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rezensiert von Thomas Harbach
Überraschend hat der Zaubermond- Verlag den zehnten Band aus der Feder von Jo Zybell auf unbestimmte Zeit verschoben. Jetzt präsentiert man mit dem Roman „Die grüne Insel“ ein Seemannsgarn aus der Feder Michael M. Thurners. Nach dessen Debüt in der Perry Rhodan Fanedition stieg er schnell in den Reihen des Bastei Verlages zu einem ambitionierten, aber nicht überragend kreativen Maddrax- Autoren auf. Kurze Zeit später gelang der vollkommen überraschende Sprung ins Atlan und Perry Rhodan Team. Hier konnten sich seine oft schwankenden Leistungen stabilisieren. Inzwischen zeichnet er sich als Exposeautor der aktuell laufenden Miniserie bei Atlan aus.
Wie bei den Perry Rhodan Planetenromanen erzählen die Hardcover in erster Linie autarke Geschichten. Nach einer Reihe von Storys, die die Zeit zwischen dem Kometeneinschlag und dem Serienbeginn überbrücken, konzentrieren sich einige der Texte auf die frühen Abenteuer. Neben einer interessanten Alternativperspektive auf den fünften Heftromane und dem Schicksal eines der wenigen überlebenden atomgetriebenen Flugzeugträger der nicht mehr existenten Navy werden jetzt Lücken in Maddrax Reiseaufzeichnungen über die verwüstete Erde aufgefüllt.
Die Handlung dieses Hardcovers spielt wieder in der Frühzeit der Serie. Im 23. Band der Serie konnte Maddrax von einer im Sinken begriffenen Vulkaninsel auf den Seelenverkäufer fliehen. Dieser sucht mit einer Mannschaft aus Halsabschneidern, einem faulen stellvertretenden Kommandanten und einer Hure mit einem Herz aus Gold die Passage ins gelobte Land Amerika. Auf ihrer Überfahrt begegnet das Schiff einer Herrschaft von Seeschnecken, die nur dank Maddrax Initiative abgewehrt werden können. Das Schiff wird beschädigt. In seiner Verzweifelung verspricht der in der Zeit gestrandete der Besatzung, in drei Tagen werden sie Land erreichen. Am dritten Tag ohne Land sind diese bereit, den von seinem Retterthron in Ungnade gefallenen blonden Fremden aufzuknüpfen, um den Seegöttern ein Opfer zu bringen. In letzter Sekunde finden sie Land. Die grüne Insel Grönland. Das Schiff strandet und die zur Reparatur notwendigen Materialien werden von Lupas und einem seltsamen fremden Mann bewacht.
Der Roman zerfällt in zwei Teile. Erst das Seeabenteuer und dann die Begegnung mit den Fremden und ihre Forderung an das Erkundungsteam, ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Betrachtet ein aufmerksamer Leser zuerst die erste Hälfte der Geschichte, dann fällt auf, dass alle Merkmale für eine ordentliche Seegeschichte vorhanden sind, alleine es fehlt der Funke, diese zu entzünden. Zu sehr konzentriert sich der Autor auf die Figur Maddrax und nimmt damit den Ereignissen einiges an Spannung. Der Leser weiß, dass Maddrax alles überlegen wird. Denn bislang ist er in mehr als einhundertzwanzig weiteren Abenteuern aufgetreten. Warum sich Thurner auf einen Nebencharakter konzentriert hat, ist eine der offenen Fragen. Maddrax hätte vielmehr auf dessen kühne Prophezeiungen reagieren können anstatt eher zweifelhaft zu agieren. So effektiv die Lynchszene auch geschrieben worden ist, mit dem Opfer Maddrax negiert Thurner jegliche Spannung. Mit einem anderen Opfer und Maddraxs verzweifeltem Bemühen, den Mann zu retten, hätte der Handlungsbogen effektiver gestaltet werden können. Nicht umsonst gehört die eigentliche Heftromanserie wahrscheinlich mit Tony Ballard zusammen zu den Serien, in denen fast alle Figuren sterblich sind. Oft wurden die Leser mit dem plötzlichen Tod eines sympathischen Charakters in der dunklen Zukunft der Erde überrascht.
So sehr sich Thurner bemüht, das Leben auf einem solchen Seelenverkäufer zu beschreiben, es fehlt ihm aber das Gefühl für die See. Viele seiner Beschreibungen wirken seltsam distanziert und emotionslos. Es ist zwar effektiv, die dunkle Atmosphäre mit lakonischen Bemerkungen Maddraxs aufzuheitern, doch viele Szenen enden im Nichts. So hätte das Eingeständnis des alten Kapitäns, den Kurs nicht mehr zu kennen, emotionaler und interessanter in Szene gesetzt werden können. Die gute Absicht wird durch eine Reihe von folgenden, eher actionorientierten Szenen überdeckt.
Die Landung auf der „Grünen Insel“ wirkt dagegen natürlicher. Thurner wirkt fast erleichtert, auf festen Boden zurückzukehren. Darauf folgt eine Reihe von gut inszenierten und effektiven Minikrisen. Auch die Begegnung mit den Lupas ist atmosphärisch dicht und sehr geschickt angelegt. Das schließlich sechs die Handlung bislang tragende Charaktere in eine Falle geraten und um ihr Leben erzählen müssen, führt die klassische Erzähltradition von Kurosawas „Rashomon“ konsequent fort. Den Fehler, den Thurner in dieser Szene macht, ist die Zahl der Nichtopfer konsequent auf einen „Überlebenden“ festzulegen. Zu schnell erkennt der Leser die eigentliche Intention der geheimnisvollen Macht. Viel schneller als die einzelnen Figuren. Da hilft es wenig, wenn Maddrax seine eigene Geschichte mit den Einzelschicksalen vergleicht. Zu erdrückend wirkt sein Überleben durch den Kometeneinschlag im Vergleich zu den persönlichen Einzelsituationen. Es wäre fast besser gewesen, Maddrax dem Suchteam zuzuordnen und so die Spannungskurve deutlich vielschichtiger gestalten zu können. Wie viel es ist, ihn nicht immer die Handlung aufzuschultern, hat eine Reihe von Heftromanen sehr gut unterstrichen.
Wie fünf der sechs Geschichten schließlich zusammengehören und sich die Erzähler wie von einer übermächtigen Macht gesteuert sich auf diesem Schiff und auf dieser Insel einfinden, erinnert fast an die Spielereien mit den Rückblenden bei Fernsehserien wie „Lost“. Allerdings führt Thurner diesen Gedanken – wie einige andere – nicht weiterfort. Wenn er schon auf Maddrax als Teilnehmer an diesem makaberen Geschichtenerzählerwettbewerb besteht, dann wäre eine logische und bis zum Ende konsequente Umsetzung die schwierige, aber befriedigende Alternative gewesen. Thurner hätte Maddrax Schicksal einbinden können. Er macht es sich zu leicht, bei ihm auf die ursprüngliche Überlebensgeschichte nach dem Kometenabsturz zurückzugreifen. Eine bis dato unbekannte Episode, in der seine Vergangenheit mit den anderen Charakteren verknüpft worden wäre, hätte überzeugender und vor allem effektiver gewirkt. Auch gelingt es Thurner nur oberflächlich, selbst in den Rückblenden seinen Figuren Leben einzuhauchen. Zu selten spielt er mit den persönlichen Eindrücken der einzelnen Protagonisten. Er hätte viel mehr Widersprüche in die einzelnen Rückblenden einbauen können. Fast emotionslos spulen die Figuren jegliche Klischees der Abenteuerliteratur hinunter. Von der Sklavin über den Söldner bis zur geilen Hure. Thurner macht allerdings nicht den Fehler, auf dieses Reservoir von Charakteren am Ende zurückzugreifen. Er hat sich schon bemüht, sie in die erste Hälfe des Buches zu integrieren. Noch anschaulicher wäre es gewesen, die Handlung auf See komplett aus deren unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen und gänzlich auf Maddrax zu verzichten. Dieser literarische Trick hätte die Erzählung fließender erscheinen lassen. So kommt es zu einem Bruch des Spannungsbogens mit dem Beginn der Geschichten. Unwillkürlich entsteht der Eindruck, dass Thurners ursprüngliche Fassung zu kurz geraten ist.
Das eigentliche Ende „Der grünen Insel“ wirkt dagegen überhastet und mit den übernatürlichen Elementen wie ein Widerspruch zur gesamten Serie. Ein Trick oder Betrug hätte den Roman befriedigender abgeschlossen. Alles eine moderne Illusion, aber keine übergeordneten Wesen mit übernatürlichen Fähigkeiten. Hier schleicht sich der Autor zu schnell aus der Verantwortung. Unwillkürlich bleibt aber das Gefühl bestehen, „die Grüne Insel“ ist unter erheblichen Zeitdruck entstanden und wurde aus verschiedenen, einzelnen Ideen zusammengesetzt. Im Gegensatz zu vielen anderen Flickschustereien überwiegen allerdings die positiven Ansätze.
Was den Roman positiv auszeichnet, ist die über weite Strecken originelle Handlung. Thurner konzentriert sich auf das Geschehen an Bord des Schiffes und bemüht sich, aus der drangvollen Enge das Beste zu machen. Manchmal wirkt seine Erzählweise in einem fast neutralen, unauffälligen Stil wie eine Parodie der alten Piratengeschichten. Mit „Der grünen Insel“ hat er einen Kontinent gefunden, aus dem man im Laufe der Maddrax Hardcover viel mehr hätte machen können. Sowohl die Bedrohung durch den geheimnisvollen Alten und den Lupas wird fast verschenkt. Eine intensive Erkundung der Insel, das Schicksal der auf den Militärbasen stationierten Soldaten und Maddrax unmittelbare Begegnung mit seiner Vorkometenvergangenheit könnten der Ausgangspunkt für eine Reihe von interessanten Episoden sein.
Im Vergleich zu einigen anderen Maddrax Hardcovern ist „Die grüne Insel“ angenehme, leicht zu lesende Unterhaltung. Thurner hat es nicht leicht, gegen Ende des Buches seine Leser bei der Stange zu halten. Er bemüht sich, den eher gelangweilten Fluss der Handlung zu beleben. Trotz einer Reihe von Schwächen im Aufbau und insbesondere in der Auflösung des Plots gehört „Die grüne Insel“ nach einer kurzen Durststrecke bei den Maddrax Hardcovern zu den besseren Texten.
Michael M. Thurner: "Die grüne Insel"
Roman, Softcover, 256 Seiten
Zaubermond 2005
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