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rezensiert von Thomas Harbach
Dieser umfangreiche Band fasst die letzten beiden selbstständig erschienenen Kurzgeschichtensammlungen Grunerts – „Menschen von morgen“ und „Feinde im Weltall?“ in einem Band zusammen. Daneben finden sich neben einem Artikel noch insgesamt sechs Geschichten und Novellen, die im Laufe der Jahre bei den Verlagen ARENA, RECLAMS Universum und der illustrierten Zeitung erschienen sind. Außerdem noch eine Rarität, da „Gelöste Probleme“ aus dem Jahre 1914 bis vor kurzem als unbekannt oder verschollen galt. Neben dem wieder ausführlichen Vorwort und dem gelungerenen Titelbild von Thomas Hofman sticht die saubere Widergabe einzelner Textseiten aus dem optisch wieder herausragenden Gesamtbild heraus. Von Reeken präsentiert die jeweils erste Seite der beiden Anthologien und des Artikels im Original und saugt förmlich seine Leser in die Geschichte und vor allem die Zeit hinein.
Obwohl er sich zusammen mit Gerd Michael Rose stellvertretend für eine Reihe von anderen Sammlern sehr viel Mühe mit diesen Reproduktionen gibt, scheint es kaum einen richtigen Markt oder ein Publikum zu geben. Kaum ein Band erreicht eine nennenswerte und für den Herausgeber kostendeckende Auflage. Das Interesse des Handels ist so gut wie nicht vorhanden, dabei wäre es gerade für diese Shops ein leichtes, mit Ihren Katalogen ein größeres Publikum anzusprechen. Das Interesse an deutscher utopischer Literatur geht bis zu den fünfziger Jahren und wenigen anderen Ausnahmen – Hans Dominik oder vielleicht mit Abstrichen Kurd Lasswitz – zurück und versinkt darüber hinaus in Lethargie. Versuche größerer Verlage wie Heyne mit seinen SF Classics sind gescheitert. Um so mehr müssen diese Kleinstprojekte ins Licht der Öffentlichkeit gerückt werden, denn Dieter von Reeken hat in zwei Punkten Recht: es gibt immer wieder Menschen, die Frakturschrift lesen können und die Originaltexte werden immer seltener und vom Zahn der Zeit aufgefressen. Für Bibliotheken sind die Bücher nicht wertvoll genug, um sie in die Glasvitrine zu legen und in Antiquariaten erhält man die Texte zu utopischen Preisen und oft in furchtbar schlechten Zuständen. Was für Begründer des Genres wie Robert Kraft oder Kurd Lasswitz schon zutrifft, ist für heute unbekannte Autoren tödlich. Trotzdem erscheinen in regelmäßigen Abständen die schönen, weißen Paperbacks des Lüneburger Altfans und es wäre wünschenswert, wenn er nur einen Bruchteil der Interessierten dazu bewegen könnte, sich in Frack oder Anzug werfen, den Schnauzbart zu stutzen und in der Zeitmaschine bis an die Wurzeln der heutigen Science Fiction zu tauchen. Mit „Zukunfts-Novellen“ kann er nicht nur ein breites Spektrum an interessierten Geschichten kennen lernen, sondern in erster Linie selbst verfolgen, welchen Einfluss Lasswitz, Verne und Wells auf eine „jüngere“ Genera-
tion von gebildeten Deutschen gehabt haben.
Widmete Grunert seine ersten Novellensammlung noch seinem literarischen Vorbild Kurd Lasswitz, drückt er in der Widmung zu „Menschen von morgen“ seine Freude über den kleinen eigenen literarischen Erfolg aus. Optimistisch lädt er seine Leser ein, mit ihm zu phantastischen Plätzen zu reisen und phantastische Erfindungen zu verfolgen. Außerdem erkennt der aufmerksame Leser sehr schnell an den folgenden Geschichten, wie sich Grunerts Universum verfestigt und einzelne Zusammenhänge zwischen den abgeschlossenen Texten sich bilden.
So gehört „Die Radiumbremse“ zu einer Reihe von Texten, in deren Mittelpunkt die „Abendschule“, ein intellektueller Stammtisch steht. Neben den literarischen Auseinandersetzung mit Autoren wie Lasswitz, Verne oder in diesem Fall Wells bemüht sich das Alter Ego Grunerts, eine interessante Idee seinen Freunden zu zeigen. Mit Hilfe von Radium soll das persönliche Altern angehalten werden und aus Stunden Tage werden. Natürlich wird sofort ein Selbstversuch unternommen. Diese Szenen beschreibt er mir kindlicher wissenschaftlicher Freude und einigen ironischen Seitenhieben den Dickköpfen und Intellektuellen gegenüber. Am Ende scheint der Versuch zu scheitern.
Schon vom ersten Augenblick an beschreibt Grunert eine so typische Runde: geselliges Beisammensein, garniert mit philosophischen Erkenntnissen geht es den vier Männern und Frauen gut. Wie in einigen anderen seiner Geschichten stehen die Frauen gesellschaftlich, aber vor allem auch geistig auf der gleichen Stufe wie die Männer. Das drückt sich zwar nicht in Titeln und Ehrenämtern aus, aber Grunert beschreibt sie niemals als Stichwortgeber. Der Club erinnert an spätere Clubs. Spontan fällt einem aus dem Bereich des Krimis Lord Dunsany ein, aber auch Isaac Asimovs teuflische Azrael Geschichten könnten auf diese Urschöpfung zurückgehen. In der Komposition seines Textes lehnt sich Grunert eher an die soliden, technologisch oft bodenständigen und literarisch simplen Texten H.G. Wells an. Es fehlt die flammende Originalität Vernes, aber auch die imposante Weltenbildung, die Lasswitz so auszeichnete. Das hier eine Alternative zur Wells „Die Zeitmaschine“ präsentiert wird und sich Grunert eher auf die Urelemente denn die technologische Erfindungslust bezieht, macht auch heute noch den Reiz dieser kleinen, aber feinen Geschichte aus.
Einen ersten Höhepunkt und eine auch aus heutiger Sicht sehr originelle Geschichte stellt „Das Rätsel der Lüfte“ dar. Carl Grunert war seit seines Lebens kränklich und in einigen seiner Texte drückte er seinen innigen Wunsch nach einem normalen Leben aus. Indirekt auch in dieser Geschichte, auch wenn das erkrankte Wesen eine junge Frau ist, die aufopferungsvoll von ihrer Familie und schließlich in einem Sanatorium versorgt wird. Gleich zu Beginn des Textes zeigt Grunert eine derart friedliche, malerisch kitschige Begegnung – einschließlich des obligatorischen Oberförsters aus den Kolportageromanen – das es einem Leser der heutigen Generation Angst und Bange werden kann. Die Kombination aus Romanze – oft herzzerreißend ehrlich mit allen schönen und dunklen Seiten dargestellt – und wissenschaftlicher Fiktion ist ein Markenzeichen Grunerts und lässt seine Texte auch zeitloser als manches heroisch deutsches Heldenepos erscheinen.
Dabei vermischt er Elemente Jules Vernes – Kapitän Nemo und natürlich Robur, der Eroberer- mit einem Vorläufer der deutschen Heftromanserie „De Luftpirat und sein lenkbares Luftschiff“ zu einer positiven Utopie. Bis auf das eher ironisch deutsche Heldengedicht zu Beginn der Geschichte setzt sich Grunert erst wissenschaftlich sachlich, dann phantasievoll mit dem Phänomen einer ungewöhnlichen Wolke auseinander. Geschickt lenkt er seine Leser von der emotionalen Ebene ab, um dann kraftvoll und sensibel den Kreis zu schließen. Das sich der spanische Edelmann nicht dem Bösen zuwendet, sich nicht im Kummer vergräbt und weiterhin das Gute sucht und deswegen auch Gutes tun möchte, ist eine Variation der klassischen Heldenstoffe. Hier steht der Autor in starkem Kontrast zu den eher archaischen wirkenden Stoffen Vernes und appelliert an den Intellekt der Menschheit, den technologischen Fortschritt einer geistigen Entwicklung gegenüber zu stellen. Wie in fast allen der hier präsentierten Geschichten ist Grunerts pazifistische Einstellung ungewöhnlich für die damalige Zeit und wenn Dieter von Reeken den Vergleich Scheer/Darlton zu Dominik/Grunert wagt, so ist dieser nur bedingt richtig. Grunert erinnert mehr an den früh verstorbenen Terrid, der wie kaum ein anderer Heftromanautor skurrile aber liebenswerte Charaktere erschaffen konnte.
Die abschließende dritte der so unterschiedlichen Novellen „Das Geschenk des Oxygenius“ ist natürlich eine Hommage an Flammarions „Lumen“. Dieter von Reeken verweist in seinem informativen Vorwort auf eine Kurzgeschichte Jules Vernes, aus der die Idee des den Menschen und die Industrie bedrohenden Sauerstoffs stammen könnte. Trotz der Hommage an beide Werke hat Grunert eine eigenständige romantische Geschichte geschaffen
Das Element Sauerstoff möchte eine Verbindung zwischen zwei sich heimlich liebenden Menschen stiften und sorgt für allerlei Verwirrung in den Fabrikationsstätten des potentiellen Schwiegervaters. Neben dem außergewöhnlichen Rahmen mit den diskutierenden Elementen – eine Anspielung auf die griechische Götterwelt der Naturelemente – finden sich ungewöhnliche Stellen in dieser Geschichte. Ein Part erinnert an die klassischen Westerngeschichten – darum spielt der Text wahrscheinlich auch in den Vereinigten Staaten – die Heimsuchung des guten und aufrichtigen Deutschen, der in der Fremde nur an seine Ingenieurskünste und dann an seine heimliche Liebe denkt – durch einen eifersüchtigen Widersacher wird so grotesk überzeichnet, dass die Episode am Ende komisch erscheint. Dazu passt, dass selbst der Schurke sein Glück auf ungewöhnliche Weise findet und der Leser vielleicht überhaupt nicht weiß, welches Paar nun vom Oxygenius beschenkt worden ist. Wieder ist sich Grunert nicht zu schade, seinem Helden eine romantisch Ader – das Ziel des Spotts durch den wahren Mann und gleichzeitig der Schlüssel zum Herzen der Angebeteten- anzudichten. Dabei wirken seine Liebesgeschichten emotionell überfrachtet und erinnern an die Wunschvorstellungen eines einsamen und mit seinem eigenen Schicksal unzufriedenen Mannes. Die wissenschaftlichen Komponenten werden auf die Auswirkungen des Sauerstoffs reduziert und wirken eher gezwungen als entwickelt. Trotzdem zeichnet die Geschichte eine – Sauerstoff bedingte – ungewöhnliche Leichtigkeit aus. Auch wenn Grunert – wie in manchen anderen seiner Geschichten – über eine grobe Charakterisierung nicht hinaus kommt, ist die grundlegende Idee sehr ungewöhnlich, wenn auch nur mit bescheidenen Mitteln umgesetzt. Eine Stufe intensiver hätte eine Begegnung zwischen Wissenschaftler und lebendem Element gewirkt, eine Variante der theoretisch philosophischen Diskussionen aus Flammarions berühmten Kurzroman und eine intellektuelle Weiterentwicklung durch Grunert. Sehr viele seiner Geschichten – siehe „Das Marsspion“ – leben von seiner intensiven Beschäftigung mit den ursprünglichen Texten und einer augenzwinkernden Fortführung mit seinen oft literarisch ebenbürtigen, aber gesellschaftlich unterschiedlichen Mitteln. Im Gegensatz zu anderen Texten spielt diese Geschichte allerdings eher im „normalen“, für die USA durchaus als bürgerlich bezeichnenden Milieu. Das überwindet die manchmal doch steifen Barrieren zu seinen graubärtigen Intellektuellen und macht die Liebesgeschichte nachvollziehbarer. Auch wenn den Text ein Happy End ziert, zeigt Grunert formvollendet mit einem genauen Beobachterauge auf, wie schwierig es ist, die einzelnen Elemente zu einem Ganzen zu verbinden. An ihrem Intellekt gemessen stehen seine sympathischen Figuren den Abenteuern Dominiks in Nichts nach, nur die ein bisschen abgerundete emotionale Seite vervollständigt ihren Charakter. Mit dem jungen Ingenieur betrifft allerdings auch auf der Aktionsseite ein entschlossener „Held“ dessen literarische Bühne.
Die zweite Sammlung „Feinde im Weltall?“ besteht aus vier Geschichten. Die Titel gebende Story ist – zumindest in der Literaturtheorie – das verbindende Element zwischen Invasionsgeschichten wie Wells „Kampf der Welten“ und den Pulpgeschichten der zwanziger Jahre. Ein junger Erfinder hat einen Wellenempfänger erfunden, seine Idee wird von der etablierten Wissenschaft abgelehnt, bis er eines Nachts eine Botschaft in Morsecode empfängt, die die Einmondigen vor einer bevorstehenden Invasion aus den Tiefen des Alls warnt. Als er die Reichskanzlei informiert, legen diese Gremien ihm Beweise vor, dass Außerirdische mit ihren Raumschiffen schon die Erde besucht haben. Mitten in die Sitzung platzt eine zweite Botschaft. Ein entführter deutscher Wissenschaftler warnt die Erde wieder vor einer bevorstehenden Invasion und rät Ihnen, den Himmel zu beobachten! Letzteres wird ein geflügeltes Wort in der amerikanischen Science Fiction der fünfziger Jahre. Da Grunerts Allegorie noch nicht vor den Kommunisten warnen konnte, ließe sich die Botschaft mit viel Willen und wenigen Beweisen auf die Konflikte mit England übertragen. Dafür spräche, dass eines der Raumschiffe in einer der wenigen deutschen Überseekolonien strandet. Gegen Ende des Textes aber rüstet sich eine zumindest in diesem Ziel vereinte Menschheit gegen die Gefahr aus dem All und der Erfinder findet – wie so oft in Grunerts Texten – seine wahre Liebe. Die Idee einer Entführung ins All wird der Autor kurze Zeit später in seiner eigenständigen Geschichte „Das weiße Rätsel“ (1909) wieder aufnehmen. Obwohl flott geschrieben offenbart der Text Züge der simplen Unterhaltungsliteratur: die Idee, die Erde dank des Morsecodes zu warnen und die Gegenkomposition, dass ausgerechnet ein junger Erfinder über die neu geschaffene Technologie verfügt, die Daten aufzunehmen, wirken konstruiert und ungewöhnlich steif. Auch die Umsetzung der Idee eines multinationalen Krisenrats ist theoretisch interessant, nur fügen sich die einzelnen Komponenten ungewöhnlich steif in das Gesamtkonstrukt. Andere Grunert Geschichten wie „Der Mars-Spion“ wirken eleganter und besser geschrieben. Der Leser hat unwillkürlich das Gefühl, dass er unbedingt seine Faszination mit jeglicher Form von Datenfernübertragung im positiven Licht darstellen wollte.
Mit „Nitakerts Erwachen“ verlässt er die ausgetretenen Wege und präsentiert eine außergewöhnliche Liebesgeschichte. Ein junger Ägyptologe schläft im Museum ein und wird eingesperrt. Er bewundert die einzelnen Ausstellungsstücke und weckt mit einem Kuss die mumifizierte junge Frau. Sanft versucht er ihr, Informationen zu entlocken und sie vorsichtig auf die Gegenwart vorzubereiten. Doch sie kommt selbst hinter das Geheimnis. Sehr romantisch, sehr vorsichtig verbindet Grunert hier seine obligatorische Romanze – wieder ein schüchterner, hochintelligenter, doch einsamer junger Mann – mit einer historischen Exkursion, in deren Mittelpunkt Heldentum und Tyrannei stehen. Auch stilistisch unterscheidet sich der Text deutlich von seinen anderen Geschichten in dieser Sammlung, die Dialoge wirken geschliffener und antiquierter – in diesem Fall positiv gemeint, da er sonst die historische Atmosphäre nicht aufbauen könnte. Mit wenigen Zügen gelingt es ihm, eine überzeugende junge Frau zu beschrieben. Das ist eine der literarische Stärken Grunerts, immer wieder – in Rahmen seiner Zeit – vielschichtige, komplexe und lebensbejahende Frauenbilder zu schaffen, deren Zukunft zwar Kirche, Kinder und Küche sind, die aber einen ehrlichen und aufrichtigen Ehemann erhalten und ein friedliches und glückliches Heim ihr Eigen nennen können. Insbesondere in seiner späteren Sammlung „Der Marsspion“ übernehmen entweder Freundinnen oder die Frauen selbst auch die Initiative, um die steif agierenden Auserwählten zu ihrem Glück zu bewegen. Trotzdem fühlt sich Grunert unsicher und greift schließlich auf die fragwürdige Traumvariante zurück.
Grundsätzlich ist „Adam Perrenius, der Zeitlose“ eine Spiegelverkehrte Variante der vorangestellten Geschichte. Wieder tauchen die vier bekannten Charaktere aus der Abendschule auf und wieder geschieht ein scheinbar unerklärliches Phänomen. Ein Mann taucht mitten in New York auf und behauptet, fast 130 Jahre überbrückt zu haben. Eine Erklärung kann er nicht liefern. Durch Zufall landet er bei den Mitgliedern der Abendschule und darf seine phantastische Geschichte präsentieren. Grunert integriert eine all zu romantisch- phantastische Komponente und kommt zu einem eigenwilligen Schluss. Vielleicht ist es kein Zufall, dass ausgerechnet die mit dem Phänomen Zeitreise vertrauten Mitglieder dieses elitären Kreises auf einen „Zeitverschollenen“ stoßen. Interessant wäre es gewesen, die Auswirkungen der Radiumbremse in einem engeren Zusammenhang mit dieser Geschichte zu stellen. Zwar erwähnt Grunert den ersten Text, doch er schließt keinen Bogen zu dieser Geschichte. Auch bleiben zu viele Ideen in der Luft hängen, und um die Kürze des Textes nicht zu gefährden, sucht er einen eleganten, aber literarisch fragwürdigen Ausweg aus der Situation. Diese Story ist eher ein verwendbares Gerüst als eine eigenständige Arbeit und schnell entsteht der Eindruck, dass man aus den Mitgliedern dieser Abendschule einen interessanten Roman in der Tradition Jules Vernes und als Vorläufer zu einigen Romanen Daumanns hätte machen können. Es bleibt vieles angedeutet, aber zu wenig ausgesprochen.
Wie sehr Carl Grunert seinem Vorbild Kurd Lasswitz nacheiferte und ihn nicht imitierte, zeigt die Widmung in einer ersten Sammlung „Im irdischen Jenseits“ und die hier präsentierte Geschichte „Der Fremde“, deren Pointe nicht vorweggenommen werden darf. Durch Zufall treffen eine junge Frau und ein früherer Freund im Abendzug aufeinander. Im Abteil sitzt auch noch ein fremder Mann. Die Frau erzählt von ihrem jetzigen Ehemann, der bei einem Unfall verschüttet worden ist. Sie eilt mit dem Zug zum Unglücksort. Doch der Zug kann wegen verschütterter Strecke nicht weiterfahren. Da bietet der Fremde seine Hilfe an. In seinen beiden Koffern befindet sich ein geheimnisvoller Flugapparat, der die Drei an die Unglücksstelle bringt. Nach dem allzu romantischen, fast kitschigen Auftakt nimmt Grunerts Story an Fahrt auf. Wer sich mit Lasswitz nicht sehr gut auskennt, denkt automatisch zuerst an Hommage an Jules Vernes Kapitän Nemo, wie es Grunert selbst schon im „Rätsel der Lüfte“ verfasst hat. Wer sich mit Lasswitz umfangreichen Roman auskennt, wird schnell die Quelle erkennen und Grunerts Spekulationen freudig folgen. Trotzdem der etwas melodramatischen Konzeption der Geschichte wirkt die Mischung aus fremdartiger, aber zum Guten eingesetzter Technik und Spannung über weite Strecken mit feiner Feder inszeniert. Seine Charaktere überzeugen die Leser in ihren – für die Kürze des Textes – vielschichtig angelegten Ansichten.
1907 erschien in RECLAMS Universum die Geschichte „Im Flug zum Frieden“. In allen Teilen ungewöhnlich stellt sich bis auf einige wenige stilistische Eigenarten die Frage, warum und ob Carl Grunert einen derart propagandistischen Zukunftstext überhaupt geschrieben hat. Die Engländer haben sich mit einigen Verbündeten zur atlantischen Union zusammengeschlossen, eine stattliche Flotte liegt bereit, das an sich friedliche Deutschland ohne Kriegserklärung zu überfallen. Da kommt ein geheimnisvoller Draco dem Deutschen Reich und seinem Kaiser zu Hilfe. Mit phantastischen Flugapparaten wird erst die Flotte ausspioniert und dann durch eine Drohung in ihre Schranken verwiesen.
Einige Punkte dieser Geschichte sind auch politisch zweifelhaft: das Abhalten von Friedenskonferenzen, bei denen die verschlagenen Engländer nur auf den eigenen Vorteil bedacht sind und die Deutschen für einen wahren Frieden kämpfen. Der Angriff ohne Kriegserklärung auf die friedliche, allerdings wehrhafte Deutsche Küste und die deutsche Drohung gegenüber der Unschuldigen Zivilbevölkerung in einer europäischen Großstadt. Insbesondere das letzte Mittel zum Zweck wirft unheilvolle Schatten auf die beiden Weltkriege und deren menschenverachtende Haltung gegenüber den Zivilisten. Neben diesen fragwürdigen Komponenten ist der Text zu geradlinig, phasenweise fast naiv – so kann ein Botschafter direkt zum Kaiser durchdringen, der gerade einen Spaziergang macht – und im Grunde kriegshetzerisch. Denn die deutschen Friedenstauben wachen über den Frieden, die englischen Schlachtschiffe verkriechen sich auf der hohen See und die letzte Frage, die Grunert nicht beantwortet, nach dem eigenen aggressiven Vorwärtsstreben insbesondere des Deutschen Kaisers beantwortet Grunert nur mit Schweigen. Seine Vernarrtheit in die Luftfahrt schimmert an allen Stellen durch, doch im Vergleich zu dem zwei Jahre früher entstandenen Text „Ein Rätsel der Lüfte“ wirkt diese Geschichte altbacken, reaktionär und schlichtweg militärisch fragwürdig.
Ein Jahr später – 1908- erschien in der ARENA Zeitschrift die Kurzgeschichte „Der Mann aus dem Monde“. Voller Begeisterung sucht Grunert sein Publikum für utopische Literatur zu begeistern. Zwei Freunde benutzen die klassischen Werke Vernes, Wells, Lasswitz und schließlich Flammarion als Ausgangspunkt nächtlicher Schwärmereien. Als in ihrer Nähe tatsächlich ein Raumschiff abstürzt und sie dem Außerirdischen zu Hilfe kommen, müssen sie sich kurzfristig zwischen den Realität und ihren Träumen entscheiden. Der Träumer Grunert wählt gegen Ende des Textes eine ungewöhnliche, realistische Lösung. Trotzdem ist die Geschichte in erster Linie ob ihrer jugendlichen Schwärmereien insbesondere zu Beginn des Textes absolut lesenswert und ungewöhnlich optimistisch aufbereitet. Inhaltlich finden sich Komponenten seiner anderen Texte, nur die romantische Ader fehlt vollkommen. Diese wird ersetzt durch eine eher an die reifere Jugend gerichtete Erzählweise. Über manche Unplausibilität – z.B. die absolut veraltete Technik im fremden Raumschiff mit Kurbeltechnik – täuscht die Kürze des Textes geschickt hinweg. Eher ein atmosphärisch, als inhaltlich befriedigender Text. Aber das ARENA Magazin macht auch eher den Eindruck, für eine breitere und normalere Bevölkerungsschicht konzipiert worden zu sein. Liebevoll werden auch die den Originaltext begleitenden Zeichnungen reproduziert.
„Das weiße Rätsel“ (1909, ARENA) ist ebenfalls eine sehr stimmungsvolle Abenteuergeschichte mit utopischen Anklängen. Eine Expedition im Himalaja möchte das Geheimnis von drei Punkten im ewigen Schnee lüften. In der ersten Hälfte der Story diskutieren die unterschiedlichen Experten die verschiedenen Theorien – Außerirdische, Zufall oder religiöse Deutungen- und gegen Ende des sehr interessant aufgebauten Handlungsbogens führt Grunert seine Leser geschickt in eine bestimmte Richtung. Viele Ideen werden sich Jahre später in hunderten von UFO Geschichten wieder finden. Auch in anderen Storys dieser Sammlung – siehe „Feinde im Weltall?“ ist er schon auf die mögliche Entführung von Menschen durch Außerirdische aus niederen Motiven eingegangen. Grunert überzeugt hier zum ersten Mal auch als klassischer Erzähler. Vergleichbar seinen Vorbildern Verne und Sir Henry Rider Haggard gelingt es ihm, die fremdartige Bergwelt sehr genau und atmosphärisch dicht zu beschreiben. Außerdem wirken seine Dialoge sehr natürlich und weniger steif, die sich anschließenden unheimlichen Begegnungen runden eine sehr gelungene und keinesfalls fast einhundert Jahre alte Kurzgeschichte ab.
Im gleichen Jahr erschien in RECLAMS UNIVERSUM noch die Kurzgeschichte „Mr. Infragibles Erfindung“- ein ambitionierter Erfinder bestürmt den Direktor des Patentamts, seine Idee zu beurkunden. ER kann Tiere – in diesem Fall einen Frosch – aber auch Menschen metallisieren und damit den Alterprozess stoppen. Als der Direktor auch von der Erfindung persönlich profitieren will, eskaliert der Streit. Außerdem zeigen sich schnell die Schattenseiten der Idee. Vergleichbar H.G. Wells „Der Unsichtbare“ beschreibt Grunert mit ironischem Unterton die Idee und die Umsetzung. Bewusst überzeichnet er die positiven Folgen, um dann an einer ungewöhnlichen Stelle den sonstigen technologischen Fortschritt in einem scharfen Kontrast darzustellen. Dabei verfällt er wieder auf eines seiner Lieblingsthemen – die drahtlose Kommunikation – als Katalysator des beginnenden Wahnsinns beim Erfinder. Sowohl von der Idee als auch der Ausführung her ist die Geschichte zu geradlinig und auf die sich abzeichnende Pointe hin geschrieben, im Kern aber eine amüsante Abrechnung mit dem Fortschrittswahn und dem ewigen Kampf – mit allen Mitteln – gegen den altersbedingten, aber auf jeden Fall auch krankheitsbedingten Verfall des menschlichen Körpers. Damit reiht sich dieser Text in eine Reihe von Geschichten – alleine drei in dieser kombinierten Sammlung – ein, in denen Grunert literarische Hilfe für seinen schwächelnden Körper ersinnt.
Erst zwei Jahre später veröffentlichte Grunert die leicht ironisierte Geschichte vom „schreibenden Affen“. Die beiden Wissenschaftler Schalk und Monkey – Namen sind bei Grunert oft in sein Konzept integriert, so versucht er seine Protagonisten treffend zu katalogisieren und charakterisieren, ohne Seiten mit Beschreibungen ihrer Eigenschaften zu verlieren – sind im Disput. Hat ein Affe auf Tontafeln geschrieben, die vom sagenumwobenen Babylon übrig geblieben sind? Eine Expedition soll das Rätsel lösen, was sich auf den ersten Blick als Enttäuschung zu entpuppen scheint, wird wenige Stunden später durch eine fabelhafte Entdeckung ausgeglichen. Die Geschichte ist über weite Strecken sehr theoretisch und fast überstürzt erzählt. Der Leser kann über die willensstarken Theoretiker fast nur lachen. Auf der anderen Seite finden sich erst Ansätze von ernsthaften wissenschaftlichen Studien um Tierreich und wieder nutzt Grunert die immer mehr sich verbreitende Luftfahrt, um die Entfernungen zwischen den Kontinenten zu überbrücken. Mit seinem offenen Ende ermöglicht er es beiden Geistesschulen, sich selbst stellvertretend für die Leser in den Mittelpunkt zu rücken.
Der letzte und diese Sammlung abschließende Prosatext – „Die Maschine des Theodulos Energeios“ – könnte wie von Franz Rottensteiner in einem Artikel vermutet eine Anspielung auf Grunerts schwächelnde Gesundheit sein. Die melancholische Geschichte – von einem optimistischen Anfang bis zu seinem düsteren Ende – beschreibt die Wiederentdeckung einer Erfindung eines Griechen und die positive und negative Nutzung von Energie. Was als geradlinige utopische Geschichte beginnt wird mehr und mehr zu einer philosophischen Betrachtung des Sinnes oder Unsinns eines zeitlich begrenzten menschlichen Lebens. Dabei kommt der Autor zu der Erkenntnis, das die begrenzte Zeit, die einem Menschen zur Verfügung steht, nicht für dessen Wünsche und Ziele ausreicht. Oft ist diese Verweildauer – oder können wir von Halbwertszeit sprechen – sehr viel kürzer als man selbst hofft oder erwartet. Viel Arbeit nimmt einem strebenden Menschen vielleicht noch mehr von dieser kostbaren Zeit, dazu kommen Krankheiten oder eben Unfälle. Viele seiner Texte strahlen einen ungeheureren Optimismus dem technologischen Fortschritt gegenüber aus, hier schlägt es fast ins Gegenteil um. So warnt Grunert auch vor den gefährlichen radioaktiven Elementen und den Grenzen des Fortschritts. Der Text liest sich sehr gut, die beiden die Handlung tragenden Protagonisten werden im Laufe des Handlungsbogens immer mehr und intensiver charakterisiert und runden so den Abgesang eines der ersten deutschen Science Fiction Kurzgeschichtenautoren ab.
Mit dem reichhaltig illustrierten Artikel „Gelöste Probleme“ – 1914 in der „illustrierten Zeitung“ erschienen – findet dieser empfehlenswerte Band seinen Abschluss. Satirisch überzeichnet Grunert in der kurzen Studie verschiedene Erfindungen und vergleicht diese mit den historischen Lügengeschichten Münchhausens und später einigen weiteren literarischen Texten. Voller Ironie dreht der Autor mit sichtlichem Vergnügen die Schraube immer weiter an, entmenschlicht seine Charaktere und sucht zum Beispiel in der kontinuierlichen Bestrahlung von Wein durch die Sammlung von Sonnenlicht seinen Lesern aufzuzeigen, dass jedes Problem gelöst werden kann, wenn man die wichtigsten Themen ignoriert. Grunerts Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen. Es stellt sich nur die Frage, warum er diese satirischen Elemente nicht in einige seiner Geschichten integriert hat.
Auffallend ist bei den in Magazinen erschienenen Texten die Konzentration auf männliche Protagonisten und nicht mehr auf seine oft sehr gut gezeichneten Frauenbilder. Auch wird sein Horizont größer, seine Geschichten spielen oft nicht mehr in Deutschland oder auf Deutschem Grund – selbst die Telegraphenstation unter dem Meer in „Im irdischen Jenseits“ ist sicherlich Urdeutsch. Bis auf die reaktionäre Story „Der Flug zum Frieden“ kehrt Grunert zu seinen klassischen Themen – Erfindungen, technologischer Fortschritt und Besucher aus dem All – zurück.
Wieder liegt aus dem Haus „Dieter von Reeken“ eine sehr gelungene, sehr umfangreiche und vor allem sehr lesenswerte Sammlung vor. Mit diesem Band schließt der Verlag das utopische Kurzgeschichtenwerk Grunerts – soweit bekannt – ab. Die Zusammenfassung der oft sehr kurzen Sammlungen „Menschen von morgen“ und „Feinde im Weltall?“ ermöglicht es einem neugierigen Leser, einen besseren Einblick in Grunerts Werk zu erhalten. Abgerundet wird das Bild durch die einzeln veröffentlichten Geschichten. Wirkt rückblickend „Der Marsspion“ durch seine vielen direkten Bezüge zu klassischen Science Fiction Werken aus den Federn Lasswitz, Vernes und Wells vielleicht auf den ersten Blick am zugänglichsten, sind viele der hier versammelten Texte deutlich besser und reifer geschrieben worden, das Themenspektrum ist breiter. Darum sei „Zukunfts-Novellen“ zum wiederholten Male allen Lesern empfohlen, die sich für die Ursprünge deutscher phantastischer Literatur interessieren und die sich selbst überzeugen sollten, dass die Klischees von angestaubter, unleserlicher und schwerfälliger kaiserlich geprägter Literatur wirklich Klischees sind. Trotz ihres Alters und ihren anderen Ansätzen sind die Geschichten immer noch oder wieder unterhaltsam und lesenswert. Texte wie „Das weiße Rätsel“, „Das Rätsel der Lüfte“ oder zum Teil „Adam Perrenius, der Zeitlose“ stehen in Nichts Jules Verne oder bedingt durch andere Themenauswahl und weniger politische Spielereien H.G. Wells nach. Und diese Autoren werden auch heute noch mit oft verklärter romantischer Begeisterung gelesen.
Carl Grunert: "Zukunftsnovellen"
Anthologie, Softcover
Dieter van Reeken 2005
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