ist. Panik greift um sich, die moderne Industriegesellschaft wirkt extrem labil, der Aberglaube feiert seine Wiederauferstehung.
Nach dem phantastisch- utopischen Auftakt – inklusiv einem Blick in eine von Luftschiffen beherrschte Zukunft – zerfällt sein Roman nicht nur in zwei, sondern eigentlich in drei Teile. Vordergründig die Bedrohung durch den Kometen, dann im zweiten eher philosophischen Teil auf die Folgen der Naturkatastrophe für das Menschengeschlecht eingehend und im umfangreichsten Teil auf eine naturwissenschaftlich unterlegte Grundsatzdiskussion über das Ende der Welt in insgesamt fünf, eigentlich sechs Variationen mit einem Abstecher in den Bereich der christlichen Glaubens/Aberglaubenslehre und eine kurze, aber präzise historische Abhandlung knapper Kometenvorbeiflüge sich beziehend. Dabei geht er als Autor fast mechanisch nach den gleichen Prinzipien – allerdings mit einem bösartigen Seitenhieb dem jüdischen Kapitalisten gegenüber - vor. So werden Resümees der eigentümlichsten Theorien vorgetragen: Die Erde stößt mit dem Kometen zusammen und durch die Reibung der irdischen Atmosphäre und des Schweifes des Kometen verbrennen die Menschen auf der Oberfläche. Die zweite Theorie geht davon aus, die Menschen werden durch das Kohlenoxyd sterben, das sich vom fliegenden Vagabunden ablöst und die Erdatmosphäre durchdringt. Nicht zuletzt aufgrund eines Hinweises, diese Art der Tötung durch langsames Ersticken ist in irdischen Gefängnissen schon ausprobiert worden, gehört dieser Abschnitt des ansonsten sehr trockenen Traktats zu den eindrucksvollsten und brutalsten Passagen des Buches. Nach diesen beiden unmittelbar im Zusammenhang mit dem Kometeneinschlag bevorstehenden Toden werden von den entsprechenden Fachspezialisten drei „Alterstode“ der Erde angesprochen. Die Überschwemmung der Kontinente – erstaunlicherweise wird dies nicht in den Zusammenhang mit einem Kometeneinschlag auf dem Wasser gebracht, sondern als Folge als kontinuierlichen Erosionsprozesses beschrieben -, die Austrocknung der Erdoberfläche durch den Verbrauch von Wasser – hier merkt der aufmerksame Leser das Alter des Textes am besten, globale Erwärmung war zumindest im 19. Jahrhundert kein Thema – und schließlich die Abkühlung des Planeten, vergleichbar dem Mond am Ende eines langen und für die Menschen erträglichen Lebens. Zumindest angedeutet wird eine Veränderung in der Sonneneinstrahlung – allerdings ebenfalls nicht als Folge des Kometeneinschlages, vergleichbar den heftigen Vulkanausbrüchen, sondern als Folge des Alterungsprozesses der Sonne. Erst im Epilog „In zehn Millionen Jahren“ geht Flammarion auf verschiedene historische Naturereignisse ein. Bezeichnend ist seine Vorgehensweise als Wissenschaftler, denn obwohl er aus dem 25. Jahrhundert zurückblickt, hört seine Chronologie des Schreckens historisch um 1885 auf, er erfindet keine neuen Naturkatastrophen hinzu und das macht diesen Text befremdlicher als er in Wirklichkeit ist. Dieser Teil ist ermüdend zu lesen in seiner Abfolge aus These und Antithese. Flammarion vermittelt dem Leser sehr viel Naturwissenschaft mit einem Hauch von Utopismus, vergisst aber eine fließende Handlung zu integrieren und konzentriert sich leider nicht auf einen interessanten und spannenden Einschub, sondern liefert einen Monolog nach dem anderen ab. Dieser Einschub bezieht sich auf die Marsianer, die schon in seinem vorangegangenen Buch „Urania“ eine kleine Rolle spielten. Diese warnen insbesondere die Bewohner Italiens – und wer sich die Karte genau ansieht, ausgerechnet die Stadt des Glaubens Rom – vor den fürchterlichen Folgen der kommenden Katastrophe. Diesen Hinweis nutzt Flammarion, um von den Naturwissenschaften zu den religiösen Vorstellungen des Endes der Welt umzuschwenken und in dieses Mal geraffter Form eine alternative Geschichte der Welt zu zeichnen. Nach fast der Hälfte des Buches beginnt er dann wieder den Handlungsfaden aus dem Auftaktkapitel aufzunehmen und den Einschlag des Kometen per se zu beschreiben. Er verlangt seinen Lesern – im Vergleich zu Jules Vernes letztem, aber auch schwächsten Buch „Die Jagd nach dem Kometen“ – einiges an Konzentration und Geduld ab. Sinnvoller wäre es gewesen, eine Handvoll von Charakteren zu etablieren, mit deren Augen der Leser den einzelnen Theorien zeitlich versetzt hätte folgen können. Robert Kraft ist in seinem unvollendeten Fortsetzungsroman „Die neue Erde“ erfolgreich diesen Weg gegangen und konnte seine Leser zeitkritisch, aber auf einem wackeligen Fundament gut unterhalten. Camille Flammarions Buch sollte man bis zur Hälfte als sekundärliterarischen Text mit Prosa- Ambitionen betrachten und nicht mit den philosophisch- verklärten Exkursen in „Urania“ oder „Lumen“ vergleichen. Der Kometeneinschlag/ Vorbeiflug selbst ist nach einer sehr langen und kenntnisreichen Exposition ein Antihöhepunkt. Nicht die komplette Vernichtung der Erde steht im Mittelpunkt des Kapitels „Der Zusammenstoss“, sondern zumindest auf einer Hälfte unseres Planeten kommt die Menschheit sehr glimpflich davon, in den europäischen Städten sind die Zahlen der Toten und Verwundeten hoch, aber im Vergleich zu den Naturkatastrophen im indischen Ozean vor zwei Jahren ähnlich gelagert. Wieder ist es erstaunlich, dass nur Telefonleitungen – aus einem luftdichten Bunker heraus, an dessen Ende der Kapitalist aus den ersten Kapiteln sitzt und mit der schnellen Verbreitung von Nachrichten weitere Milliarden verdient – und vor allem halbstündlich gedruckte Zeitungen die Welt von ihrem Ende oder Nichtende – je nach der Ambition der Nachrichtenübermittler – informiert. Im Gegensatz zu Jules Verne –und im Vergleich zum nachgestellten Epilog – möchte Flammarion seinen Lesern zumindest eine technologisch bekannte Ebene bieten, auf der er seine phantastische und erschreckende Utopie fabuliert. Bildübertragungen oder Radiowellen gibt es noch nicht. Aber selbst 25. Jahrhundert bemüht sich der Autor, ein eher ambivalentes, an den Tempeln der Griechen angelehntes Weltbild entstehen zu lassen und möglichst wenige Details zu offenbaren. Wirkt der erste Teil „im 25. Jahrhundert- die Theorien“ schon uneinheitlich, manchmal belehrend, aber auch fragmentarisch ohne Charaktere, mit denen sich ein Leser identifizieren kann, erscheint der zweite Teil „In zehn Millionen Jahren“ wie ein krasser Bruch, aber auch eines der Fundamente, auf denen Autoren wie Olaf Stapledon, aber auch sehr viel später Stephen Baxter ihre Epen bauten. Dabei gelingen Flammarion ungewöhnlich direkte politische Seitenhiebe, unter anderem auf die Regierungen, die ihre ausufernden Budgets nur mit Steuererhöhungen bis an die Grenze des Lebensnotwendigen ihrer Bürger finanzieren und die schließlich Kartenhäusern gleich zusammenfallen. Mit dem Zusammenbruch der Nationalstaaten und ihren oft kriegstreiberischen und verschwenderischen Oberhäuptern beginnt die eigentliche Blüte der Menschheit, welcher der Autor durchaus kommunistische Züge gibt. Ein Paradies der Eloys ohne Morlocks, die Erde wird im Zuge der Generationen mehr und mehr zu einem Garten, der Mensch hat nicht nur seine sieben Sinne unter Kontrolle, sondern ein achter Sinn – der psychische - entwickelt sich. Schon in seinen ersten Büchern und sekundärliterarischen Texten hat Flammarion weder die Grenzwissenschaften noch die Esoterik gescheut und in der vorliegenden Zukunftschronik bis zum letzten Menschenpaar entwickelt er seine Protagonisten vorsichtig, aber deutlich weiter in die Richtung. Da dem Leser die Identifikationsfiguren fehlen, wirkt der Text seltsam gedrängt und distanziert, eher wie eine thesenartige Studie denn einen populistischen Text. Trotzdem wird die Erde durch die Wasserknappheit unbewohnbar und mit dem letzten Wanderer über die von den Ruinen des Menschengeschlechts bedeckte Erde – diese Szenen greifen H.G. Wells „Thing to come“ gut vor – gelingen ihm einige eindrucksvolle, fast poetische Szenen. Wenn er dann im Anschluss vom letzten scheinbar intelligenten Menschenpaar Omegar und Eva berichtet, wirken diese Szenen eher pathetisch kitschig als überzeugend. Es gibt aber für die sterbenden Menschen Hoffnung, denn das neue Menschengeschlecht bewohnt als Geistwesen die Sphären des Jupiters und so schaut der Leser nach dem eher deprimierenden Ende doch hoffnungsvoll in eine derart ferne Zukunft.
Flammarion „Das Ende der Welt“ ist ein uneinheitliches Buch, der Versuch, Wissen zu vermitteln und eine packende Geschichte zu erzählen wirkt nicht an allen Stellen harmonisch, mehr als einmal kann sich der Autor nicht entscheiden, in welche Richtung er die Wagschale sich neigen lässt. Andere Passagen sind auf einem hohen intellektuellen Niveau geschrieben und geben einen Eindruck von dem Buch, das – wenn es konsequent als nihilistische Studie des Menschengeschlechts konzipiert und geschrieben worden wäre – in diesen Zeilen schlummert. Auf der anderen Seite gelingt es Flammarion mit beeindruckender Leichtigkeit, seinen Lesern Wissen überwiegend gut verständlich zu vermitteln und nicht zu belehren. Nicht zuletzt aufgrund der Seltenheit des Originaltextes und zum ersten Mal in deutscher Sprache der Kombination der Zeichnungen mit dem entsprechenden Text sei „Das Ende der Welt“ allen Freunden utopisch phantastisch Literatur ans Herz gelegt. Es ist das Bindeglied zwischen wissenschaftlich- technisch orientierten Erzählern wie Jules Verne und den philosophischen Gedankenmodellen eines Olaf Stapledon und in den Auftaktkapiteln beider Teile des Buches stecken mehr Ideen als in vielen alten und neuen Romanen zusammen. Mit „Lumen“ wird Flammarion erst zum perfekten Erzähler reifen, hier hat in manchen Teilen der Wissenschaftler noch zu sehr die Oberhand, aber der ambitionierte Schriftsteller führt sie ihm schon recht kräftig.

Direkt beim Verlag bestellen

Camille Flammarion: "Das Ende der Welt"
Roman, Hardcover, 284 Seiten
Dieter van Reeken 2006

Weitere Bücher von Camille Flammarion:
 - Die Mehrheit bewohnter Welten
 - Lumen
 - Urania

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