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Science Fiction (diverse)



Herausgeber Frank W. Haubold

Das schwerste Gewicht

rezensiert von Thomas Harbach

Auch wenn Helmuth Mommers – seines Zeichen Rufer in der Wüste und Kämpfer wider dem Vergessen… der deutschen Kurzgeschichte – immer wieder in die Welt sein „Make Room! Make Room! The German short Story is coming“ ruft, stehen der Platz, den sie erhält und die Qualität einer Zahl der veröffentlichten Geschichten in einem starken Widerspruch. Es buhlen momentan „Nova“, die „Visionen“ Anthologien im Shayol- Verlag, die C´T, „Phantastisch!“, „Alien Contact“ und schließlich auch die „Jahresanthologie“ des „Ersten Deutschen Fantasy Clubs“ mit mehr oder minder starken Ambitionen, aber oft sehr schwachen Verkaufszahlen – so würden die „Visionen“ ohne die finanzkräftigen Zuschüsse des herausgebenden Mäzen nicht mehr existieren – um die kaum vorhandene Leserschaft. Wie sagt der Volksmund so schön, man kann das Pferd zur Tränke führen, saufen muss es von alleine. Und viel Volk säuft nun einmal nicht die deutschen phantastischen Kurzgeschichten, sondern greift zu angloamerikanischen Unterhalt. Dabei versäumen sie eine Reihe von wirklich interessanten, oft sehr kritischen Kurzgeschichten. In „Das schwerste Gewicht“ hat Frank Haubold die seiner Meinung interessantesten Geschichten des Jahres 2005 zu einer bunten Mischung zusammengefügt. Neben Deutschland sind Österreich und Bulgarien vertreten.


Mit der Titelgeschichte „das schwerste Gewicht“ aus der Feder Matthias Falkes und „Sprich mit mir“ von Heidrun Jänchen finden sich gleich zwei Extreme der fast fragmentarischen Kurzgeschichte. Einmal im Falle Falkes ein direktes Hinsteuern auf eine möglichst originellste Pointe und bei Heidrun Jänchen ein pseudoanspruchsvoller Plot mit einer ominösen, scheinbar gedankenschweren Auflösung, die irgendwie hohl klingt. Die Idee der Lebensvorführung bis in alle Ewigkeit weißt sehr schnell auf die hinter dieser Idee stehende Lösung hin. Immer wieder wechseln sich interessant geschriebene Passagen mit stilistischen Flapsigkeiten ab. Jänchens Geschichte ist in ihrer Konzeption zu ambitioniert für den vorliegenden Text. Auch wenn der Schlusssatz effektiv eingesetzt worden ist, wirkt der Weg dahin zu steinig. Andere Geschichten wie Stephan Peters „Dorothea“ versuchen einer wirklich alten Idee mit einigen nekromantischen Neigungen verbunden neues Leben einzuhauchen. Dabei hilft es auch wenig, wenn der Autor zumindest über eine solide in Bezug auf seine literarische Arbeit technische Ausbildung verfügt.

Die gebürtige Bulgarin Natalia Andreeva – ihre längere Geschichte trägt der verwirrenden Titel „Bitteres Licht“ - ist eine subversive Mischung aus Mutterängsten und märchenhaften Elementen. In eine fragmentarisch erzählte, leicht perverse Handlung fügen sich nahtlos Bestandteile des klassischen Märchens – Hexe, Wünsche – ein. Zusammen mit den sehr intim geschriebenen Dialogen gehört „Bitteres Licht“ nicht zuletzt wegen der innovativen Umsetzung der bösen Hexe/ guten Fee – Thematik ein erstes Highlight der Anthologie. Überhaupt Märchen. Sie scheinen zu den besten Stücken dieser Sammlung zu gehören: „Die kleine Flamme“ von Dietmar Füssel ist ein klassisches Märchen mit einem Beamtenstreich als Pointe. In ihrer absurden Geradlinigkeit ist diese kleine Geschichte kurzweilig geschrieben und unterhaltsam. Diese Tradition setzt Stefan Pfister mit „Der klappernde Bahnhofsvorsteher“ fort. In einem modernen Kleid erzählt er mit wissenschaftlichen Elementen aufgemotzt die Geschichte des hölzernen Jungen. Die eingesetzte Retrotechnik – siehe auch Steinhöfels sehr empfehlenswerten Roman „Der mechanische Prinz“ – gibt dieser Art von Geschichte ein besonderes zeitloses Flair. Höhepunkt der Märchenthematik ist sicherlich Silke Rosenbüchlers „Oh je, Du Fröhliche“. Der ultimative Weihnachtswunsch einer jungen, einsamen Frau und die Reaktion des großen Santa Claus sind eine unterhaltsame Mischung aus pointierten Dialogen, kleinen Spitzen – ein Jahr brav sein für den einen großen Wunsch – und einem Schuss Erotik. Geschickt spielt die Autorin mit der Erwartungen ihrer Leser, um diese dann plötzlich auf den Kopf zu stellen und spitzfindig den Weihnachtsmann wieder für fast alle Altersklassen freizugeben.

K.L.K.H. Fischer hat mit Sand und Würfel“ den intellektuellen Versuch unternommen, eine Geschichte zu komponieren. Im Grunde kein schlechter Ansatz, wenn nicht – wie in diesem Fall – eine deutliche Disharmonie zwischen dem oft verklausulierten und dem immer wieder ins Hektische abgleitenden Spannungsaufbau der Geschichte bestehen würde. Im Grunde überfordert Fischer seine Leser. Der Hintergrund ist fragmentarisch, spärlich, die Kritik an oft aggressiven und egoistischen Religionsgemeinschaften kommt zu spät und vor allem seine Charaktere können mangels einer intensiven Auseinandersetzung des Autoren mit ihrem Wesen nicht überzeugen. Eher passiv und emotionslos verfolgt der Leser Tarahs Lebens- und Leidensweg. Aufgelockert durch wenige, isoliert wirkende gute Szenen bleibt die Geschichte in dieser Form weder Fisch noch Fleisch.

„Hass“ von Wilko Müller jr. Ist eine der Geschichten, in denen Autoren versuchen, ihren Frust über die eigene Gegenwart in Worte zu packen. Ein Vertreter ohne wirkliche Aufgabe wird für einen Moment dank eines Wesens oder einer Inspiration in die Lage versetzt, seinen Hass an zuerst aggressiven und dann vermutlich an jedem Autofahrer abzureagieren. Der Beginn mit seinen realistischen Beschreibungen weicht mehr und mehr einer auf Phantastik getrimmten Version von „Falling Down“ mit Michael Douglas. Der Film wird auch in der Kurzgeschichte erwähnt. Leider findet der Leser wie in einer Reihe anderer Texte keinen Bezug zu diesem Charakter und deswegen lässt ihn das nicht näher erläuterte Szenario genauso kalt wie die Temperaturen, die in der Geschichte vorherrschen.

„Verbrechen aus Liebe“ von Barbara Schinko ist der österreichische Beitrag. Dieser kurze Text beginnt mit einem eindrucksvollen Bild. Auf einem Dach oberhalb von Prag sitzen ein Unsterblicher und eine Hexe. Diese lebt in erster Linie von jungen Frauen, denen sie die Lebensenergie entnimmt, um ihrem unsterblichen Geliebten durch die Äonen zur Seite zu stehen. Danach entwickelt sich auf wenigen Seiten eine kurzweilig zu lesende Liebesgeschichte mit einem leider vorhersehbaren Ende. Aber der Auftakt mit seiner Mischung aus surrealem und phantastischen entschädigt für die etwas zu pathetische zweite Hälfte der Story.

Der Herausgeber Frank Haubold steuert mit „Das ewige Lied“ eine seiner inzwischen charakteristischen Geschichten bei. Konträr verbindet er Momente aus den klassischen Heldensagen – insbesondere der Arthur- Sage ohne den König – mit einem futuristischen Kriegsschauplatz. Von der Stimmung und der Idee der fliegenden Städte erinnert der Text an James Blish oft philosophische Exkurse in das Innere des Menschen vor der fast erdrückenden Unendlichkeit des Alls. Haubold beherrscht inzwischen die verschiedenen Stimmungslagen einer solchen Tragödie und wechselt sehr geschickt zwischen Melancholie, einem Hauch Pathos und Heroisierung. Stilistisch wirkt seine Arbeit an manchen Stellen überladen und übermotiviert. Auf der anderen Seite sind es viele kleine Gesten – das sich durchziehende Lied als markantes Beispiel -, die den Leser in ihren Bann ziehen. Die Grundidee ist nicht sonderlich neu und tausendfach in wahrscheinlicher jeglicher Variation ausprobiert, die Art, wie Haubold allerdings „Das ewige Lied“ geschrieben hat, macht sie lesenswert.

Das Spektrum der präsentierten Geschichten ist ungewöhnlich breit. Volker Groß offeriert seinem weltmüden Charakter eine große Illusion, in der er sein bisheriges Leben vertragsgemäß vergessen kann. Keine neue Idee, eine melancholische Variante solcher Filme wie „Open Your Eyes“, intim geschrieben. Es fehlt nicht zuletzt aufgrund der Kürze der Geschichte die Möglichkeit, mit den vorgeblich zwei Protagonisten wirklich in Kontakt zu treten. Bei einem Text, der die Auswirkungen einer verlorenen Liebe beschreibt, eine elementare Grundlage. Eine Variation dieses Themas bietet Sven Kloeppings „Alpha Centauri“. Sprachlich nicht so überzeugend erzählt der Autor deutlich distanzierter und bemüht sich, der Idee der Simulation eine technologische Komponente hinzuzufügen. Auf den ersten Blick fügt sich außerdem Hartmut Kaspers „Uschepti“ in diesen Reigen mit ein. Danach erweitert sich aber das Spektrum, denn seine künstlichen Kreaturen begleiten die Körper der gerade verstorbenen Superreichen zu ihrer letzten Ruhestätte auf einem anderen Planeten des Sonnensystems. Sie sind kleine Maschinen, dank der Nanotechnologie fast lebendig und doch in der Tradition der ägyptischen Grabbeilagen konzipiert. Sehr kurzweilig und unterhaltsam geschrieben mit einer originellen Idee ausgestattet rundet „Uschpeti“ diesen Reigen von Illusion - & Realitätsgeschichten auf einem kleinen Höhepunkt ab.

Marc- Alastor E.E.´s „Vergessen sei der Wechselbalg“ ist eine insbesondere sprachlich sehr kraftvolle Dark Fantasy Geschichte. Wie in seinem Epos „Geisterdrache“ verbindet er Sprache mit einer märchenhaften, aber geradlinigen Handlung, angesiedelt in einer archaischen Welt zwischen Aberglaube und Glaube. Im Verlaufe dieser Sage überrascht der Autor mit einer Reihe morbider sprachlicher Bilder. Wenn sich der Leser darauf einstellt, ist „Vergessen sei der Wechselbalg“ für ihn eine der besseren Geschichten dieser Sammlung.

„Der Rattenkönig“ von Jasmin Carow ist eine dunkle Geschichte. Sie beginnt ungemein realistisch aus dem Blickwinkel einer in die Jahre gekommenen Ehe. Die Frau desillusioniert, der Mann eher ein Fremdkörper. Und in diese kaum noch vorhandene Zweisamkeit ihrer Wohnung dringt eine Ratte ein. Carow verzichtet auf jegliche Erklärungen, mit grellen Farben plakativ malt sie ihre fiktive Erscheinung. Das Ende ist ambivalent, interpretationswürdig und wirkt nicht mehr so packend wie der ungewöhnliche Anfang des Textes.

„Irgendetwas mit Pudica“ von Helga Schubert ist eine unterhaltsame, leichte Story vom Dieb auf der Suche nach dem perfekten Geldversteck eines alten Gärtners in seinem Gewächshaus. Nette zweite Pointe, während die eigentliche Lösung der Geschichte aufgrund der Konzeption der Geschichte ein wenig vorhersehbar wirkt.

Michael Iwoleits „Das Urteil“ ist einer der Höhepunkte dieser Sammlung. Sehr kompakt und konzentriert in der Tradition der britischen „Quartmass“ – Filme / Fernsehserien beschreibt er die Begegnung mit einer außerirdischen Rasse, die die Erde besucht. In einer Art religiösem Wahn drängen die Menschen auf eine Begegnung, die ganz anders ausfällt als von ihnen erhofft. Sehr sachlich – hier erinnert die Exposition unwillkürlich an Rainer Erlers filmische Dokumentation „Die Delegation“ und deren Umsetzung als Roman durch den Regisseur selbst – und sprachlich ansprechend entwickelt Iwoleit diese makabre Geschichte sehr routiniert, lässt seinen Lesern Platz zum Träumen und raubt ihnen dann am Ende die Illusion. Er bietet allerdings – wie es sich für dieses Subgenre gehört – keine Lösungen an, seine Vermutungen stehen dank des Protagonisten als Übersetzer im Raum und lassen ausreichend Platz für Interpretationen.


„Die Rückkehr“ von Alexander Amberg beschließt die Sammlung. Über weite Strecken eine interessante, gut zu lesende Geschichte von einer Freundschaft, einer Frau, die früh ihren Mann verliert und ein neues Leben beginnt. Sentimental, auch ein wenig romantisch erzählt der Autor diese Passagen. Er bemüht sich, seine Charaktere dreidimensional zu beschreiben. Danach eine interessante Veränderung der Perspektive. Misstrauen, Eifersucht, unterstützt durch die vagen Äußerungen und das Geschenk einer alten Zigeunerin. Die Schwierigkeit des Textes liegt in seinem Ende. Zu vorhersehbar hält sich Amberg deutlich bedeckt, ob es sich um eine Fiktion handelt oder ob die „Rückkehr“ wirklich stattgefunden hat. Auch löst er diese Konfrontation fast im Nebensatz wieder auf und entscheidet sich für die Andeutungen des magischen Realismus mit einem Hauch Horror. Gut geschriebene Geschichten, deren Pointe ein überraschender Biss fehlt.

„Das schwerste Gewicht“ ist wahrscheinlich die Sammlung deutscher phantastischer Geschichten, die von reiner Science Fiction über Anklänge des Horror und der Phantastik bis zum „Märchen“ in moderner Form das gesamte Spektrum abdeckt. Einige der Geschichte sind Juwelen, andere Texte mit bekannten Ideen nur routiniert geschrieben. Trotzdem ergibt sich hier die Möglichkeit, neunzehn sehr unterschiedliche Autoren – das reicht von den Erzählstilen bis zu den persönlichen und literarischen Erfahrungen – kennen zulernen. Die Sammlung zeigt, dass die pointierte intelligente Kurzgeschichte noch nicht zur Gänze ausgestorben und im Museum ausgestellt worden ist. Sie zeigt aber auch, dass das zarte Pflänzchen deutlich schwieriger zu hegen und pflegen ist, als manche gedacht haben.

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Herausgeber Frank W. Haubold: "Das schwerste Gewicht"
Anthologie, Softcover
EDFC Sonderpublikation 2006

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