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Carl Grunert

Im irdischen Jenseits

rezensiert von Thomas Harbach

Nach „Der Mars-Spion“ – seiner letzten veröffentlichten, aber schnellsten für den Nachdruck greifbaren – Sammlung erscheint im Kleinverlag Dieter-von-Reeken jetzt mit „Im irdischen Jenseits“ die chronologisch früheste Sammlung.

In seinem ausführlichen Vorwort erläutert der Herausgeber Grunerts lyrische Würdigung an seinen geistigen Mentor Kurd Lasswitz. Daneben finden sich zwei Briefe Grunerts an Lasswitz, in welchen er ihn darum bietet, Lasswitz seine erste bescheidene Kurzgeschichtensammlung widmen zu dürfen. Kurze Zeit später im November 2003 überreicht er Lasswitz eines der ersten geschnittenen Exemplare. Darum rücken Gerd-Michael Rose und Dieter-von-Reeken wieder ein Stück Literaturgeschichte zurecht, denn die meisten Quellen datieren diese Sammlung auf das Jahr 1904. Grunert macht Zeit seines Lebens kein Hehl aus seiner Bewunderung Laßwitzs, aber auch Jules Verne und H.G. Wells haben ihn neben ETA Hoffmann inspiriert. Trotzdem ist er kein Plagiator, sondern hat in seinen scientific romances deren Ideen auf seine einzigartige Art fortgeschrieben.

Den Reigen der Sammlung eröffnet die lyrische Würdigung des labilen Grunerts an Kurd Lasswitz. Darin beschreibt er, wie „Auf zwei Planeten“ ihn förmlich aus der Depression seiner Krankheit motivierte, eigene Geschichten zu schreiben. In Kurzform beschäftigt er sich mit Lasswitz vielschichtigen und später esoterischen Werk. Die Wirkung, die Lasswitz mit seinem Bahnbrechenden Werk auf eine Reihe von deutschen Phantasten gehabt hat, lässt sich in der näheren Vergangenheit nur mit George Lucas „Krieg der Sterne“ vergleichen. In Gedichtform ist auch das Schlusswort an den Leser verfasst. Geschickt lässt Grunert noch einmal seine hier gesammelten Geschichten Revue passieren.

Das man in Naumburg an der Saale kaum noch etwas von seinem schriftstellerischen Sohn wissen möchte, musste Gerd-Michael Rose bei einem Besuch und Anfragen an Zeitungen und Buchhandlungen feststellen. Trotzdem haben sich von Reeken und Rose entschlossen, die bislang nicht gesammelten und eine wieder entdeckte Geschichte in einer dritten und abschließenden Sammlung zu veröffentlichen. Dabei zeigte schon „Der Mars-Spion“, wie unterhaltsam und nicht ergraut intelligent geschriebene utopische Literatur aus der Zeit des Kaiserreiches sein kann. Im Gegensatz zu vielen anderen Autoren präsentiert sich mit Grunert ein international belesener, auf keinen Fall nationalistisch eingestellter und der Gleichberechtigung der Frauen gegenüber aufgeschlossener Erzähler. Die Kurzgeschichte bis hin zur Novellette ermöglicht es ihm, seine originellen und wissenschaftlich fundierten Ideen in einem passenden Rahmen zu präsentieren und seine Leser nicht mit Belanglosigkeiten zu langweilen.

Das „Unterseetelephon-Amt“ ist eine von insgesamt drei längeren Geschichten und könnte zumindest in ihrer Konzeption Hans Dominik, aber auch Curd Siodmak beeinflusst haben. Letztere lieferte knappe drei Jahre später die Idee einer Flugplattform mitten im Atlantik – „F.P.1 antwortet nicht“ - , auf der Hans Albers landen konnte. Hier handelt es sich um eine Unterwasserschaltstation, die die Neue Welt mit Europa verbindet. Kupferkabel sind auf dem Grund des Meeres verlegt worden, um zumindest in den vorgegebenen Regionen Telefonieren zu können. Die technische Entwicklung kam von den Amerikanern und Deutschen, dank der hervorragenden Unterseeboote der Franzosen – der deutliche Hinweis auf Jules Verne – ließ sich dieses Vorhaben realisieren. Nur die Engländer – der Erzfeind des Kaiserreiches – verfolgte egoistisch weiter seine ältere Technik. Sechs Beamte dienen in Schichten auf dem Grund des Meeres und werden regelmäßig von einem Frachtschiff namens „Telephon“ aus Bremen versorgt. Der letzte Neuankömmling ist der junge Emdner, der diese Aufgabe nicht nur als Karriereschritt, sondern vor allem als ersten Schritt im Rahmen der Liebe ansieht. Seine Angebetete ist die Tochter des Direktors. Als durch eine Verkettung unglücklicher Umstände das Versorgungsschiff ausbleibt und man feststellt, dass die Reservekanister an Bord leer sind, ist es Emdner, der schließlich die Situation rettet.

Carl Grunert beendet diese amüsante Geschichte mit einem unvollständigen Rahmen. Dieter von Reeken spekuliert, dass sich Grunert als Beamter sich von seiner Literatur ein bisschen distanzieren konnte. Eine weitere Variante könnte der Aufbau der Geschichte an sich sein. Zu Beginn berichtet Grunert stolz vom technologischen Fortschritt und der Kooperation der einzelnen Nationen. Erst eine Reihe unglücklicher und in dieser Konstellation unwahrscheinlicher Ereignisse – sinkendes U-Boot, Schrauben am Transportschiff beschädigt, kein weiteres Ersatzschiff zur Hand, Sauerstoffbehälter leer – rückt die Situation an den Rand der Katastrophe. Mit der Nutzung des Rahmens rückt der Erzähler die beiden Elemente der Geschichte auseinander: Technik ist unfehlbar – bis in das Jahr 1912 mit dem Untergang der Titanic wird dieser blinde Fortschrittsglauben anhalten – und nur um eine spannende Geschichte zu schreiben, wurden diese unwahrscheinlichen Elemente integriert. Damit erschüttert Grunert das optimistische Bild aus den Wurzeln der industriellen Revolution geboren in keinster Weise.
In der zweiten Hälfte fügt er die für ihn so typischen romantischen Elemente ein. Im Gegensatz zu den späteren bulligen Dominik oder Gail ist er wahrscheinlich eher ein sensibler, sehr empfindlicher Mann gewesen, durch seine verschiedenen Krankheiten isoliert und deswegen eher geneigt, seinen Gefühlen Ausdruck zu geben. Aber diese Einzigartigkeit wirkt in seinen späteren, fast koketten Geschichten überzeugender als in dieser eher technisch orientierten Geschichte. Interessanterweise wird er das Thema Telekommunikation in seiner Sammlung „Der Marsspion“ noch einmal aufnehmen und dort im positiven von einer Verwechselung der Gesprächspartner berichten. Für ihr Alter liest sich die Geschichte flott und die Idee einer Vermittlerstation auf dem Grund des Meeres ist durchdacht und farbenprächtig dargestellt.

Dagegen ist „Gefangener Sonnenschein“ eine dieser romantischen Erzählungen, deren phantastischer Gehalt ausschließlich dazu dient, die beiden sich liebenden Menschen trotz aller Unbill zu vereinen. Der junge Student Heinz liebt Elisabeth, die Tochter eines angesehenen Professors. Da Heinz diesem aber bei einer These widerspricht, unterbindet er die Verbindung zu seiner Tochter. Diese willensstarke Frau unterbricht zwar den Verkehr mit dem verzweifelten Mann, liebt ihn aber weiterhin. Auf einer Forschungsreise nach Norwegen begegnen sich die beiden wieder. Dazu gesellt sich ein aufdringlicher Kaufmann aus Hamburg, der offen um Elisabeth zu werben beginnt. Heinz sieht seine einzige Chance, entweder den Widerspruch zu den Forschungen von Elisabeths Vater zu begründen oder auf eigenem Wege zum gleichen Ergebnis zu kommen. Die Romanze ist aus heutiger Sicht steif, wenn es Grunert aber auch gelingt, die wahren und schmerzhaften Gefühle Heinz gegenüber Elisabeth, die er liebt und die ihn aus niederen Gründen abweist, in eloquente Worte zu fassen. Mit sanftem Lächeln verfolgt der Leser die kaiserliche Etikette und mancher Leser beiderlei Geschlechts wird froh sein, nicht zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts geboren zu sein.
Die wissenschaftlichen Elemente – man sucht eine Quelle künstlicher Energieerzeugung, die der Kraft der Sonne entspricht, beschränken sich auf einige Fachsimpelei zu Anfang und im Mittelteil der Geschichte und dann auf die Förderung/ Forschung in einem abgeschiedenen Bergwerk in Norwegen. Dabei kommt keine Spannung auf, die Theorie überdeckt jegliche Aktion. Selbst die obligatorische Katastrophe auf Ende der Geschichte wird nur indirekt wiedergegeben. Im Gegensatz zu vielen anderen utopischen Autoren seiner Zeit kommt Grunert zur Erkenntnis, dass wahre Liebe wichtiger als Ehre ist. Interessant ist auch, dass sich die ungestüme Jugend vor der Erfahrung des Alters verbeugt und deren Errungenschaften ehrt. Sie dienen als Grundlage für den zukünftigen technologischen Fortschritt, den allerdings die jungen Wilden schultern müssen.

So hinterlässt die Geschichte einen zwiespältigen Eindruck. In seinen späteren Sammlungen finden sich eine Reihe von Geschichten, in denen Grunert trotz der Kürze die einzelne Charaktere besser ausgearbeitet und lebensechter – trotz der zeitlichen Distanz – darstellen könnte. Somit wirkt „Gefangener Sonnenschein“ wie eine Stilübung, der eine Idee zugrunde liegt, die ein routinierterer Autor besser ausgearbeitet hätte.

Wie stark Grunert von drahtloser Telegraphie und der zeitlosen Übertragung von Nachrichten über weite Strecken fasziniert gewesen ist, unterstreicht die dritte Novelle der Sammlung Auf den Schwingen des Weltäthers“. Auf dem Prinzip des jungen Italieners Marconi basierend hat ein junger deutscher Wissenschaftler eine Nutzung des Äthers als Grundlage zur gerichteten Nachrichtenübertragung entwickelt. Seine neuste Station liegt auf Rügen, wo ihn ein Studienfreund mit dessen bezaubernder Schwester besucht. Die beiden verlieben sich ineinander. Dabei erfährt der Bruder, dass seine Schwester sich schon mit einem jungen Beamten verlobt hat. Dieser aufstrebende junge Mann ist ausgerechnet der Untergebene des Wissenschaftlers. Parallel bricht der Kontakt zur Station in den Kolonien Deutsch-Ostafrikas ab. Anscheinend stören englisch-amerikanische Gesellschaften – siehe hier den Kontrast zur ersten Geschichten der Sammlung – bewusst oder unbewusst die Übertragung. Nachdem eine neue Methode zur Datenübertragung zumindest vorläufig funktioniert, soll der junge Beamte zum Kilimandscharo für drei Jahre versetzt werden, um dort eine neue Technologie einzubauen. Zum Entsetzen seiner Verlobten.

Wieder verbindet Grunert eine klassische und klischeehafte Liebesgeschichte mit dem technologischen Fortschritt. In der ersten Hälfte der Geschichte erläutert der junge Wissenschaftler auf mehreren Seiten seine Erfindung und spricht über die junge Frau und dessen Mutter die Laien unter seinen Lesern direkt an. Die beiden Frauen dienen als Resonanzkörper. Wie in „Gefangener Sonnenschein“ wirkt die Liebesgeschichte unbeholfen, doch der Leser muss sich vorstellen, dass Grunert den Mut hat, seinem sehr intelligenten, aber in Liebesdingen unerfahrenen jungen Wissenschaftler eine weiche, romantische Seite zu schenken. Dieser Kontrast zu seinen Forschungen rundet die Persönlichkeit ab. An zwei Stellen finden sich wieder Gedichte, einmal exemplarisch für die Ewigkeit aufgezeichnet, ein weiteres Mal als Ausdruck der starken Gefühle des Mannes gegenüber seiner Angebeteten. Was heute eher kitschig wirkt, entsprach der damaligen Zeit. Die grundlegende Akzeptanz der damaligen Konventionen ist zum Verständnis der Geschichten eine Notwendigkeit. Auf der anderen Seite erhält der Interessierte einen kleinen Einblick in eine gänzlich andere gesellschaftliche Ordnung. Grunerts Geschichten zeichnen sich nicht durch politische Großwetterlagen aus. Nur selten, wie in diesem vorliegenden Text, integriert er die Realität der deutschen Kolonien und die Hilflosigkeit des Deutschen Reiches, gegen die übermächtige britische Flotte wirklich anzugehen und die Versorgung der überseeischen Teile des Reiches sicherzustellen. In seine Betrachtungen schleicht sich fast ein fatalistischer Ton. Großmannssucht und nationale Töne findet der Leser dagegen vergeben. Der Wissenschaftler in ihm sucht die Lage mit friedlichen Mitteln zu verändern und zu verbessern. Dabei kommt es ihm auch auf die zwischenmenschlichen Komponenten an. Diese „scientific romances“ sind mit Abstrichen immer noch unterhaltsam und reizvoll zu lesen, an mancher Stelle wird man eher kopfschütteln lächeln als Mitleid empfinden. Seine Protagonisten stammen alle aus gutem Hause und sind oft Intellektuelle oder Industrielle. Die jungen aufstrebenden Männer dienen dem Staat als treue pflicht- und karriere- bewusste Beamte. Dabei zeigt Grunert auf, dass über die neuen Technologien erstens schneller Karriere zu machen ist und zweitens die Jugend notwendigerweise nach vorne streben sollte.

Es geht aber in Grunerts Texten ungewöhnlich friedlich zu. Aggressionen richten sich fast ausschließlich gegen außerirdische Spione, meistens vom Mars.

Der Auftakt von „Die Fern-Ehe“ könnte sich nahtlos in den Reigen von „Das Untereseetelephon-Amt“ und „Auf den Schwingen des Weltäthers“ einreihen. Ein junger Beamter in einer drahtlosen Übertragungsstation träumt von seiner Angebeteten. Plötzlich läuft ein umfangreiches Telegramm über seinen Ticker. In ihm werden noch einmal die wichtigsten Elemente des Fern-Ehe- Gesetzes zusammengefasst. Liebende dürfen nur noch geistig verbunden sein und oberste Prämisse ist kein körperlicher Kontakt. Schockiert wendet er sich an seinen Kollegen, der ihm gutmütig erläutert, welche Vorteile diese Regeln im Jahr 2403 haben und er nicht mehr an der klassischen Ehe und der Vergangenheit kleben möge.

Auch andere Autoren haben sich an gesellschaftlichen Satiren versucht. So schildert Friedrich Wilhelm Mader in einem seiner ersten Bücher eine Gesellschaft, in der die Männer die weiblichen Aufgaben übernommen haben und die Frauen im wahrsten Sinne des Wortes die Hosen anhaben. Erst eine äußerliche Bedrohung führt zur Rückkehr zu den klassischen Werten. Einen ähnlichen Tenor enthält diese Geschichte. In der Zukunft phantasiert der Autor über eine Reihe von theoretisch phantastischen, aber undurchführbaren sozialen Veränderungen und kommt dann doch zum Guten Schluss, dass wahre Liebe und eine kirchlich gesegnete Ehe das Beste für Mann und Frau seien. Innerhalb des Rahmens der Geschichte entwickelt Grunert eine Reihe von sehr interessanten Denkansätzen und sein Text erinnert unwillkürlich an die Anti-Utopien der sechziger und siebziger Jahre. Im Gegensatz zu den Neuen Wilden, deren Ziel die Schaffung neuer Ordnungen und die Zerschlagung des Status Quo gewesen sind, spürt der Leser die romantische Strömung und seine Freude über anmutige weibliche Wesen. Da Grunert Zeit seines Lebens kränklich gewesen ist, zeigen die hier vorliegenden Texte seine Sehnsucht nach einem gewöhnlichen, normalen Leben auf. In technologisch phantastischer Hinsicht fügt er den beiden schon erwähnten Geschichten keine neuen Elemente hinzu, im Gegenteil, diese sehr kurze Geschichte wirkt wie eine Variation des „Untereseetelephon-Amtes“.

Das Carl Grunert nicht nur ein Verehrer von Kurd Lasswitz „Auf zwei Planeten“ gewesen ist, zeigt die folgende Geschichte „Scarlatina ( Ein Fiebertraum)“. Eine Familie erkrankt an einem schweren Fieber und der Vater erträumt sich in den eigenen Körper, um die Infektionskeime zu bekämpfen. Der Text wirkt aus heutiger Sicht unruhig. Carl Grunert bemüht sich, außerhalb des klassischen Rahmens den Kampf im Körper wissenschaftlich korrekt, schriftstellerisch effektiv und kompakt zu beschreiben. Das er den verschiedenen Blut- und Antikörper Dialoge schenkt, wirkt aus heutiger Sicht zweifelhaft und stilistisch unbeholfen. Das Ende der Story signalisiert er schon in seinem Aufbau und ihm gelingt es nicht, an die esoterisch philosophischen Gedankenmodelle Lasswitz heranzureichen. Schon in seiner Widmung zählt er die unterschiedlichen Strömungen in Lasswitz Romanen auf und versucht dessen thematische Reichhaltigkeit in einer Reihe von Geschichten zu erreichen. „Scarlatina“ stellt allerdings einen interessanten Gegensatz zu den bislang eher technologisch orientierten und romantischen Geschichten dar. Wenn Grunert den Text mit einem auf die schnelle Genesung der Kinder beendet, spricht auch ein bisschen Neid aus seinem geschwächten Körper.

Auch die letzten beiden Geschichten der Sammlung – „Das Gas X“ und „Unter den Papuas (Ein Ostermärchen)“ beinhalten Traumelemente. Während die letztere Arbeit keine phantastischen Elemente enthält, verknüpft Grunert in der Ersteren Ideen aus seinen späteren Sammlungen mit einer romantisch Handlungsebene und reicht in der traumatischen Charakterisierung des Bösen an seinen exzellenten Mars-Spion - und vielleicht einen Tick darüber hinaus – heran. Ein Experiment scheitert scheinbar durch einen Fehler einer schönen und neuen Assistentin, ein Telegramm des Wissenschaftlers Professor Ramsey gibt Hoffnung, die Forschungen am geheimnisvollen Gas weiterzuführen, die sich als Illusion entpuppt. Das selbstgewählte Exil, aus welchem den jungen Wissenschaftler der Professor Kraft erlöst. Dieser weiß, dass das Gas von einem die Erdatmosphäre berührenden Meteoriten stammt. Er bietet dem jungen Mann sein Wissen an, um seine Forschungen fortzusetzen. Dafür muss er allerdings unter der Erde in dem glänzend ausgestatten Laboratorium weiterarbeiten. Ihm wird eine schöne Frau zur Seite gestellt, doch der junge Mann möchte nur in die Heimat und kann auch auf wissenschaftliche Ehre und Ruhm verzichten.

Der Verzicht auf vordergründigen Erfolg für ehrliche Forschung ist eines der Motive, das der Leser in vielen Werken Grunerts in unterschiedlicher Variationen wiederfindet. Hier spricht der ehrliche, aufrichtige Beamte. Das belebende Element ist die an Faust und Mephisto erinnernde Konfrontation zwischen dem jungen ambitionierten Forscher und einer mysteriösen Figur, die fast alle Ergebnis sein Eigen nennt und die ihn in Versuchung führt. Das sich alles schließlich als Traum herausstellt, negiert die bis dato sehr gut inszenierte Handlung. Im Grunde weicht Grunerts mit diesem Ende auch der Frage aus, welcher Preis ist die Grenze, um der Versuchung zu verfallen. Wie in den bisherigen Texten trennt der Autor fast streng zwischen den wissenschaftlichen Entdeckungen und seiner eigentlichen Handlung. Er unterbricht den Fluss der Geschichte immer wieder, um seine Leser – oft in Form dialogartiger Erklärungen- sachlich, aber nie belehrend aufzuklären.

Die letzte Geschichte der Sammlung entspricht den typischen Motiven der Kolportageromane. Eine romantische Episode, ein Missverständnis, der fehlende Mut, die Frau zu konfrontieren und dann die obligatorische Flucht. Der Auftakt scheint fast autobiographisch zu sein: Mit viel Schwung und liebevoller Details beschreibt Grunert die Euphorie eines jungen Mannes nach der bestandenen Lehramtsprüfung und seinen einzigen Wunsch, zu seiner Geliebten zu eilen und vielleicht den Vater um deren Hand zu bitten. Danach folgt ein doppelter Missverständnis, das ihn scheinbar als Missionar nach Papua gehen lässt. Die Story wirkt sehr vom Zahn der Zeit überholt, aber es finden sich – wie oben schon erwähnt – Züge, die sich wie ein roter Faden durch Grunerts Werk ziehen. Neben dem obligatorischen Missverständnis und dem Traum als Mittelpunkt, aber leider nicht Höhepunkt der Geschichte, fällt auf, dass kaum einer seiner Charaktere verheiratet ist. Alle sind zwar mit einem hübschen Mädchen liiert, aber sie konnten noch nicht den Bund fürs Leben schmieden. Die Hindernisse sind mannigfaltig und trotz ihrer beruflichen Erfolge sind sie auf der emotionalen Ebene unsicher und unreif. Diese Unsicherheit ist die Keimzelle für eine Reihe von Missverständnissen, auf denen die Geschichte basiert.

„Im irdischen Jenseits“ wirkt im Vergleich zur späteren Sammlung „Der Mars-Spion“ weniger originell. Das liegt sicherlich zum einen daran, dass die Anspielungen, gedanklichen Extrapolationen und Hommage an die bekannten Werke Jules Vernes, H.G. Wells und letzt endlich auch Kurd Lasswitz fehlen. Die Texte seines Debütbandes erinnern mehr an die traumhaften und märchenhaften Geschichten ETA Hoffmanns, dessen Vorliebe für Rahmen und zeitliche Divergenzen innerhalb der Geschichte Grunert nahtlos übernimmt und fast schon zu oft einsetzt. Ein Leser muss die eher phantastische als utopisch- technische Grundlage akzeptieren. Mit dieser Prämisse unterhalten die Texte glänzend. Außerdem haben sich die Herausgeber Dieter von Reeken und Gerd Michael Rose zum wiederholten male bemüht, ein weiteres Fundament unserer heutigen Science Fiction ans Tageslicht zurückzubefördern, es zu putzen und restaurieren und dann in einer sehr schönen und preislich absolut angemessenen Paperbackausgabe zu präsentieren. Es wäre schön, wenn die Resonanz seitens der Käufer den Aufwand irgendwann rechtfertigen könnte. Noch ist es Zeit, die in Frakturschrift gesetzten und sicherlich auch vom Zahn der Zeit bedrohten wenigen Originale in eine würdige Neufassung zu übertragen und damit der Nachwelt zu erhalten. In fünfzig Jahren kann es zu spät sein. „Im irdischen Jenseits“ sei daher – wie alle anderen Bände des Verlages Dieter von Reeken – den Lesern empfohlen, die sich auch für die Geschichte hinter den Geschichten interessieren und für die der Heyne-Verlage über viele Jahre seine Science Fiction Klassiker produziert hat.

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Carl Grunert: "Im irdischen Jenseits"
Roman, Softcover, 156 Seiten
Dieter van Reeken 2005

Weitere Bücher von Carl Grunert:
 - Der Marsspion
 - Zukunftsnovellen

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